Ist Wokismus weiblich? (Teil 1.)

Veröffentlicht am Kategorien Allgemein

Von Christoph Ernst

Kürzlich schrieb Jan H. Rosenkranz in der ‚Welt‘ über ‚die erstaunlich konservative Generation Z‘. Doch die drifte vielen in Ländern politisch auseinander. Frauen tendierten nach links, Männer nach rechts. Rosenkranz erklärt das soziologisch: Laut der Internationalen Arbeitsorganisation arbeiten junge Männer in handwerklichen und technisch-industriellen Berufen. ‚Rechtspopulistische‘ Parteien adressieren ihre Sorgen, versprächen Schutz vor Globalisierungsdruck und sozialem Abstieg. Frauen seien häufiger in der Verwaltung und im öffentlichen Dienst tätig. Sie befürworten staatliche Eingriffe und Umverteilung. Gleichstellungsfragen linksgerichteter Parteien sprächen sie deutlich mehr an.

Stimmt zwar alles, aber es greift zu kurz. Meines Erachtens geht die aktuelle Spaltung im ewigen Geschlechterkrieg eher auf verzerrte Selbstbilder und kontrafaktische Genderpropaganda zurück. Viele Frauen sehen Männer nicht mehr als Partner. Sie glauben, was man ihnen über den ‚Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats‘ erzählt hat. Denn irgendwann begannen Feministinnen Friedrich Engels mit Hedwig Dohm zu verwechseln. Sie verliebten sich in Simone de Beauvoir und die Idee, das bessere, stärkere Geschlecht zu sein, von Natur aus berufen, die Spezies vor sich selbst zu retten. Hauptfeinde dieses noblen Projekts waren Männer, Patriarchat, Kapitalismus und der Fluch der Mutterschaft.

Dass nicht jede Frau davon träumt, quengelnde Rotznasen zu windeln oder die Socken eines übel riechenden Alten zu stopfen, halte ich für ebenso nachvollziehbar wie den männlichen Wunsch, sein Arbeitsleben nicht als Hauer in einem staubgeschwängerten Bergwerksstollen oder vor einem Hochofen zu verbringen. Windeln und Sockenstopfen macht nur in Grenzen Freude, aber es kostet deutlich weniger Schweiß als Stahlkochen. Trotzdem sind sowohl als auch notwendig. Ich würde da also nicht moralisch hierarchisieren. Doch seit einer Weile geschieht genau das, und es hat dramatische Folgen.

Die konservative US-Publizistin Helen Andrews stellt in ihrem Artikel The Great Feminization einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen quotierter Frauenförderung, weiblichen Vorlieben und ‚Wokeness‘ her. Andrews beschäftigt sich mit Geschlechterdynamiken und sozialen Umbrüchen. 2021 veröffentlichte sie Boomers: The Men and Women Who Promised Freedom and Delivered Disaster. Im Oktober 2025 erschien ihr Artikel The Great Feminization.

Laut Andrews haben Frauen massiv von Gleichstellungspolitik profitiert. Soziologisch fände ein fundamentaler Wandel statt. Frauen besetzten einst männliche Domänen in Wissenschaft, Forschung und Alltagsleben. Das verändere die Gesellschaft als Ganzes, weil sich Frauen als Gesamtgruppe signifikant anders verhielten als Männer. Sie legten mehr Wert auf Sicherheit, Kontrolle, Harmonie und ‚Compliance‘. Das ginge einher mit deutlich weniger Toleranz für Dissens, abweichende Positionen, Risikobereitschaft und umstrittene Innovationen. Folglich sei die Verweiblichung nicht bloß begrüßenswert. Sie forciere ‚politische Korrektheit‘ und ‚Cancel Culture‘, ersticke alternative Diskurse und lähme all jene vermeintlich toxischen männlichen Eigenschaften, die Gemeinwesen bräuchten, um sich bei Fehlentwicklungen zu korrigieren und vor Bedrohungen zu schützen. Ihr Fazit: Die künstliche Verweiblichung transformiere das Wesen und den Charakter der westlichen Zivilisation so grundlegend, dass daraus erhebliche Gefahren erwüchsen und ihre Zukunft als Zivilisation in Gänze auf dem Spiel stünde.

