Der Westen und seine neuen Kreuzfahrer

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Warum ich noch einmal eine Kreuzfahrt mache, obwohl ich mir geschworen hatte, es nie wieder zu tun, tut hier nichts zur Sache. Ich benutzte diese Erfahrung als soziologische Studie. Die bestätigt leider meine Befürchtungen über den unaufhaltsamen Niedergang des Westens. Um die heute drohenden Gerichtsverfahren zu vermeiden, sobald man ein kritisches Wort äußert, verrate ich nicht, mit welchem Anbieter wir unsere Tour in Las Palmas/ Gran Canaria gestartet haben.

Um die sauteure Reise auch sicher am Sonntag antreten zu können, flogen wir schon am Freitag los. Es war billiger, zwei Nächte auf der kanarischen Insel zu übernachten, als ein Flug am Sonnabend oder Sonntag zu nehmen. Außerdem entgingen wir der Gefahr, Opfer des Tarifstreits bei den Piloten, dem Kabinen- oder dem Bodenpersonal zu werden.

Wir landeten von Leipzig aus nach ruhigem Flug glücklich in der Metropole von Gran Canaria. Die Insel interessierte mich. In den Siebziger Jahren hatte es in der DDR ein hartnäckiges Gerücht gegeben, die DDR stünde mit den örtlichen Behörden in Verhandlung, um verdienten Genossen einen exotischen Inselurlaub zu ermöglichen. Ich konnte das Gerücht nie verifizieren, aber mein erster Eindruck war, die Genossen hätten sich hier fast wie zuhause gefühlt. Die Stadt ist potthäßlich. Sie scheint in den Siebziger und Achtziger Jahren einen gewaltigen Bauboom erlitten zu haben. Bekanntlich waren das die Jahre, in denn die Architekten in Ost und West in Wettbewerb gestanden zu haben scheinen, wer die hässlichsten Gebäude entwirft. Auch auf den Smog hätten die DDR-Besucher nicht verzichten müssen, nur dass der hiesige nicht vom Industriedreck, sondern vom Saharastaub stammt.

Wir waren in einem der neuen personalfreien Hotels abgestiegen, das offensichtlich in eine durch Abbruch entstandene Lücke sehr elegant eingefügt worden war. Man bekommt die Codes für den Eingang und die Zimmer zugeschickt, ist angenehm überrascht von der geschmackvollen Ausstattung und genießt vom Balkon aus den Blick auf den Ozean. Leider bestätigte sich mein erster Eindruck auf der Strandpromenade. Sie bestand fast ausschließlich aus den eben beschriebenen Architektur-Horror. Die wenigen traditionellen Bauten waren entweder totsaniert oder abbruchreif. Auf Plakaten las ich, dass Las Palmas Kulturhauptstadt Europas 2031 werden soll. Ich fragte mich sofort, welche Kultur hier gefeiert werden soll. Die des Niedergangs?

Die Promenade wurde vom inzwischen im Westen allgemein üblichen Vielfalt-Gemisch bevölkert, mehrheitlich übergewichtig und im schlampigen Freizeitlook, der viel zu viel  vom Körper sehen lässt. Die Restaurants, Cafés, Bars, Bistros und Ketten-Freßbuden boten, was man heute überall im Westen bekommt. Die einheimische Küche hat sich nicht nur hier in Nischen zurückgezogen.

Wo die Kolonialbauten stehen, die das historischen Zentrum ausmachen sollen, konnte ich nicht herausfinden. Ich habe vielleicht zu viele Stunden in einer wirklichen Attraktion von Las Palmas verbracht, dem Aquarium. Das bietet eine wirklich sensationelle Sammlung von Meerestieren der Vorzeit bis heute man kann sich zwischen den Fischen hinter Glas bewegen, den Rochen auf die Unterseite schauen und einen Hai direkt neben sich auftauchen sehen. Manche Fische sind unfassbar farbenfroh oder sehen aus, als hätte sie ein abstrakter Künstler geschaffen. Die Kreativität der Natur stellt alles in den Schatten, was sich menschliche Hirne ausdenken können.

Auf dem Rundgang wird immer wieder auf die Gefährdung dieser Vielfalt durch den Menschen hingewiesen. Es wird ein eindrucksvoller Film  über  um die Plasteinseln gezeigt, die auf den Ozeanen schwimmen und zig mal größer sind, als Gran Canaria.

Aber leider wird auch die Erzählung vom menschengemachten Klimawandel thematisiert und da wird es zum Schluss grotesk. Jeder könne helfen, den Klimawandel zu stoppen. Man  solle den Wäschetrockner weniger nutzen, Fahrrad fahren, die öffentlichen Verkehrsmittel bevorzugen, recyceln und reusen und verzichten. Warum die  technischen Möglichkeiten nicht eingesetzt werden, um die Plasteinseln zu beseitigen wird nicht gefragt. Ein Bruchteil dessen, was an Geld verpulvert wird, um das Klima zu zwingen, politischen Vorgaben zu gehorchen, würde ausreichen, um diese lösbaren Probleme zu beseitigen.

Wenn der Besucher aus dem Aquarium kommt, sieht er in unmittelbarer Nachbarschaft das nächste Kreuzfahrtschiff stehen. Umweltunverträglich in Potenz, aber profitträchtig. Ein Symbol  für die Janusköpfigkeit des Westens.



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