Besorgte Journalisten im Babylon

Gastbeitrag von Christoph Kramer

Das sieht man nicht alle Tage: Sahra Wagenknecht und Frauke Petry, zusammen mit Peter Tauber und SPD-Generalin Katarina Barley sowie Bild-Chef Julian Reichelt und Spiegel-Chef Klaus Brinkbäumer vereint auf einem Podium. Was führte die von Anne Will moderierte Runde am 29.3. im Berliner Kino Babylon zusammen? Es war die Preview eines neuen Dokumentarfilms von Stephan Lamby mit dem Titel „Nervöse Republik“, der heute, am 19.4. um 22:45 Uhr in der ARD ausgestrahlt wird

Ein Jahr lang hatte Lambys Filmteam im Auftrag des NDR und des rbb die sechs Podiumsgäste sowie weitere Politiker und Journalisten durch die Höhen und Tiefen des politmedialen Betriebs begleitet. In dieses Jahr fielen so epochale Ereignisse wie die Flüchtlingskrise, die Terrorwelle, der Aufstieg der AfD, der Brexit, die Trump-Wahl. Lamby betonte, dass es ihm weniger um die Flüchtlingskrise oder andere reale Ereignisse gehe, sondern mehr um deren mediale Aufbereitung und Wahrnehmung. Er benutzte den Habermasschen Begriff „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, um sein Thema zu beschreiben.

Eine Szene des Films spielt in der Spiegel-Redaktion. Eine Social-Media-Mitarbeiterin mit rotgefärbten Haaren beschreibt die polarisierte Weltsicht vieler Facebook-Nutzer. Es gebe nur „die da oben“ und „die unten“. Gefragt, ob sie sich selbst eher „oben“ oder „unten“ sehe, schaut sie kurz irritiert, dann verortet sie sich „oben“. Gelächter im Publikum, das zum Großteil aus der Medienbranche stammt. Eine andere Szene: Thomas de Maiziere mokiert sich darüber, dass Journalisten viel mimosenhafter als Politiker seien, wenn es darum geht, Kritik auszuhalten. Gelächter und Applaus im Publikum. Noch eine Szene: Kai Diekmann, damals noch Bild-Chefredakteur, verdammt offen Hajo Friedrichs auf Journalistenschulen gelehrtes Objektivitätsdogma. Diekmann bekennt sich beherzt zum Gesinnungs- und Haltungsjournalismus. Er lobt stolz die „Refugees Welcome“-Kampagne seiner Bild-Zeitung und bekennt sich auch zum Kampf gegen die AfD. Nur wenig empörtes Raunen mischte sich an dieser Stelle in die Lacher. Auf dem Podium gab der neue Bild-Chef Julian Reichelt seinem Vorgänger prinzipiell recht und verteidigte dessen Haltung.

Lambys Doku ist dort am stärksten, wo sie Einblicke in die Welt der Medienmacher gestattet. Man sieht in die langen Gesichter der Spiegel-Redakteure nach dem Brexit. Es wird überdeutlich, dass die ganze Redaktion bei diesem Thema parteiisch war. Man hört die Bild-Redaktion einen Tweet von Beatrix von Storch zur deutschen Fußball-Nationalmannschaft kommentieren („Eine Rüge ist drin“). Zu dem Tweet machte Bild einen reißerischen Artikel. Später stellte sich heraus, dass die Aussage im Tweet offenbar falsch interpretiert wurde. Auf einen Hinweis darauf wartet man in Lambys Doku übrigens vergeblich.

Julian Reichelt zeigte sich auf dem Podium der momentanen Lage intellektuell und rhetorisch am besten gewachsen. Etablierte Medien wie seine Bild-Zeitung hätten ihr früheres (technisches) Monopol in der Reichweite als (inhaltliche) Zustimmung des Publikums fehlinterpretiert, räumte er ein. Nun gibt es die Sozialen Medien mit ihren Echokammern und Filterblasen, in denen auch nichtetablierte Medien und Einzelpersonen sich ihre eigene Gefolgschaft und ihren Einfluss aufbauen können. SPD-Generalin Barley schätzte ausdrücklich die Möglichkeit, über soziale Medien eigene Themen zu setzen. Konkurrenz belebt das Geschäft. Reichelt sieht das und sagt, man müsse nun eben darum kämpfen, der Filter sein zu dürfen.

Hass, Hetze und Fake News gab es immer schon und gibt es immer noch bei etablierten Medien. Sahra Wagenknecht erwähnte die angeblichen irakischen Massenvernichtungswaffen, die zwar in allen Medien, aber nicht in der Realität zu finden waren. Jetzt fällt das aber stärker auf, weil eine kritische Kontrollöffentlichkeit im Internet möglich ist. Die etablierten Medien geraten selbst ins Visier und man stellt fest, dass solche Fälle wie die Panne mit dem Tweet der AfD-Politikerin von Storch bei ihnen offenbar häufiger vorkommen. Man stellt auch fest, dass das Verhältnis zwischen Politikern und etablierten Medien oft weniger dem demokratietheoretischen Ideal eines Verhältnisses von Akteur und Kontrolleur entspricht, sondern weit mehr dem Verhältnis von Getriebenem und Treiber. Journalisten, die oft gleich rudelweise im Sinne eines rot-grünen corps d’esprit aktiv werden, erscheinen mehr wie Agenten der Herrschaft, nicht der Herrschaftskontrolle. Sie erscheinen selbst kontrollbedürftig. Doch mit den Wutbürgerforen im Netz sind jetzt sozusagen Konkurrenztreiber entstanden, von denen sich treiben lassen muss, wer, wie Frauke Petry, mit der AfD zu Macht und Einfluss gelangen möchte.

Im Grunde handelte es sich bei der Preview im Babylon also um eine Selbstverständigungsveranstaltung der medialen Klasse vor dem Hintergrund ihres partiellen Macht- und Bedeutungsverlusts durch die sozialen Medien und den Aufstieg der AfD. Wie bekommen wir den Geist wieder in die Flasche, fragte Anne Will in die Runde. Manche sahen gar keine besondere Herausforderung. CDU-General Tauber wollte in der Saarwahl und in den PulseofEurope-Demonstrationen Anzeichen dafür erkennen, dass die Republik gar nicht so „einseitig nervös“, das Klima gar nicht so sehr vergiftet sei. Brinkbäumer sah sein Blatt als Teil einer „nichtnervösen Republik“, die sich Zeit nimmt und gründlich recherchiert. SPD-Generalin Barley setzte auf mehr Regulierung und brachte den Gedanken einer Pluralismusverpflichtung für Facebook ins Spiel. Damit würden SPD-Inhalte in die Filterblasen der Wutbürger gebracht, während umgekehrt SPD-Fans dann auch mal DVU-Werbung ertragen müssten. Nur Julian Reichelt wollte der Herausforderung mit gesundem Konkurrenzdenken begegnen. Es brauche mehr Reflexion und weniger Ritual, sagte er, und es brauche auch ein wenig Selbstkritik.

(Dieser Beitrag bezieht sich auf die Version der Dokumentation, die bei der Preview im Babylon gezeigt wurde. Umschnitte, die seitdem möglicherweise an dem Film erfolgt sind, konnten nicht berücksichtigt werden)