Andrews Analyse erhellt die Hintergründe einer Dynamik, die seit Jahrzehnten einen Keil zwischen die Geschlechter treibt und langfristig alle zu Verlierern macht.

 

Wenn ich hier diskutiere, ob ‚Wokeness‘ spezifisch ‚weiblich‘ ist, geht es um das Gruppenphänomen. Dabei unterstelle ich, dass Männer wie Frauen zwar über ähnlich große ‚toxische‘ Potentiale verfügen, sich ihre jeweiligen Stärken und Schwächen jedoch unterscheiden. Folglich differieren auch die Schäden, die sie anrichten.

 

Eingangs skizziere ich, was ich unter ‚Wokeness‘ verstehe und weshalb ich sie für fatal halte. Dann kehre ich zu Andrews zurück und spiegele meine Betrachtungen im Licht ihrer Ideen.

 

***

 

Stefanie Schmied, Chemikerin beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie, wurde gekündigt, nachdem sie sich geweigert hatte, sicherheitsrelevante Gebrauchsanweisungen zu gendern, da das ihres Erachtens deren Verständlichkeit minderte. Dagegen klagte sie. Das Gericht kam zu dem Ergebnis, dass das Amt ihre Kündigung zwar wegen eines Formfehlers zurücknehmen müsse, aber grundsätzlich ‚kein Zweifel‘ daran bestünde, dass es als Arbeitgeber berechtigt sei, sie zum Gendern zu zwingen.

 

Gendern segelt unter der Flagge von Geschlechtergerechtigkeit. An fast allen Universitäten ist es gängige Praxis. Wer fortschrittlich sein will, nennt zusätzlich noch seine ‚Pronomen‘ für eines der vielen Geschlechter, die sich ‚Transgender-Aktivisten‘ ausgedacht haben. Wer weiterhin so spricht wie etwa achtzig Prozent der Bevölkerung, eckt an, gilt als ‚reaktionär‘ und erntet schlechtere Noten.

Sprache ist das wichtigste Denkwerkzeug. Sie prägt unsere Sicht auf die Welt, formt Gefühle, Vernunft, Logik und den Sinn für Schönheit und Harmonie. Wer uns das nimmt, raubt uns die innere Heimat. Tabuisiert man Worte wie ‚Mutter‘ und schreibt nur noch nach Gehör, kappt man die Verbindung zu denen, die vorher da waren und denen wir die Existenz verdanken. Erkenntnistheoretisch wirkt das ähnlich wie das Streichen von Sütterlin oder Fraktur aus dem Lehrplan meines Jahrgangs. Es löscht den Zugriff auf das Gedächtnis vorheriger Generationen. Doch erst die Chance des Vergleichs stiftet den Sinn für Qualität. Künstliche Amnesie verdammt zu einer Gegenwart ohne Erinnerung und Zukunft, in der nur noch gilt, was gerade angesagt ist.

‚Begradigte‘ Sprache soll anachronistisches Denken beseitigen. Faktisch lähmt es die Fähigkeit, überhaupt noch zu reflektieren. Ziel des Genderns ist nicht ‚Geschlechtergerechtigkeit‘, sondern die ‚Dekonstruktion‘ der tradierten Identität.

Alle totalitären Regime verlangen aktiven Selbstverrat. Glottisschlag und Gendersternchen sind Symbole der Unterwerfung – das Eintrittsticket in den Kreis der Erweckten.

