Da die tieferen Treiber bei Linken wie Islamisten Selbstmitleid und Neid sind, drängt es sich auf, ihren Ressentiments ein vertrautes Objekt zu bieten. Kulturhistorisch ist das Feindbild fest verankert. Jetzt verbreiten Juden eben nicht mehr die Pest, sie vergiften palästinensische Brunnen und backen ihre Mazze mit dem Blut unschuldiger Araberkinder.
Jahrzehnte postkolonialer Studien und Genderforschung haben erfolgreich Sinn und Verstand beerdigt. Der Boden ist bereitet und das intellektuelle Lumpenproletariat groß genug, um als kritische Masse den gesellschaftlichen Diskurs zu bestimmen. Außerdem hat es nicht nur für schuldgebeutelten Deutsche erheblichen Sex-Appeal, wenn sie die Juden nun nicht mehr bloß nur leise und schüchtern ‚trotz‘ Auschwitz kritisieren dürfen, sondern sie selbstgerecht eben ‚deswegen‘ angreifen können. Das macht den Genozid-Vorwurf ungemein reizvoll.
Psychopathologisch schafft es genau die Mischung, die Klickbeute generiert. Moralisch überdrehte Politpornografie verkauft sich besser als differenzierte Analyse. Das gilt übrigens auch für die ‚politisch erweckte‘ Rechte: Tucker Carlson macht den Hitler-Apologeten Nick Fuentes hoffähig, Candice Owens erschließt ihrer Hörerschaft die Weisheiten des Holocaust-Leugners Darryl Cooper. Das toxische Gebräu knallt wie Heroin und verkauft sich hervorragend.
In ‚Bad News: How woke Media is Undermining Democracy‘ skizziert Batya Ungar-Sargon die Polarisierung der US-Medien. Die driften immer gleichförmiger in die radikale, politisch erweckte Ecke. Technologische und soziologische Umbrüche haben einst neutrale Medien in ‚woke‘ Plattformen verwandelt, die mit faktenbasiertem Journalismus nichts mehr zu tun haben. Die Dynamik greift weltweit. Sie erfasst nicht nur die ‚New York Times‘, sondern auch Organe wie ‚Die Zeit‘, ‚Der Spiegel‘ oder die ‚Süddeutsche‘. Die lesen sich inzwischen wie doktrinäre Kampfblätter, beten kritikfrei angesagte ideologische Trends nach und blasen sie in die Welt. Die Einseitigkeit wirkt so vernunftzersetzend wie zerstörerisch, weil das breite Publikums immer noch dazu neigt, den propagandistischen Gleichklang ernst zu nehmen.
Protestieren ‚postkoloniale Linke‘ und Islamisten gegen den ‚Genozid in Gaza‘, präsentieren öffentlich-rechtliche Anstalten das wie ein legitimes Anliegen. Bedrohen aufgehetzte Studenten Kommilitonen, attackieren Wissenschaftler, besetzen Institutsräume und blockieren Vorlesungen, empört das kaum. Terrorisierte Schulkinder, verprügelte Kippa-Träger, eingeworfene Scheiben und beschmierte Fassaden jüdischer Läden und Restaurants nehmen die Medien, wenn überhaupt, eher achselzuckend zur Kenntnis. Letztlich, so die unterschwellige Botschaft, sind die Juden selbst schuld. Würde Israel endlich Platz für ein ‚freies Palästina‘ machen, bräuchte sie auch niemand dafür in Sippenhaft zu nehmen. So jedoch sind sie eine wandelnde Provokation für jeden leidgeprüften Muslim und ehrbaren Antifaschisten in Berlin, Paris, London und New York.
Diese Logik zieht sich von UN-Vollversammlung bis in die deutsche Provinz. Denn ja, wir liegen hierzulande statistisch an der Spitze. Die ‚Welt‘ berichtete kürzlich, dass die Zahl judenfeindlicher Attacken seit dem Herbst 2023 um 215 Prozent gestiegen ist. Das sind gut 70 Angriffe pro 1.000 jüdischer Einwohner, und das bildet bloß die offiziell erfassten Zahlen ab.
