Wussten Sie, dass das erfolgreichste Musical deutscher Autoren in der DDR entstand? Gerd Natschinskis „Mein Freund Bunbury”, frei nach Oscar Wildes Komödie „The Importance of Being Earnest”, hatte am 2. Oktober 1964 im Berliner „Metropol” Premiere, erlebte 5000 Aufführungen in 155 Inszenierungen und wurde in zehn Sprachen übersetzt. Der Arbeiter-und-Bauern-Staat hatte ein Faible für schmissige Melodien.
Anders als in Westdeutschland wurden in der DDR bis zu ihrem Untergang Musicals und Operetten produziert. Die Vorstellungen waren in der Regel ausverkauft, nicht nur, weil es zum Arbeitsprogramm jeder Brigade gehörte, mindestens ein Theaterstück im Jahr gemeinsam zu besuchen, sondern weil die leichte Muse eine bunte Abwechslung vom tristen Alltag versprach.
Hier waren nicht nur die Gedanken frei, sondern die Phantasie beflügelt. Man konnte mit den Seemännern gefahrlos auf Reisen gehen, in San Francisco mit den Arbeitern gegen die Kapitalisten meutern oder sich auf der Leipziger Messe der versperrten weiten Welt ganz nahe fühlen.
Es war eine geniale Idee der neuen 1. Kapellmeisterin des Loh-Orchesters, Annalena Hoesel, sich dem Publikum mit einer DDR-Revue vorzustellen.
Ich selbst habe nie Musicals oder Operetten besucht, das war mir zu seicht. Ich frequentierte die Theater, deren Aufführungen immer staatsferner wurden, je länger der Staat dauerte. Ich erinnere mich an eine Aufführung von „Deutschland. Ein Wintermärchen”, in der Eberhard Esche seine Darbietung kurz unterbrach, um das begeisterte Publikum darauf hinzuweisen, dass er tatsächlich Heine zitierte und keinen versteckten SED-Staatskritiker.
Zurück zum Sonderkonzert von Annalena Hoesel. Schon die erste Nummer, „Treffpunkt Herz” von Herbert Kawan, versetzte mich zurück in die Sonntagsvormittags-Stube meiner Eltern, wo vor dem Mittagessen stets eine Unterhaltungssendung lief. Die bekannteste war „Zwischen Frühstück und Gänsebraten”, die, moderiert von Heinz Quermann, von 1957 bis 1991 am 1. Weihnachtsfeiertag ausgestrahlt wurde. Daher kenne ich viele der Hits, die Hoesel für diesen besonderen Abend ausgewählt hatte.
Gute-Laune-Musik von der ersten Minute an. Sogar die Orchestermitglieder lächelten beim Spielen. Zum großen Erfolg beigetragen haben die hervorragenden Sänger Thomas Kohl, Marian Kalus, Juliane Bischoff und Amelie Friedrich. Sie gaben nicht nur stimmlich, sondern darstellerisch alles. Die hinreißende Juliane Bischoff ist seit Beginn der neuen Spielzeit festes Ensemble-Mitglied am TNLOS, eine tolle Bereicherung!
Der Begeisterungssturm am Ende der Vorstellung war selbst für hiesige Verhältnisse enorm. Es wäre schön, wenn es noch mindestens eine Vorstellung gäbe, etwa im Achteckhaus in Sondershausen.
Als Zugabe gab es „Sunshine Girl – Sunshine Baby” aus „Mein Freund Bunbury”. Mitschnitte waren verboten, deshalb kann ich hier nur eine YouTube-Version bieten:
Ich verspreche, Kohl, Bischoff, Kalus und Petrich sind viel besser!
Ich wünschte mir, die Macher der Schlossfestspiele würden „Mein Freund Bunbury” auf den Spielplan setzen und den Vortrag des Quartetts als Trailer einsetzen. Es würde garantiert ein Publikumsrenner!
