Im Land des wilden Kaukasus

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Georgien? Wieso fährst du da hin? Ist das nicht gefährlich, fragten meine Freunde. Schon immer galt eine Reise in den Kaukasus als gefährlich. Das kann man schon beim georgischen Nationaldichter Schota Rusthaweli oder beim Franzosen Alexandre Dumas nachlesen. Den meisten heutigen Europäern ist das Land am Hochkaukasus nur durch die Bürgerkriegswirren der 90er Jahre bekannt. Wenige wissen, dass dieses von vielen Poeten besungene Land das Gebiet mit der größten Dichte an UNESCO-Kulturerbestätten ist. Die Legende besagt, dass die Georgier zu spät kamen, als Gott das Land unter die Völker verteilte. Sie sollten leer ausgehen. Trotzdem fingen sie gut gelaunt an zu tanzen und zu singen. Da entschloss sich Gott, ihnen das Fleckchen zu geben, das er für sich selbst zurückbehalten hatte.

Die Georgier sind fröhliche, gastfreundliche Leute. Wenn sie singen, geht einem das Herz auf. Trotzdem hat das Land drei der finstersten Gestalten der Weltgeschichte hervorgebracht: Sergej Ordschonikidse, Lenins Mann fürs Grobe, Lavrentiy Beria, Stalins Geheimdienstchef und Josef Stalin, den gnadenlosen Massenmörder.

Wer in der Hauptstadt Tiflis ankommt, denkt aber nicht an die Drei, sondern ist vom ersten Moment vom Charme der Stadt bezaubert.

Tiflis wurde im 4. Jahrhundert an einer strategisch wichtigen Stelle des Südkaukasus gegründet, an der sich bedeutende Handelswege kreuzten. Für die Ortswahl des Stadtgründers Wachtang Gorgassali waren daneben die heißen Quellen entscheidend, auf die er während eines Jagdausflugs gestoßen war. An diesen Quellen entstanden Schwefelbäder, die seit Plinius Zeiten ein Anziehungspunkt sind. Hier haben schon Alexander Puschkin, Alexandre Dumas und Michail Lermontow gebadet, aber auch die kommunistische Nomenklatura bis hin zu Eduard Schewardnadse, der sich spät im Leben vom Kommunismus abwandte und taufen ließ.

Als sowjetischer Außenminister unter Gorbatschow trug er viel zur friedlichen Vereinigung Deutschlands bei. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Unabhängigkeit Georgiens wurde Schewardnadse aus dem Moskauer Exil in die Heimat zurückgeholt, um die öko-diktatorische Amtszeit des ersten Staatschefs Swiad Gmsachurdia zu beenden. Schewardnadse wurde seinerseits in der sogenannten Rosenrevolution von Micheil Saakaschwili abgelöst, der für das neue Georgien sehr prägend wurde.

Im Stadtbild von Tiflis fällt eine wunderschöne, futuristische gläserne Brücke über dem Mtkwari-Fluß auf, die ein regelrechter Fußgänger-Magnet ist. Daneben erstreckt sich am Ufer ein ähnlich futuristischer Glasbau, der das Theater beherbergen sollte, aber bis heute leer steht, weil das Gebäude nicht funktioniert. Die überaus gelungene Brücke und das misslungene Theater, beide von Saakaschwili veranlasst, sind charakteristisch für seine Amtszeit. Er startete als erfolgreicher Erneuerer und Reformer Georgiens und endete in Korruption und Misswirtschaft. Schließlich musste er das Land verlassen, um seiner Verhaftung zu entgehen. Er ging in die Ukraine, brachte es in kürzester Zeit zum Gouverneur von Odessa und verlor ebenso schnell wieder die ukrainische Staatsbürgerschaft.

Ähnlich chaotisch ging es in der jüngsten georgischen Geschichte zu. In der Sowjetunion lebten die unterschiedlichen Nationalitäten, auch im Kaukasus, weitgehend friedlich zusammen. Als das Regime zusammenbrach, wurden die alten Konflikte und Rivalitäten wieder lebendig. Georgien erklärte seine Unabhängigkeit, aber sofort spalteten sich die Südossetien und Abchasier ab. Das führte in den 90er Jahren zum blutigen Bürgerkrieg, der Georgien weltbekannt machte, aber einen schlechten Ruf einbrachte, der bis heute nachwirkt. Inzwischen ist der Konflikt eingefroren, aber nicht gelöst.

