Von Hans Hofmann-Reinecke
Vor fünf Jahren verstarb auf bislang ungeklärte Weise der geniale Pianist und Wagner Experte Stefan Mickisch. Seine Einführungen in die Opern der Bayreuther Festspiele wurden von Tausenden besucht und bejubelt. Unter ihnen waren einflussreiche Persönlichkeiten aus Politik und der Kulturelite. Es ist erstaunlich, wie schnell dieses Genie und sein früher Tod in Vergessenheit gerieten.
Einem Sechsjährigen erklären
„Wer etwas verstanden hat, der kann es auch einem Sechsjährigen erklären“. Wie so viele kluge Worte werden auch diese Albert Einstein zugeschrieben. Sie gelten aber nicht nur für die Physik. Auch Musik kann einiges an Intelligenz und Hingabe erfordern, um ihre Botschaft zu erfassen. Bei Abba ist das vielleicht einfach, bei Richard Wagner wird es schon schwieriger.
Allein über die ersten vier Noten seiner Oper „Tristan und Isolde“ wurden hunderte wissenschaftlicher Schriften verfasst. Doch da gab es nun ein musikalisches Genie, der konnte diese berüchtigten Noten, den „Tristan-Akkord“, in fünf Minuten erklären, und auch den Rest der Oper. In diesem Video führt er den renommierten britischen Schauspieler Sir Stephen Fry in die Geheimnisse der besagten Tonfolge ein. Das Ganze geschieht noch dazu in Wagners Bayreuther Villa Wahnfried, auf des Meisters Piano, das Steinway ihm zur Eröffnung der Festspiele 1876 gebaut hatte.
Dieses Genie war Stefan Mickisch. Und so wie die Helden Wagners sollte auch er einen tragischen, von Neid und Verrat überschatteten, frühen Tod sterben.
Gasfabrik statt Venusberg
Stefans Lebensinhalt waren Einführungen in Wagners Opern, die er ab 1998 jedes Jahr im Rahmen der Bayreuther Festspiele anbot. Insgesamt gab es 450 solcher Veranstaltungen vor über 100.000 Zuhörern. Ort war die erwähnte Villa Wahnfried, die den perfekten Rahmen für diesen Zweck bot. Seine Erklärungen und seine legendäre Virtuosität am Piano waren zentrale Attraktion für die Festspiele.
Nun war Wagner zwar vor Hitlers Geburt gestorben, er war dennoch „umstritten“; einerseits wegen seines germanischen Sujets, andererseits wegen seiner Popularität bei den Nazis. Um sich von diesem Fluch zu distanzieren, zogen die Veranstalter alle Register, die sich dazu anboten. Die Regisseure taten alles, um die Helden des Dramas, die Zuschauer und Wagner persönlich lächerlich zu machen. Im Bayreuther Tannhäuser 2013/14 gab es auf der Bühne statt Wartburg und Venusberg eine riesige industrielle Biogasfabrik, andere Szenen wurden in Latrinen verlegt.
Man konnte ja nicht vermeiden, Wagner aufzuführen, aber zur Strafe verunstaltete man ihn, um jeden Verdacht von „rechts“ im Keim zu ersticken.
Verbotener Vergleich
Stefan Mickisch war aus dieser Sicht wenig „linientreu“, und er stand der aktuellen Politik insgesamt kritisch gegenüber. Im Dezember 2020 veröffentlichte er auf Facebook eine aggressive Stellungnahme gegen die deutsche COVID-Politik und erwähnte in dem Zusammenhang den Widerstandskämpfer der Weißen Rose Hans Scholl, der am 22. Februar 1943 hingerichtet worden war. Dr. Sven Friedrich, Direktor des Richard Wagner Museums, reagierte auf diese Äußerungen mit Empörung. Mit viel öffentlichem Aufsehen erklärte er Mickisch zur Persona non grata im Hause Wahnfried.
Mickisch war damit die Stätte seines Wirkens, seiner Selbstverwirklichung, der Sinn seines Lebens genommen; es war für ihn wie ein Todesurteil. Er verstarb – vermutlich von eigener Hand – zwei Monate später, am 17. Februar 2021 im Alter von 58 Jahren.
Unter den Tausenden von Besuchern, die Stefans Aufführungen genossen und bejubelt hatten, befanden sich vermutlich diverse Personen mit Einfluss, die seine Verbannung aus Villa Wahnfried hätten verhindern können – auch wenn sein Ende nicht vorauszuahnen war. Wer von ihnen hat sich damals für ihn eingesetzt?
Die deutschen Eliten haben sich noch nie durch mutigen Widerstand gegen den Zeitgeist ausgezeichnet.
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