Lieber Tagesspiegel

 

von Gastautorin Marion Titze

Das ist kein Offener Brief, das sind ein paar persönliche Gedanken. Als ich neulich an dieser Stelle über die WELT am Sonntag schrieb, hatte ich viele Zweifel.

Wer war ich denn, dass ich glaubte, den Medienbetrieb davor warnen zu müssen, dem Anschwärzen nicht Tür und Tor zu öffnen. Tür und Tor? War das nicht übertrieben? Schickte es sich, in einer funktionierenden Demokratie so eine Warnung in die Welt zu trompeten?

Just in diese Selbstbefragung hinein platzte der Text eines Reporters vom Tagesspiegel. Mit der Verve eines Savonarola brandmarkte er erst im Netz, dann abgespeckt in der Druckausgabe Vera Lengsfeld als Sympathisantin von Rechtsradikalen.

Sie hatte zugesagt, eine Veranstaltung mit Frauke Petry zu moderieren, der offenbar letzten verbliebenen Hexe einer verruchten oppositionellen Partei. Eigentlich zum Lachen, und man sollte es mit Luther halten und schweigen. Denn wer mit einem Dreck rammelt, er gewinnet oder verlieret …

Beschmutzt, sagt Luther, wird man allemal. Warum also rein in den Schlamm?

Nun, wer nie diffamiert wurde, dem ist eine Erfahrung erspart geblieben, die Erfahrung, dass es eigentlich unmöglich ist, eine Verleumdung selbst richtigzustellen. Wenn die Mehrheit zur Verleumdung schweigt, dann wird das Behauptete wahr. Die Psychologie nennt das Stigmatisierung, das Opfer muss dann nicht mehr erledigt werden, es erledigt diese Arbeit künftig selbst.

Ich verdanke diese Erfahrung des auf  solche Weise aus dem Verkehr-gezogen- Werdens ausgerechnet einer Koinzidenz meines Lebenslaufs mit dem Lebenslauf von Vera Lengsfeld.

Als Vera Lengsfeld im Januar 1988 den Einfall hatte, für das Recht auf Meinungsfreiheit in Ostberlin zu demonstrieren, indem sie der Partei ein Spruchband entgegenhielt, auf dem geschrieben stand: Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.

Man hätte meinen sollen, dass die Demonstrantin durch die Autorität derjenigen, von der das Zitat stammte, geschützt gewesen wäre. War es doch Rosa Luxemburg, jene Märtyrerin, der an diesem Wintertag wie in jedem Jahr mit einem Trauerzug gedacht wurde.

Der Ausgang der Aktion ist bekannt, Frau Lengsfeld wurde verhaftet und nach England abgeschoben. Zurück blieb ihr halbwüchsiger Sohn.

Zufällig für mich war er auch der Sohn meines Freundes. Ich fand es naheliegend, ihm die Aufnahme in meine Familie anzubieten. Kaum hatte ich es ausgesprochen in den Räumen der Redaktion, in der ich damals beschäftigt war, wurde ich entlassen. Ich war eine Sympathisantin der Opposition geworden.

Wie viele andere Dissidenten auch hat Vera Lengsfeld sich für diesen Fall von Sippenhaft nie interessiert.

Ich selbst hatte mal vor, eine Reportage zu schreiben über die Schneise des Unglücks, die die Ausbürgerung Wolf Biermanns in der normalen Bevölkerung der DDR hinterlassen hat. Ein wenig bemerkter Streifen an gebrochenen Biografien. Berühmt wurden die mutigen Unterzeichner des Protestes gegen die Untat. Ihr Prominentsein hat sie geschützt, manche durften ausreisen mit Pferd und Wagen. Schauspieler behielten ihr Engagement. Wer entlassen wurde, waren die Ehefrauen. Zum Beispiel als Dolmetscherin für Bulgarisch.

Ich habe die Recherchen eingestellt, als ich merkte, dass sich die Betroffenen, genau wie ich, nicht in der Opferrolle sehen wollten. Wir wollten namenlos bleiben.

Vera Lengsfeld wurde eine Person der Öffentlichkeit, und wir waren uns nie näher gekommen. Geändert hat sich das erst im Herbst 2015 durch den unsäglich devoten Parteitag der CDU. Im Land brodelte es, der Kontrollverlust des Staats begann sich abzuzeichnen, und Frau Merkel ließ sich mit stehenden Ovationen feiern. Eigentlich fehlte nur das Lied von Louis Fürnberg von der Partei, die immer recht hat.

Seit diesem Tag bin ich Leserin des Blogs Freedom is not free.

Dem Reporter des Tagesspiegels kann ich versichern, dass Vera Lengsfeld schon deshalb keine Sympathisantin der AfD sein kann, weil sie niemandes Sympathisant ist. Mir ist in meinem Leben selten eine Frau von einer derartigen inneren Unabhängigkeit begegnet. Anders als andere Politstars trägt sie das Wort Freiheit nicht als Monstranz vor sich her, es scheint Teil ihrer DNA zu sein. Erfolgreich sind in der Politik natürlich die Verbalisten, die Mentalisten bleiben stets Außenseiter.

Was Vera Lengsfeld und mich inzwischen verbindet, ist schlicht eine Allergie.

Uns wird übel bei dem Wort Sympathisant.