Von Christoph Ernst
Mitunter stehen die Gespenster gestriger Epochen quicklebendig wieder auf und bitten zum Tanz. Ich entsinne mich, wie nach Öffnung der Mauer neben dem Reichstag das Kopfsteinpflaster und die Straßenbahnschienen aus der Kaiserzeit zum Vorschein kamen. Sie hatten die zweite deutsche Revolution und die Weimarer Republik überdauert, bevor der Reichstagspräsident und preußische Innenminister Hermann Göring den Brand im Parlamentsgebäude nutzte, um Hitlers Ermächtigungsgesetz die Bühne zu bereiten, was auf dem Umweg über Warschau und Stalingrad zwölf Jahre später den Untergang des Deutschen Reichs besiegelte und das einst stolze Herz der märkischen Metropole in eine Schuttwüste verwandelte. Neben der Ruine des Reichstags, die nur noch ein granatsplittervernarbtes, rußgeschwärztes Zeugnis der eigenen Hybris war, rasselten nun die Ketten sowjetischer T-34-Panzer. Dann verschwand das Pflaster unter Asbestbeton und Asphalt: Am 13. August 1961 ließ Walter Ulbricht den Ostsektor der Stadt über Nacht mit Spanischen Reitern und Panzerspähwagen absperren. Baubrigaden errichteten entlang der Grenze die ins Monströse aufgeblasene Karikatur einer Ghetto-Mauer. Damit war das letzte Schlupfloch aus der Arbeiter- und Bauernrepublik nach Westen verriegelt. Als „antifaschistischer Schutzwall“ annonciert, produzierte die tödliche Barriere über die nächsten 28 Jahre Hunderte von Opfern. Ständig erweitert und verfeinert, schützten Sichtschutzzäune, Bogenlampen, maschinenbewehrte Wachtürme, Kolonnenwege und Scheinwerfer Stalins sozialistisches Staatskonstrukt, bis es im 40. Jahr seines Bestehens implodierte. Bei einer Pressekonferenz anlässlich der Tagung des Zentralkomitees der SED verhaspelte sich das Politbüromitglied Günter Schabowski vor laufenden Kameras. Der ihm kurz zuvor angereichte Zettel mit den Details zur geplanten Reisefreiheit verleitete den als „harten Hund“ bekannten Schabowski zu der irrigen Auskunft, die neue Regelung trete „sofort“ und „unverzüglich“ in Kraft. Live übertragen, verbreitete sich die Nachricht in kürzester Zeit. Tausende Ostberliner strömten zu den Grenzübergängen nach Westen. An der Bornholmer Straße gaben die überforderten Grenzer dem Drängen der Menge zuerst nach und lösten eine Kettenreaktion aus. Mit der Berliner Mauer fiel die innerdeutsche Grenze. „Das Beben von Berlin – Grenzverletzung“ weiterlesen