Von Ulrich Thurmann
Wenn der Regierungschef nicht gegensteuert, neigen viele Politiker und leitende Regierungsbeamte dazu, freie leitende Positionen mit Personen zu besetzen, die weniger qualifiziert sind als sie selbst. So lebt es sich leichter. Es handelt sich um die Positionen der Staatssekretäre, Abteilungsleiter, stellv. Abteilungsleiter und der Leiter nachgeordneter Behörden. Viele Politiker sind auch der Meinung, sie müßten sich mit Parteifreunden umgeben, weil es sich dann angenehmer regiert und man anderen sowieso nicht vertrauen kann. Sie merken erst zu spät, daß unfähige leitende Mitarbeiter der sichere Weg zum Regierungssturz und zum Ende der eigenen Karriere sind.
Bei Karrieristen steht mangels Fähigkeit und Interesse an der Aufgabenerledigung die sofortige Verbeamtung auf Lebenszeit bei Empfang des höchsterreichbaren Gehalts im Mittelpunkt des Interesses. Der Karrierist kann seine Aufgabe nicht selbständig erledigen (dabei wird er dafür doch hoch bezahlt), sondern er muß dauernd nach oben schielen, wie er sich die Gunst der Leitung erhalten kann. Er handelt so, daß ihm von oben möglichst wenig Schwierigkeiten drohen. Das hat aber mit Aufgabenerledigung nichts zu tun. Der Beamte hat dem Vorgesetzten zu sagen, was nach Sach- und Rechtslage zu tun ist, weil der Vorgesetzte es nicht weiß und auch nicht wissen muß – dafür hat er ja seine Mitarbeiter. Nach der Verbeamtung ist der Zuständigkeitsbereich eines Karrieristen wie totes Holz: es kommt nichts und er versagt bei jeder Schwierigkeit.
Die bisher regierenden Parteien sind nach mehreren Generationen derartiger Politiker und leitender Beamter jetzt sukzessive bei der dritten und vierten negativen Qualifikationsstufe angelangt. Die Öffentlichkeit bekommt davon nichts mit, die Medien und auch die Wissenschaft versagen. Hinter jedem ausfallenden Zug, hinter jedem nicht fertig werdenden Vorhaben, hinter jeder nicht bewältigten Krise steckt aber ein unfähiger Minister, ein unfähiger Staatssekretär und ein unfähiger Abteilungsleiter. Wir sind inzwischen so weit, daß Deutschland von den bisherigen Regierungsparteien schon aus personellen Gründen nicht mehr gerettet werden kann.
Die Hoffnungen vieler Bürger gehen in Richtung AfD. Sie profitiert vom Versagen der anderen. Wie steht es aber bei ihr mit der Qualifikation des zukünftigen Regierungspersonals? Man weiß es nicht. Der Prozeß der Herunterstufung der Qualifikation ist aber auch schon jetzt – vor der ersten Regierungsverantwortung – bei ihr angekommen. Karrieristen ohne Berufsausbildung, Berufs- und Leitungserfahrung arbeiten mit allen Mitteln daran, qualifizierte Konkurrenten um die demnächst zu besetzenden Minister- und Spitzenbeamtenpositionen (B-Gehälter) schon vorsorglich wegzubeißen. Dabei werden auch extreme Mittel angewendet.
Um hierauf aufmerksam zu machen, habe ich exemplarisch einen Fall des brutalen Wegbeißens eines Konkurrenten in der hessischen AfD öffentlich gemacht und Strafanzeige erstattet. Die Sache wird bei der Staatsanwaltschaft Wiesbaden unter dem Az. 1173 Js 13621/26 bearbeitet. Die leitenden Politiker der AfD auf Landes- und Bundesebene sind informiert, schweigen aber wie das Grab. Sie wissen nicht, was sie machen sollen. Auch die von mir bundesweit informierten Medien schweigen – mit Ausnahme des Rheingau Echo, das damit seine Unabhängigkeit beweist. Meine Tageszeitung Wiesbadener Kurier hat sich sogar ausdrücklich geweigert, dies als Meldung zu bringen. Was spielt sich da ab?
Wenn bei einer ersten Beteiligung der AfD an Regierungsverantwortung leitendes Personal für die Ministerien und großen Ämter gebraucht wird, kann es sein, daß viele hochqualifizierte Personen bereits weggebissen wurden und die AfD von Anfang an auf die zweite und dritte Qualifikationsebene zurückgreifen muß. Dann kämen wir vom Regen in die Traufe. Da hülfe nur eine äußerst deutliche und wirksame öffentliche Ansprache des Themas mit Veröffentlichung der getroffenen Maßnahmen.
Nach meinen Erfahrungen von 36 Jahren in Ministerien, davon 31 Jahre als leitender Beamter in der Hessischen Ministerialverwaltung, hilft nur die Bestenauswahl durch öffentliche Ausschreibung jeder dieser leitenden Stellen. In Hessen habe ich dies ab 1970 in meinen Zuständigkeitsbereichen eingeführt. Vorher war seit Kriegsende in 24 Jahren noch nie eine Stelle ausgeschrieben worden. Der Personalreferent wußte gar nicht, wie man so etwas macht. Es wurde immer nur unter Parteifreunden ausgewählt. Eine öffentliche Ausschreibung wird einen Aufschrei der Karrieristen zur Folge haben. Aber alles andere führt dazu, daß man auch die AfD vergessen kann. Was dann kommt, weiß ich nicht.
