Von Christoph Ernst
Oktober ‘26
‚Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los…‘
Am selben Tag, als Schüler des Lycée Saint-Exupéry in Créteil gegen überfüllte Klassen, marode Räumlichkeiten, Lehrermangel und das obskure Studienzulassungssystem ‚Parcoursup‘ zu protestieren begannen, veröffentlichte Pierre Rosanvallon ‚La tyrannie du présent‘. Die ‚Tyrannei der Gegenwart‘ fächert auf, wie die Generation der ‚Boomer‘ sich an Privilegien klammert und ihre Gerontokratie der Jugend die Zukunft stiehlt. Gönnen sich die Alten satte Sozialleistungen, für die die Jungen ein Leben lang zahlen dürfen, ist das genauso übel wie horrende Mieten ohne Jobaussichten. Dagegen aufzubegehren, ist mehr als berechtigt. Doch Raubzüge, die jüdische Läden ins Visier nehmen und arabische verschonen oder Aufrufe, im Namen Allahs Polizisten zu töten, sprechen nicht für den Wunsch nach transparenterer Studienplatzvergabe. Wer Polizeiwachen und Rathäuser anzündet, protestiert nicht. Er stellt die Machtfrage.
Unter den Randalierern finden sich auch aufgewiegelte Schüler, der ‚schwarze Block‘ und die ‚Antifa‘, aber die Masse der ‚Casseurs‘ sind junge Muslime. Mittlerweile hat ein Drittel aller französischen Staatsbürger außereuropäische Wurzeln, zumeist im Maghreb. In einem Gespräch mit Clemens Traub im ‚Cicero‘ skizziert die Anthropologin Florence Bergeaud-Blackler Gemengelage der Jugendlichen. Anders als ihre Großväter wollen sie keine Europäer mehr sein. Für die meisten ist die Scharia wichtiger als weltliches Recht. Sie sehen sich als ‚Rächer‘. Nach ihrem Wertesystem ist es nicht verwerflich, ‚Ungläubige‘ oder ‚Kolonisatoren‘ anzugreifen. Halal-Gebote und die Umma zählen mehr als französische Gesetze. Ihre Verachtung für den Staat kommt nicht von ungefähr. Jahrzehntelang hat das Establishment sie ignoriert und den Islamisten das Feld überlassen. Gebildete Franzosen wollten partout nicht rassistisch sein und sich dem Vorwurf der ‚Islamophobie‘ aussetzen. Sie leisteten lieber Abbitte für die Sünden der Kolonialzeit und ereiferten sich über die Verbrechen ihrer Väter. Dass sie damit alle weltlichen Muslime in den Regen schickten und die Juden gleich mit in der Traufe stehen ließen, blenden die meisten von ihnen bis heute aus. „Oktoberimpressionen“ weiterlesen
