Auschwitz 2018: NIE WIEDER!

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Von Gastautor Josef Hueber

Dem Holocaust gerecht zu werden, erfordert auch einen Blick in die Vergangenheit. Das „Nie wieder!“ genügt nicht.

Juden und Muslime reisten am 9.August nach Auschwitz in das ehemalige Konzentrationslager, um der ermordeten „Opfer des Nationalsozialismus“ zu gedenken. Die Rede Aiman Mazyeks ignorierte allerdings die historische Mitschuld der Araber am Holocaust.

Muslime und Juden als Opfergemeinschaft?

Die Rede des Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, in Auschwitz 2018, verdient Aufmerksamkeit. Das bei solchen Veranstaltungen obligatorische, auch von ihm wiederholte „Nie wieder!“ ist zwar nicht originell, aber es bleibt Postulat. Mazyek zeichnet ein Bild gewiss wünschenswerter, beidseitiger Achtung zwischen Muslimen und Juden in Deutschland. In seiner Rede bettet er die systematische Ermordung der Juden aber in einen Kontext, der den historischen Holocaust überschreitet und einen Bezug zur Wir-Gruppe des Redners in der Gegenwart herstellen soll. Ist der Verdacht der Instrumentalisierung des Holocausts von der Hand zu weisen? Das „Framing“ ist richtungsweisend: Gedenken an den Holocaust bedeutet, so Mazyek, heute und morgen gegen „Antisemitismus, gruppenspezifische Menschenfeindlichkeit und Rassismus“ vorzugehen. Damit nahegelegt ist der Hinweis auf die Stigmatisierung seiner Wir-Gruppe, der Muslime in Deutschland, und damit deren Einbezug in die Gruppe von Opfern. Der Brückenschlag zwischen den Nationalsozialisten und einem unterstellten Quasi-Antisemitismus gegen Muslime in der Gegenwart ist damit hergestellt. Was es mit dem „Nie wieder Auschwitz!“ zu verhindern gilt, wäre somit eine sich anbahnende Neuauflage des Holocausts, dessen Opfer dann nicht nur Juden wären. Muslime und Juden verschmelzen so zu einer suggerierten Opfergemeinschaft.

Die Absage an Geschichtsvergessenheit erfordert das Bekenntnis zur Schuld aller Beteiligter am Holocaust

Was Mayzeks Rede, die sich auch gegen Geschichtsvergessenheit wendet, erstaunlicherweise ignoriert, ist der schonungslose Blick in die Vergangenheit – auf alle Täter, auf alle Schuldigen. Sarah Honig, einst leitende Redakteurin der Jerusalem Post, wendet sich mit deutlichen Worten gegen die Unterschlagung arabischer Schuld am Holocaust.

„Betrügerische Erzählungen erleichtern die Vertuschung des direkten Zusammenhangs zwischen unsterblicher arabischer Feindschaft und Hitlers endgültiger Lösung des jüdischen Problems. Die Araber gehörten zu den ersten, die sich an die Nazi-Ideologie anschlossen. Unverhüllt faschistische Parteien verbreiteten sich unter ihnen – von den Nationalsozialisten Syriens unter der Führung von Anton Sa’ada bis zu Ahmed Husseins „Junges Ägypten“. [Die Bewegung entstand 1933 und nahm den europäischen Faschismus zum Vorbild, was sowohl die Organisationsformen als auch die militärischen Aktivitäten betraf. Sie gründete die „Grünhemden“ und orientierte sich dabei an den deutschen Braunhemden.] Sie waren alles andere als bloße Zuschauer. Einheimische Araber warteten gespannt auf Rommels Eroberung. Sie horteten Waffen, veranstalteten offen Manöver zur Unterstützung des Afrika-Korps, beherbergten deutsche Fallschirmjäger, spionierten und begrüßten sich gegenseitig mit “Heil Hitler” und Nazi-Grüßen. Palästinensische Neugeborene erhielten Namen wie Hitler, Eichmann oder Rommel. Husseini – als “Premierminister” einer panarabischen Regierung in der deutschen Hauptstadt – wurde in einer beschlagnahmten zionistischen hebräischen Schule in der Klopstockstraße untergebracht und vom deutschen Außenministerium mit dem Gegenwert von $10.000 pro Monat (als der Dollar noch allmächtig war) ausgezeichnet. Die Summe wurde von der SS aus ihrem Sonderfont (den Juden geraubte Gelder) mehr als ausgeglichen. Himmler organisierte Führungen für Husseini in Auschwitz, und Husseini plante ein Vernichtungslager im Mittleren Osten bei Nablus. Er wurde mit der Nazi-Propaganda an Araber und Muslime beauftragt und rekrutierte Bosnier, um Balkanjuden für Todestransporte zu foltern, zu brutalisieren und zu konzentrieren, so wie es die Ukrainer anderswo getan haben.“

