Der gestohlene Mohairpullover

Veröffentlicht am Kategorien Allgemein

Angeblich soll die Kunst des Lesens bald verschwinden und mit ihr eine Kulturtechnik, die seit der Erfindung des Buchdrucks viele Generationen geprägt hat.

Ich war in meiner ersten Lebenshälfte eine so genannte Leseratte, die las, bis sie vom Schlaf überwältigt wurde. Ich lese immer noch, aber sehr viel weniger. Seit längerem ist es nicht mehr passiert, dass ich ein Buch nicht vor dem Ende aus der Hand gelegt habe. So ging es mir mit „Der gestohlene Mohairpullover“, das Erstlingswerk von Rita Karolyi.

Die in New York geborene Autorin hat von Kindheit an ein Faible für skurrile Geschichten und Charaktere. Sie ist eine genaue Beobachterin von Situationen und Menschen. Als Erwachsene hat sie einen Teil ihres Lebens in der Modebranche verbracht. Das alles merkt man ihrem Buch an.

Zu Beginn der Geschichte sitzt die Heldin in ihrer Wohnung und studiert die neueste Modezeitschrift. Darin entdeckt sie drei oder vier Teile, die sie unbedingt haben will, obwohl ihr Schrank von zum Teil nicht mal ausgepackten Sachen überquillt. Sie ist eine Kleptomanin und muss ihrer Sucht sofort folgen. Sie macht eine Klauliste und kleidet sich als eine graue Maus, die man sofort wieder vergisst, nachdem man sie gesehen hat.

Sie setzt sich in ihr Auto und fährt zum nahe gelegenen Hamburg.
Dort beginnt ihre Klau-Routine. Sie beobachtet zuerst die Auslagen und die Verkäuferinnen, bevor sie beginnt, die Sicherungen und Preisschilder zu entfernen und die Stücke in ihrer Tasche verschwinden zu lassen.

Während ihres Beutezuges begegnet sie unterschiedlichsten Menschen. Ein Vierzigjähriger, intellektuell aussehender Typ und Bioladen-Kunde liest zu ihrem Entsetzen nicht ein Buch über Klima-Ethik, sondern über Prinzessin Diana. Eine einarmige Frau mit Hund, die blicklos weitergeht. Ein Mann, den sie als Kleptomanen erkennt und ihm das Revier überlässt. Die von ihr begehrten High-Waist-Jeans führt der Laden ohnehin nicht. Einer jungen Mutter steckt sie eine abgetrennte Sicherung in den Kinderwagen, um dann festzustellen, dass sich an der Kasse herausstellt, dass die Frau auch gestohlen hatte. Ein Rollstuhlfahrer belästigt sie unverschämt, eine Verkäuferin, von der sie sich ertappt fühlt, will lediglich wissen, ob sie ihre Nase machen lassen hat. Eine so vollkommene Nase hätte die Verkäuferin noch nie gesehen. diese und noch viel mehr Typen porträtiert Karolyi gekonnt.

Zwischen ihren Raubzügen muss sich die Kleptomanin immer wieder ausruhen, auf Bänken oder in der Kirche. Sie muss auch wiederholt an ihr Telefon gehen, um ihren Freund, der sich wegen eines Vorfalls in hellster Aufregung befindet, abzuwimmeln oder zu vertrösten. Sie muss erst ihr rasendes Herz beruhigen, bevor sie weitermachen kann. Spätestens an dieser Stelle fragt sich der Leser, ob Karolyi aus eigener Erfahrung schreibt.

Im Laufe des Tages wird ihr bewusst, dass Tomaso der einzige ihr nahestehende Mensch ist.

Während sich im Kofferraum ihres Autos und in ihrer Tasche Waren im Wert von hunderten Euro türmen, hat sie nur 10 Euro dabei. Die gibt sie einem Opernsänger, der die Passanten mit seinen Arien unterhält. Später klaut sie diesen Schein wieder aus seiner Büchse, um ihn einem bettelnden Rollstuhlfahrer in die schmutzige Hand zu drücken. Als sie Hunger verspürt, geht sie in ein Café, wo sie die Zeche prellt.

