Morddrohungen auf der Titanic

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Der hellsichtige Henryk Broder hat schon vor Tagen festgestellt, dass sich im Ergebnis der Landtagswahl in Thüringen ein politischer Untergang der Titanic vollziehen könnte. Die bürgerlichen Parteien CDU, SPD, FDP und Grüne, wenn man sie denn dazu rechnen möchte, haben höchstwahrscheinlich zusammen keine Mehrheit mehr. Eine Simbabwe-Koalition, an der CDU-Spitzenkandidat Mike Mohring laut Medienberichten basteln soll, wird es deshalb kaum geben. Das ist das Ende der traditionellen Parteienkonstellation der Bundesrepublik. Stabile Mehrheiten könnten in Thüringen nur mit der SED-Linken und AfD oder CDU gebildet werden.

Die Volksparteien sind Vergangenheit, sie wollen es nur noch nicht wahrhaben. Die Linke ist in Thüringen noch wegen Ministerpräsident Ramelow stark, in allen anderen Ländern ist sie schon auf unter 10 % geschrumpft.

Besonders prekär ist die Lage der CDU, die einst in Thüringen absolute Mehrheiten erringen konnte. Spitzenkandidat Mohring, der schon als Oppositionsführer blass war, blieb das auch im Wahlkampf. Der einzige Inhalt, mit dem die CDU auffiel, wurde von Mario Voigt eingebracht, der sich auf seinen Plakaten leidenschaftlich gegen die geplante Verschandelung des Thüringer Waldes durch Windräder stark machte. Diese Plakate verschwanden bald wieder, denn wer mit den Grünen regieren will, muss den Thüringer Wald den Windkraft-Profiteuren opfern. Mohring selbst lieferte keine Inhalte, dafür jede Menge Großplakate, so genannte Wesselmänner, auf denen er sich als Ministerpräsident anpreisen ließ.

Bei einem zu befürchtenden Verlust von 10 Prozentpunkten eine gewagte Aktion, die mehr über das Ego des Kandidaten als die Potenz der Partei aussagt.

Bundesweit in die Schlagzeilen kam Mohring mit der Vermarktung seiner Krebskrankheit, einer Postkarten-Morddrohung und mit seinen Simbabwe-Koalitionsspielchen. Das reichte nur für Platz drei in den Umfragen.

Und nun eine weitere Morddrohung, die Mohring am Wochenende bekannt machte und ihn erneut in die Schlagzeilen brachte. Dankenswerterweise hat Mohring der Öffentlichkeit den Text der Droh-Mail zugänglich gemacht. Wer die liest, möchte sich die Augen reiben. Was für ein Text! Abgesehen von den Rechtschreibfehlern fällt auf, dass sich die Verfasser selbst als „rechtsradikal“ bezeichnen. Die Rechtsradikalen, von denen ich gehört habe, tun das nicht. Weiter wird von „hinterhältigen Attentaten“ geschrieben, die Mohring angedroht werden, wenn er seinen Wahlkampf nicht einstelle.

Die Diktion der E-Mail, so spottet ein Facebook-Freund, lege nach eingehender Analyse von Satzbau, Rechtschreibung und Zeichensetzung den Schluss nahe, „dass es sich bei dem Verfasser dieses skurrilen Schriftstückes um einen ehemaligen Schüler einer Waldorfschule handeln muss, der sehr wahrscheinlich bereits in der Namentanzprüfung durchgefallen ist.“ Andere spotten, es hätte noch viel schrecklichere Mails gegeben, in denen Mohring angedroht wurde, wenn er nicht von allen Ämter zurücktrete, keine Weihnachtsgeschänke“ für sich und seine Familie zu bekommen, gezeichnet vom rechten Rentner vom Weihnachtsmann.

Wer die Drohmail verfasst hat, werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit, wenn überhaupt, erst nach der Wahl erfahren. Dass die Thüringer Schlapphüte zu einem Ergebnis kommen, wenn es sich tatsächlich um eine False-Flag-Aktion handelt, ist nach der Ankündigung ihres Chefs, Rechtsradikalismus wäre in Thüringen das größte Problem, eher unwahrscheinlich. Für Stephan Kramer sind ja auch 50 kg Chemikalien, die zu Bomben verarbeitet werden können, wie sie in Thüringen bei zwei Antifanten gefunden wurden, kein Problem. Er sitzt im Stiftungsrat der Amadeu-Antonio-Stiftung, deren Thüringer Ableger kürzlich ein von Fehlern und Falschdarstellungen wimmelndes Buch über „Deutschland rechts außen“ herausgegeben hat. Da sind ideologische Scheuklappen vorprogrammiert.

Anzumerken wäre noch die Frage, wie es kommt, dass eine Morddrohung, die in den sozialen Netzwerken ziemlich schnell als zumindest zweifelhaft, was ihre Herkunft und ihre Intention betrifft, erkannt wurde, von unseren Qualitätsjournalisten todernst genommen wird. Was treibt eigentlich Correctiv, das sich der unerbittlichen Wahrheitssuche verschrieben hat?

 
Bleibt zu hoffen, dass sich die Thüringer Wähler nicht hinter die Fichte führen lassen.

Quelle: Matthias Pott



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