Omans 1893 veröffentlichte Geschichtsdarstellung ist nach wie vor eine fesselnde Schilderung der Jahrhunderte nach dem Untergang Roms. Es relativiert das Bild der Finsternis, das dieser Zeit traditionell zugeschrieben wird.
Für einen modernen Leser ist schon der Titel „The Dark Ages“ eine Provokation. Über Jahrzehnte hat die Wissenschaft uns darauf geeicht, Begriffe wie ‚dunkles Zeitalter‘ mit einer Skepsis und Abneigung zu behandeln. Wer die fünf Jahrhunderte nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reiches als eine Zone unterbelichteter Unwissenheit bezeichnet, bezeugt einen überholten, eurozentrischen Provinzialismus.
Die heutige akademische Landschaft betrachtet ältere, von ‚Blut und Eisen‘ geprägte Narrative von barbarischen Überflutungen und dem Zusammenbruch der Zivilisation als ‚viktorianisches Melodram‘. Wie Chris Wickham in seinem großartigen Werk The Inheritance of Rome (2009) bemerkt, „ist das frühmittelalterliche Europa immer wieder zwei großen Erzählungen zum Opfer gefallen: der Erzählung des Nationalismus und der Erzählung der Moderne.“
Für Wickham ist die Geschichte dieser Epoche allzu oft zu einer Übung in Teleologie geworden. Sie wurde rückwärts geschrieben, und das Mittelalter wurde als Auftakt zum Nationalstaat gesehen oder auf eine unglückliche Zwischenphase zwischen der klassischen Antike und der Renaissance reduziert.
Doch schon lange bevor die moderne Korrektur erfolgte, näherte sich Sir Charles Oman dieser Epoche mit dem Ziel, die Phase nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches als eigenständiges Drama wiederzuentdecken.
Wer heute ein verblasstes, in Leinen gebundenes Exemplar (oder eher eine digitalisierte Version auf
Archive.org) von Omans
The Dark Ages, 476–918 liest, stößt nicht auf das Werk eines plumpen Obskurantisten, sondern auf eine lebendige, literarisch-historische Erzählung.
Omans Werk aus dem Jahr 1893 war der Auftakt zu Periods of European History – einer klassischen, mehrbändigen Geschichtsbuchreihe, die der britische Historiker Arthur Hassall herausgab und die zwischen 1894 und 1931 erschien.
Oman wurde 1860 in Muzaffarpur in Bihar, Britisch-Indien, als Sohn einer Plantagenbesitzerfamilie geboren. Er erhielt seine Ausbildung in Winchester und Oxford. Bis heute ist er für seine monumentale, siebenbändige Geschichte der napoleonischen Kampagne auf der iberischen Halbinsel bekannt. Seine History of the Peninsular War erschien zwischen 1902 und 1930, gilt nach wie vor als unübertroffen und etablierte ihn als den führenden Militärhistoriker des Britischen Empire.
Omans früherer Ausflug in die Wildnis des Frühmittelalters indes offenbart einen Schriftsteller, der sich mit einer Frage auseinandersetzt, die auch unser Jahrhundert plagt: Was geschieht mit dem menschlichen Geist, wenn die strukturelle Architektur der bisherigen Welt auseinanderfällt?
Gibbons Schatten
Oman verfasste seinen Band in kreativer Auflehnung gegen Edward Gibbon, dessen monumentales Werk Verfall und Untergang des römischen Imperiums (1776–1788) einen langen, erhabenen Schatten auf die europäische Vorstellungswelt warf (und glücklicherweise immer noch wirft). Für Gibbon, ein Kind der Aufklärung, war der Untergang Roms eine langsame, qualvolle Kapitulation der klassischen Vernunft vor den beiden Kräften „Barbarismus und Religion“.
In seiner unnachahmlichen Prosa betrachtete Gibbon die nachrömischen Jahrhunderte als trostlose Verschwendung durch mönchischen Aberglauben und theologische Haarspalterei: eine lange, klamme Nacht vor dem Anbruch des Humanismus.Im Kontrast dazu begann Oman sein eigenes Buch mit einem sanften Akt der Rebellion.