Trotz ihrer Klau-Erfolge wird sie immer unruhiger. Im letzten Laden, den sie heimsucht, lässt sie einen teuren Mohair-Pullover mitgehen.

Endlich findet sie Zeit, sich das Problem ihres Freundes Tomaso anzuhören. Er ist zutiefst verstört, weil er an der Kasse seiner Stamm-Kaufhalle eine Packung Tabak aus Versehen nicht bezahlt hat.

Die Nachricht löst bei der Kleptomanin eine seelische Krise aus. Gleichzeitig tut sich die herrliche Pointe der Erzählung auf.

Am Ende kulminiert alles in eiunem heftigen Finale. Dieses Buch könnte dank seiner vielen überraschenden Szenen gut als TV-Film umgesetzt werden. Lesenswert.

 

Trotz Machtübernahme demokratisch wählen

Veröffentlicht am Kategorien Allgemein

von Lisa E. und Luca N.

Schon im Juni 2024 veröffentlichte Arne Semsrott, ein fescher, streitbarer und unermüdlicher Aktivist im Kampf gegen Rechts, sein Buch Machtübernahme. Was passiert, wenn Rechtsextreme regieren – Eine Anleitung zum Widerstand. Seit Februar 2026 liegt eine aktualisierte Taschenbuchausgabe vor. Auf 235 Seiten beschreibt der Autor in 11 Kapiteln, wie die Zivilgesellschaft sich gegen eine Machtübernahme durch Rechtsextreme wehren kann.

Eins der Kapitel (das neunte mit dem Titel Die Brandmauer) behandelt das Wahlrecht. Semsrott plädiert hier vor allem für die Abschaffung der Fünf-Prozent-Hürde und konsequenterweise für die Ausweitung des Bundestagswahlrechts auf alle, die in Deutschland leben, 13,5 Mio. Minderjährige und 9,5 Mio. Ausländer eingeschlossen. Hören wir den Autor selbst: „Nicht zu wählen ist ein Recht in der Demokratie – aber dass 23 Millionen Menschen in Deutschland nicht wählen dürfen, weil sie zu jung sind oder keinen deutschen Pass haben, ist schlicht und einfach undemokratisch.“

Das ist, aus Semsrotts Sicht, sicher richtig, doch scheint ihm im Gegenzug ein wichtiges Detail entgangen zu sein: Für eine Wahl braucht es Kandidaten – und was, wenn die Rechtsextremen nach einer Machtübernahme demokratische Kandidaten einfach von der Wahl ausschließen? Wenn sie Verfassungsschutz, Wahlausschüsse und Wahlleiter instrumentalisieren? Wenn der weisungsgebundene Verfassungsschutz demokratische Kandidaten als „gesichert linksextrem“ markiert, der Wahlleiter von einem möglichen Ausschluss raunt, der Wahlausschuss der „Empfehlung“ folgt und auf die angerufenen Gerichte kein Verlass mehr ist?

Dann ist guter Rat teuer, und so soll Semsrotts Buch, dem sonst kein noch so minimaler Weg des Widerstands entgeht, hier aus aktuellem Anlass ergänzt werden:

  1. Auf keinen Fall schmollend zu Hause bleiben! Das ist ja das Ziel der Extremisten.
  2. Sich mit anderen Wählern vernetzen! Falls möglich, öffentlichen Protest organisieren (Semsrotts Buch gibt entsprechende Hinweise).
  3. Unbedingt an der Wahl teilnehmen und seine Stimme abgeben! Bekanntermaßen zählt das Wahlergebnis und nicht die Wahlbeteiligung.
  4. Entsprechend: Keine ungültige Stimme abgeben! Das Wahlergebnis wird aus den gültigen Stimmen ermittelt.
  5. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder findet sich ein Kandidat, der gerade noch wählbar ist – dann den wählen! (Semsrott würde empfehlen, mit Wäscheklammer auf der Nase und Gummihandschuhen über den Händen in die Wahlkabine zu gehen.)
  6. Oder es findet sich kein solcher Kandidat, weil alle zu den Feinden unserer Demokratie übergelaufen sind: Dann den Namen des ausgeschlossenen Kandidaten (sicherheitshalber mit der schwächeren Hand, Rechtshänder also mit der linken, Linkshänder mit der rechten; wer ganz sicher gehen will, zieht Gummihandschuhe über) auf den Stimmzettel schreiben und ankreuzen! (Falls auch Parteien ausgeschlossen sein sollten: Ebenso die ausgeschlossene Partei auf den Stimmzettel schreiben und ankreuzen.) Leere Zeilen werden sich auf dem Zettel schon finden.

Dann ist die Stimme zwar ebenfalls ungültig, aber wenigstens ein Zeichen, dass die Wählerinnen und Wähler sich den Ausschluss demokratischer Kandidatinnen und Kandidaten nicht gefallen lassen. – Außerdem kommt noch etwas hinzu: Sollte ein Gericht den Ausschluss eines demokratischen Kandidaten von der Wahl doch noch für rechtswidrig erklären, wäre die Anzahl der so ungültig gemachten Stimmen ein starkes Argument dafür, die Wahl zu wiederholen. Und zwar mit dem rechtswidrig ausgeschlossenen Kandidaten. Macht alle mit! Je mehr Wähler aus der Zivilgesellschaft ein Zeichen für unsere Demokratie setzen, desto stärker wird dieses Zeichen!

Die Hölle ist digital

Veröffentlicht am Kategorien Allgemein

Von Hans Hofmann-Reinecke

Ich werde diese Welt ohne Bedauern verlassen sagte Alain Delon, bevor er im August 2024 verstarb. Dieser Satz kam mir in den Sinn, als ich mich beim Versuch, per Internet ein Konto zu eröffnen, von künstlicher Intelligenz beleidigen lassen musste.

Die Verdrängung zwischenmenschlicher Kontakte im Alltag durch digitale Interaktionen hat das Leben vielleicht effizienter, aber mit Sicherheit auch reizloser gemacht. Dieser Trend mag für den einen Fortschritt bedeuten, für den anderen aber Schikane. Auf jeden Fall wird diese Entwicklung auf Dauer eine Welt schaffen, die man mit immer weniger Bedauern verlässt.

Kein Fremder mehr

Im 20. Jahrhundert konnte man die Welt bereisen, ohne Internet und ohne Handy. Man kam am Flughafen an und fragte den Taxifahrer nach einem guten oder günstigen Hotel. Oder man stieg am Marktplatz im Dorf aus dem Bus und fragte sich von dort aus durch. Das klappte immer, und nie musste man unter einer Brücke schlafen. Man machte bei der Gelegenheit auch erste Kontakte mit der lokalen Bevölkerung, die sich amüsierte, welche Schwierigkeiten man mit ihrer Sprache hatte. Aber man kam uns hilfreich entgegen, und man war ab jetzt kein Fremder mehr.

Heute buchen Sie Ihr Urlaubsapartment per Airbnb und werden von einem Schild an der Hauswand empfangen, das Sie auffordert, auf dem Keypad die sechsstellige Zahl einzutippen, die Ihnen mit der Bestätigung der Buchung zugegangen ist. Die ist im Handy gespeichert, aber der Akku ist leer. Wie der Zufall es will, schickt nach zehn Minuten Ratlosigkeit Ihr Schutzengel einen Bewohner, der das Haus verlässt. Sie treten ein, finden im Treppenhaus eine Steckdose zur Wiederbelebung Ihres Handys, und das zeigt Ihnen nun die vierstellige Zahl für den Zugang zu Ihrem eleganten Apartment an. Es funktioniert, und Sie fühlen sich wie Wotan beim Einzug der Götter in Walhall. Am Tag der Abreise genießen Sie dann noch ein kleines Lunch auf der Plaza, um dann bei der Rückkehr zu Ihrem Apartment festzustellen, dass der Code nur bis 12:00 gültig war. Mal sehen, was dem guten Engel jetzt einfällt, damit Sie noch rechtzeitig zu Ihrem Gepäck kommen, denn der Flieger wartet nicht.

