Von Philipp Lengsfeld
In dieser Woche gibt es im Spiegel einen für mich unsäglichen Text: „Im Blauland“ von Jochen-Martin Gutsch. Journalist Gutsch und ich sind Ost-Berliner eines Schuljahrgangs (Mitte 71-72) und uns schon mal begegnet (siehe Transparenzhinweis am Ende des Textes).
Dieser offene Leserbrief ist der Versuch meine Verärgerung über den Text zu verarbeiten: Und dabei geht es mir nicht mal so sehr um dreisteste kulturelle Aneignung („Wenn es nicht so pathetisch klänge, würde ich sagen: Blauland – das ist meine Heimat“) – Jochen-Martin Gutsch, Abitur 1990 in (Ost-)Berlin Lichtenberg und journalistische Bilderbuchkarriere im Berlin der Wiedervereinigung hat von der Ostprovinz keine Ahnung.
Nein, ich halte Jochen Gutsch sicher nicht seine Herkunftsumgebung vor, das darf und kann man nicht tun, aber ich kann schon feststellen, dass er als Hauptstädter auf der Sonnenseite zweier deutscher Systeme stand und steht. Und insbesondere die SED-DDR, das schwarze Herz dieses System, Mielkes Stasiimperium, schlug in Berlin Lichtenberg unweit von Gutschs Abiturschule, hat ihm den Gefallen getan genau im richtigen Moment zu verschwinden: So konnte er politisch unkompromittiert ein Jurastudium an der Humboldtuni und eine schöne mediale Karriere in Berlin hinlegen – in unserer Heimatstadt Berlin (ich habe die Stadt auch nie verlassen), das jetzt schon länger wieder Hauptstadt ist, aber diesen Titel natürlich nicht mehr anmaßend-verkniffen im Namen führt, wie es zu DDR-Zeiten der Fall war.
Was mich nervt ist der Blick auf Ostdeutschland – der Mann tourt durch die Provinz wie auf einer Safari, legt geschickte rhetorische Fallen („mein Dorf in Brandenburg“) und interpretiert, aber vor allem framt, als ob es kein Morgen gibt.
„Im Blauland“ ist für mich ein klassisches Auftragswerk: Es soll wohl der tief verunsicherten Westgesellschaft irgendwie eine Erklärung für etwas liefern, was eigentlich jedem offen zu Tage tritt, der auch nur 10 Sekunden objektiv auf die Lage des Landes blickt.
Dabei hatten wir eine vergleichbare Lage schon einmal.
Nur, dass sich in Deutschland West und Ost sehr hartnäckig der Mythos hält, dass der Mauerfall und der Zusammenbruch der DDR nicht vorhersehbar war und über die deutsche Gesellschaft wie eine Art Marienerscheinung kam.
Dem ist aber nicht so:
Außerhalb der deutsch-deutschen Blase war dies anders (und das kann ich als unfreiwilliger Zeitzeuge aus meiner Zeit im Exil in Cambridge, England, Nov. 88-89 bestätigen, aber das würde auch jede halbwegs systematische oder gründliche Recherche belegen): Der Zusammenbruch der DDR und die möglichen Folgen wurden außerhalb der deutschen Blase spätestens Mitte, Ende der 80er Jahre sehr intensiv diskutiert. Übrigens nicht nur in England, sondern auch im Ostblock, in der Sowjetunion, aber auch in den Elite-Kreisen in China und natürlich in den USA.
Es war ja auch zu offenkundig, dass es so nicht weitergehen konnte.
Und heute ist die Lage wieder ganz ähnlich: Die Probleme „unserer Demokratie“, der Reformstau, die wirtschaftlichen und finanziellen Zwänge sind riesig – nur in einem Text über „Blauland“ kommen sie überhaupt nicht vor: Der Hauptstädter Gutsch fährt durch die wilde Ostprovinz und sieht alles, nur keine Probleme.
Weshalb er natürlich auch nicht über Lösungen oder gar, oh Graus, Reformen redet.
Migration, Integration, Energie, Industrieprobleme, Grünsozialbürokratie, marode Infrastruktur, kaputtes Sozial- und Gesundheitssystem, Pflegenotstand, Wohnungsnot (in den Metropolen), die turmhohen Probleme in den Schulen, Ausbildungsstätten und Universitäten dieser unserer Republik?
Im Leben des Hauptstadtjournalisten und Ko-Ost-Berliners meiner Alterskohorte scheint dies alles nicht vorzukommen.
Probleme sieht Gutsch nicht. Stattdessen wird das Ostvolk denunziert: Trotz Kernsanierung der Bausubstanz fehlt im Gegensatz zum Westen das Grundvertrauen in den Staat?
Geht’s noch?
Die Wahrheit ist doch (und das deutet Gutsch ja sogar selber an), dass der Osten auf Grund der noch frischen Zusammenbruchserfahrung einfach die Zeichen klarer sieht: Wenn ein Land und seine täglich schrumpfende Elite ständig davon reden, wie „reich“, „wohlhabend“ und „stabil“ es sei und den Menschen empfiehlt, sie sollten weniger jammern oder „positiver denken“? Eigentlich braucht es gar keine Osterfahrung um hier zu erkennen, dass etwas faul ist.
Hauptstadtjournalist Gutsch konzediert natürlich schon ein paar Ungereimtheiten: „Selbstgerechtigkeit“ und „Konsens-Kuscheligkeit“ – na klar, so könnte eine ernsthafte Diagnose anfangen, aber dann müsste man sich natürlich aus dem Vorgabenschutz rausbewegen.
