Die Quotenfalle – Warum Genderpolitik in die Irre führt

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Dieses Buch sollte sich jeder anschauen, der sich fragt, was die Nominierung von Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin mit dem Zeitgeist zu tun hat. Bekanntlich löste die Entscheidung der Grünen einen Medien-Hype aus, der noch den übertraf, den seinerzeit die Nominierung von Martin Schulz für die SPD auslöste. Baerbock auf allen Titelseiten und Kanälen. Der Schulz-Zug fuhr am Ende nicht ins Kanzleramt, sondern an die Wand. An den Kandidaten erinnert man sich kaum noch. Auch der Höhenflug von Baerbock war bald beendet. Nun kämpft die Partei, die sich schon als Sieger bei der nächsten Bundestagswahl sah, mit den Folgen ihrer Fehlentscheidung. Der Kür ging ein langes, internes Ringen der beiden Parteivorsitzenden der Grünen um die Pole-Position im Wahlkampf aus. Dabei war Robert Habeck von Anfang an in der schlechteren Position. Galt für die Frauenbewegung noch vor wenigen Jahren der Grundsatz, dass bei gleicher Qualifikation Frauen bei einer Bewerbung der Vorzug zu geben ist, gilt nun, dass der Frau auch dann der erste Platz gebührt, wenn sie weniger qualifiziert ist. Also wurde Baerbock, die wie sich bald herausstellte, nur über zweifelhafte akademische Abschlüsse verfügt und keinerlei Regierungserfahrung hat, einem Mann, der immerhin promoviert ist und über berufliche Praxis- und Regierungserfahrung als Minister verfügt, vorgezogen. Es geht hier nicht um eine Stelle bei einer Provinz-Uni, auch nicht um einen Posten in einer Landesregierung, sondern um das höchste Amt im Staate einer (noch) führenden Wirtschaftsnation der Welt.

Warum es zu solchen Entscheidungen kommen kann, beantworten die 21 Autoren des 2017 erschienenen Buchs „Die Quotenfalle: Warum Genderpolitik in die Irre führt“, die sich sicher nicht vorstellen konnten, dass Deutschland wenige Jahre nach Erscheinen ihres Buches tief in dieser Falle sitzt, so tief, dass es für das Land gefährlich werden kann.

Nach ihrer Niederlage gegen Donald Trump behauptete Hillary Clinton, sie sei an der „Gläsernen Decke“ gescheitert. Da ich nicht zu den Feministinnen gehöre, hörte ich diesen Begriff damals zum ersten Mal. Die Gläserne Decke bezeichnet eine von Männernetzwerken angeblich errichtete Barriere, die Frauen in ihrer Karriere behindern soll. Das ausgerechnet eine der politisch einflussreichsten, bestens vernetzen und üppig finanzierten Frauen der Welt diesen Vorwurf erhob, statt nach eigenen Fehlern zu fragen, war absurd. Noch absurder aber war, dass, wie Alice Schwarzer in Deutschland, Feministinnen aller Länder diese Legende aufgriffen und eifrig verbreiteten. Wenn eine Frau scheitert, ist immer ein Mann schuld. So einfach ist das feministische Weltbild gestrickt.

Es hat dennoch Erfolg – durch Propaganda, indem komplexe soziale Prozesse einfach auf den Geschlechtergegensatz reduziert werden. Die neueste Variante des Feminismus hat seit fast drei Jahrzehnten einen Siegeszug durch die Universitäten, Medien, Politik und Behörden angetreten. Inzwischen wird auch in Deutschland gegendert, was das Zeug hält. Studenten werden dazu gezwungen, indem nicht gegenderte Arbeiten schlechter bewertet oder gar nicht erst angenommen werden. Die Behörden und der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk gendern selbst beim Sprechen, obwohl sie zur Neutralität verpflichtet wären.

Mit den ursprünglichen Zielen der Frauenbewegung – Gleichberechtigung – hat das nichts mehr zu tun. Gleichberechtigt sind die Frauen des Westens dank ihrer Vorkämpferinnen längst. Jetzt geht es unter dem Deckmantel der „Gleichstellung“ um Bevorzugung und Privilegien.

Gender Mainstreaming wurde auf der Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 als politische Ideologie etabliert. Fast möchte man den Ort als Omen betrachten, denn es geht um eine Variante der kommunistischen Gleichheitsideologie. Längst hat sich diese Ideologie selbst ad absurdum geführt. Mit dem Dogma, dass Geschlecht lediglich ein soziales Konstrukt und alle Geschlechter gleich befähigt seien, gelingt es Vergewaltigern, die sich zu Frauen erklären, ins Frauengefängnis eingeliefert zu werden, um dort ihrer Leidenschaft weiter frönen zu können oder räumen umgewandelte Männer bei Sportwettkämpfen mit Frauen die ersten Preise ab. Das hat noch nicht zu einer Ernüchterung und zu einem Überdenken der Ideologie geführt.

