War da nicht was? Gedanken zum vierten Jahrestag der islamischen Anschläge in Paris

Veröffentlicht am

von Gastautor Dr. Wolfgang Hintze

Nur Vergesslichkeit?

Ja, da war tatsächlich “was”! Am 13. November 2015 fand in Paris der nach Madrid 2004 größte islamisch motivierte Anschlag auf europäischem Boden statt.

Die deutschen Medien sahen offenbar keinen Anlass, an das Ereignis zu erinnern. Vielleicht sahen sie, anders als bei nicht enden wollenden Berichten über Honkong und das Amtsenthebungsverfahren gegen Trump, “keine überregionale Bedeutung”.

Aber vielleicht wissen sie auch einfach, dass eine “unvorsichtige” Bewertung dieses Ereignisses erhebliche negative Konsequenzen haben kann. Der Journalist Matthias Matussek etwa hatte kurz nach dem Anschlag und zwei Monate nach Merkels Grenzöffnung gesagt „Ich schätze mal, der Terror von Paris wird auch unsere Debatten über offene Grenzen und eine Viertelmillion unregistrierter junger islamischer Männer im Lande (in) eine ganz neue frische Richtung bewegen“, was prompt seinen Rauswurf als Redakteuer des Springer-Blattes “Die Welt” nach sich zog.

Was war passiert?

Erinnern wir uns also mit Wikipdia

Die Terroranschläge am 13. November 2015 in Paris waren koordinierte, islamistisch motivierte Attentate an fünf verschiedenen Orten. Nach Angaben der französischen Regierung wurden 130 Menschen getötet und 683 verletzt, darunter mindestens 97 schwer. Außerdem starben sieben der Attentäter in unmittelbarem Zusammenhang mit ihren Attacken. Zu den Anschlägen bekannte sich die terroristische Vereinigung „Islamischer Staat“ (IS).

Die Angriffsserie am Freitagabend richtete sich gegen die Zuschauer eines Fußballspiels im Stade de France, gegen die Besucher eines Rockkonzerts im Bataclan-Theater sowie gegen die Gäste zahlreicher Bars, Cafés und Restaurants. Es handelte sich um mehrere Schusswaffenattentate, ein Massaker mit Geiselnahme sowie sechs Detonationen, die von Selbstmordattentätern mit Sprengstoffwesten ausgelöst wurden.

Auf Netflix gibt es darüber eine höchst ergreifende dreiteilige Dokumentarserie mit dem Titel “13. November: Angriff auf Paris” (frz. mit dtsch. Untertiteln), die in ihrer Detailliertheit nichts für schwache Nerven ist, aber das ganze Ausmaß dieses Massakers zeigt.

Irritierende Reaktionen

Die Reaktionen vieler, vor allem junger, Menschen auf diesen Terror hatte mich sehr verblüfft. Statt Wut auf die Täter und Entschlossenheit zur Gegenwehr gab es ratloses und ergriffenes Zusammensein bei Kerzenschein, eine Art Party der “soumission”.

Der “Welt”-Autor Philip Kuhn schrieb dazu am ersten Jahrestag des Anschlages:

Nach dem Anschlag auf das „Bataclan“ vor einem Jahr gab es kaum Wut, keine Auflehnung, keine Entschlossenheit. Niemanden, der ankündigte, irgendetwas verändern zu wollen. Warum war da kein Kampfesmut?

und er erzählt

… schließlich landete ich bei Bekannten ein paar Straßen weiter. Schon im Hofeingang hörte ich Technomusik aus der Wohnung. Drinnen feierten glückliche, entrückt wirkende Menschen. Ich war perplex. Keine Spur von Trauer, von Stille oder von Innehalten. Stattdessen ein Dutzend aufgekratzter Mittdreißiger.

„Wir müssen das Leben jetzt erst recht feiern“, sagten sie. Man dürfe auf keinen Fall Muslime ausgrenzen. Genau diese Spaltung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen hätten die Attentäter ja gewollt.

Seltsam, dass diese “aufgekratzten Mittdreißiger” genau wissen, was die Attentäter gewollt haben, anstatt die Attentäter selber zu Wort kommen zu lassen (wie etwa hier und hier). “Sie würden nämlich etwas von “Ungläubigen” hören, die man laut Koran zu beseitigen habe. Auch könnten diese Menschen sich einmal erkundigen, was eigentlich genau bei einer so genannten “Radikalisierung” vor sich geht und was diese mit dem Islam zu tun hat.

Was lernen wir?

Das ganze Ausmaß des Terroranschlages von Paris wird deutlich, wenn man sich klar macht, dass die Opferzahlen der Terroranschläge der beiden rechtsextremen Täter, Anders Breivik und des Christchurch Killers Brenton Tarrant, zusammen genommen noch unter denen von Paris bleiben.

Wer sich objektiv und ideologiefrei über Terror-Anschläge informieren möchte, sei in diesem Zusammenhang auf die Globale Terrorismus-Datenbank verwiesen.

Schließlich müssen wir erkennen: Wegschauen und Verschweigen nützt nichts, es geht weiter, siehe hier, hier und ganz aktuell hier, und man wird das Gefühl nicht los, dass die Beherzigung von Matusseks Anmerkung für das Land besser gewesen wäre.

Nehmen wir also den 13. November zum Anlass und gedenken aller Opfer von Terror, aber vergessen wir auch nicht die Täter und ihre jeweiligen menschenverachtenden Ideologien.



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