Kultur von Rechts

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Der Titel des Buches von Matthias Moosdorf ist eine Provokation in Zeiten, in denen vergessen ist, dass es in einer Demokratie, die diesen Namen verdient, eine demokratische Rechte gibt. Nach jahrelanger Gleichsetzung von rechts mit rechtsextrem wagt es kaum noch jemand, sich zur demokratischen Rechten zu bekennen. Hinzu kommt, dass Moosdorf von einer ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten bezichtigt wurde, mitten im Bundestag an der Garderobe den Hitlergruß gezeigt zu haben. Zwar hat niemand, kein Garderobier, kein Sicherheitspersonal, kein Besucher das bemerkt, die Staatsanwaltschaft ermittelte trotzdem und produzierte eine über hundert Seiten starke Akte.

Wer es trotzdem wagt, Moosdorfs Buch in die Hand zu nehmen, findet mit den ersten Sätzen heraus, dass es sich um eine kluge Schrift handelt.

Die marxistische Linke führt seit Jahrzehnten einen immer stärkeren Kulturkampf. Bekanntlich war Marx der Meinung, dass die Proletarier aller Länder sich vereinigen und gemeinsam den Kapitalismus beseitigen. Nur machten die Proletarier nicht mit. Die Arbeiter schätzten die Nationalität stets höher als die internationale Solidarität. Der stetig wachsende Wohlstand, den der Kapitalismus brachte, erzeugte weniger Neigung zur Revolution.

Also musste ein anderes revolutionäres Subjekt her. Die Denker der Frankfurter Schule, Theodor Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse, erkannten als Erste, dass Marx in seiner Theorie Kultur, Identität und „falsches Bewusstsein“ stark vernachlässigt hatte.

Das erforderte eine neue Theorie, den kulturellen Marxismus, auch „Kritische Theorie“ genannt. Es handelte sich nicht um eine akademische Debatte, sondern um eine strategische Neuausrichtung des Kampfes gegen die Unterdrücker, in dem die ökonomische Klasse ad acta gelegt und durch Identitätsgruppen ersetzt wurde. Was die Bourgeoisie war, sind heute die „Weißen“, das Proletariat wurde durch „Farbige“ (people of color) ersetzt. Statt um eine Revolution soll es jetzt um die Abschaffung der „weißen Vorherrschaft“ (white supremacy) gehen.

Damit das gelingt, soll alles „dekonstruiert“ werden, was die westliche Kultur hervorgebracht hat. Die demokratische Rechte hat sich bisher weitgehend dieser neuen Strategie unterworfen und das mit ihrem fast vollständigen Verschwinden aus dem öffentlichen Diskurs bezahlt. Es wird Zeit, dass die Konservativen dem linken Kulturkampf endlich etwas entgegensetzen.

Moosdorf will mit seinem Buch „einen Nerv“ freilegen für das Problem der fortgesetzten Kulturzerstörung, die vor unser aller Augen stattfindet. Es geht nicht um die Verteidigung eines Territoriums, sondern um die Verteidigung der westlichen Lebensform: Sprache, Erinnerung, Selbstverständnis.

Das hat eine immense politische Bedeutung: „Politische Stabilität und außenpolitische Handlungsfähigkeit setzen ein positives kulturelles Selbstverständnis voraus. Eine Gesellschaft, die sich ihrer eigenen historischen und normativen Grundlagen nicht mehr sicher ist, wird nach außen kaum überzeugend auftreten können.“

Es geht aber noch tiefer. Wie sich in Großbritannien, das auf dem Weg der Selbstzerstörung sehr weit fortgeschritten ist, am Fall Henry Nowak gezeigt hat, führt das nicht zu mehr Gerechtigkeit und Gleichheit, sondern zu neuem Unrecht und Diskriminierung. Henry Nowak verblutete mit gefesselten Händen, weil die Polizisten nicht die sichtbaren Verletzungen eines Messerangriffs wahrnahmen, sondern einer vom Mörder behaupteten rassistischen Diskriminierung Glauben schenkten. Die britischen Institutionen haben offensichtlich bereits mit ihrer Selbstachtung ihre politische und moralische Orientierung verloren. So wird es auch den Briten gehen, wenn sie nicht sofort gegensteuern.

