Warum Musik lebenswichtig ist – besonders in Zeiten wie diesen

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Von Sondershausen und seiner besonderen Musiktradition war in diesem Blog schon häufiger die Rede. Die Stadt beherbergt nicht nur mit dem um 1600 gegründeten Lohorchester eines der ältesten Berufsorchester Deutschlands, hier ließ Fürst Friedrich Carl I. ab 1806 die Allgemeinheit an öffentlichen, kostenfreien Konzerten teilnehmen. Diese Loh-Konzerte, benannt nach dem Aufführungsort, gehörten zu den ersten Konzertangeboten für alle in Deutschland.

Wie hoch diese Musiktradition in der Stadt gehalten wird, konnten die Besucher des 3. Lohkonzerts am Sonntag im Achteckhaus, früher Karussell, heute Sommerkonzertstätte, erleben.

Deutschland soll so viele geniale Komponisten hervorgebracht haben wie alle anderen Länder zusammengenommen. Deshalb kommen immer wieder Komponisten zur Aufführung, von denen man vorher als Laie nie etwas gehört hat.

Diesmal stand unter dem Motto „Barock meets Piazzolla“ an erster Stelle Heinrich Ignaz Franz von Biber mit seiner „Battalia à 10“ auf dem Programm. Wie Gábor Hontvári, der Dirigent, dem Publikum mitteilte, war Biber der wohl modernste Barockkomponist. Der Violinvirtuose, später Hofkapellmeister des Salzburger Erzbischofs, hat percussive Elemente benutzt, die erst später von modernen Musikern wiederentdeckt wurden. In seiner Battalia à 10 treten 10 verschiedene instrumentale Stimmen gegeneinander an, die nicht nur eine Kampfszene abbilden, sondern den ganzen Umfang kriegerischen Geschehens erfassen. Man hört die Reveille, die Kämpfer marschieren, aber auch das Klagen der Verwundeten, also Antikriegsthemen.

Leider sind Bibers Messen, Opern, Schuldramen und andere Werke weitgehend vergessen.

Auch die Werke der anderen Komponisten sind dem Kampf gewidmet. Bei Wilhelm Friedemann Bach, dem ältesten Sohn von Johann Sebastian, denkt man unwillkürlich an seinen lebenslangen Kampf, als freischaffender Komponist zu leben. Der Entschluss war nicht ganz freiwillig, weil seine zahlreichen Bewerbungen auf Ablehnung stießen.

Bei der aufgeführten Sinfonia F „Dissonanzen“ stammte der Titel nicht von ihm. Im Werk findet der Kampf vor allem zwischen den Violinen statt, die der junge Bach laut Programmheft „avanciert durch die Tonarten führt“.

Die andere Hälfte der Kompositionen war dem Thema Liebe gewidmet – ein Panorama musikalischer Welten, verbunden durch das Element Liebe. Für den Barock sind es die Komponisten Henry Purcell und Jean-Philippe Rameau, die weit mehr als die vertrauten höfischen Romanzen abbilden. Wie spannungsvoll sich das Verhältnis von europäischer klassischer Musik und außereuropäischen Traditionen gestalten kann, wurde durch die Stücke des Argentiniers Astor Piazzolla demonstriert. Astor wurde sein Leben lang vom Tango geprägt. Er selbst empfand das anfangs als minderwertig, bis er anlässlich eines Paris-Aufenthaltes von der Komponistin Nadia Boulanger darin bestärkt wurde, den Tango zur Grundlage seines Schaffens zu machen.

Ein wirkungsmächtiger Rat, denn der Tango nuevo, den Piazzolla entwickelte, wurde weltberühmt. Im Achteckhaus riss er Musiker und Publikum förmlich von den Stühlen.

Ich kann mich an kein Konzert erinnern, das ein solches permanentes Lächeln auf die Gesichter von Musikern und Publikum gezaubert hätte. Das lag auch an der Kunst des Dirigenten, der nicht nur ein Meister, sondern eine Naturgewalt ist. Hontvári stellt eine fast symbiotische Beziehung zu seinen Musikern her.

Einen großen Anteil am besonderen Zauber dieser Aufführung hatte Sophia Dobra, die zweite Konzertmeisterin des Lohorchesters, die sich als Violinensolistin zu Höchstleistungen steigerte, die keinen Vergleich zu scheuen brauchen.

Für mich war das Konzert, das beste von den vielen guten bis hervorragenden Konzerten, die ich seit Jahrzehnten vom Lohorchester gehört habe, nicht nur ein Hochgenuss. Es beförderte meine Erkenntnis, dass die Subventionierung klassischer Aufführungen und Spielstätten kein Luxus ist, sondern zur staatlichen Kernaufgabe gehört. Ich werde versuchen, das so vielen Politikern wie möglich zu vermitteln.

Wer jetzt das Gefühl hat, dass er dieses Konzert gern gehört hätte – es gibt noch eine Chance. Am 9. Juli gibt es um 19.30 Uhr noch eine Aufführung in der St.-Johanniskirche in Ellrich bei Nordhausen. Thüringen ist nicht aus der Welt, es liegt in der Mitte Deutschlands!



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