Identification not possible

Die Entwürdigung durch Digitalisierung kann aber noch gesteigert werden. Da gibt es Verfahren, um eine Person per Internet zu identifizieren. Man hält dem digitalen Kontrolleur erst seinen Ausweis mit Lichtbild vor die Kamera, dann auch noch die Rückseite und schließlich sein Gesicht. Die eigene Rückseite braucht man der Kamera nicht zu zeigen, obwohl man Lust dazu hätte.

Na und sagen Sie, was soll daran schwierig sein? Aber da ist das Bild vom Ausweis verschwommen, und Ihr Kopf, der genau in einen bestimmten Rahmen passen muss, ist nicht richtig ausgeleuchtet. Sie versuchen, das zu korrigieren, und werden jetzt aufgefordert, nach links oder rechts zu schauen. All das tun Sie ganz gehorsam, um nach einer Stunde und diversen Versuchen die Mitteilung zu erhalten: „Identification was not possible. Please try again later.“

Bei einem menschlichen Gegenüber könnten Sie nun weitere Informationen ins Feld führen, um ihm alle Zweifel zu nehmen; für den AI-Inspektor aber sind Sie nichts anderes als ein potenzieller Betrüger. Sie mussten sich existenziell auf das Niveau dieser Maschine begeben, um deren Urteil zu erbitten. Und das lautete: „inakzeptabel“. Wo bleibt da die Würde des Menschen, die doch angeblich unantastbar ist?

Der Mörtel der Kulturen

Aber das ist nur ein Aspekt. Die tausend kleinen Trivialitäten des täglichen Lebens, die in der Vergangenheit durch Interaktionen zwischen Menschen erledigt wurden, hatten ja auch einen psychologischen Wert. Das kokette Lächeln des Fräuleins am Bankschalter oder die witzige, leicht anzügliche Bemerkung des Postboten – all das waren doch Pralinés für die Seele. Und jede Kultur hatte da ihre eigene Tradition, so wie die kulinarischen Eigenheiten von Land zu Land verschieden sind. Da sagt der Italiener „Buongiorno, bellissima“ und der Brite „Beautiful day, lady, isn’t it?“

Der Umgang der Menschen miteinander, die kleinen, harmlosen Wortwechsel des Alltags, sind ein wichtiges Element jeder Gesellschaft. Zwar lösen sie kein technisches Problem und steigern kein Bruttoinlandsprodukt, aber sie schaffen eine Verbindung zwischen Menschen, sie machen aus Fremden eine Gemeinschaft. Sie sind der Mörtel, der die einzelnen Ziegel zu einem Bauwerk, zu einer Kultur zusammenhält.

Wenn all das immer mehr verloren geht, und das wird wohl so kommen, dann enden wir in einer Welt, zu der man ähnliche Gefühle entwickelt, wie sie Alain Delon schon jetzt hatte.

Der Bestseller des Autors „Grün und Dumm“, und andere seiner Bücher, sind bei Amazon erhältlich. Weitere Artikel und Kontakt zum Autor bei www.think-again.org

Es gibt keine freien Wahlen mehr

Veröffentlicht am Kategorien Allgemein

Nachdem das Geschrei um die Wahl in Sachsen-Anhalt etwas abgeebbt ist, muss ich feststellen, dass ein Thema fast völlig unbeachtet blieb, obwohl es zeigt, dass die wichtigste Funktion einer Demokratie, die diesen Namen verdient, außer Kraft gesetzt worden ist. Es gibt keine freien Wahlen mehr in Deutschland, nur noch rückgängig gemachte und manipulierte. Und es bleibt beunruhigend still im Land.