Im Eingangskapitel erinnert Moosdorf daran, dass die Menschheit mit den beiden Raumsonden Voyager 1 und 2 eine „Flaschenpost“ in den interstellaren Raum verschickte, „mit Grüßen in sechzig Sprachen, Bildern der Erde und einer goldenen Schallplatte, auf der unter anderem Glenn Gould Bachs Goldberg-Variationen spielte. Es war eine Ahnung (ich würde sagen Botschaft), dass Technik allein kein Beweis von Geist ist, dass wirkliche Vernunft erst dort beginnt, wo sie sich ihrer Bedeutung bewusst wird. … Die goldene Platte, die durch den interstellaren Raum treibt, … ist eine Erinnerung an die Zeit, dass Schönheit eine Form von Wahrheit sein kann – und dass Technik nur dann Sinn hat, wenn sie Kultur trägt.“

Die 1970er sind erst 50 Jahre her. Die Welt hat sich seitdem stark verändert. Das Verschwinden des Kommunismus als Staatsform hat keineswegs zum Ende der Geschichte in Form eines Sieges der Demokratie geführt, sondern zu einer tiefen Krise der westlichen Kultur, die wie keine andere Wohlstand, Wissenschafts- und Meinungsfreiheit hervorgebracht und das Leben von Millionen Menschen verbessert hat.

Die Krise ist bereits deutlich sichtbar: Zwölf Prozent der Erwachsenen in Deutschland sind funktionale Analphabeten, die einfache Texte nicht sinnerfassend lesen können. Wir haben eine Ministerin, von der man im Nachrichtenmagazin „Spiegel“ lesen konnte, dass sie kaum Akten liest, sondern Zusammenfassungen bevorzugt. Ein Viertel der Bevölkerung liest überhaupt nicht mehr. Statt darüber nachzudenken, wie man die Analphabetenrate wie im Kaiserreich wieder auf null senken könnte, wollen die Grünen lieber Analphabeten im Bundestag sehen.

Kulturverfall ist kein plötzliches Ereignis, sondern ein Prozess der Entleerung. Jede kulturelle Identität soll beseitigt werden: Familie, Nation, Bildung, Geschichte, Kompetenz. Ziel ist das Weltkollektiv, bestehend aus „Neuen Menschen“, denen jede Bindung abgeht und die leicht beeinflussbar sind.

Der Kulturkampf der Linken hat sich in der Gesellschaft festgesetzt. „Wer auf Schönheit, Harmonie und Überlieferung insistiert, gerät schnell in Verdacht, sich dem ‚Lernprozess der Moderne‘ (Jürgen Habermas) entziehen zu wollen, also faktisch ein Unbelehrbarer zu sein.“ Ästhetische Fragen werden zunehmend politisiert. Künstler sollen vor allem Haltung zeigen, Kunst, oder was heute dafür deklariert wird, politische Bekenntnisse sichtbar machen. In Deutschland sind staatliche Förderprogramme darauf abgestellt. Künstlerische Qualität spielt kaum noch eine Rolle. Wer als „alter weißer Mann“ (55) an einem Weihnachtsprogramm arbeitet, hat nur die Chance, mitleidig belächelt zu werden. Das Programm wird trotzdem fertiggestellt werden, weil ein wahrer Künstler an seinem Projekt festhält. Man muss nicht die Radikalposition von Javier Milei, dem argentinischen Präsidenten, teilen, für den nur Kunst ist, was ohne staatliche Förderung auskommt, um anzuerkennen, dass ein Körnchen Wahrheit darin steckt.

Jede Kulturpolitik, die Kunst nach Zweck und Nutzen bewertet, ist im Kern antikulturell, so Moosdorf. Es wird nicht mehr der Geist gepflegt, sondern „Haltung“ verlangt. Deutschland wurde durch die Humboldtsche Bildungsreform enorm erfolgreich. Aber seit Jahren werden von der Politik die Bildungsstandards abgesenkt. Inzwischen können Schüler Fächer „abwählen“, Musik, Kunst und Geschichte kommen im Stundenplan kaum noch vor.

Bildung ist ein klassisches Bollwerk gegen totalitäre Ideologien. Deshalb ist der Bildungsverfall so besorgniserregend. Dem Sturz einer Zivilisation geht nach Oswald Spengler der Niedergang ihrer Kultur voraus. Das sollte uns Warnung genug sein. Konservative Kulturpolitik muss sich vor allem der „Rückeroberung kritischen Denkens“ widmen. Dafür braucht es kein Programm, sondern die Rehabilitation von „Form, Maß, Schönheit und Kontinuität“. Kunst muss wieder als Form der Weltwahrnehmung verstanden werden.