 

Diese Erweckung reist unter dem Motto ‚Diversity, Equity and Inclusion‘ (DEI). Danach sind Macht, Geld und Status falsch verteilt. Kapitalistischen Gesellschaften fehlt ‚soziale Gerechtigkeit‘. Sie sind rassistisch und patriarchal, unterdrücken Andersfarbige, Frauen und Minderheiten. DEI verspricht Abhilfe. Aus Benachteiligung erwachsen Ansprüche. Unten wandert nach oben. Tradierte Hierarchien werden auf den Kopf gestellt. Es verwandelt ‚weiße Schuld‘ in ‚schwarze Macht‘ und stiftet weibliches ‚Empowerment‘. So weicht Leistung einer Opferolympiade. Im Dschungel subjektiver Befindlichkeiten ist jede Zurücksetzung eine Mikroaggression, die Polypunkte sichert.

Für Erweckte gibt es bloß Opfer und Täter. Opfer sind weiblich, zu kurzgekommen und gut, Täter männlich, privilegiert und böse. Der Zufall der Geburt entscheidet, wer in welcher Kategorie landet. Oprah Winfrey und Michelle Obama, die über mehr Geld und Einfluss verfügen dürften als 99,8 Prozent der US-Bevölkerung, gelten nun als doppelt diskriminierte Opfer, während der blasshäutige Irak-Veteran, der in einem Autowrack haust und seine posttraumatisches Störung mit Alkohol und Fentanyl bekämpft, dank seiner Sommersprossen angeblich ‚weißes Privileg‘ genießt.

 

Die Diversitäts- und Identitätserweckung gehorcht einer stramm marxistischen Gruppenlogik. Doch statt des einst hofierten Proletariats sind es nun Frauen und Menschen aus dem ‚globalen Südens‘, die der Betreuung durch höhere Moral bedürfen. Arbeiter haben sich als Mündel disqualifiziert, weil sie selten gendern und mehr Wert auf sichere Jobs als auf Klimarettung legen.

Ideengeschichtlich ist das, was vor 60 Jahren unter dem Einfluss französischer ‚Poststrukturalisten‘ und der ‚kritischen Theorie‘ an US-Universitäten begann, wieder in Europa gelandet. Dort hat es nach seinem ‚langen Marsch durch die Institutionen‘ die meisten Apparate fest im Griff und ist von Brüssel bis Berlin etabliert. Damit kann es sich seiner eigentlichen Agenda widmen und den verhassten Westen abwickeln. Mental ist dieser Prozess bereits weitgehend abgeschlossen. Jahrzehntelanger Kulturrelativismus gepaart mit Selbstbezichtigung haben dazu geführt, dass jeder Intellektuelle, der noch ein gutes Haar an der eigenen Zivilisation lässt, als gemeingefährlich reaktionär gilt. Tugendhafte Seelen peitschen sich für die Sünden ihrer Vorväter aus. Parallel betonen sie, wie wegweisend und friedliebend nicht-westliche Zivilisationen sind, wie etwa der Islam.

Physisch umgesetzt wird die Abriss-Agenda durch ‚Klimarettung‘ und Massenzuwanderung. Das verbrämt die Wohlstandsvernichtung humanitär. Es erlaubt, jeglichem Widerspruch mit der Wucht edler Gefühle zu begegnen. So lässt sich Kritik ohne Ansehen des Inhalts verwerfen. Den rhetorischen Klassiker dazu hat Angela Merkel geliefert: „Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen, dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land!“

Gesinnungsethik ist das Gegenteil von Verantwortungsethik. Als Konsequenz der edlen Gesinnung verlassen nun jedes Jahr über eine Viertelmillion eingeborene Deutsche ihre Heimat, weil sie die Zustände, die Merkel dort geschaffen hat, unerträglich finden.

Moralismus hat nichts mit Moral zu tun. Fast jeder, der Neidimpulse wecken will, beschwört soziale Ungerechtigkeit. Kain beschwerte sich bei Gott über Abel. Als Gott nicht zuhörte, schlug er Abel tot.

Teil 2. folgt morgen.



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