Waffen für Amerika

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Unter diesem Titel sollte Lion Feuchtwangers großer Roman über das vorrevolutionäre Frankreich unter Ludwig XVI und seinem Pakt mit dem rebellischen Amerika erscheinen.
Da es aber im stalinistischen Deutschland selbst in einem historischen Roman keinen positiven Bezug zu Amerika geben durfte, kam das Werk unter „Die Füchse im Weinberg“ heraus.

Feuchtwanger musste für die Ausgabe von 1953 ein Vorwort schreiben, in dem er beklagte, dass ein Autor historischer Dichtung damit rechnen muss, dass „schon die Wahl der Nation und der Zeit, in welcher er seine Menschen und Geschehnisse ansiedelt“ Misstrauen wecken kann. Ein Roman über die Amerikanische Revolution setzt sich dem Verdacht aus, er wäre zum Ruhm des gegenwärtigen Amerika geschrieben. Welche fatalen Folgen eine solche Annahme haben konnte, war Feuchtwanger nur allzu klar. Er hatte 1937 den berüchtigten Moskauer Prozessen beigewohnt, denen auch einige seiner Schriftstellerkollegen zum Opfer fielen.

Also erklärte er, dass ihn seit Jahrzehnten die merkwürdige Erscheinung beschäftigt hätte, wie so unterschiedliche Menschen wie Beaumarchais, Benjamin Franklin, Voltaire, Ludwig XVI, Marie Antoinette, Lafayette, jeder mit andern Gründen, dabei helfen mussten, die Amerikanische Revolution zum Erfolg zu führen.

Genau das macht Feuchtwangers Roman auch heute noch spannend. Ob der eigentliche Held seines Romans wirklich der Fortschritt ist, wie Feuchtwanger beteuert, bleibt dahingestellt. Es ist eher der Zeitgeist, der sich als so stark erweist, dass die Menschen, die ihm frönen, ihren eigenen Untergang in Kauf nehmen. Das war keineswegs nur im 18.Jahrhundert so. Das gibt es heute noch.

Die eifrigsten Anhänger der Amerikanischen Revolution waren die Herren und Damen aus Marie Antoinettes Entourage, genannt der Fliederblaue Klüngel. Die Alt-Adligen, die ihre blaublütigen Vorfahren mehrere Jahrhunderte zurückverfolgen konnten, schnappten begeistert jede Neuigkeit aus Amerika auf, lasen jedes verfügbare Pamphlet, auch wenn es heftigste Schmähungen gegen den französischen König und den Adel enthielt. Die Damen trugen sogar Bildnisse Amerikanischer Rebellen in ihren turmhohen Frisuren.

Auf die Frage Ludwig XVI, warum sie sich für die Verbreitung solcher Schriften einsetzten, erklärte der Wortführer: Wir wissen, dass wir an unserem eigenen Ast sägen – aber es ist amüsant und wir tun es mit Grazie. Am Ende stiegen sie mit Grazie aufs Schafott. Ob sie da noch amüsiert waren, wissen wir nicht.

Ludwig XVI scheint der einzige klar denkende Mensch im Irrenhaus Versailles gewesen zu sein. Schon als ganz junger Mann las er lieber Plutarch oder Historiker, statt sich an den Amüsements seines Hofstaates zu beteiligen. Besonders oft las er die Beschreibung der Hinrichtung des Englischen Königs Karl I, zum letzten Mal am Abend vor seiner eigenen Exekution.

Ludwig XVI war immer ein Gegner der Revolution. Er ahnte, dass sie auch in Frankreich Schule machen und das Königtum in den Abgrund stürzen würde. Aber er war schwach. Er hatte weder seinen Ministern, die ihn zu einem Vertrag mit Amerika drängten, noch Marie Antoinette, die ihn, angefeuert von ihren adligen Gespielen, in dieselbe Richtung zog, etwas entgegenzusetzen. So nahm das Verhängnis seinen Lauf.

Ludwig XVI war beliebt bei seinem Volk. In einem harten Winter, als das Brennholz unbezahlbar wurde, gab er seine Wälder frei zum Holzsammeln und ließ von seinen livrierten Dienern das Holz anschließend zu den armseligen Hütten bringen.
Marie Antoinette dagegen war verhasst. Wenn sie mit ihren Schlitten durch Paris fuhr wurde sie häufig angehalten und die Pariser Marktfrauen machten von ihrem Recht Gebrauch, der Königin ihre Meinung ins Gesicht zu sagen.

Was in einer absoluten Monarchie möglich war, ist heute völlig undenkbar. Stellen Sie sich vor, Verkäuferinnen kämen heute auf die Idee, der Kanzlerin persönlich die Meinung sagen zu wollen! Sie dürfen untertänigst eine E-Mail an das Kanzleramt schreiben und bekämen eine automatische Antwort vom Computer.

In Frankreich siegte die Hofintrige, es verbündete sich mit Amerika. Die Freiheitsstatue in New York zeugt noch heute von diesem Pakt. Wie Ludwig XVI, den man übrigens immer für ein wenig beschränkt hielt und über den der Klüngel sich lustig machte, vorausgesehen hatte, kam die Revolution nach Frankreich.
Sie rief „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ und brachte Terror, Hunger und Tod. Nicht nur den Adligen, die sie herbeigesehnt hatten, sondern auch den Bauern aus der Vendée und allen Kritikern. Zum Schluss schickten sich die Revolutionäre gegenseitig zum Henker.

Nicht nur Menschen fielen der Revolution zum Opfer, sie löste einen gewaltigen Kulturzerstörung-Sturm aus. Am heutigen 6. August begann 1793 die vom Konvent verfügte systematische Zerstörung der Königsgräber in Saint-Denis. Vorher waren schon alle Statuen eingeschmolzen worden, um Blei für den Krieg gegen Österreich und Preußen zu gewinnen. Auch aus den Särgen sollte Blei gewonnen werden. Tatsächlich entwickelte sich ein Vernichtungsrausch gegen Kunstwerke, der bis zum 10. August dauerte.

Es hat schon etwas unheimliches, dass die USA ausgerechnet den 6. August für den Atombombenabwurf gewählt haben. Im etwa gleichen Zeitraum wie die symbolische Kulturzerstörung im revolutionären Frankreich fand 1945 die atomare Vernichtung zweier Städte statt.

Noch unheimlicher ist, dass die so genannten Eliten schon wieder dabei sind, frisch und fröhlich an dem Ast zu sägen, auf dem sie sitzen. Nicht nur sie, sondern wir alle. Bei Feuchtwanger kann man nachlesen, wo das endet.

Dazu eine Mail von Leser Freddy Hummel:

Sehr geehrte Frau Lengsfeld,

im besagten Artikel – den ich sehr amüsant und interessant fand – fehlt leider ein Hinweis. Das königliche Frankreich hat damals die Waffen an Amerika aus einem anderen Grund geliefert und vorfinanziert, indem sie den “Rebellen” die neue bis dahin nicht bekannte Finanzierungsform – später Anlageform –  >>Staatsanleihen<< abgekauft haben.
Der Grund war, über einen Stellvertreterkrieg zu erreichen, dass das königliche Großbritannien ihrer nordamerikanischen Kolonien verlustig geht und damit erheblich im Vergleich zu Frankreich geschwächt wird.  Es war also eine eiskalte, knallharte Machtpolitik die zu der Entscheidung geführt hat und nicht eine Laune einiger Adeligen.