Eine Debatte anstoßen ohne miteinander zu reden?

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„Das Blaue Wunder“ von Dresden

von Gastautor Torsten Küllig

„So geht’s nicht weiter. Etwas muss sich ändern. Grundlegend und sofort.“ Davon überzeugt, bricht eine Gruppe Dresdner Bürger zu neuen Ufern auf. Natürlich per Schiff; die Dresdner sind erfahrene Dampfschifffahrer. Der Kurs ihrer Reise geht hart nach rechts, ihr Logbuch ist das „Blaue Buch“, in dem die Grundlinien für eine alternative Zukunft beschrieben werden.

Verrückt, auf wie viele Fragen dieses Buch eine Antwort hat! Natürlich darauf, wie das Zusammenleben auf dem Schiff organisiert werden muss, und was dabei die Frauen zu tun und zu lassen haben, und wie man die Geburtenrate steigert, damit am Ende der Reise die Richtigen in der Mehrzahl sind. Steht alles drin im „Blauen Buch“.

So beschreibt das Staatsschauspielhaus Dresden die Handlung des Stückes „Das Blaue Wunder“, das seit dem 26. Januar in Dresden aufgeführt wird.

Na, können Sie sich schon vorstellen, wohin die „Kreuzfahrt“ gehen soll?

Nein, dann empfehle ich Ihnen noch das mdr-Interview mit dem Regisseur Völker Lösch.

Immerhin hat Thomas Bille den Kulturschaffenden für mdr-Verhältnisse durchaus kritische Fragen gestellt. Das hält Herrn Lösch jedoch nicht davon ab, folgende widersprüchliche Aussage zu treffen:

„Meine Erfahrung aber zeigt, dass dieses Reden nicht viel bringt. Es ändert sich nicht viel, im Gegenteil, bestimmte Bereiche radikalisieren sich zunehmend. Deswegen war unsere Konsequenz, dass wir aufhörten mit ihnen zu reden.“

Um dann aber am Ende des Interviews Dresden als „Stadt mit den zwei Haltungen“ zu bezeichnen, bei denen die zwei Haltungen miteinander ins Gespräch kommen und sich nicht mehr nur wie zwei große Lager gegenüberstehen sollen – na was denn nun, Herr Lösch?

Glauben Sie wirklich, Ihre Inszenierung wirkt einer weiteren Spaltung der Stadtgesellschaft aktiv entgegen?

Der beste Satz im Interview ist aber bei Minute 5:00 zu hören:

„Eine Kunst, die politische Inhalte hat, ist ja noch lange keine ideologische Kunst!“

Ja, ist das wirklich so?

Eine interessante Frage, wann wird Politik eigentlich zur Ideologie? Sagen wir es einmal so: In der Kunst ist das dann der Fall, wenn aus einem Theaterstück ein Tendenzstück wird und man dies mit Kontinuität über Jahre hinweg so betreibt, wenn der „anderen Seite“ eben kein dramaturgischer „Spiel- und Gestaltungsraum“ auf öffentlichen Bühnen eingeräumt wird. Das kann man so halten, aber dann sollte man sich auch dazu bekennen.

Wie ideologiefrei dieses Theaterstück in Wirklichkeit ist, erkennt man auch an den Akteuren, die im letzten Akt „ihre Haltung“ vortragen können:

Mission Lifeline e. V., Tolerave e. V., Bündnis gegen Rassismus,

Für ein gerechtes und menschenwürdiges Sachsen, Herz statt Hetze,

Dresdner Antifaschist*innen, Straßengezwitscher e. V.,

Banda Internationale, Dresden kippt!, Nationalismus raus aus den Köpfen.

Als Kandidat der Freien Wähler zu den Dresdner Stadtratswahlen ist Ideologiefreiheit für mich Kernbestandteil einer freiheitlichen Bürgergesellschaft, und es liegt mir fern, Partei für die AfD zu ergreifen. Sicher kann man einige Positionen kritisch sehen, in vielen Dingen hat sie aber auch recht:

Die größtenteils bedingungslose und somit unkontrollierte Einwanderung verändert unser Land in einer bisher nie dagewesenen Geschwindigkeit. Sie wird Verwerfungen mit sich bringen, vor denen viele Bürger berechtigterweise Befürchtungen haben, weil sie instinktiv und nachweislich jetzt schon spüren, welche Auswirkungen dies im täglichen Zusammenleben bereits jetzt schon hat.

Ich reagiere aber sehr gereizt, wenn im öffentlichen Diskurs solche Bedenken pathologisiert werden, wenn man gemeinhin für diese Haltung als „Rechter“ diffamiert wird. Dieser Begriff ist nicht trennscharf genug und liegt meist in der Deutungshoheit derer, die glauben auf der richtigen Seite des Ufers zu stehen.

Doch, wo ist schon die richtige Seite eines Ufers?

Ja, die dramaturgische Freiheit lässt den Künstlern einen großen schöpferischen Spielraum. Dennoch sollten sich diese immer im Klaren sein, dass sie – ähnlich wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk – im Wesentlichen von der Allgemeinheit alimentiert werden.

Bei der zurückliegenden Bundestagswahl haben 27 Prozent der wahlberechtigten Sachsen die AfD gewählt. Unterstellen wir einmal, dass Wahlberechtigte im gleichen Maße auch Steuerzahler sind, werden also über ein Viertel des Zuschusses des Staatsschauspiels Dresden von eben den Leuten bezahlt, die bei diesem Stück vorgeführt oder zumindest agitiert werden sollen.

Bei mir wird immer meine DDR-Vergangenheit getriggert, wenn sich Kulturschaffende als Agitatoren und Gesellschaftsingenieure verstehen, um aus Ihrer Sicht nur das vermeintlich Gute voranzutreiben. Die Hypermoral natürlich immer fest im Gepäck!

Wie wäre es, wenn Herr Lösch einmal ein Theaterstück inszenieren würde, das ergründet, woran – oder besser gesagt – an wem es liegt, dass unsere Gesellschaft so gespalten ist und dieser Riss seit September 2015 nicht nur durch unsere Stadt, sondern sich auch über unser ganzes Land erstreckt?

Ein Arzt bekämpft doch auch die Ursachen einer Krankheit und nicht deren Symptome.

Sollten das nicht auch unsere Kulturschaffenden versuchen?

Nur zu Herr Lösch!



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