Paternalismus braucht immer fremdes Elend zur eigenen Daseinsvorsorge. Seit sie ihre alte Klientel vergrault haben, setzen Linke auf Muslime als Opfer der globalen Unterdrückung. Die sollen ihnen ihre Rolle als Avantgarde im Kampf gegen das kapitalistische Patriarchat sichern. In Islamisten sehen sie ihre natürlichen Verbündete, um die Massen zu gewinnen. Dass Muslim-Brüder eventuell eigene Zielvorstellungen haben und sie als Steigbügelhalter betrachten, kommt ihnen gar nicht in den Sinn. Tatsächlich dürften ihre muslimischen Partner sie nach dem Endsieg zügig vor die Wahl stellen, sich entweder der Scharia zu unterwerfen oder aus der Geschichte zu verabschieden. Aber solange der Kampf gegen den gemeinsamen Feind währt, bleibt obenhin alles milde. Dann dulden die meisten Fundamentalisten sogar ‚Queers for Palestine‘ und verüben nur ausnahmsweise mal einen kleinen Anschlag auf schwule Paraden.
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Laut Sayyid Qutb, einem der Chefideologen der Muslim-Bruderschaft, geht die Feindschaft des Islam mit den Juden auf Mohammed zurück. Nach der Flucht den Propheten aus Mekka gewährten ihm in der Oase Yathrib die drei dort lebenden jüdischen Stämme Asyl. Da seine Männer weiterhin die Karawanen ihrer Feinde überfielen, gab es Ärger mit den Leuten aus Mekka. Die Juden suchten sich aus dem Streit herauszuhalten. Das nahm Mohammed ihnen übel. Also vertrieb er zwei der Stämme, und nachdem der dritte Stamm sich ihm auf Gedeih und Verderb ergeben hatte, ließ er alle Frauen und Kinder versklaven und sämtliche Männer köpfen. Yathrib benannte er in Medina um. Heute ist es die zweitheiligste Stätte des Islam. Später dann gaben die Nationalsozialisten dem Islamismus entscheidende Impulse. Mohammed Amin al-Husseini, der als ‚Mufti von Jerusalem‘, SS-General und Mentor von Jassir Arafat eine äußerst schillernde Karriere hinlegte, und sein Freund Hassan al-Banna, der die Muslim-Bruderschaft begründete, aber auch Ruhollah Khomeini, der in der islamischen Republik das Zerstören Israels zur Staatsraison machte, sorgten nach 1945 dafür, dass das weltanschauliche Erbe der Nationalsozialisten bei gläubigen Muslimen bis heute hochgehalten wird, blüht und gedeiht.
Linkerseits gehen die judenfeindlichen Impulse wesentlich auf Marx zurück. Die ‚erweckte Linke‘ folgt diesem Pfad. Dabei zehrt sie von dem Mythos, ‚Antifaschisten‘ seien quasi von Natur aus Antirassisten. Nichts könnte ferner der Wahrheit sein, aber auch ich bin mit dieser Lüge groß geworden und habe lange daran geglaubt.
Abgesehen von Judenhass eint Kulturmarxisten und Islamisten das kollektivistische Weltbild. Wer der Einzelne ist und was er darstellt, ist durch seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe festgelegt. Für die Anhänger von ‚Diversity, Equity and Inclusion‘ (DEI) fällt jeder, der weiß, männlich und hetero ist, in die Sparte patriarchal privilegierter Unterdrücker. Seine persönlichen Verdienste, Vorlieben und Eigenarten spielen keine Rolle. Entsprechend sehen orthodoxe Muslime Christen als ‚Dhimmis‘. Sie befinden sich im Zustand der ‚Dschahiliya‘, einer Art irrgläubiger Ahnungslosigkeit. Selbst wenn Logik und Vernunft dagegensprechen, kann ihr Wort vor Gericht nie so viel zählen wie das eines rechtgläubigen Muslims. Das legt die Scharia so fest. Die ist Gottes Gesetz. Daran darf keiner rütteln. Sonst wird er dem Islam abtrünnig und begeht ein todeswürdiges Verbrechen.
Früher dachten die meisten Europäer nicht viel anders. Doch mit der ‚Renaissance‘ trat das Individuum auf den Plan. Zuvor schon kannten Christen das Zauberwort Gewissensfreiheit. Sie trennten zwischen himmlisch und irdisch. Die ‚Aufklärung‘ dann schränkte die Macht des Klerus ein, gewährte ihnen Glaubensfreiheit, das Recht auf Skepsis und Zweifel, gekoppelt an Gleichheit vorm Gesetz und Rechtstaatlichkeit. Das schenkte ihnen die Chance, sich Wissen und Fertigkeiten anzueignen. Ihr ‚Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit‘ zog Quantensprünge in Wissenschaft, Wirtschaft und Technologie nach sich und schuf die Basis für allgemeinen Wohlstand. Europäer wurden zu Schmieden des eigenen Glücks. Das ist die Kurzformel dafür, was wir den ‚Westen‘ nennen, das Fundament unserer ‚Moderne‘.
