Ein Hauch Glyndebourne in Heringen

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Es gibt sie noch, die perfekten Sommerabende ohne Party-Randale, dafür mit bezaubernden Arien, gesungen von wunderbaren Stimmen. Dazu ein strahlend blauer Himmel, garniert mit leuchtenden weißen Wölkchen, die von den letzten Sonnenstrahlen beschienen werden über der Kulisse eines weißen Schlosses. Das erlebten die Glücklichen, die am Sonntag, dem 19. Juli die Operngala des Theaters Nordhausen/Lohorchester Sondershausen besucht hatten.

Schloss Heringen, erbaut um 1320 ragt wie ein erhobener Zeigefinger aus der Ebene der Goldenen Aue. Von der wechselvollen Geschichte des Schlosses ist der interessanteste Abschnitt die Zeit zwischen 1598 und 1658. Nach dem Tode ihres Gatten erhielt die junge Gräfin Clara Amt und Stadt Heringen als Wittum. Sie brachte fürstlichen Glanz in die Provinz. In ihrer Lebenszeit war das Schloss ein Hort der Kunst und Kultur.

Nach der gelungenen Rekonstruktion des Schlosses, das auch über ein sehenswertes Museum verfügt, schickt es sich an, wieder ein Refugium für die Künste zu werden. Es war eine gute Idee des TNLOS, seine „Feste der Stimmen“ in diese großartige Kulisse zu verlegen. Theater und Orchester meldeten sich damit nach der langen, quälenden Corona-Pause mit Engagement und vollem Erfolg zurück. Zum Glück erlaubt die Anlage, alle Hygienevorschriften zu erfüllen, ohne das Publikum zu sehr zu dezimieren. Es gibt drei Blöcke mit separaten Eingängen, die Zuschauer nehmen an Tischen Platz. Da keine Gastronomie angeboten werden konnte, gestattete man den Opernfans, Picknicks mitzubringen. Das Konzept ging auf. Manche brachten sogar Tischdecken mit, andere tranken ihren Wein aus stilvollen Gläsern, reichten Kaviar und Wachteleier herum. Hier kommt der Hauch Glyndebourne ins Spiel. Im gleichnamigen Landhaus westlich von London finden alljährlich Opernfestivals mit Picknick statt. Nur mit der Eleganz konnte Heringen nicht mithalten. Aber dafür war es das erste Mal. Vielleicht kommen in den nächsten Jahren die Thüringer und ihre Gäste wieder auf den Geschmack, zu solchen Anlässen auch schöne, gern auch ausgefallene, Kleidung zu tragen.

Was auf der Bühne geboten wurde, erfüllte alle Erwartungen, die man haben konnte. Nicht nur ist das Lohorchester von hoher Qualität, den Theater ist es gelungen, ausgezeichnete Sänger zu verpflichten, die auf jeder anderen Bühnen auch bestehen könnten.

Gleich zu Beginn setzte Carolin Schumann mit der Arie „Frag ich mein beklommenes Herz“ aus dem „Barbier von Sevilla“ Maßstäbe. Kurz danach bekam Kyoughan Seo für die Romanze des Nemerino aus „Der Liebestrank“ den ersten Bravo-Ruf. Sein „Nessum Dorma“ am Schluss des ersten Teils kann man hier nachhören.

Nach der Pause gab es ein regelrechtes Feuerwerk. Den Walzer aus Charles Gounods „Faust“ tanzten die Schwalben am Himmel bereits mit. Amelie Petrich wurde für ihre Arie der Julia aus Gounods „Romeó et Juliette“ bejubelt, ebenso Thomas Kohl mit einem Lied aus Giuseppe Verdis „Macbeth“. Aber klarer Favorit, auch der Schwalben, war Kyoughan Seo. Als er aus Bizets „Carmen“ die Blumenarie des Don José sang, verdreifachte sich ihre Zahl. Die Vögel schienen sich auf der Musik zu wiegen. Das Publikum applaudierte stürmisch. Mit Bizet ging es ins Finale, in dem Philipp Franke seine Zuhörer mit der Torero-Arie förmlich von den Sitzen riss. Es gab Standing Ovations, bis das Repertoire der Zugaben erschöpft war.

Leider war das die letzte Operngala in diesen Sommernächten, aber wer die Sänger und die magische Atmosphäre auf Schloss Heringen noch erleben möchte, kann das noch am 24. und 25. Juli bei der Musikgala „Broadway forever“ oder bei der Operetten- und Schlagergala am 26. Juli.

 

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