Gibbon werde gewöhnlich unterstellt, den gesamten Zeitraum zwischen der Absetzung des letzten weströmischen Kaisers Romulus Augustulus durch den Germanenfürsten Odoaker im September 476 und dem Ende des karolingischen Reichs mit dem Tod Ludwig des Ersten im Dezember 918 abzudecken, doch wer ihn aufmerksam lese, merke, dass dies nicht der Fall sei. Für wesentliche Teile der Epoche, wie etwa der der langobardischen Könige oder der muslimischen Invasionen in Italien und Sizilien, gäbe es keine lückenlose englische Darstellung. Daher sei es sein ‚bescheidenes‘ Ziel, den gesamten nachrömischen Zeitraum zwischen 476 und 918 abzudecken.
Oman gehörte einer Generation an, die zunehmend von dokumentarischen Belegen und spezialisierter Wissenschaft besessen war und sich auf Persönlichkeiten wie Gustav Richter und J. B. Bury stützte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wandelten die kulturellen Strömungen. Unter dem Einfluss der Romantik und der deutschen Philologie fingen die ‚Spät-Viktorianer‘ an, die ‚barbarischen‘ Eindringlinge nicht mehr nur als Zerstörer des Lichts zu betrachten, sondern als Träger lebensspendender Energie. Aus der von Thomas Carlyle, E. A. Freeman und Bischof William Stubbs vertretenen ‚liberalen‘ Sicht brachten germanische Stämme eine ursprüngliche Freiheitsliebe mit, die, auf das überlebende römische Recht übertragen, die Grundlagen für den modernen Verfassungsstaat schuf.
Oman war jedoch weder Romantiker noch Liebhaber trockener Institutionen, sondern interessierte sich für das Verhältnis zwischen politischer Macht, militärischer Organisation und den materiellen Voraussetzungen von Siegen interessierte. Eine seiner großen Gaben bestand darin, den Verlauf von Schlachten anhand verstreuter und oft widersprüchlicher Berichte zu rekonstruieren.
Chaos als schöpferische Kraft
Omans Erzählstil ist symphonisch; er springt von den Palastintrigen in Konstantinopel zu den schlammbedeckten Schlachtfeldern des merowingischen Galliens und vom Aufstieg der islamischen Kalifate zu den verzweifelten Verteidigungsaktionen Alfreds des Großen gegen die Wikinger des Danelags. Seine zentrale These, die auf bemerkenswerte Weise all jene modernen Historiker vorwegnimmt, die behaupten, ihm entwachsen zu sein, ist, dass die knapp viereinhalb Jahrhunderte zwischen der Absetzung von Romulus Augustulus und dem Tod Konrads I. keine statische Leere waren, sondern ein dynamischer Schmelztiegel war. Die ‚Finsternis‘, die Oman nach dem Untergang des Weströmischen Reiches beschreibt, ist kein stumpfer Mangel an Ideen, sondern die gigantische Staubwolke, die der Zusammenbruch des alten Gebäudes aufgewirbelt hatte, und die gewaltgetränkte, chaotische Arbeit, aus den Trümmern etwas Neues zu errichten.
Für ihn war das Jahr 476 kein klarer historischer Einschnitt. Römische Gesetze, Verwaltungspraxis, Latein, das Christentum und das Ansehen der kaiserlichen Autorität überdauerten das Verschwinden des Westroms. Die germanischen Herrscher, die auf dem ehemaligen römischen Territorium ihre Königreiche gründeten, versuchten, sich die Institutionen und die Legitimität der eroberten Welt anzueignen.
Oman überzeugt besonders, wo er das Verhältnis zwischen militärischer Macht und politischem Überleben untersucht, wie seine brillanten Schilderungen der Feldzüge des Belisar unter Justinian, der Kämpfe zwischen Byzanz und seinen Feinden sowie der Frankenkriege zeigen.
Ebenso beeindruckend sind seine Charakterzeichnungen. Die großen Historiker des 19. Jahrhunderts ließen Herrscher und Feldherren oft durch scharfe moralische Urteile, psychologische Beobachtungen und eine Vorliebe für aussagekräftige Details lebendig werden. Oman übernahm diese literarische Tradition und erweiterte sie um die Perspektive eines Militärhistorikers.