Das Menschenbild, das sich bei uns über das letzte halbe Jahrtausend entwickelte, mutet dem Einzelnen einen hohen Grad an selbstverantworteter Autonomie zu. Es ist in seiner Essenz jüdisch-christlich. Geistig-spirituell fußt es auf der Triade Jerusalem, Athen und Rom, die Marxisten wie Islamisten zutiefst zuwider ist. Denn ihnen schwebt das genaue Gegenteil davon vor. Sie ordnen Menschen nach Klassen, Clans und Kategorien. Toleranz, freier Wille und alle Unterschiede, die auf individueller Leistung basieren, sind Gift für ihre Doktrin. Deshalb bekämpfen sie sämtliche Eigenschaften des westlichen Modells, und weil Israel so viele davon verkörpert, sehen sie es als ‚Pfahl im Fleisch des Islam‘, ‚Kreuzfahrerstaat‘ und Vertreter ‚imperialistischer Herrschaft‘. Israel muss fallen, damit Europa erobert werden kann. Erst dann können sie ihre Kräfte auf den ‚großen Satan‘ konzentrieren und in den Endkampf gegen die USA ziehen.
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Identitätsideologen verabscheuen Israel gerade wegen seiner westlichen Qualitäten. Israel zeigt, dass ein heterogenes Gemeinwesen, das Toleranz, Rechtsstaatlichkeit und liberale Werte pflegt, weit mehr Kreativität, Resilienz und Stärke entwickelt, als seine gleichgeschalteten Nachbarn, die unters Joch einer kollektiven Ideologie gepresst sind. Obwohl es mit nur 22.070 Quadratkilometern kleiner ist als Mecklenburg-Vorpommern und bloß zehneinhalb Millionen Einwohner hat, von denen zwei Millionen muslimische, christliche oder drusische Araber sind – sowie eine weitere halbe Million Aramäer, Armenier, Samariter, Roma und Tscherkessen, und obwohl es anders als der 74mal so große Iran über keine Ölvorkommen und Bodenschätze verfügt, sondern zu einem Gutteil aus Wüste besteht, erwirtschaften Israelis pro Kopf zwölfmal mehr als Iraner. Auch kulturell und technologisch übertreffen sie all ihre Anrainer. Israelische Araber haben ein vielfach höheres Einkommen als die Menschen in der Westbank oder Gaza, aber sie leben auch deutlich besser als der Durchschnitt in Syrien, Jordanien, dem Libanon oder Ägypten. Bis heute ist Israel die einzige Demokratie in Nahost. Unabhängig von ihrer jeweiligen Ethnie genießen alle Bürger die gleichen Rechte, weshalb dort bisweilen muslimische Richter jüdische Politiker verurteilen. Nach 1948 hat das es unter schwierigsten Bedingungen knapp eine Million vertriebener Juden aufgenommen und integriert, die man in ‚Rache‘ für die Staatsgründung aus islamischen Ländern geworfen hat, und bis heute gewährt es Arabern aus der Westbank und Gaza Asyl, die man dort wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt.
Israel beweist, dass freiwillige Vielfalt, die auf übergeordneten Werten fußt, funktioniert. Zugleich zeigt es, dass ein Mindestmaß an positiver Identität und Nationalstolz dem sozialen Zusammenhalt guttun, Vertrauen und Gemeinsinn stiften, die sich in Krisen immer wieder bewähren. Israel mag bergeweise Probleme haben und alles andere als perfekt sein, schließlich leben dort auch Leute wie Itmar Ben-Gvir, aber im Vergleich zu seinen sämtlichen Nachbarn ist es phänomenal kultiviert, tolerant, weltoffen, innovativ und effektiv. Das gebietet Achtung und Respekt. Doch es stiftet eben auch Neid in all jenen, die sich daneben klein und schwach fühlen, und es weckt den Groll all derer, die glauben, wegen ihrer Religion oder Ideologie dem Rest der Spezies haushoch überlegen zu sein. Israel belegt, dass sie es nicht sind. Das finden sie unverzeihlich.
Bekanntlich graut den Propheten zwangsweiser Welterrettung vor nichts mehr als der Einsicht, dass ihre Prämissen hohl sind. Wer davon lebt, anderen die Hölle auf Erden zu bereiten, um ihnen seinen Pfad ins Himmelreich schmackhaft zu machen, dem versalzen Phänomene wie Israel die Suppe. Über die letzten 24 Jahre sind allein zehn der Ehrungen in Chemie und Wirtschaftswissenschaften an Israelis gegangen. 23 Prozent der Nobelpreisträger in Medizin und Physik sind jüdisch.