Vor allem muss die Sprache vor der Dekonstruktion durch Gendern geschützt werden. Diese ist schon so weit fortgeschritten, dass ich in einem Tweet eines AfD-Abgeordneten von „Leichen der Protestierenden“ und in einem Theaterprogramm von „Einwohnenden der Barockzeit“ gelesen habe. Wenn diese absurden schleichenden Veränderungen nicht mehr wahrgenommen werden, ist der Zerfall nicht weit. Sprache ist die Wirklichkeit des Denkens, in diesem Punkt gebe ich Marx recht. Wer die Sprache zerstückelt, erschwert oder verhindert gar das Denken.

Interessant sind Moosdorfs Exkurse in die Geschichte des Theaters.

In Leipzig fand im 18. Jahrhundert bereits eine Revolution des Theaters statt. Der bis dahin dominierende Hanswurst wurde von Caroline Neuber, der einflussreichsten Theatermacherin ihrer Zeit, von der Bühne gefegt und durch das Gottschedsche Erziehungstheater ersetzt. Allerdings erkannte die kluge Caroline Neuber sehr schnell die Fallstricke dieses Erziehungstheaters: zu moralisch autoritär und wenig lebendig. Sie wandte sich von Johann Christoph Gottsched ab, während seine Idee ihren Siegeszug antrat und im Regietheater der Gegenwart mündete.

Wir brauchen eine neue Theaterrevolution, „die die politisch korrekten Hanswurstiaden und moralinsauren Gottschedismen von den Bühnen fegt – eine Revolution zurück zur Kunst“.

Moosdorf ist klassischer Musiker, der in mehr als 60 Ländern aufgetreten ist, ehe er Politiker wurde. Daher ist es nicht überraschend, dass er der Musik ein eigenes Kapitel widmete.

Klassischer Musik, so dachte ich, kann man kaum Kolonialismus vorwerfen, bis ich erfuhr, dass in Oxford genau das getan wird.

In Deutschland ist man noch nicht so weit. Aber es gibt eine Kampagne gegen klassische Orchester wegen angeblich häufiger sexueller Übergriffe. Beunruhigend ist, dass diese Anschuldigungen oft anonym erfolgen, sodass sie nicht widerlegt werden können.

Musik ist die unmittelbarste aller Künste. Selbst Adorno befand: „Beethovens Musik ist die Wahrheit über den Menschen.“

Durch Moosdorf habe ich erfahren, dass es mehr geniale Komponisten deutscher Zunge gibt als die aller anderen Länder zusammengenommen.

„Es ist sicherlich kein Zufall, dass diese Musik zeitgleich mit dem deutschen Idealismus entstand. Das Ideal des Kunstschönen verbindet das Menschliche mit dem Göttlichen.“

Jeder, der heute die Passionen, Messen, Symphonien und Opern hört, versteht auch heute noch, warum.

Deshalb, so Moosdorf nach einem Exkurs über privates und staatliches Mäzenatentum, ist die Subventionierung klassischer Spielstätten kein Luxus, sondern eine staatliche Kernaufgabe.

Klassische Musik ist wie klassisches Theater ein wesentlicher, ich würde sogar sagen unverzichtbarer, Bestandteil unserer Identität.

Es würde den Rahmen dieser Rezension sprengen, würde ich jetzt noch referieren, was Moosdorf über unser bedrohtes kulturelles Erbe, einen neuen Kulturbegriff, über das Sächsische Kulturraumgesetz oder den Irrweg des Postkolonialismus geschrieben hat. Ich werde das sicher in einem Folgeartikel tun.

Bis dahin empfehle ich allen, die nicht wie unsere Ministerin Bas nur noch Zusammenfassungen lesen, sich das Buch zu kaufen und sich von Moosdorfs klugen Ausführungen bereichern zu lassen.

Matthias Moosdorf: Kultur von Rechts – Zwischen Restauration und Revolution 

 

Die Windkraft wankt. Und mit ihr die Energiewende

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Von Dipl. Physiker Dr. Werner Huber, 8.6.26, wernerhuber.consult@t-online.de

Für den geplanten 300 Gigawatt-Mega-Windpark in der Nordsee schien den beteiligten Ländern kein Superlativ zu hoch: die Nordsee werde zum „Energie-Powerhouse“, zum „grünen Kraftwerk Europas“, zum „größten Energie-Hub der Welt“. So tönte es bombastisch zuletzt beim Nordsee-Gipfel Ende Januar dieses Jahres in Hamburg.

