Nächster Halt: „Idiocracy“?

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Von Ekatherina Quehl

„Die GenZ sei die erste Generation der modernen Geschichte, deren kognitive Fähigkeiten hinter ihrer Vorgängergeneration zurückfielen“ – mit dieser Warnung stellte der Neurowissenschaftler und Bildungsexperte Jared Horvath die Ergebnisse neuer internationaler Studien bei einer Anhörung im US-Senat vor.

„Lese- und Schreibfähigkeiten, Rechenfertigkeiten, Aufmerksamkeit und das abstrakte Denkvermögen haben trotz steigender Schulbesuchsquoten abgenommen“, schreibt Horvath in seiner Stellungnahme. Er weist auf die PISA-Studie und zwei weitere internationale Studien, die Kompetenzen in Mathematik und Naturwissenschaften (Trends in International Mathematics and Science Study) sowie die Kompetenzen im Bereich der Lesefähigkeit (Progress in International Reading Literacy Study) der Schüler messen, hin.

Dieser bedauerliche Trend begann ab Mitte der 2000er Jahre. Zuvor waren die jüngeren Generationen immer schlauer, als die älteren.

„Während des größten Teils des 20. Jahrhunderts verbesserte sich die kognitive Leistungsfähigkeit über Generationen hinweg stetig. Das war vor allem auf den erweiterten Zugang zu formaler Bildung und eine verbesserte Unterrichtsqualität zurückzuführen.“ Seit Mitte der 2000er Jahre stagniere dieser Trend und kehrte sich schließlich in vielen westlichen Ländern um, so Horvath.

Was passiert, wenn die GenZ über schlechtere kognitive Fähigkeiten verfügt als Generationen zuvor?

Seit Beginn der Moderne lebten unsere Gesellschaften mit dem Selbstverständnis, dass jede nächste Generation gebildeter, kompetenter und technologisch fortschrittlicher wird als die vorherige. Kinder sollten ihre Eltern übertreffen und genau darauf beruht der Fortschritt.

Wenn es sich aber tatsächlich bewahrheiten sollte, dass die Generationen Z und Alpha (geboren zwischen 2010 und 2025) schlechtere kognitive Fähigkeiten als ihre Eltern haben, wäre das ein historischer Bruch auf mehreren Ebenen. Am Anfang würden wir das wahrscheinlich gar nicht bemerken, denn die Automatisierung vieler gesellschaftlicher Prozesse, digitale Hilfsmittel und all die technischen Systeme prägen inzwischen unseren Alltag.



Individueller geistiger Rückschritt

Wenn Jugendliche immer mehr Aufgaben in ihre „externen Hirnregionen“ wie Smartphones verlagern, dann bedeutet das nicht nur, dass sie sich schlechter konzentrieren, lesen und schreiben können. Es heißt auch, dass ihre Gehirne verlernen, wie man lernt. Schon jetzt können viele Kinder und Jugendliche nicht mal analoge Uhren lesen – etwas, was einem so elementar vorkommt wie etwa das Schuhebinden. Wenn ein Gehirn die meiste Zeit Informationen nur noch in Form von Reizen und kleinen Fragmenten aufnimmt, was macht dann der Verstand mit komplexen Zusammenhängen, Widersprüchen und Argumentationen? Googeln oder ChatGPT fragen, ob der Freund rechtes Gedankengut hat, weil er Sprudelwasser trinkt?

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Kultur

Gefühlt erleben wir bereits seit Jahren die extreme Infantilisierung in der Kultur. Als ob sie aufhören müsste, kompliziert zu sein. Charaktere werden eindeutiger, verständlicher, Gut und Böse deutlich erkennbar. Komplizierte Figuren wie Hamlet oder Raskolnikow wirken schon jetzt fast verdächtig. Ganz abgesehen von Geschichten mit offenem Ende, die heute oft nur noch Verwirrung auslösen.

Wie entwickelt sich die Kultur in der Zukunft mit dem gegenwärtigen intellektuellen Abwärtstrend? Wird sie das über Jahrtausende angesammelte Kulturgut noch brauchen und wertschätzen? Und wenn ja, werden weltberühmte Literaturwerke wie Faust oder Don Quijote in Comics für Erwachsene adaptiert? Oder „Der Prozess“ von Kafka in einer einfachen Sprache neu verfasst?

Politik

Hier wird es wahrscheinlich „immer wunderlicher“ – um es mit Worten von Alice im Wunderland zu sagen – und man braucht keine große Fantasie, um sich vorzustellen, wie eine solche Gesellschaft aussehen würde. Solche Konstrukte wie Demokratien mit all ihren komplexen Mechanismen wie freie Wahlen, Volkssouveränität und Gewaltenteilung würden wahrscheinlich gar nicht funktionieren. Denn dafür braucht eine Gesellschaft genügend Menschen, die in der Lage sind, komplexe Informationen zu verarbeiten, langfristig zu denken und zwischen Gefühl, Meinung und Realität zu unterscheiden. Wer sich aber einen Eindruck davon verschaffen möchte, wie es in der Zukunft aussehen könnte, muss nur einen Blick auf die Gegenwart werfen:

Technologie

Zwar sind GenZ und Alpha die ersten Digital Natives, also die Generationen, die mit Smartphones und Co. aufwachsen und diese intuitiv benutzen können, entscheidend ist jedoch die Frage, ob sie überhaupt verstehen, wie diese Systeme funktionieren und warum sie sie brauchen. Ja, die Vorgänger-Generationen verstehen das wahrscheinlich zum großen Teil ebenfalls nicht, aber sie haben – hoffentlich – noch andere Gründe, warum sie diese Technologien nutzen und wissen noch, wie sie den Alltag auch ohne WLAN und vollen Akkus meistern können. Die Welt könnte sich zu einem Konstrukt voller hochkomplexer Technologien entwickeln, die sich selbst um ihre eigene Entwicklung kümmern, während der Mensch darauf angewiesen sein wird, alltägliches Wissen – etwa wie man Spiegeleier brät – bei ChatGPT zu erfragen.

Und dann?

In der Kult-Komödie „Idiocracy“ gelten die Protagonisten – ein oberflächlicher Bibliothekar bei der Armee und eine Prostituierte – als die klügsten Menschen der Welt, nachdem sie nach einem 500 Jahre langen Schlaf in einer völlig verblödeten Zukunftsgesellschaft auf einer Müllhalde aufwachen. Wenn sich die Entwicklungen der heutigen GenZ und Alpha tatsächlich so fortsetzen, würden sie wahrscheinlich aus Sicht zukünftiger Generationen als intellektuelle Eliten gelten – einfach, weil sie noch wussten, dass ein Kugelschreiber keine schreibende Kugel war, sondern ein Stift und Wasserkocher kein Beruf.



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