Aktueller Sachstand aus dem Denunziantenstadl oder Wie man Kampagnen-Journalismus macht

Für viele Filmliebhaber sind die Making-of-Teile eines Videos die interessantesten. Nachzuvollziehen, wie so ein Werk entsteht, ist oftmals spannender, als es fertig zu sehen. Seit Freitag erlebe ich am eigenen Leib, wie Kampagnen-Journalismus gemacht wird. Das ist auch lehrreich, obwohl ich auf diese Erfahrung gut verzichten könnte.

Seit Freitagnachmittag steht ein Stück des Tagesspiegel-Journalisten Matthias Meisner im Netz, in dem er behauptet, ich ließe mir „von Rechtsradikalen eine Bühne bauen“. Hintergrund ist die Einladung Pirnaer Unternehmer zu einem Bürgerforum mit Frauke Petry, bei dem ich die Moderation übernommen habe. Eine erste ausführliche Analyse habe ich schon Freitag am frühen Abend veröffentlicht.

Matthias Meisner liegen mittlerweile Stellungnahmen der einladenden Unternehmer, von Frauke Petry, der AfD und von mir vor. Der Artikel bekam zwei Updates, aber die Kernvorwürfe in Titel, Untertitel und Artikel, durch die ich, Frauke Petry, die Veranstaltung und alle einladenden Unternehmer mit Rechtsradikalen in Verbindung gebracht werden, hat Meisner nicht gelöscht.

Was ist in diesem Land los, dass sich ein Journalist einer wichtigen Tageszeitung einbildet, einen solch ungeheuerlichen Vorwurf trotz klarer Dementis aller Beteiligten und ohne Vorlage von Beweisen aufrechterhalten zu können oder zu müssen? 

Da Meisner versichert, er hätte „sehr belastbare Beweise“ für seine Anschuldigung, müssen wir uns notgedrungen noch mal damit beschäftigen. Was ist der Vorwurf? Meisner wartet mit einer Indizien-Vermutungs-Konstruktion auf, die man wohl nur in der Binnenweltsicht des Berliner Politikrummels, wo Grenzen für nicht sicherbar gehalten werden und Strom offenbar aus der Steckdose kommt, als seriösen Journalismus ansieht.

Auf Grund einer anonymen Twitternachricht aus Pirna postuliert Meisner eine Verbindung zwischen der Veranstaltung und der sogenannten „Ein-Prozent-Bewegung“. Die gibt es wirklich (ich kannte sie nicht). Eine offenbar rechts-konservative Organisation. Gründer ist der Rechtsintellektuelle Götz Kubitschek. Ist die „Ein-Prozent-Bewegung“ in Teilen oder als Ganzes rechtsradikal? Es sieht nicht so aus, Meisner liefert auch keinen belastbaren Beleg, aber im Denunziantenstadl Deutschland reicht ja der Anwurf.

Aber weiter in der Meisnerschen Argumentationskette. Der härteste Vorwurf lautet, dass auch Jürgen Elsässer Teil oder gar Mitgründer von „Ein-Prozent“ ist. Dieser ehemalige linksradikale APO-Aktivist und jetzige Putin-Versteher hat nicht das Geringste mit der Pirnaer Veranstaltung zu tun. Er taucht im Artikel wahrscheinlich nur auf, um mich bei meinem Stammblog, der Achse des Guten, anzuschwärzen. Liefert Meisner einen Beleg? Nein, er zitiert den MDR, der etwas „recherchiert“ haben will. Wohlgemerkt derselbe MDR, dessen Ballett zu Gast beim tschetschenischen Diktator Ramsan Kadyrow war (Reaktion der Redaktion: Das Ballett kannte sich mit Verhältnissen in Tschetschenien nicht aus), und derselbe MDR, der letztens eine Linkspartei-Bundestagskandidatin unter verändertem Namen als betroffene Bürgerin ausführlich zum Wahlkampfthema Wohnungsnot befragt hat (Readaktion: Wir haben den Namen korrigiert und uns entschuldigt). Ein Sender mit klaren politischen Ansichten, aber offenkundigen Schwächen in Qualitätssicherung und Hintergrundrecherche.

