Straßennamen

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Von Peter Schewe

In Regensburg fordern die Angehörigen des vor acht Jahren in Hanau erschossenen Fatih Saracoglu, einen Platz nach ihm zu benennen. Sie liegen damit voll im Trend der Zeit, Opfern rassistischer Gewalt zu gedenken.

Die Anwohner wird‘s freuen, wenn sie ihre neue Anschrift schreiben oder am Telefon buchstabieren müssen. Wie sinnvoll ist es, Straßen und Plätze nach Personen, egal ob Opfer oder Täter, zu benennen? Hier einige Beispiele:

Mein 1943 errichtetes Elternhaus stand in der Hitlerstraße, die 1945 wieder zurück in Swinemünder Chaussee, jedoch schon 1946 in Stalinstraße umbenannt wurde, nachdem Swinemünde polnisch wurde und fortan Swinousje hieß. Nachdem Stalin 1962 vom Sockel gestoßen wurde, trägt die Straße bis heute den unverfänglichen Namen Bäderstraße.

Während meines Studiums in Dresden wohnte ich erst in der Wiener- dann in der Leningrader- und zuletzt in der Juri-Gagarin-Str. Während erstere immer noch so heißt, gibt es die anderen nicht mehr. Sie heißen jetzt St. Petersburger- bzw. Friedrich-Löffler-Straße.

Meine Anschrift in Bannewitz bei Dresden lautete bis 1990 Ralf- Bernaisch- Straße. Keiner meiner alteingesessenen Nachbarn konnte mir sagen, wer Ralf Bernaisch war. Beim buchstabieren des Straßennamens brach man sich die Zunge und oft genug kam dabei etwas anderes heraus. 1990 wurde die Straße auf unser Betreiben hin in Gartenstraße umbenannt.

Ich behaupte, dass es in jedem größeren Ort der DDR eine Ernst-Thälmann-Str. gab und noch immer gibt (in meinem Heimatort Ückeritz gab es keine), ohne dass es einen direkten Bezug zwischen der Person und dem Ort gab. Der im KZ Buchenwald von den Nazis erschossene Kommunist Ernst Thälmann war für die SED eine Kultfigur und wurde als ‚Sohn seiner Klasse‘ wie ein Gott verehrt. Toten kann man ja alles andichten und zuschreiben.



Überall gibt es Geschwister-Scholl-Plätze, Straßen und Schulen. Kennen sie eine Herbert-Belter-Straße oder Schule? Herbert Belter (1929 – 1951) hat das gleiche getan, wie Sophie Scholl: Er hat an der Uni in Leipzig Flugblätter verteilt gegen die von der SED angesetzten Wahlen 1950 zur 1. Volkskammer der DDR. Schon damals war absehbar, dass es keine freien Wahlen waren. Belter und seine Mitkämpfer wurden vor ein sowjetisches Militärtribunal gestellt und in Moskau erschossen. Seine Eltern wussten bis 1990 nicht, was ihrem Sohn widerfahren ist. Eine kleine Gedenktafel an einem Unigebäude in Leipzig erinnert an ihn.

Die Augustusbrücke in Dresden (das ist die, die noch steht) war während der DDR-Zeit nach dem bulgarischen Kommunisten, dem die Nazis den Reichstagsbrand anlasteten, Dimitroff-Brücke benannt, obwohl Georgi Dimitroff (1882 – 1949) diese Brücke wohl nie betreten hat. Die Dresdner machten sich darauf ihren eigenen Reim: Immer, wenn August der Starke über die Brücke fuhr und schöne Frauen sah, befahl er: Die-mit-roff und die-mit-roff. Auch diese Brücke wechselte mehrmals ihren Namen: Unter August den Starken errichtet trug sie dessen Namen in lateinischer Form (nicht zu verwechseln mit dem römischen Kaiser Augustus). Nach ihrem Neubau 1910 erhielt sie den Namen des damaligen sächsischen Königs: Friedrich-August-Brücke. 1990 erhielt sie ihren ursprünglichen Namen wieder: Augustusbrücke. Die eingestürzte, nach der sächsischen Königin Carola (1833 – 1907) benannte Carolabrücke hieß zu DDR-Zeiten Dr.-Rudolf-Friedrichs-Brücke (Anlieger, die sich über den langen Namen ärgern könnten, gab es auf der Brücke ja nicht), benannt nach dem ersten sächsischen Ministerpräsidenten nach 1945. Lange währte seine Amtszeit nicht, er starb bereits 1947 unter bis heute ungeklärten Umständen. Um so erstaunlicher, dass man die 1970 neu errichtete Brücke nach ihm benannte.

Als wir Studienanfänger 1968 das Direktorat der TU Dresden in der Mommsenstraße zwecks Immatrikulation aufsuchten, fragte einer von uns: Wer war Mommsen? Keiner wusste eine Antwort. Aber der Frager hieß für die nächsten 4 Jahre Mommsen. Sie heißt heute noch so, der Nobelpreisträger für Literatur und Historiker Theodor Mommsen (1817 – 1903) ist wohl gegen jeden Zeitgeist gefeit.

In Bayern sind viele Straßen nach Pfarrern oder Bischöfen benannt, die oft durch die Missbrauchsfälle in Verruf geraten sind, oder nach Bürgermeistern, die während der Nazizeit ihr Amt ausübten. Alle diese Namen stehen auf dem Index, sogar Luther und Wagner sind vor der Umbenennungsmanie nicht mehr sicher, waren doch beide nachweislich Judenhasser. Hier in Regensburg stehen 700 Straßennamen zur Disposition, deren Namensgeber nach einer Masterarbeit an der OTH zu überprüfen sind.

Schulen werden umbenannt, nur weil der bisherige Namensträger Mitglied der HJ war (Ottfried Preußler, Kinderbuchautor 1923 – 2013).

All das hält aber Protagonisten und Aktivisten nicht davon ab, immer wieder neue Namen, die kaum einer korrekt aussprechen, geschweige denn schreiben kann für die Benennung von Straßen und Plätzen, Schulen und sonstigen öffentlichen Einrichtungen zu fordern.

Die Vergangenheit sollte uns lehren, dass Namen oft eine geringe Halbwertzeit besitzen, da ideologisch-politische Aktivisten immer wieder die Vergangenheit und deren Akteure mit dem Zeitgeist der Gegenwart bewerten und ggf. verdammen. Davor ist kein Namensgeber gefeit. Selbst die wegen ihrer Heilkunstkenntnisse einst im Mittelalter hochgeehrten ‚Mohren‘ werden Opfer des derzeit wütenden Furors, Mohrenapotheken und Mohrengassen dürfen so nicht mehr genannt werden, weil rassistisch. Da war es schon wie ein Wunder, als ich jüngst in einer Bäckerei noch das Wort ‚Mohrenköpfe‘ entdeckte. Ich konnte nicht widerstehen, mir einen zu kaufen.

Ob es immer dem Gedenken an die Benannten hilft, mag angesichts vieler Namen zumindest fragwürdig sein (siehe Mommsen). Namen als Straßenbezeichnungen verselbstständigen sich nämlich mit den Jahren und lösen sich von ihrem Namensgeber. Da helfen dann nur zusätzliche Erinnerungstafeln und Erklärungsschildchen oder neuerdings auch eine App.

Regenstauf, den 02.06.2026



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