Trotzdem ist Tiflis eine vitale, aufstrebende und entspannte Stadt. Das sieht man schon an der Art, wie der Straßenverkehr scheinbar ohne alle Regeln funktioniert. Auch im größten Stau fädelt man sich irgendwie ein, weil immer wieder jemand, der vielleicht Vorfahrt hätte, Platz gibt.
Die Stadt hat sich vom sowjetischen Grau gelöst und präsentiert ein spannendes Miteinander unterschiedlichster Baustile. Es wurde viel Altsubstanz abgerissen, aber noch mehr wunderbar restauriert. Die Altstadt auf den Felsen über dem Fluss erscheint wie aus einem romantischen Gemälde entsprungen. Es gibt langweilige moderne Zweckbauten, aber spannende moderne architektonische Experimente, die ins Auge fallen. Stadtbildprägend sind die vielen Kirchen; alte aus dem 5. Jahrhundert, mittelalte aus dem 16. bis 19. Jahrhundert und ganz neue, darunter die größte Kirche der Stadt, die Dreifaltigkeitskathedrale, die 2004 in eine prachtvolle, parkartige Anlage auf dem Elisas-Berg gebaut wurde. Die Kirchen sind voll, anders als bei uns nicht nur von Touristen, sondern von alten und vielen jungen Gläubigen. In Georgien ist das Christentum lebendig geblieben.

Das hat wohl mit der Geschichte zu tun. Hartnäckig hat sich Georgien gegen alle Eroberungsversuche seinen Charakter als christliches Land bewahrt. Man trifft auf Schritt und Tritt auf Kirchen, Klöster oder ihre Ruinen. An vielen Stellen haben sich frühchristliche Malereien, Skulpturen und Ornamente erhalten, die einen wertvollen Schatz darstellen. Für Liebhaber christlicher Kunst ist Georgien ein
Muss.

Allein in der unmittelbaren Umgebung Tiflis befinden sich die alte Hauptstadt
Mzcheta, deren spektakulärste Kirche hoch über dem Zusammenfluss von Mtkwari und Aragul auf Felsen thront, die Narikala-Festung mit dem ältesten Tabernakel des Landes und die Kirche des Heiligen Nicolosi, alles Bauten aus der frühchristlichen Zeit. Das Besondere daran ist, die atemberaubende Landschaft, in die solche Bauten eingefügt sind.

Das Interesse daran ist verständlicherweise groß, fast zu groß. Tourismus ist der zweitgrößte Wirtschaftszweig Georgiens. Das ist einerseits gut für das Land, das enormen Nachholebedarf hat, andererseits entsteht auch hier die Gefahr des
Over-Tourism. Man hat zum Teil Schwierigkeiten, die Kunst vor lauter Menschen zu sehen. Problematisch ist auch eine Form von Tourismus, die ganz auf möglichst spektakuläre Fotos konzentriert zu sein scheint. Um dieser Schnappschüsse willen, wird wild auf den historischen Mauern herumgeklettert, ohne Rücksicht auf Verluste. Noch sind die Georgier tolerant, aber um ihr Weltkulturerbe zu schützen, müssen sie eher früher als später klare Regeln für den Umgang damit erlassen.

Am Abend wird Tiflis noch schöne
r als am Tag. Dann werden seine wilden Steilufer, Berghänge und Felsen mit ihrem architektonischen Schmuck wirkungsvoll beleuchtet. Viele Hotels und Gaststätten haben Dachterrassen, von denen aus man die Stadt zu seinen Füßen bewundern kann. Schon nach wenigen Stunden hat sich das Gefühl eingestellt, hier unbedingt noch einmal herkommen zu müssen, denn bei nur einem Aufenthalt kann man gar nicht alles Sehenswerte erfassen.


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