Dann aber, Ende Mai, fuhr die Realität dazwischen wie ein Sturm der Stärke 12: Die Energieriesen TotalEnergies und BP wollen aus dem Projekt aussteigen und sich wieder auf ihr fossiles Kerngeschäft konzentrieren. Die Konzerne nennen Gründe wie gestiegene Kosten, Exportbeschränkungen Chinas, verzögerten Netzausbau. Ein weiterer Grund dürfte eine aktuelle Studie des Fraunhofer-Instituts sein, laut der der Stromertrag bei der hohen Windparkdichte markant unter Plan ausfallen wird aufgrund von Abschattungseffekten.

Der Rückzug der beiden Energiemultis aus dem Prestigeprojekt schreckte die Berliner Politakteure auf. Denn ein gewaltiger Ausbau der Offshore-Windkraft ist für die deutsche Energiewende von zentraler Bedeutung: geplant ist eine Versiebenfachung von derzeit 10 GW-Nennleistung auf 70 GW mittels tausender Groß-Windtürme. Die Lage ist umso kritischer, als auch andernorts wichtige Player ihre Offshore-Projekte zurückfahren, darunter der dänische Weltmarktführer Oersted oder der französische Energieriese EDF. Und auch die deutsche EnBW, die den Steuerzahlern dabei über eine Milliarde Verlust aufhalste. „Die Windkraft wankt. Und mit ihr die Energiewende“ weiterlesen

Die Hauptstadtpresse denunziert ihr Volk (und seine Vertreter) – ein offener Wutleserbrief an Martin-Jochen Gutsch, Spiegel

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Von Philipp Lengsfeld

In dieser Woche gibt es im Spiegel einen für mich unsäglichen Text: „Im Blauland“ von Jochen-Martin Gutsch. Journalist Gutsch und ich sind Ost-Berliner eines Schuljahrgangs (Mitte 71-72) und uns schon mal begegnet (siehe Transparenzhinweis am Ende des Textes).

Dieser offene Leserbrief ist der Versuch meine Verärgerung über den Text zu verarbeiten: Und dabei geht es mir nicht mal so sehr um dreisteste kulturelle Aneignung („Wenn es nicht so pathetisch klänge, würde ich sagen: Blauland – das ist meine Heimat“) – Jochen-Martin Gutsch, Abitur 1990 in (Ost-)Berlin Lichtenberg und journalistische Bilderbuchkarriere im Berlin der Wiedervereinigung hat von der Ostprovinz keine Ahnung.

Nein, ich halte Jochen Gutsch sicher nicht seine Herkunftsumgebung vor, das darf und kann man nicht tun, aber ich kann schon feststellen, dass er als Hauptstädter auf der Sonnenseite zweier deutscher Systeme stand und steht. Und insbesondere die SED-DDR, das schwarze Herz dieses System, Mielkes Stasiimperium, schlug in Berlin Lichtenberg unweit von Gutschs Abiturschule, hat ihm den Gefallen getan genau im richtigen Moment zu verschwinden: So konnte er politisch unkompromittiert ein Jurastudium an der Humboldtuni und eine schöne mediale Karriere in Berlin hinlegen – in unserer Heimatstadt Berlin (ich habe die Stadt auch nie verlassen), das jetzt schon länger wieder Hauptstadt ist, aber diesen Titel natürlich nicht mehr anmaßend-verkniffen im Namen führt, wie es zu DDR-Zeiten der Fall war.

Was mich nervt ist der Blick auf Ostdeutschland – der Mann tourt durch die Provinz wie auf einer Safari, legt geschickte rhetorische Fallen („mein Dorf in Brandenburg“) und interpretiert, aber vor allem framt, als ob es kein Morgen gibt. „Die Hauptstadtpresse denunziert ihr Volk (und seine Vertreter) – ein offener Wutleserbrief an Martin-Jochen Gutsch, Spiegel“ weiterlesen

Straßennamen

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Von Peter Schewe

In Regensburg fordern die Angehörigen des vor acht Jahren in Hanau erschossenen Fatih Saracoglu, einen Platz nach ihm zu benennen. Sie liegen damit voll im Trend der Zeit, Opfern rassistischer Gewalt zu gedenken.