Kurz erwähnt wurde in den alternativen Medien, dass sich das Briefwahlergebnis signifikant vom Urnenwahlergebnis unterscheidet.

Aber es werden keine Konsequenzen daraus gezogen. Statt diesen Skandal zu thematisieren, wird bei Nius zwei Tage lang über mögliche Überläufer bei der CDU geplaudert und Szenarien mitgeliefert, wie sich das vollziehen würde. Es scheint niemanden zu interessieren, dass die Überläufer damit eher verhindert als ermutigt werden. Hauptsache, die Einschaltquote stimmt. „Es gibt keine freien Wahlen mehr“ weiterlesen

Der Energietraum der Realisten

Veröffentlicht am Kategorien Allgemein

Von Dipl. Physiker Dr. Werner Huber, 2.9.2026

„Die Energiewende wird ohne Kernkraft finanziell untragbar.“ So fasst die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) das Ergebnis einer aktuellen Studie zusammen. Und interessanterweise kommt sie zum Schluss: In Deutschland könnten die zwischen 2019 und 2023 stillgelegten Atomkraftwerke (AKW) wieder instandgesetzt werden. Ein realistischer Energietraum?

Wohl kaum. Weniger der Milliardenkosten wegen: Sie wären angesichts jahrzehntelanger kostengünstiger AKW-Stromproduktion eine lohnende Investition. Ganz im Gegensatz zu den horrenden Dauersubventionen für Wind-/Sonne-Strom: von jetzt jährlich 30 Milliarden auf 90 Milliarden bis 2035 explodierend. Was übrigens nicht einmal sicherstellt, dass der laufende massive Windkraft-Zubau – als geplante Hauptsäule der Energiewende – eine entsprechende Steigerung der Stromerzeugung zeitigt: So brachte der starke Zubau zwischen 2020 und 2025 (+69 Prozent Nennleistung) nur eine minimal höhere Stromproduktion von 2,7 Prozent. Ursachen: Netzengpässe, Windenergie-Absorption in Windparks, Kannibalisierung Windkraft/Solarkraft.

Weitere Pferdefüße der Windkraft – belegte höhere Erkrankungsraten von Anwohnern durch weitreichenden Infraschall, ein nötiges redundantes, milliardenteures Reserve-Stromsystem aus Dutzenden Gaskraftwerken zur Blackout-Überbrückung („Backup“) – pervertieren den grünen Energiewende-Traum zu einem Albtraum: eskalierende Energieverteuerung, Wirtschaftsniedergang, Arbeitsplatzabbau. „Der Energietraum der Realisten“ weiterlesen

Können uns Speicher bei einer Dunkelflaute retten?

Veröffentlicht am Kategorien Allgemein

Von Gastautor B.B.

 

Die Bundesnetzagentur „bereitet sich auf mögliche Stromengpässe vor und entwickelt dafür eine digitale Krisenplattform. Im Ernstfall sollen große Stromverbraucher zentral erfasst und bei Bedarf zu Einsparungen oder vorübergehenden Abschaltungen verpflichtet werden. Die Behörde betont, dass es sich um eine reine Vorsorgemaßnahme handelt.“

https://www1.wdr.de/wirtschaft/bundesnetzagentur-plan-notfall-stromkrise-100.html

Das ist nicht sehr beruhigend. Vielen fehlt die Vorstellung davon, was das praktisch bedeutet.

Folgendes Szenario soll keine technische Lösung für das Flautenproblem aufzeigen. Es dient vielmehr dazu, die Größenordnung des Problems anschaulich zu machen.