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Juden werden bewundert, beneidet, gefürchtet und gehasst, weil sie trotz fast zweitausend Jahren Diaspora, Verfolgung, Unterdrückung, Hass und Gewalt an ihrem Glauben und ihrer Identität festhalten. Israel wird angefeindet, weil es trotz immenser Schwierigkeiten erfolgreich ist. Es beharrt so zäh wie tapfer auf seiner Existenz. Das nehmen ihm oft gerade all jene Deutschen übel, die sich besonders geschichtsbewusst halten.
Ein Land kann auch ohne Juden antisemitisch sein und sich über die Nachkommen der selbst gemachten Opfer ereifern, die sie als wandelnde Zeugnisse des Versagens der Väter an ihre ‚Erbsünde‘ erinnern. Viele Deutsche wurmt, dass Israelis sich nicht wie Gebeutelte benehmen. Würden sie mit ihnen eine psychotherapeutische Schuld- und Sühnegemeinschaft eingehen, fänden sie das passender. Juden, die keine Lust mehr auf die überlieferte Opferrolle haben und ihre Zukunft verteidigen, empfinden sie als arrogant. Dass dieses Selbstbewusstsein eventuell überlebensnotwendig ist und sie nur deshalb so ärgert, weil sie sich selbst längst aus ihrer eigenen Zukunft verabschiedet haben, fällt den meisten gar nicht mehr auf.
Offiziell haben die guten Deutschen ihrem Antisemitismus abgeschworen. Doch wenn ihre Regierung Millionen Menschen ins Land holt, denen man von klein auf an eingetrichtert hat, Juden zu hassen, und wenn diese Zugereisten dann Israel den Tod wünschen, finden sie immer wieder Gründe, um die Mordlustigen zu entschuldigen und ihre jüdischen Nachbarn allein zu lassen. Mich guckte in den letzten Jahren allzu oft die garstige Kehrseite der ‚Willkommenskultur’ an, kaschiert durch bigottes Mitgefühl für die ‚Palästinenser’. Nie war dabei Thema, dass die Bewohner von Gaza mehrheitlich für ein Regime optiert haben, dessen exklusives Geschäftsmodell im Vernichtungskrieg gegen Juden besteht.
Hamas nutzt die üppigen Gelder des eigens für Palästina geschaffenen ‚Hilfswerks der Vereinten Nationen’, um Raketen zu kaufen, Terroristenrenten zu zahlen oder sie auf Konten ihrer Funktionäre umzuleiten. Sie investiert in den Tod und pfeift aufs Wohl der eigenen Leute. Mit ähnlicher Gnadenlosigkeit haben einst die Nazis auf deutsche Zivilisten gepfiffen. Gazas Bewohner lassen sich das nicht nur gefallen, sie bejubeln es. Linke weltweit finden das großartig. Aber sobald die Juden sich wehren, kreischen sie auf. Dann sind die israelischen Soldaten ‚Kindermörder‘ und ‚Nazis‘.
Mich erinnert dieser Doppelstandard an den jener wehleidigen Deutschen, die empört waren, dass nach ihren Luftangriffen auf Guernica, Warschau, Rotterdam, Coventry, London und Belgrad schließlich auch Lübeck, Hamburg, Berlin, Köln und Dresden an die Reihe kamen.
Deutschland hat in selbstauferlegter Buße für seine historische Sünde des millionenfachen Judenmords Millionen kulturfremder Antisemiten aufgenommen, von denen die wenigsten etwas mit seiner Geschichte, seinen Traditionen, seiner religiösen oder kulturellen Vielfalt anfangen können. Es hat seinen Geist, seinen Witz, seine Kreativität und seine Gelassenheit durch Cancel-Culture, Sprachzensur, künstliche Gruppenzwänge und absurde Speisevorschriften ersetzt, um nun die Erfahrung zu machen, dass mit dem Verlust der gemeinsamen Basis auch das Vertrauen und die Zuversicht flöten gehen, und sich nicht nur der innere Frieden und die individuelle Freiheit verschieden, sondern auch die Entwicklungspotentiale und Widerstandsfähigkeit der Gemeinschaft.
Aber das ist ausnahmsweise mal nicht die Schuld der Juden. Es sei denn, Georg Restle und Stephen Zunes fällt noch rasch etwas ein.