Die Anwohner wird‘s freuen, wenn sie ihre neue Anschrift schreiben oder am Telefon buchstabieren müssen. Wie sinnvoll ist es, Straßen und Plätze nach Personen, egal ob Opfer oder Täter, zu benennen? Hier einige Beispiele:

Mein 1943 errichtetes Elternhaus stand in der Hitlerstraße, die 1945 wieder zurück in Swinemünder Chaussee, jedoch schon 1946 in Stalinstraße umbenannt wurde, nachdem Swinemünde polnisch wurde und fortan Swinousje hieß. Nachdem Stalin 1962 vom Sockel gestoßen wurde, trägt die Straße bis heute den unverfänglichen Namen Bäderstraße.

Während meines Studiums in Dresden wohnte ich erst in der Wiener- dann in der Leningrader- und zuletzt in der Juri-Gagarin-Str. Während erstere immer noch so heißt, gibt es die anderen nicht mehr. Sie heißen jetzt St. Petersburger- bzw. Friedrich-Löffler-Straße.

Meine Anschrift in Bannewitz bei Dresden lautete bis 1990 Ralf- Bernaisch- Straße. Keiner meiner alteingesessenen Nachbarn konnte mir sagen, wer Ralf Bernaisch war. Beim buchstabieren des Straßennamens brach man sich die Zunge und oft genug kam dabei etwas anderes heraus. 1990 wurde die Straße auf unser Betreiben hin in Gartenstraße umbenannt. „Straßennamen“ weiterlesen

Gibbon und die ewige Krise Roms

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Teil 2.

Von Shoumojit Banerjee

Schottische Aufklärung

David Hume (1711–1776)

Montesquieus Schüler und die schottische Aufklärung brachten diese Art ‚philosophischer Geschichte‘ zu vollendetem Ausdruck. David Humes Geschichte Englands – veröffentlicht zwischen 1754 und 1762 – zeigte, dass Historiografie philosophische Einsicht mit literarischer Eleganz verbinden konnte – was auch Gibbons eigene Prosa später tiefgreifend prägen sollte. Wie Montesquieu behandelte Hume Handel und öffentliche Meinung als historische Kräfte, die ebenso wichtig waren wie Schlachten oder Dynastien, während er nationalen Mythen mit ironischer Distanz begegnete.

William Robertson erweiterte übergreifende historische Fragestellungen sogar noch mehr. In seiner „Geschichte Schottlands“ (1759), „Geschichte der Herrschaft von Kaiser Karl V.“ (1769) und „Geschichte Amerikas“ (1777) reichte die Erzählung über das Hofgeschehen und die Feldzüge hinaus bis hin zu Kolonialismus, Religion und sozialer Entwicklung. Gibbon verehrte Robertson außerordentlich, übernahm dessen Ansatz, und verband ihn mit der Strenge eines Tacitus, seinem größten antiken Vorbild. Für Gibbon war Tacitus der einzige römische Historiker, der verborgenen Mechanismen der Macht klar artikulierte, und so die Furcht und Unterwürfigkeit, Korruption und imperiale Heuchelei, die unter der offiziellen Sprache der römischen Regentschaft lauerten, offenlegte.

Bei der Lektüre zeigt sich Gibbons fulminante Gelehrsamkeit auf fast jeder Seite. Schon in den ersten Kapiteln bewegt er sich mühelos zwischen den antiken Historikern – Tacitus, Polybius, Dion Cassius, Josephus und anderen – während er kirchliche Autoren wie Eusebius und Sozomenos fast wie ein Ankläger ins Kreuzverhör nimmt. Aber auch fachlich scheint er überall gleich souverän, ob bei römischem Recht, militärischer Organisation, kaiserlicher Besteuerung, Provinzverwaltung, Grenzverteidigung, Geografie, Münzwesen, Handel, Demografie oder religiösen Kontroversen. „Gibbon und die ewige Krise Roms“ weiterlesen

Gibbon und die ewige Krise Roms

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Teil 1.

Von Shoumojit Banerjee

250 Jahre nach seiner Veröffentlichung bleibt Edward Gibbons Verfall und Untergang des Römischen Reiches die maßgebliche Abhandlung über die Vergänglichkeit von Zivilisationen.