Ich ziehe jede Woche unsere Standuhr auf. Das Gewicht beträgt 2 kg, der Hub 1 m. Das Hubgewicht speichert daher Energie, die im Laufe von sieben Tagen nach und nach abgegeben wird und das Uhrwerk antreibt. Prinzipiell könnte mit dieser gespeicherten Energie aber auch ein Stromgenerator betrieben werden. Ich habe mich gefragt, wie viele solche Uhren jeder Haushalt in Deutschland aufstellen müsste, um den Stromausfall während einer Dunkelflaute von 7 Tagen zu überbrücken.

Die folgende Abschätzung beruht auf einigen Annahmen über den Strombedarf während der Dunkelflaute. Der elektrische Leistungsbedarf Deutschlands beträgt an einem normalen Arbeitstag ca. 75 GW, abends ca. 60 GW, an Sonntagen etwa 55 GW.

Ich betrachte den Fall, die Stromversorgung Deutschlands sei bereits vollständig auf erneuerbare Energien umgestellt und die Bundesnetzagentur habe wegen einer Dunkelflaute die Industrie vollständig vom Netz genommen, sozusagen ein elektrischer Lockdown. Als Arbeitsannahme soll gelten, dass deutschlandweit nur noch 10 GW bereitzustellen sind. Die konkrete Zahl ist für das Gedankenexperiment nicht entscheidend; sie dient lediglich der Größenordnung. Das Ergebnis ist leichter vorstellbar, wenn man es auf die 40 Millionen Haushalte herunterrechnet. Es ist immer noch sehr ernüchternd, denn es werden pro Haushalt fast 7 Millionen solcher Uhren gebraucht, die 2 kg Gewicht, 1 m Hubhöhe und 7 Tage Laufzeit haben. Ein solcher Ansatz scheidet offensichtlich aus. Man kann ihn allerdings noch optimieren: statt 2 kg kann man ein Gewicht von 2 Tonnen vorsehen, wenn man die Kette und die Aufhängung entsprechend auslegt. Das dürfte statisch zwar anspruchsvoll werden, sollte aber noch in eine Wohnung passen. Zusätzlich kann die Hubhöhe von 1 m auf 3 m erhöht werden, auch das passt noch in die Wohnung. Damit sinkt der Bedarf immerhin auf rund 2500 solcher Uhren je Haushalt. Leider scheitert auch diese Variante am Platzbedarf: bei nur einem Quadratmeter Grundfläche je Uhr wären dafür 2500 Quadratmeter Wohnfläche erforderlich.

Nebenbei sei erwähnt, dass der Stromsektor nur ca. 20% des Energiebedarfs ausmacht.

Das Gedankenexperiment liefert keine technische Lösung. Es macht jedoch deutlich, welche Größenordnungen bei der Speicherung elektrischer Energie während einer mehrtägigen Dunkelflaute überhaupt zu bewältigen wären.

Wie sehen Energiespeicher aus?

Veröffentlicht am Kategorien Allgemein

 

Von Gatautor B.B.

Im Wormser Tagungszentrum veranstaltete der regionale Energieversorger EWR am 27. August 2026 eine Tagung zum Thema Ausbau der Versorgungsnetze in der Region. Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kommunen diskutierten über die Energiewende. Hochrangiger Gast war Michael Ebling, der seit Mai 2026 Minister für Wirtschaft, Energie und Klima des Landes Rheinland-Pfalz ist. Wenig überraschend war der Grundtenor der abschließenden Diskussion, die Energiewende befinde sich auf dem besten Wege zu Erfolg, 60 Prozent des Stroms werde bereits aus erneuerbaren Energien gewonnen. Der Ausbau von Batterien würde in Bälde das Problem der stark schwankenden Erzeugung und insbesondere die Versorgung während mehrtägiger Dunkelflauten lösen.

In der Tat wurde der erste und größte Groß-Batteriespeicher in Worms im Juni 2026 offiziell eingeweiht. Er hat eine Leistung von 30 MW und eine Kapazität von 65 MWh, die 17 Container-boxen brauchen 2.800 m² Fläche.

