30 Jahre Friedliche Revolution

Veröffentlicht am

Einunddreißigster Oktober 1989

Demonstrationen in Weimar, Meißen, und Meiningen.
Überall werden Reisefreiheit und freie Wahlen gefordert. In Wittenberg werden zu Ehren des Reformationstages sieben Thesen zur Reform der DDR an der historischen Kirchentür angeschlagen, die schon Luther als Informationstafel diente. In der kleinen Kreisstadt Nordhausen in Thüringen sind allein 25000 Menschen auf den Beinen, das sind 70% der erwachsenen Bewohner. Die Stadtverwaltung von Nordhausen wollte den Demonstranten die Lautsprecheranlage abschalten. Es blieb bei dem Versuch.
Insgesamt gibt es in der Woche vom 23. zum 30. Oktober 140 Demonstrationen im ganzen Land. Das widerlegt die These, die friedliche Revolution hätte nur an wenigen Brennpunkten stattgefunden, die Mehrheit der Bevölkerung wäre passiv geblieben.

Das Politbüro kommt zu seiner wöchentlichen Sitzung zusammen. Die alte Geschlossenheit gibt es nicht mehr. Es findet sich keine Mehrheit für die Verabschiedung einer Konzeption zur „Zurückdrängung oppositioneller Sammlungsbewegungen“, die am 21. Oktober in Auftrag gegeben worden war. Die Fachleute von Staatssicherheit, Polizei und der Sicherheitsabteilung des ZK der SED hatten ihre Vorschläge zusammengetragen, die nun unbeachtet bleiben. Die Politbürokraten können nur feststellen, dass die üblichen Störmethoden nicht mehr verfangen.

Diskutiert wird im Politbüro auch die Frage, wie mit der bevorstehenden Demonstration am 4. November in Berlin umgegangen werden soll. Verhindert kann sie nicht mehr werden. Also wird beschlossenen, sie in eine Demonstration für die Stabilisierung der DDR zu verwandeln. Mehrere SED-Mitglieder sollen als Redner auftreten, Politbüromitglied Günter Schabowski, der ehemalige Spionagechef Markus Wolf und die Geheimwaffe der SED, Gregor Gysi.


1989: Tagebuch der Friedlichen Revolution
1. Januar bis 31. Dezember
Vera Lengsfeld



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