In den 1980er Jahren versuchte der deutsche Historiker Alexander Demandt, alle jemals vorgebrachten Erklärungen für den Untergang des Weströmischen Reiches im Jahr 476 n. Chr. zu katalogisieren. In „Der Fall Roms“ (1984) führte Demandt mehr als zweihundert Ursachen auf, die zum Zusammenbruch Roms führten, von äußerst plausiblen bis hin zu geradezu skurrilen. Dazu gehörten unter anderem militärische Überdehnung, das Christentum, Bleivergiftung, Rassenvermischung, Besteuerung, Pest, Inflation, sinkende Geburtenraten, Klimawandel und schlichtes Pech. Im Kern besagt Demandts exzentrischem Katalog nichts anderes, als dass Roms Absturz nie aufhört, weil Historiker nie aufgehört haben, darüber zu streiten, wieso es dazu kam.

Kein Werk im westlichen historischen Kanon hat diese Debatte tiefgreifender geprägt als Edward Gibbons erhabene und meisterhafte „Geschichte vom Untergang und Fall des Römischen Reiches“, deren erster Band 1776 erschien – vor genau 250 Jahren. Noch heute überragt Gibbons Magnum Opus die umfangreiche Literatur, die es inspiriert hat. Zwar haben nachfolgende Historiker neue Ursachen vorgeschlagen, alte Erklärungen revidiert und viele von Gibbons Schlussfolgerungen in Frage gestellt, doch bis heute hat ihn keiner aus dem Zentrum der Debatte verdrängt. „Gibbon und die ewige Krise Roms“ weiterlesen

Deutschland ist moralisch bankrott

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Die UN hat gewählt und Deutschland eine kräftige Klatsche verpasst, indem sie seine Bewerbung um einen nicht ständigen Sitz im Sicherheitsrat krachend scheitern ließ. Die Pointe des Vorgangs war, dass Annalena Baerbock das Abstimmungsergebnis verkünden und den anschließenden Jubel über sich ergehen lassen musste.

Ob ihr klar war, dass es auch eine Reaktion auf ihre Selbstinstallation als Präsidentin der UN-Generalversammlung war? Zweifel sind angebracht, denn Baerbock gehört zu den „starken Frauen“ wie Bärbel Bas, die unfähig zu sein scheinen, ihre eigene Wirkung zu reflektieren.

Drei Jahre lang hat Baerbock anscheinend ihr Amt als Laufsteg für Modevorführungen benutzt und die Welt permanent moralisch belehrt. Nun ist klar, dass ihre Selbstinszenierung nicht gut angekommen ist. Die Welt hat deutsche Moralvorlesungen satt. „Deutschland ist moralisch bankrott“ weiterlesen

Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig

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Heute, am 3. Juni, wird die Schriftstellerin Monika Maron 85 Jahre alt. Für mich ist sie neben Cora Stephan die wichtigste Autorin unseres Landes, die Grand Dame der Gegenwartsliteratur. Zum Geburtstag hat sie sich die Veröffentlichung ihrer Tagebücher von 1980–2021 geschenkt. Sie wollte sie nie herausgeben, hat sich aber zum Glück eines Besseren besonnen.

Vor einer Woche habe ich Maron erlebt, als sie bei den Ettersburger Gesprächen, von denen auf diesem Blog schon mehrmals die Rede war, das Buch vorstellte.

Sie kam aus Berlin mit ihrem Hund Bonnie Propeller, dreieinhalb Stunden am Steuer. Kaum ausgestiegen, setzte sie sich mit dem Moderator des Gesprächs hin, um die Veranstaltung vorzubereiten. Im Ergebnis die Erkenntnis, dass sie als Alleinunterhalterin agieren müsste, was dann zutraf. Nach der Veranstaltung, für die sie mit Standing Ovations belohnt wurde, Gespräche mit dem Publikum, Bücher signieren. Dann eine kurze Runde mit dem Hund und danach ein Gespräch in kleiner Runde bis Mitternacht. Alles ohne jede Pause. Ich war es, die am Ende schlappmachte, obwohl ich nur eine Stunde Anfahrt und keine Veranstaltung gehabt hatte.