Woher kommt aber die Verbindung zu Pirna? Der anonyme Mahner behauptet, dass eine in Pirna gegründete Vereinigung, „Pro Patria Pirna“, ein Ableger der „Ein-Prozent“-Organisation sei. Meisner übernimmt die Argumentation. Belege? Na klar, keine. Wozu auch?

Pirna hat knapp 40.000 Einwohner: Gibt es vielleicht ein Verbindung zwischen PPP und den neun Veranstaltern? Meisner vermutet das. Belege? Wieder nicht. Aber es sollte noch mal deutlich gesagt werden, dass die einladenden Unternehmer versichern, dass die Veranstaltung von ihnen allein organisiert wird. Und dass sie natürlich nicht rechtsradikal sind. Das immerhin hat Meisner ja jetzt auch ans Ende seines Artikels gesetzt.

Und selbst wenn es familiäre oder andere Verbindungen zwischen einem der Einlader und der PPP gäbe, was wäre dann? In der denunziatorischen, beleglosen Indizienkette von Matthias Meisner steckt bis auf den dubiosen MDR-Verweis auf Jürgen Elsässer politisch nichts, was selbst einem Kampagnenjournalisten das Recht gäbe, hier „Rechtsradikalismus“ zu rufen.

Wo also sieht Meisner die Rechtsradikalen? Und wen stellt er neben Frauke Petry und Vera Lengsfeld an den Pranger? Zum Beispiel den Unternehmer, der mich eingeladen hat, ein tiefgläubiger Christ. Er beschäftigt einen Kosovo-Albaner, der von Abschiebung bedroht war, in seinem Betrieb. Der Mann, der sich illegal in Deutschland aufgehalten hatte, ist mit einem gültigen Arbeitsvertrag in das Kosovo zurückgekehrt, um ein legales Visum nach Deutschland beantragen zu können. Und jetzt muss er sich mit „Rechtsradikalismus“-Vorwürfen aus der Hauptstadt herumschlagen.

Matthias Meisner steht natürlich jetzt unter Druck. Er muss mehr liefern als einen nicht konkretisierten Hinweis auf „Recherchen“ des Qualitätssenders MDR. Deshalb stellt er jetzt den einladenden Unternehmern inquisitorische Fragen: Welchen Vereinen und welchen Parteien sie angehören oder angehört haben, an welchen Demonstrationen sie teilgenommen hätten, wie sie welche Aktivitäten bewerten würden. Auch ein schöner Zug im Denunziantenstadl: Wer in die Pressemaschinerie gerät, muss seine Unschuld beweisen. Denn der MDR und Matthias Meisner haben immer recht. Oder zumindest das Richtige gewollt. Oder zumindest gedacht, dass sie eigentlich das Richtige wollen.

Willkommen im Denunziantenstadl Deutschland. Fortsetzung folgt.

Bonustrack

Und mit Fakten nimmt es Matthias Meisner auch nicht so genau. Beispiele gefällig? Ich bin seit 12 Jahren nicht mehr im Parlament, ich war zuletzt 2009 Kandidatin für den Bundestag. Ich bin zwar einfaches CDU-Parteimitglied, hatte in den letzten Jahren aber keinerlei aktive Position inne. Dafür publiziere ich sehr viel, und die Veröffentlichungen finden Beachtung. Aus diesem Grunde habe ich auch einen Presseausweis, bin also seit Jahren eine Kollegin Meisners. Trotzdem führt er mich im Tagesspiegel im Titel des Artikels der Druckausgabe als „CDU-Politikerin“ – wenn es der Skandalisierung hilft, ist alles recht. Mich korrekt als „Publizistin“ zu bezeichnen, so viel Faktentreue ist den Leserinnen und Lesern wohl nicht zuzumuten.

Und im Untertitel des gleichen Artikels steht übrigens, dass ich „Gast der AfD“ sei. Nachweislich falsch. Das ist Meisner auch bewusst, denn in der Onlineausgabe hat er nach Hinweis der Unternehmer den falschen Übertitel „Wahlkampfauftritt“ in ein zumindest sachlich korrektes „Auftritt im Wahlkampf“ geändert. Was nicht passt, wird passend gemacht. So geht Journalismus in Deutschland heute…