Kein Wunder, denn es geht bei der Durchsetzung der Ziele nicht um Frauen an sich, die Kassiererin im Supermarkt spielt bei den Überlegungen der Gender-Ideologinnen keine Rolle, sondern es geht darum, privilegierten Frauen Vorteile zu verschaffen, um mit so wenig wie möglich Mühe die angestrebte Position zu erreichen. Es geht nicht um Gleichberechtigung, sondern um Macht und Einfluss.

Parteien spielen in Deutschland die zentrale Rolle bei der Durchsetzung des Genderismus. Die Grünen waren die ersten, die eine Frauenquote bei der Listenaufstellung durchsetzten. Auf den Frauenplätzen durfte kein Mann kandidieren, auch wenn es nicht genügend qualifizierte Frauen gab. Nach und nach wurde die Quote von fast allen Parteien übernommen. Weitere Quoten für andere Gruppen werden folgen. Bei den Parteien liegt der Anteil von Frauen in Führungspositionen inzwischen weit über ihrem Mitgliederanteil. Dass es dabei nicht um Frauensolidarität geht, sondern dass Frauen, die sich aus eigener Kraft ohne Quote durchgesetzt haben, bekämpft werden, habe ich selbst erlebt. Alle meine politischen Mandate habe ich durch Kampfabstimmungen gewonnen. Mehrheitlich sind Damen der Frauen-Union gegen mich angetreten, die meinten, leichter gegen mich als gegen Männer gewinnen zu können.

Solange Gender-Mainstreaming nur Politik, Medien und Wissenschaft betraf, war es nur auf einen kleineren Kreis beschränkt. Erst die Forderung, auch die Positionen in der Wirtschaft durchzuquotieren und die Ideologie in die Schulen zu tragen, haben es zu einem gesellschaftlichen Problem gemacht.

Apropos Kitas, Schulen und Universitäten: Inzwischen stellen Lehrerinnen eine deutliche Mehrheit des Lehrkörpers an allen deutsche Schulen dar. Konsequenterweise müsste man daher jetzt die (natürlich unsinnige) Forderung erheben, in Zukunft bevorzugt männliche Lehrkräfte einzustellen, und zwar auch dann, wenn sie fachlich weniger qualifiziert sind als weibliche Stellenbewerberinnen. (Das Gleiche gilt sinngemäß auch für Kitas.) Anderes Beispiel: Aufgrund der starken Gewichtung der Abiturnote bei der Zulassung zum Medizinstudium haben Frauen, die in der Regel bessere Abiturnotenschnitte erzielen (häufig auch in Schulfächern ohne direkten Bezug zur Medizin), inzwischen einen Anteil von über 70 % an der Medizin-Studentenschaft. Aber wo bleibt hier der empörte Aufschrei der feministischen Gerechtigkeitsapostel*innen?

Dabei wird sehr deutlich, dass es nicht um eine Vielfalt von Lebensentwürfen geht, sondern um die Nivellierung derselben. Die Frauen sollen auf einen berufs- und karrierebetonten Lebensweg ausgerichtet werden. Alle Frauen? Nein, wiederum nur die privilegierten. Es wird nur die Quotierung von Spitzenpositionen angestrebt. Darauf, gleichgestellte Müllfahrerinnen oder Gleisbauarbeiterinnen zu werden, wird verzichtet.

Die folgenreichste Erweiterung des Gender-Mainstreamings ist der Diversity-Begriff, der alle Formen angeblicher Diskriminierung aufgrund Geschlecht, Herkunft, Religion, Behinderung oder Alter bekämpft. Auch für diese Gruppen werden Quoten angestrebt. Die Durchquotierung der Gesellschaft bedeutet aber die Aushebelung eines wichtigen Erfolgsprinzips des Westens, der Leistungsgesellschaft.

Dabei sollte der Misserfolg des Feminismus eigentlich lehrreich sein: Männer und Frauen sind eben nicht gleich, sie haben unterschiedliche Präferenzen, entsprechend ihren unterschiedlichen Fähigkeiten. Auch heute noch gibt es große Unterschiede in der Berufswahl: Frauen bevorzugen soziale Tätigkeiten und meiden eher technische Jobs. Sie werden lieber Lehrerin oder Ärztin als Ingenieur. Sie arbeiten häufiger Teilzeit, weil sie lieber länger mit ihren Kindern zusammen sind.

Daran wird auch das nächste Jahrzehnt Gender-Politik vermutlich nichts ändern. Jedenfalls nicht, solange wir noch in einer Halbwegs freien Gesellschaft leben.

Die Quotenfalle – warum Genderpolitik in die Irre führt

 



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