Der Buchtitel entstammt einem Brief an den DDR-Kulturstaatsminister Klaus Höpcke vom 19. Mai 1982. Maron, deren erstes Buch Flugasche nicht in der DDR erscheinen konnte und die dabei war, auch ihr zweites bei Fischer im Westen erscheinen zu lassen, hatte ein Visum für einen Studienaufenthalt im Westen beantragt. Im September 1981 hatte Höpcke ihr in Aussicht gestellt, sich für so eine Reise einzusetzen. Nun schrieb Maron ihm, dass sie sich seitdem selbst das Klavierspielen beigebracht hat und schon Menuette von Händel spielen kann. Sie fragt, zu welchen Fähigkeiten am Piano sie es noch bringen wird, ehe sie eine Antwort bekommt – immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig. „Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig“ weiterlesen

Warum Musik lebenswichtig ist – besonders in Zeiten wie diesen

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Von Sondershausen und seiner besonderen Musiktradition war in diesem Blog schon häufiger die Rede. Die Stadt beherbergt nicht nur mit dem um 1600 gegründeten Lohorchester eines der ältesten Berufsorchester Deutschlands, hier ließ Fürst Friedrich Carl I. ab 1806 die Allgemeinheit an öffentlichen, kostenfreien Konzerten teilnehmen. Diese Loh-Konzerte, benannt nach dem Aufführungsort, gehörten zu den ersten Konzertangeboten für alle in Deutschland.

Wie hoch diese Musiktradition in der Stadt gehalten wird, konnten die Besucher des 3. Lohkonzerts am Sonntag im Achteckhaus, früher Karussell, heute Sommerkonzertstätte, erleben.

Deutschland soll so viele geniale Komponisten hervorgebracht haben wie alle anderen Länder zusammengenommen. Deshalb kommen immer wieder Komponisten zur Aufführung, von denen man vorher als Laie nie etwas gehört hat.

Diesmal stand unter dem Motto „Barock meets Piazzolla“ an erster Stelle Heinrich Ignaz Franz von Biber mit seiner „Battalia à 10“ auf dem Programm. Wie Gábor Hontvári, der Dirigent, dem Publikum mitteilte, war Biber der wohl modernste Barockkomponist. Der Violinvirtuose, später Hofkapellmeister des Salzburger Erzbischofs, hat percussive Elemente benutzt, die erst später von modernen Musikern wiederentdeckt wurden. In seiner Battalia à 10 treten 10 verschiedene instrumentale Stimmen gegeneinander an, die nicht nur eine Kampfszene abbilden, sondern den ganzen Umfang kriegerischen Geschehens erfassen. Man hört die Reveille, die Kämpfer marschieren, aber auch das Klagen der Verwundeten, also Antikriegsthemen. „Warum Musik lebenswichtig ist – besonders in Zeiten wie diesen“ weiterlesen

Nächster Halt: „Idiocracy“?

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Von Ekatherina Quehl

„Die GenZ sei die erste Generation der modernen Geschichte, deren kognitive Fähigkeiten hinter ihrer Vorgängergeneration zurückfielen“ – mit dieser Warnung stellte der Neurowissenschaftler und Bildungsexperte Jared Horvath die Ergebnisse neuer internationaler Studien bei einer Anhörung im US-Senat vor.

„Lese- und Schreibfähigkeiten, Rechenfertigkeiten, Aufmerksamkeit und das abstrakte Denkvermögen haben trotz steigender Schulbesuchsquoten abgenommen“, schreibt Horvath in seiner Stellungnahme. Er weist auf die PISA-Studie und zwei weitere internationale Studien, die Kompetenzen in Mathematik und Naturwissenschaften (Trends in International Mathematics and Science Study) sowie die Kompetenzen im Bereich der Lesefähigkeit (Progress in International Reading Literacy Study) der Schüler messen, hin.

Dieser bedauerliche Trend begann ab Mitte der 2000er Jahre. Zuvor waren die jüngeren Generationen immer schlauer, als die älteren.

„Während des größten Teils des 20. Jahrhunderts verbesserte sich die kognitive Leistungsfähigkeit über Generationen hinweg stetig. Das war vor allem auf den erweiterten Zugang zu formaler Bildung und eine verbesserte Unterrichtsqualität zurückzuführen.“ Seit Mitte der 2000er Jahre stagniere dieser Trend und kehrte sich schließlich in vielen westlichen Ländern um, so Horvath. „Nächster Halt: „Idiocracy“?“ weiterlesen