Man betrachte etwa sein Porträt von Geiserich, des Vandalenkönigs, der sich in Nordafrika festsetzte, Karthago zur Hauptstadt machte und den zentralen Mittelmeerraum beherrschte. Oman beschreibt ihn als einen Herrscher, dessen beeindruckende Intelligenz von einer rücksichtslosen Fähigkeit zur Täuschung begleitet wurde:
„Allein seine geistigen Fähigkeiten machten ihn gefürchtet, denn er war nicht nur ein bedeutender Feldherr, sondern ein gewiefter Politiker, treulos nicht mit der leichtsinnigen Wankelmütigkeit eines Wilden, sondern mit der zielstrebigen Böswilligkeit eines professionellen Intriganten. Er war einer jener nicht seltenen Fälle eines Germanen, der, als er mit dem Reich in Berührung kam, alle Laster der verfallenden Zivilisation übernahm, ohne seine ursprüngliche Barbarei abzulegen.“
Als im Jahr 468 eine gewaltige kaiserliche Expedition die Vandalen in Nordafrika bedrohte, nutzte Geiserich einen Waffenstillstand, um die römische Flotte mit Brandschiffen anzugreifen. Die byzantinische Expedition scheiterte katastrophal. Das sicherte das Überleben des Vandalenreichs für eine weitere Generation.
Zu sagen, Gibbon habe Byzanz abgetan, während allein Oman dessen Bedeutung erkannte, wäre zu vereinfacht. Gibbon widmete dem Oströmischen Reich beträchtliche Aufmerksamkeit, auch wenn seine Darstellung dessen spätere Jahrhunderte oft in ein sehr düsteres Licht rückt. Aber Oman verleiht dem byzantinischen Staat eine lebendige Unmittelbarkeit und beschreibt ihn als einen Machtorganismus, dessen militärische Ressourcen, Finanzapparat und diplomatisches Geschick das Schicksal Europas und des Mittelmeerraums weiterhin prägt.
Auch Omans Genie für militärische Rekonstruktionen kommt in dem Werk schon zur Geltung. Eines der brillantesten Kapitel schildert den Übergang von römischen Infanterielegionen zur schweren Kavallerie, die das Mittelalter beherrschen. Oman beschreibt die Schlacht von Adrianopel (378 n. Chr.) und die Feldzüge Belisars nicht bloß als Chroniken des Gemetzels, sondern als technische Entwicklungen.
Das moderne Schisma
Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts, besonders ab den 1970ern, fühlten sich Historiker zunehmend unwohl mit den moralischen und zivilisatorischen Prämissen, die der Ausdruck ‚dunkles Zeitalter‘ barg. Peter Brown trug wesentlich dazu bei, die Spätantike nicht nur als Epoche des Niedergangs zu sehen, sondern als eigenständige Epoche zivilisatorischen Wandels zu betrachten. Der Fokus verlagerte sich auf religiöse Erfahrungen, geistiges Leben, soziale Beziehungen und das Entstehen neuer kultureller Formen.
Nach dieser Interpretation ging Rom nicht wirklich unter. Seine Institutionen und kulturellen Praktiken änderten sich, überlebten abgewandelt und wurden von neuen Herrschern adaptiert. Viele der germanischen Fürsten, die sich in früheren römischen Gebieten niederließen, strebten römische Titel an, beschäftigten römische Verwaltungsbeamte und behielten Elemente des römischen Rechts und Steuerwesens bei. Sie waren nicht ausschließlich barbarische ‚Zerstörer‘.
Henri Pirenne stellte die konventionelle Chronologie bereits in den 1930ern auf andere Weise in Frage. In Mohammed und Karl der Große. Untergang der Antike am Mittelmeer und Aufstieg des germanischen Mittelalters sagt er, der entscheidende Bruch mit den Traditionen der mediterranen Antike ginge nicht auf die Germanen zurück, sondern auf die rasante Ausbreitung des Islam ab dem 7. Jahrhundert. Das habe die wirtschaftlichen und politischen Verbindungen zwischen Westeuropa und dem östlichen Mittelmeerraum gekappt. Obwohl spätere Wissenschaftler Pirennes (durchaus sehr schlüssigen) Argumente zu verwässern suchten, erweiterte Pirenne den geografischen Kontext der Debatte, indem er die Aufmerksamkeit auf Nordafrika, die Levante und die westlichen Mittelmeeranrainer als einen miteinander eng verwobenen, historischen Raum lenkte.
