Phoenix – Geschwätz aus Asche

Von Gastautor Josef Hueber

Der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt, jetzt emeritierter Philosoph an der Princeton University, hat 2005 ein Buch geschrieben, das 2015 im Suhrkamp Verlag auf deutsch erschienen ist und dessen Titel eine umfassende und zusammenfassende Besprechung vieler Diskussionen zum Thema Zukunft und Bildung sein könnte. Der Titel schmeichelt nicht, würde vielleicht auch nicht ernst genommen, wenn der Essay nicht von einem renommierten Wissenschaftler verfasst worden wäre. Zudem ist er durchaus erfrischend unanständig, und trägt wohl deswegen in der deutschen Übersetzung denselben unübersetzten Titel: Bullshit.

In einem Interview, das auf Youtube nachzusehen ist (https://www.youtube.com/watch?v=lArA7nMIqSI), nennt Frankfurt seine Motivation, sich dieses Themas anzunehmen. Und hier wird der unanständige Titel plötzlich Zeichen eines tief um die Werte der westlichen Kultur und Zivilisation besorgten Denkers. Frankfurt spricht von seiner „Achtung vor und Sorge um die Wahrheit“, da Wahrheit der „Grundpfeiler unserer Zivilisation“ ist. Diese Einstellung vermisse er in der Gegenwart. Symptom dieses Mangels sei bullshit, was „eine der Verzerrungen dieser Werte“ darstellt. Der bullshitter, so Frankfurt, zeige kein Interesse an der Klärung von Konzepten („clarification of concepts“), sein Anliegen bestehe nicht in der Unterscheidung von Wahrheit und Unwahrheit. Deswegen, so Frankfurt, sei er gefährlicher als der Lügner, denn dieser wisse, was Wahrheit ist.

Der Hinweis auf Frankfurts These springt ins Auge, wenn man die hundertfünfzigste Sendung zum Thema Bildung und Digitalisierung, diesmal auf dem sich als Qualitätssender gebenden Kanal Phoenix, ansieht. Müßig ist es, die Sendung „Bildung und Digitalisierung – Sind wir fit für die Zukunft?“ (5.9.2017) zu zerpflücken. Was dabei herauskommt, ist eine mit Hülsen gefüllte Wörtertruhe, die man nicht mehr hören kann, ohne in einen Drehschwindel zu verfallen: Kompetenz(en) – reflektieren – softskills – teamfähig – kritisches Denken und und und. Klar, das alles war vor der Digitalisierung und massenhaften Verbreitung von Tablets nicht gefragt. Deswegen garantieren diese Gadgets eine deutlich steigerbare Zahl an deutschen Ingenieuren, Physikern und Nobelpreisträgern im 1a-Format! Die Phraseologie des Fortschritts, wie sie in diesen Mantras deutlich wird, machte die Phoenix-Runde besoffen. Wie Besoffene auf Nüchterne wirken, ist bekannt.

Den als kritisches Beiwerk gedachten Teilnehmer Martin Spiewak, Redakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT, hörte man, als die Überlegung, ob Googeln nicht die Stelle von traditionellem Lernen einnehmen könne, den unglaublich radikal hinterfragenden Satz aussprechen: „Ein bisschen Wissen ist schon nicht schlecht.“

Der Beweis, wie der Vertreter der Bertelsmann Stiftung, Jörg Dräger, Wolkenpädagogik präsentierte, bildete einen Höhepunkt pädagogischer Ignoranz. Dräger führt eine pädagogische Bauchlandung vor, indem er ein Beispiel für den in seinen Augen sinnvollen Einsatz eines Smartphones oder Tablets auftischte, ohne zu merken, dass er sich hier als Ignorant und Dilettant outete.

Hier ein paar Kostproben seines pädagogischen Gemüses.

„Es kommt darauf an, Bildung zu personalisieren, zuzuschneiden auf den Einzelnen. Damit nicht alle Kinder das Gleiche lernen müssen, sondern jedes Kind, was es gerade kann, von dem es sich gefordert fühlt, an dem es Spaß hat.“

Ach ja, Herr Dräge, aber die Klassenprüfung zur Ermittlung der „Kompetenz“, falls dies in Ihrem Rezeptbuch zukünftiger Bildung auch zu finden ist, ist dann doch wieder einheitlich, also für alle gleich. Bei unterschiedlichen Lerninhalten?

„Den Satz des Pythagoras, den kann vielleicht ein Lehrvideo ganz gut erklären. Für Probleme im Elternhaus braucht es den Menschen. Wertvolle Zeit dem Kind zur Verfügung zu stellen und nicht zu verschwenden mit repetitiven Tätigkeiten.“

Toll! Der Lehrer, der den Pythagoras durchzunehmen hat, stellt ein Video zur Verfügung und hat dann folgende Möglichkeiten. Entweder er setzt sich auf den Stuhl und schaut gelangweilt auf seinem Tablet mit (bequeme Art, eine Stunde verstreichen zu lassen), oder er streift durch den Raum und kontrolliert, ob seine Anvertrauten nicht unter der Bank etwas anderes fokussieren oder einfach mit dem Nachbarn reden. Oder er spricht, weil er ja nun wertvolle Zeit hat, während der Videoveranstaltung gleich mit einem Schüler, der heute traurig aussieht, weil dieser einen Menschen braucht. Der Pythagoras geht freilich dabei flöten.

Praxisferner geht nimmer. Dass ein geübter Lehrer, anders als ein Video, die Schüler – auch individuell – im Blick hat, während er erklärt und seine Erklärung gegebenenfalls verändert wiederholt, Rückfragen stellt, die Erklärung wiederholen lässt und das visuelle oder auch verbale Feedback in den Erklärungsvorgang einbezieht – all das kann sich der Bildungsmann von Bertelsmann nicht vorstellen.

Aber das Fremdwort repetitiv kennt Dräge zumindest. Er verwendet es richtig. Die Bedeutung des Repetitiven für das Lernen ist ihm freilich so unvorstellbar wie die vierte Dimension.

Zu allem soll Harry G. Frankfurt das letzte Wort haben: Bullshit.