Angeblich soll die Kunst des Lesens bald verschwinden und mit ihr eine Kulturtechnik, die seit der Erfindung des Buchdrucks viele Generationen geprägt hat.
Ich war in meiner ersten Lebenshälfte eine so genannte Leseratte, die las, bis sie vom Schlaf überwältigt wurde. Ich lese immer noch, aber sehr viel weniger. Seit längerem ist es nicht mehr passiert, dass ich ein Buch nicht vor dem Ende aus der Hand gelegt habe. So ging es mir mit „Der gestohlene Mohairpullover“, das Erstlingswerk von Rita Karolyi.
Die in New York geborene Autorin hat von Kindheit an ein Faible für skurrile Geschichten und Charaktere. Sie ist eine genaue Beobachterin von Situationen und Menschen. Als Erwachsene hat sie einen Teil ihres Lebens in der Modebranche verbracht. Das alles merkt man ihrem Buch an.
Zu Beginn der Geschichte sitzt die Heldin in ihrer Wohnung und studiert die neueste Modezeitschrift. Darin entdeckt sie drei oder vier Teile, die sie unbedingt haben will, obwohl ihr Schrank von zum Teil nicht mal ausgepackten Sachen überquillt. Sie ist eine Kleptomanin und muss ihrer Sucht sofort folgen. Sie macht eine Klauliste und kleidet sich als eine graue Maus, die man sofort wieder vergisst, nachdem man sie gesehen hat.
Sie setzt sich in ihr Auto und fährt zum nahe gelegenen Hamburg. Dort stellt sie ihr Auto in einem vom Zentrum entfernten Stadtteil ab und nimmt einen längeren Lauf zu den Einkaufsstraßen in Kauf.
Dann beginnt ihre Klau-Routine. Sie beobachtet zuerst die Auslagen und die Verkäuferinnen, bevor sie beginnt, die Sicherungen und Preisschilder zu entfernen und die Stücke in ihrer Tasche verschwinden zu lassen.
Während ihres Beutezuges begegnet sie unterschiedlichsten Menschen. Ein Vierzigjähriger, intellektuell aussehender Typ und Bioladen-Kunde liest zu ihrem Entsetzen nicht ein Buch über Klima-Ethik, sondern über Prinzessin Diana. Eine einarmige Frau mit Hund, die blicklos weitergeht. Ein Mann, den sie als Kleptomanen erkennt und ihm das Revier überlässt. Die von ihr begehrten High-Waist-Jeans führt der Laden ohnehin nicht. Einer jungen Mutter steckt sie eine abgetrennte Sicherung in den Kinderwagen, um dann festzustellen, dass sich an der Kasse herausstellt, dass die Frau auch gestohlen hatte. Ein Rollstuhlfahrer belästigt sie unverschämt, eine Verkäuferin, von der sie sich ertappt fühlt, will lediglich wissen, ob sie ihre Nase machen lassen hat. Eine so vollkommene Nase hätte die Verkäuferin noch nie gesehen.
Zwischen ihren Raubzügen muss sich die Kleptomanin immer wieder ausruhen, auf Bänken oder in der Kirche. Sie muss auch wiederholt an ihr Telefon gehen, um ihren Freund, der sich wegen eines Vorfalls in hellster Aufregung befindet, abzuwimmeln oder zu vertrösten. Sie muss erst ihr rasendes Herz beruhigen, bevor sie weitermachen kann. Spätestens an dieser Stelle fragt sich der Leser, ob Karolyi aus eigener Erfahrung schreibt.
Im Laufe des Tages wird ihr bewusst, dass Tomaso der einzige ihr nahestehende Mensch ist.
Während sich im Kofferraum ihres Autos und in ihrer Tasche Waren im Wert von hunderten Euro türmen, hat sie nur 10 Euro dabei. Die gibt sie einem Opernsänger, der die Passanten mit seinen Arien unterhält. Später klaut sie diesen Schein wieder aus seiner Büchse, um ihn einem bettelnden Rollstuhlfahrer in die schmutzige Hand zu drücken. Als sie Hunger verspürt, geht sie in ein Café, wo sie die Zeche prellt.
Trotz ihrer Klau-Erfolge wird sie immer unruhiger. Im letzten Laden, den sie heimsucht, lässt sie einen teuren Mohair-Pullover mitgehen.
Endlich findet sie Zeit, sich das Problem ihres Freundes Tomaso anzuhören. Er ist zutiefst verstört, weil er an der Kasse seiner Stamm-Kaufhalle eine Packung Tabak aus Versehen nicht bezahlt hat.
Die Nachricht löst bei der Kleptomanin eine seelische Krise aus. Sie fährt nach Hause, verteilt ihre Beute in der Wohnung, besprüht sie mit Nagellack-Entferner und zündet sie an. Dem Brand in ihrer Wohnung im dritten Stock sieht sie von unten zu.
„Alles, wirklich alles war dabei, in Rauch aufzugehen. Kein Stück von ihrem alten Leben, keine Spur ihrer Last, keine Schuld, keine Beweise.” Sie kann neu anfangen.
Das ist ein Irrtum, denn ein Feuerwehrmann, der meint, dass sie frieren müsste, hängt ihr einen Pullover um. Es ist der Mohairpullover, die letzte Beute. Da steht sie und das Preisschild – 189,00 € – baumelt absurd im Wind.
