Fritz Schramma: Ende eines Dialogs auf Augenhöhe

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Von Gastautor Dr. Wolfgang Hintze

Was für ein wunderschöner Spätsommertag in Berlin! Bummel durch unsere sonnenüberfluteten Straßen von Charlottenburg und Halensee. Geschenke für liebe Freunde erstanden, italienisch Essen und einen hübschen Cappuccino als Sahnehäubchen. Zuhause ein bisschen Klonovsky gestöbert, der uns endlich aufklärt, was es inhaltlich mit der geplanten Neugründung des Vereins “Juden in der AfD” auf sich hat. Überzeugendes Konzept. In Köln hat der türkische Präsident seine Großmoschee eingeweiht. Alles paletti! Also, nicht mehr zu steigern. Oder doch?

Ein schrilles Lachen aus dem Nebenzimmer! Meine Frau hat einen Artikel in der FAZ entdeckt, bei dessen Lektüre uns kurzzeitig die kultivierte Erziehung verließ: Fritz Schramma, von 2000 bis 2009 Oberbürgermeister von Köln – auch liebevoll “Türkenfritz” genannt – der sich jahrelang mit großem persönlichen Engagement für den Bau der dortigen Ditib-Moschee eingesetzt hat und der eifrigste Befürworter war, hat der “Zeitung für Deutschland” ein Interview[1] gegeben. Es ist ein Lehrstück in aktueller Zeitgeschichte, das man den etwas aus dem wissenschaftlichen Takt geratenen Protagonisten des Deutschen Historikerkongresses [2] nur wärmstens ans Herz legen kann, und bei dessen Lektüre man zwischen Häme (Pfui) und Mitleid schwankt.

Aber lesen Sie selbst einige Auszüge (Zitate kursiv, aufrechter Text von mir, fett Fragen Martin Benninghoff, S = Antworten Fritz Schramma)

“Erdogan eröffnet DITIB-Moschee. Ein Akt der absoluten Unhöflichkeit.”

Herr Schramma, am Samstag eröffnet Erdogan die große Ditib-Moschee in Köln. Sie haben sich in Ihrer Amtszeit als Oberbürgermeister sehr für den Bau eingesetzt.

Haben Sie sich die Einweihung so vorgestellt?

S: Nein, auf keinen Fall. Wir hätten die Moschee gerne aus anderer Perspektive eröffnet. Wir hätten uns einen Tag der offenen Tür oder ein Volksfest mit Beteiligung der Bevölkerung gewünscht, so wie es auch immer artikuliert worden ist. Als Ort für alle Muslime, aber auch für alle Andersgläubigen, als Plattformen des Dialogs.

Sind Sie denn offiziell eingeladen worden?

S: Nein, ich bin gerade nochmal am Briefkasten gewesen. Ich bin bislang nicht offiziell eingeladen worden, einen Anruf aus dem Vorstand hatte ich mal bekommen, dass eine Einladung folgt. Wenn da noch kurzfristig was kommt – ich weiß noch nicht, ob ich dem folgen werde. Es ist ja auch, um es gelinde zu sagen, eine unverschämte Art, so mit Leuten umzugehen, die sich mehr als zehn Jahre für diesen Bau eingesetzt haben.

Fühlen Sie sich benutzt?

S: Die Ditib ist da einzuordnen zwischen Unprofessionalität und Böswilligkeit. Ich weiß nicht, ob sie es nicht können oder nicht wollen, vielleicht eine Mischung. Es gibt Leute, die sagen, ohne meine Mediation wäre die Moschee nicht fertig geworden, was auch nicht ganz unrichtig ist.

Sie sind Mitglied des Beirates, der vor Jahren von der Ditib gegründet wurde, um die Kommunikation mit Politik und Bürgern voranzubringen. Der scheint nun in Auflösung, nachdem einige Mitglieder gefrustet ihren Austritt erklärt haben.

S: Die letzte offizielle Sitzung war zu Beginn des Jahres, und zu dem Zeitpunkt haben wir den Fortschritt des Baus und der Nutzung erklärt bekommen. Wir haben nachgefragt, wann die Eröffnung geplant ist, die wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.

Gleichzeitig haben wir die Frage gestellt, wie es mit dem Beirat weitergeht, wenn der Bau abgeschlossen ist. Wir wollten auch zukünftig als begleitendes Gremium zur Verfügung stehen, wenn das denn gewünscht ist, und zwar in der Art, dass wir die programmatische Ausgestaltung der Moschee mitgestalten. Konzerte, Lesungen, Diskussionen, Vorträge, das hätten wir gerne mitgestaltet. Ich weiß, dass das Gürzenich-Orchester schon vorbereitet war, zur Eröffnung etwas beizutragen, ebenso ein großer Kirchenchor. Es hätte ein Volksfest werden können und damit auch ein gutes Zeichen für Integration.

Die Chancen sind leider alle vertan…

Wann ist bei Ihnen der Punkt erreicht, dass Sie sagen, es reicht mir, ich engagiere mich nicht mehr für die Moschee?

S: Ich denke, dieses Wochenende wird für mich sehr entscheidend sein. Der Grad der Zumutung ist so nicht mehr hinnehmbar. Ein Akt der absoluten Unhöflichkeit. Ein Schlag ins Gesicht aller, die sagen, die Türken seien besonders gastfreundlich. Wenn das der Stil ist, sich in einem Gastland zu gerieren, dann ist das völlig daneben.

Ihre Hoffnung war, dass die große Moschee integrationsförderlich sein würde. Bleiben Sie dabei?

S: Das ist auf jeden Fall ein Rückschritt im Moment … Aber diese schön gebaute Moschee wird den türkischen Präsidenten oder den aktuellen Ditib-Vorstand überleben…

Es wird sicherlich auch jetzt wieder aus dem rechten Lager hämische Kommentare geben, die genau in die Kerbe hauen und einen als Naivling bezeichnen werden, trotzdem stehe ich dazu.

Kommentar überflüssig, aber die Verwendung des Wortes “Gastland” durch Schramma sei dennoch angemerkt.



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