Die öffentliche Ausschreibung kann ergeben, daß Leute zum Zuge kommen, die nicht der AfD angehören. Weil sie die besten sind. Darunter auch solche, die einer anderen Partei oder auch garkeiner angehören. Es könnten auch Leute sein, die einer anderen Partei angehören, aber ihre Arbeit seit Jahren erfolgreich erledigen. Diese würde ich als Minister gerne behalten. Es ist in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt, daß der Großteil der deutschen Beamten und öffentlich Angestellten unabhängig von eventuellen Parteizugehörigkeiten und Wechsel der politischen Leitung weiterhin hingebungsvoll seine Pflichten erledigt und auf Arbeitsergebnisse im öffentlichen Dienst verweisen kann, die der Allgemeinheit der Bürger dauerhaft zugute kommen.
Von der öffentlich sichtbaren Bestenauslese hätte dann nicht nur eine AfD in der Regierung etwas, sondern allgemein der Gedanke von Befähigung, Leistung und Verantwortung. Die öffentliche Verwaltung muß wieder die Tüchtigsten und Mutigsten (Mut zur eigenen Entscheidung!) anziehen und die Politik muß die Verhältnisse so gestalten, daß sie nicht durch Grabenkämpfe mit Karrieristen frustriert oder sogar blockiert werden. Anderenfalls wird das Vertrauen von immer mehr Bürgern in Politik und Verwaltung endgültig untergraben. Bei einer sichtbaren Praxis der öffentlichen Ausschreibung und Besetzung aller leitenden Beamtenstellen ginge es wie ein Aufatmen durch öffentlichen Dienst und Öffentlichkeit. Endlich ein Zeichen von Hoffnung auf ordnungsgemäße Verwaltung! Verwaltung i.S. von Recht und Ordnung ist Ideologen ein Graus – man bräuchte sie dann nicht mehr. Die Bürger lechzen danach, daß die Bedürfnisse des täglichen Lebens ohne Katastrophengeschrei, faktenfremde ideologische Besserwisserei und Gängelei und Wenden um 180 Grad zuverlässig befriedigt werden. Wer das sicherstellen kann, regiert ewig.
Bisher sehe ich meine Hoffnungen nicht erfüllt. Alle gehen um das Thema herum wie die Katze um den heißen Brei.
Ulrich Thurmann Staatssekretär im Hessischen Umweltministerium a.D.
Email thurmann.walluf@t-online.de
Mein nachträglicher Kommentar hierzu vom 24. April 2026:
Bei genauer Betrachtung entzieht meine auf jahrzehntelangem persönlichem Erleben basierende Beschreibung der Personalführung in den Parteien dem deutschen Regierungssystem die Grundlage. Die repräsentative Demokratie gibt dem Wähler einmal in vier Jahren die Chance, sich politisch für etwas zu entscheiden. Er kann sich aber nicht für Personen entscheiden. Sondern nur für eine Organisation, die anschließend macht was sie will. Der Bürger sieht im Laufe der Jahre immer fassungsloser zu, wie Parteiprogramme und Wahlversprechen bedeutungslos werden, wie die von den Parteien in die wichtigsten Funktionen des Staates entsandten Personen ohne geeignete Ausbildung, Berufs- und Leitungserfahrung und ohne Nachweise erfolgreicher Problemlösungen und Aufgabenerledigungen nicht in der Lage sind, Werte zu erhalten oder sogar neue Werte zu schaffen. Wichtige Grundlagen unseres Lebens werden mutwillig zerstört. Mit immer neuen Schuldenorgien wird das Versagen zugeschüttet. All dies ist keine Frage linker oder rechter Politik. Durch die von mir geschilderte laufende Senkung der Qualität des Personals geht in allen Parteien die Kenntnis verloren, wie man sachbezogen, rechtstreu und bürgerfreundlich regiert und verwaltet. Die Generationen, die das noch konnten und kannten, sind in allen Lagern altersgemäß ausgestorben. Es gibt kaum noch lebende Vorbilder in der Verwaltung. Die Parteien haben wie gesagt keinen Wert auf Ausbildung, Erfahrung und Dienstauffassung gelegt und lediglich in vielen Fällen die staatlichen Funktionen mit Karrieristen besetzt, deren Interesse die Entgegennahme der höchsten staatlichen Lebenszeitgehälter und – zu ihrer Absicherung – die Bevormundung bis Unterdrückung der Bürger ist. Das hält nicht mehr lange.
Über den Autor:
Ulrich Thurmann arbeitete 36 Jahre in Ministerien des Bundes und der Länder Berlin (West) und Hessen. 1965-1970 im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit Mitarbeit bei der Neuorganisation der deutschen Entwicklungshilfeverwaltung, gleichzeitig Fortbildungsaufträge in West-Berlin. 1970-1987 im Hessischen Wirtschaftsministerium unter Ministern von SPD und FDP Leitung der Referate für Energiepolitik, Energieaufsicht und Energiepreise sowie Genehmigung und Aufsicht von kerntechnischen Anlagen (Biblis A, B und C, vier Hanauer Brennelementfabriken, Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Brennelemente), im Hessischen Umweltministerium 1988-1995 unter Ministern der CDU und der Grünen Leitung der Abteilung Immissionsschutz und Gentechnik, 1995-1999 unter einer Ministerin der Grünen Leitung der Zentralabteilung des Ministeriums, 1999-2001 unter einem CDU-Minister als Staatssekretär u.a. Leitung des Umbaus der hessischen Umweltverwaltung. Sein Privatdruck „Vom Gebrauch des Staates. Beträge eines Beamten aus sechs Jahrzehnten“ enthält zahlreiche Erlebnisberichte und Kommentare aus Politik und Verwaltung und wird bei Angabe der Postanschrift kostenlos zugestellt (solange der Vorrat reicht)