Stattdessen lieber Angriff auf Volk und seine Volksvertreter: Hier AfD-MdB Karsten Hilse, Jg. 1964 – ein Mann, der ganz im Gegensatz zu JM Gutsch, den echten Osten tatsächlich und einige wichtige Lebensjahre länger erlebt hat und zwar nicht in der Lichtenberger ND-Version, sondern in Hoyerswerda im Zentrum der ostdeutschen Industrielandschaft, aber an der Peripherie des kleinen Staates.
Hauptstadtjournalist Gutsch macht dabei etwas, was ich unverzeihlich finde: Er missbraucht den Umstand, dass MdB Hilse ihm, dem Spiegelhauptstadt-Safaritouristen, nicht das Gespräch verweigert – über 1000 wertvolle Spiegelworte widmet Gutsch dann der Charakterattacke auf Karsten Hilse – und dabei fällt ihm reinweg gar nichts ein. Aber macht ja nichts, die Meister des Negativframings verbiegen die Realität, wie es ihnen passend scheint: Hier ein Originalsatz von JM Gutsch im Anschluss an die Erwähnung, dass Hilse schon seit dem Ersteinzug der AfD, also seit 2017 im Bundestag sitzt und damit schon drei Kanzler erlebt hätte: „Das ist keine schlechte Karriere für einen Polizeihauptmeister, Pegida-Demonstranten und ehemaligen »Mister Brandenburg«.“
Offen bleibt, was für Gutsch schlimmer ist: Verkehrspolizist in der DDR und dann Landesbeamter in Sachsen, das Wahrnehmen des Grundrechts auf Demonstrationsfreiheit gemäß Artikel 8 des Grundgesetzes in der Landeshauptstadt Dresden oder die Teilnahme und gar die erfolgreiche Teilnahme an einem typischen ostdeutschen Wettstreit, den die Hauptstadt-Elite natürlich anrüchig findet?
Wenn es nicht so brutal und destruktiv wäre, müsste man Gutsch sogar ein bisschen dankbar dafür sein, dass er Einblick in das Seelenleben „unserer Demokratie“-Presseelite gibt.
Und damit die schlimmsten Befürchtungen und Vorurteile belegt.
Ich bin Spiegelschreiber Gutsch aber nicht dankbar. Aus etwas Schlechtem erwächst nichts Gutes.
Gutsch greift MdB Hilse auch in seiner Rolle als umweltpolitischer Fachpolitiker an: Wenn Martin-Jochen Gutsch sich auch nur eine Debatte des Umweltausschusses zum Thema „Klima“ in der 21. Wahlperiode im Plenum des Deutschen Bundestages angehört hätte (die Ausschusssitzungen lässt „unsere Koalition“-Mehrheit ja wohlweislich lieber nicht-öffentlich), würde er wissen, dass die Argumente von Union, SPD, Grünen und vor allem Linken momentan so unterirdisch sind, dass sich wirklich niemand über den desolaten Zustand des deutschen Energiesystems wundern muss – die Abgeordneten der AfD sind da momentan die einzige Stimme der Vernunft und dies nicht nur, weil sie gegen den deutschen Wahn für die Renaissance der Kernkraft werben, die überall auf der Welt genutzt wird (oder in Planung ist), nur nicht in Deutsch-Durchhaltistan.
Und die Ausbildung und der Abschluss des jeweiligen MdB zählen in diesen Debatten natürlich kein Stück – ich würde Dr. Nina Scheer, SPD, die zentrale Stimme der Koalition in diesen Fragen, niemals dafür angreifen, dass sie keinen naturwissenschaftlich-technischen Hintergrund hat – es geht immer um die Sache und da sind die Argumente von Nina Scheer gegenüber einem Karsten Hilse und seinen Kollegen um mehrere Klassen schlechter.
Das ist meine Diagnose: Unser Land hat es verlernt, dass in der Demokratie Debatte und Fehlerkultur dazugehören. Und „unsere Demokratie“-Mehrheit hat nicht etwa eine „Angstmauer“ (Gutsch) hochgezogen, sondern eine völlig absurde Denk- und Blockademauer, ein undemokratisches Kooperationsverbot. Und dieser unhaltbare Zustand wird nicht etwa geändert, sondern -typisch deutsch- hochnäsig und mehrheitsmissbräuchlich gegen allen Sinn und Verstand verteidigt.
All dies kommt beim Gutsch-Text allenfalls als „Störgefühl“ oder fernes Flackern am Horizont vor. Dem Mann geht es gut. Schön für ihn.
Der Rest des Landes muss dafür sorgen, dass wir die Mehrheiten bekommen, dass „unsere Demokratie“ mal auf die Ersatzbank geschickt wird und sich da regenerieren kann. Denn sie bekommen die notwendigen Reformen und Lösungsansätze erkennbar nicht gebacken.
In Sachsen-Anhalt ist die nächste Möglichkeit. Die Zeit drängt, denn jeden Tag, wo nicht gegengesteuert wird, verschärfen sich die Probleme.
Und die Ostdeutschen, da wiederhole ich mich gern, sehen es nur etwas deutlicher, weil wir einen Zusammenbruch schon mal gemeinsam erlebt haben.
Es lebe Blauland. Es lebe der demokratische Wettstreit.
Transparenzhinweis: Jochen-Martin Gutsch hat mich in seinem Spiegeltext vom Januar 2017 („Unter dem Eis“) in einer Weise dargestellt, die mich damals auch massiv geärgert hat und die ich nicht vergessen habe. Anlass war die Kontroverse um den von der Linkspartei nominierten Berliner Staatssekretär André Holm, bei der ich mich klar gegen Holm positioniert habe (Holm trat dann auch kurze Zeit später zurück).
Quelle:
https://www.spiegel.de/panorama/unter-dem-eis-a-aed19cdc-0002-0001-0000-000149131071