In den 2000er Jahren stellte andere Forscher erneut die Vorstellung in Frage, ob der Wandel Roms wirklich derart friedlich verlaufen sei. In The Fall of Rome and the End of Civilization (2005) stützt sich Bryan Ward-Perkins auf archäologische Belege, um zu beweisen, dass der Kollaps Westroms mit einem radikalen Rückgang wirtschaftlicher Kapazitäten und des realen Lebensstandards einherging. Peter Heather betont in The Fall of the Roman Empire(2005) gleichfalls die vernichtenden Folgen von Instabilität, militärischem Druck und Invasionen.
Oman, der 1893 schrieb, hatte keinen Zugang zu den Methoden, die die Debatte heute prägen. Zu behaupten, er wäre mit anderen Mitteln zu denselben Schlussfolgerungen gelangt wie moderne Historiker, wäre irreführend.
Seine Arbeit gehört einer anderen Beweisführungstradition an, die sich auf Chroniken, literarische Quellen und die Rekonstruktion politischer und militärischer Ereignisse stützt. Was sie nach wie vor wertvoll und innovativ macht, ist die Weigerung, die Jahrhunderte nach 476 als ein historisch träges, finsteres Vakuum zu betrachten. Auch wenn neuere Forschung Omans Darstellung stellenweise überholt hat, bleiben ihre zentralen Fragen aktuell.
Zeitgenössische Resonanz
Auch wir leben in einer Zeit, die den Glauben an die Beständigkeit alter Strukturen verliert. Jahrzehntelang funktionierte die Welt nach dem Kalten Krieg nach ihrer eigenen Version der Pax Romana – einem Glauben an Globalisierung, reibungslosen Handel und das Ende der Geschichte.
Heute bröckelt diese Illusion inmitten von Finanzkrisen, Unterbrechungen der Lieferketten, regionalen Kriegen, erneuter Rivalität der Großmächte und dem schwindenden Vertrauen in Institutionen. Digitale Technologien haben einen beispiellosen Zugang zu Informationen geschaffen, während sie gleichzeitig die Verbreitung von Falschmeldungen und kontextlosen Fragmenten mit extremer Geschwindigkeit ermöglichen. Einrichtungen, die einst das gemeinsame Verständnis von Realität stützten, erleben einen rasanten Autoritätsverlust.
In gewisser Weise spricht Omans The Dark Ages diese Angst unmittelbar an. Obwohl unsere Gegenwart das 5. Jahrhundert nicht eins zu eins spiegelt. Wiederholt, erinnert es uns daran, dass Zivilisation ein künstliches, zerbrechliches Gebilde ist, das beständiger Pflege und institutionelle Integrität bedarf.
Omans Fokus auf individuelles Handeln bietet gleichermaßen ein Antidot zum deterministischen Strukturalismus wie zum modernen Fatalismus. Folgt man seiner Darstellung, wurde die frühmittelalterliche Welt nicht durch historische Zwangsläufigkeit gerettet, sondern durch das oft unvollkommene Wirken spezifischer Einzelner aus dem Abgrund gezerrt, wie Theoderich, der versuchte, ein Königreich zu errichten, in dem Goten und Römer unter einem gemeinsamen Gesetz lebten, oder Kaiser Karl, der zwar kaum seinen eigenen Namen schreiben konnte, aber einsah, dass ein Reich ohne Schulen, standardisierte Texte und eine einheitliche Schrift nicht überleben würde, oder dem Angelsachsen Alfred, der im Alter von 36 Latein lernte, um antike Denker zu übersetzen, und zugleich Wessex gegen marodierende Wikinger verteidigte.
Obschon Oman ihre Grausamkeiten klar und ungeschminkt benennt, sieht er sie als Retter der Zukunft, die in der Finsternis mit primitiven Werkzeugen arbeiten – er beschönigt nichts, aber würdigt genauso ihren Mut und ihre Zähigkeit. Seine Prosa zeichnet sich durch literarische Erhabenheit, rhythmische Kadenz und einen scharfen Blick für menschliche Exzentrik aus. So zeigt er uns, dass das Erlöschen einer alten Zivilisation nicht das Ende der Geschichte ist, sondern lediglich der Beginn eines langen, mühsamen und zugleich zutiefst kreativen Kampfes um die Neugestaltung der Welt.
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