Vielen fehlt leider die Vorstellung davon, was diese Zahlen praktisch bedeuten. In der Pause blickte ich vom Foyer des Tagungszentrums auf den Dom, das Wahrzeichen von Worms. Dabei kam mir der Gedanke, das Problem der Überbrückung einer Dunkelflaute anschaulich zu machen. Das folgende Gedankenexperiment ist keine technische Lösung für die Dunkelflaute. Es zeigt aber die Größenordnung des Problems.

Jeder in Worms kennt den Dom. Er ist ca. 100 m lang, ca. 30 m breit und ca. 30 m hoch. Ein idealisierter Betonquader mit den Abmessungen des Doms vollständig mit Beton gefüllt würde ca. 200.000 Tonnen wiegen. Dieser Klotz ist anschaulich gut vorstellbar und könnte prinzipiell als Energiespeicher dienen, wenn man ihn anhebt. Die so gespeicherte Energie könnte prinzipiell in Strom zurückverwandelt werden und während einer Dunkelflaute von, sagen wir, 7 Tagen die Stromerzeugung in Worms übernehmen.

Deutschland hat an einem normalen Tag einen Leistungsbedarf von 50 bis 75 GW. Bei Dunkelflaute plant die Bundesnetzagentur Verbrauchsreduzierungen bzw. zeitweisen Abschaltungen großer Verbraucher. (https://www1.wdr.de/wirtschaft/bundesnetzagentur-plan-notfall-stromkrise-100.html).

Für mein Gedankenexperiment unterstelle ich vereinfachend, dass die verbleibende deutsche Last in einer solchen Situation auf 10 GW sinkt. Weiterhin nehme ich an, dass Worms davon – grob entsprechend seinem Anteil an der deutschen Bevölkerung – 0,1 Prozent trägt. Das wären 0,01 GW.

Um den Wormser Strombedarf während 7 Tagen Dunkelflaute decken zu können, müsste man den beschriebenen Klotz vor der Flaute um rund 3 km anheben. Lässt man ihn idealisiert gleichmäßig über sieben Tage absinken und wandelt seine potentielle Energie verlustfrei in Strom um, entspräche dies einer durchschnittlichen elektrischen Leistung von 0,01 GW.

Das Gedankenexperiment liefert keine technische Lösung. Es macht jedoch deutlich, welche Größenordnungen bei der Speicherung elektrischer Energie während einer mehrtägigen Dunkelflaute überhaupt zu bewältigen wären.

Der 65-MWh-Speicher könnte diese angenommene Wormser Last also nur rund 6,5 Stunden decken. Für sieben Tage wären rechnerisch 26 Speicher dieser Größe erforderlich. Neben den wirtschaftlichen Fragen ist die Sicherheit zu bedenken. In Bautzen, der Partnerstadt von Worms, ist vor vier Wochen ein Batteriespeicher  abgebrannt. (https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/bautzen/bautzen-hoyerswerda-kamenz/news-feuerwehr-rauch-warnung-,brand-batteriespeicher-106.html ).

Das Gedankenexperiment beantwortet nicht die wirtschaftliche Frage. Es zeigt lediglich, dass eine vollständige Absicherung einer mehrtägigen Dunkelflaute allein durch Batteriespeicher eine erhebliche Speicherkapazität erfordern würde.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass die Energiewende nicht nur den Stromsektor betrifft. Nur rund ein Viertel des Endenergiebedarfes ist elektrische Energie (https://www.umweltbundesamt.de/daten/umweltzustand-trends/energie/endenergieverbrauch-nach-energietraegern-sektoren ). Auch Wärme und Verkehr sollen zunehmend auf erneuerbare Energien umgestellt werden.

Kaliningrad und die Geister Preußens

Veröffentlicht am Kategorien Allgemein

 

Von Gastautor Shoumojit Banerjee

Von den Festungen des Deutschen Ordens bis hin zu modernen Raketengarnisonen – die umkämpfte Geografie des Baltikums hat Königsberg, das heutige Kaliningrad, zu einem immer wiederkehrenden europäischen Krisenherd gemacht.