Das besitzanzeigende Fürwort ist nicht harmlos

An pointierten Stellen erhebt Mazyek stellvertretend einen beachtenswerten Besitzanspruch: „ Wir tun dies als Deutsche, als muslimische Deutsche, weil wir, weil der Islam, Teil unseres Landes ist und wir damit selbstverständlich auch Verantwortung für unser Land tragen.“

Der Schritt von „Der Islam gehört zu Deutschland“ (Wulff et al.) zu „UNSER Deutschland“ kann nicht übersehen werden. Versetzen wir uns in die Lage von z.B. in der Türkei geborenen Deutschen, die noch dort leben. Wie würde man auf türkischer Seite reagieren, wenn diese die Türkei als „unser Land“ bezeichnen würden? Mazyeks Formulierung ist nicht harmlos.

Das Bekenntnis zu Menschlichkeit erfordert auch,
Antisemitismus der Gegenwart anzusprechen und Schuldige zu benennen.

Weiter Sarah Honig: „ Bereits 1983 schlug Yasser Arafat vor, einen Kranz am Denkmal des Warschauer Ghettos zu legen. Wir können mit Sicherheit davon ausgehen, dass Arafat nie die Absicht hatte, den verzweifelten und sehr zionistischen Helden des Ghettos zu huldigen, die einen hoffnungslosen Kampf führten, weil sie keinen sicheren Hafen, keinen eigenen Staat oder keine eigene Armee hatten. Arafat war darauf aus, PR-Punkte zu sammeln, während er die jüdische Tragödie und das nationale Wiederaufleben verspottete. Er strebte danach, die Juden von Zion zu distanzieren und sich selbst als spirituellen Nachfolger der Ghetto-Helden darzustellen, indem er gegen die Nazis der Neuzeit kämpfte. Die Überlebenden und ihre Nachkommen wurden offensichtlich in die Rolle des Bösen geworfen.“

Wir erleben eine journalistische Gepflogenheit: Nur wenn es unumgänglich ist, werden Herkunft und die weltanschauliche oder religiöse Prägung von Tätern, die Gewalt gegen Juden anwandten, genannt. Entlastungsfaktoren, wie (staatlich zu verantwortende!) mangelhafte Integration, Perspektivlosigkeit oder Traumatisierung sind umgehend auf dem Plan, um das Augenmerk von den Opfern abzulenken und die Entschuldbarkeit anti-jüdischer Vergehen zu nahezulegen.

Versöhnungsbereitschaft aus israelischer Sicht – eine Mahnung zur Vorsicht

Sarah Honig: „Arabisch-muslimische Einstellungen zum Holocaust sind vielfältig, listig komplex und oft scheinbar widersprüchlich. Aber diese offensichtlichen Inkongruenzen sind überwiegend taktischer Natur. Das Ziel ist letztlich, wie man die Überreste des zerstörten Judentums in Europa und seiner Nachkommen in Israel am besten bekämpft. Der gemeinsame Nenner für die verschiedenen Finten ist eine zugrunde liegende Heuchelei, die es ermöglicht, dass Holocaust-Rechtfertigung, Holocaust-Leugnung und zynische Holocaust-Instrumentalisierung gleichzeitig im arabischen Diskurs gedeihen.“

Wird die Nie-Wieder!- Veranstaltung in Auschwitz den anwachsenden Antisemitismus in ganz Europa in den Augen der deutschen Juden als eine beherrschbare Gefahr erscheinen lassen?
Wird die Kranzniederlegung beruhigender wirken als die Realität des nicht mehr zu leugnenden, immer deutlicher und häufiger um sich greifenden Hasses gegen Juden in Deutschland?

Man muss für einen derartigen Optimismus den jüdischen Mitbürgern viel Idealismus und Naivität unterstellen, solange die Ideologien, die auf die Vernichtung der Juden und Israels auch heute noch abzielen, in ihrem Ursprung nicht erwähnt und nicht klar beim Namen genannt und bekämpft werden.

Ob dazu das politische Klima in Deutschland Mut macht?



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