Im Jahr 1736 machte sich der Schweizer Universalgelehrte und Mathematiker Leonhard Euler daran, ein skurriles Rätsel zu lösen, für das Königsberg bekannt war: Wie kann man alle sieben Brücken der historischen Hauptstadt der ostpreußischen Stadt genau einmal überqueren? Sein Beweis für die Unmöglichkeit dieser Aufgabe führte versehentlich zur Entstehung der modernen Topologie und Netzwerkanalyse. Heute, fast drei Jahrhunderte später, steht Europa vor einer weitaus folgenschwereren Version desselben Rätsels: Wie lassen sich die strategischen Brücken rund um Kaliningrad (das heutige Königsberg) überqueren, ohne eine unsichtbare Schwelle zu überschreiten und in einen Krieg zu geraten, aus dem es kein Zurück mehr gibt?

Es gibt nur wenige Orte auf der Erde, an denen der gewaltsame Zusammenbruch vergangener Reiche auf einer modernen Militärkarte noch so deutlich ablesbar ist. Kaliningrad ist einer davon. „Kaliningrad und die Geister Preußens“ weiterlesen

Juden und Radfahrer (2)

Veröffentlicht am Kategorien Allgemein

 

Da die tieferen Treiber bei Linken wie Islamisten Selbstmitleid und Neid sind, drängt es sich auf, ihren Ressentiments ein vertrautes Objekt zu bieten. Kulturhistorisch ist das Feindbild fest verankert. Jetzt verbreiten Juden eben nicht mehr die Pest, sie vergiften palästinensische Brunnen und backen ihre Mazze mit dem Blut unschuldiger Araberkinder.

Jahrzehnte postkolonialer Studien und Genderforschung haben erfolgreich Sinn und Verstand beerdigt. Der Boden ist bereitet und das intellektuelle Lumpenproletariat groß genug, um als kritische Masse den gesellschaftlichen Diskurs zu bestimmen. Außerdem hat es nicht nur für schuldgebeutelten Deutsche erheblichen Sex-Appeal, wenn sie die Juden nun nicht mehr bloß nur leise und schüchtern ‚trotz‘ Auschwitz kritisieren dürfen, sondern sie selbstgerecht eben ‚deswegen‘ angreifen können. Das macht den Genozid-Vorwurf ungemein reizvoll.

Psychopathologisch schafft es genau die Mischung, die Klickbeute generiert. Moralisch überdrehte Politpornografie verkauft sich besser als differenzierte Analyse. Das gilt übrigens auch für die ‚politisch erweckte‘ Rechte: Tucker Carlson macht den Hitler-Apologeten Nick Fuentes hoffähig, Candice Owens erschließt ihrer Hörerschaft die Weisheiten des Holocaust-Leugners Darryl Cooper. Das toxische Gebräu knallt wie Heroin und verkauft sich hervorragend. „Juden und Radfahrer (2)“ weiterlesen

Juden und Radfahrer (1)

Veröffentlicht am Kategorien Allgemein

Von Gastautor Christoph Ernst

Am 31. Januar 1933, als Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war und die SA triumphierend durchs Zentrum Berlins zog, soll der 86jährige Maler Max Liebermann gesagt haben: „Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte!“ Heute marschieren ‚Aktivisten‘ und die sogenannte Antifa Seite an Seite mit Muslim-Brüdern und Salafisten, Berliner Gerichte sehen keinen Antisemitismus darin, wenn jüdische Studenten durch pro-palästinensische Kommilitonen krankenhausreif geprügelt werden, und der ARD-Journalist Georg Restle nennt von Nairobi aus einen Artikel des israelfeindlichen US-Professors Stephen Zunes in ‚The Nation‘ als Quelle dafür, dass hinter den jüngsten Grenzverletzungen von Ceuta diplomatische Drahtzieher in Tel Aviv und Washington stecken. Und mir geht es wie Liebermann. „Juden und Radfahrer (1)“ weiterlesen