Michelangelo am Dampfplaudern

Von Gastautor Josef Hueber

Am Lehrertag der Universität Eichstätt (6.Juli) wurde der wissenschaftliche Schwerathlet, Astrophysiker und Philosoph Harald Lesch als Gastredner zum Schwergewichtsthema

„Was ist Bildung?“ eingeladen. Mit dieser Frage waren Gewichtsringe zu stemmen, die Eindruck machten. Und um die Power des Redners richtig einschätzen zu können, hat man ihn von Seiten der Leitung des Lehrerzentrums der Universität als vielleicht letztes Exemplar eines Universalgebildeten vorgestellt und mit einem Vertreter dieser Spezies in eine Reihe gestellt: Michelangelo Buonarotti. Doch die Hantelscheiben des Hebers täuschten Gewicht nur vor. Sie stammten aus Opas Als die Bilder laufen lernten. Sie waren aus Pappe.

 Begonnen wurde mit einem widerspruchsresitenten Ritt durch die Missstände unseres Alltags. Klagen, wie man sie besonders von alten Leuten kennt: Überall Smartphones!  Die jungen Menschen, ja selbst Kinder, streichen über Displays statt in einem Buch zu blättern. Jeder ist in Hetze. Alle wollen perfekt sein, Versagen ist nicht . Und und und. Gewürzt mit reichlich Anekdötchen, damit nicht auffällt, dass man hier lediglich nur Beilagen serviert bekommt, die nicht satt machen.

Und dann endlich der running gag jeder seriösen öffentlichen Äußerung , der zum eigentlichen Thema Bildung hinführt. Damit, das weiß HL, kann er nichts falsch machen. Er führt als Appetizer zum eigentlichen Thema einen Weltbekannten, dessen Defizite keines Nachweises bedürfen, als Inbegriff von Unbildung vor: Donald Trump. Den er allerdings nur den “ amerikanischen Präsidenten“ nennt, weil er seinen Namen nicht in den Mund nehmen will. (Warum eigentlich nicht mal zur Abwechslung den Dicken aus Nordkorea in die Dreschmaschine geben?) Zeichen mangelnder Bildung , vielleicht der Amerikaner überhaupt, ist es, wie HL überzeugend zeigt, dass diesem Amerikaner niemand “ eine gelangt“ hat, als er behauptete, bei seiner Inauguration seien mehr Amis dagewesen als je zuvor. Aber vielleicht war dies auch nur ein Beispiel für den Aspekt „lustige“ Bildung, den HL einführte.

Ja, und die digitalisierte Welt schmeckt dem Physiker auch nicht. Da kommen Klagen über Arbeitsplatzvernichtung durch Digitalisierung und der nichtgeneigte unfromme Hörer HLscher Ausführungen glaubt nicht richtig zu hören, wenn ein Physiker daherredet wie ein Forscher, der im Glashaus mittelalterliche Ortsnamen untersucht. Gab es da nicht einmal eine Bewegung in England, genannt Lollites, die sich erfolglos gegen die Erfindung der Dampfmaschine und den Bau von Fabriken stellen wollten, um den häuslichen Webstuhl zu retten? Und überhaupt: Ein Unding, so HL, dass deutsche Hochschulen eng spezialisierte Forscher bevorzugen und man an der Uni nicht mehr“ schlendern“ kann, sondern nur noch “ marschiert“ zur Marschmusik aus Bologna.

Freilich, man stocherte ergebnislos in dem Gemüsebrei herum, wollte man auf fleischliche Substanz stoßen. Was für HL nämlich “ kein Thema“ zum Thema Was ist Bildung? war, ist die Frage nach den Inhalten von Bildung. Oder gibt es die gar nicht?

Was HL zu Bildung sagte, kann man in jedem Lehrplan sinngemäß nachlesen, in dem Bereich, der sich mit den allgemeinen Lernzielen beschäftigt. Es geht um Kompetenzen : Neugier, Zeit, (Welt)Orientierung und derlei Unwiderlegbarem.

Im Grunde servierte er eine to-do-Liste von Handlungsanweisungen und etikettierte sie als Bildung.

Los geht’s. Fake news erkennen, sich nicht manipulieren lassen, Zeitung lesen, Deutschlandfunk anhören (laut HL beste Informationsquelle), sich Zeit lassen, erkunden, “ was war“. Zum Beispiel Opa fragen, was er so erlebt hat, damit man erkennt, was auf die Veränderungen der Zeit hinweist und man ein geschichtliches Bewusstsein bekommt. Von der Wiedervereinigung etwa. Gegen den „Perfektionswahn“ ankämpfen.

(Ob er damit auch Studenten der Physik, Medizin und anderer hard-core Fächer meinte?)

Und was sagte HL zum historischen Wandel des Bildungsgedankens und seiner Verschiebung weg vom Geisteswissenschaftlichen , hin zu den Naturwissenschaften und den damit verbundenen Fächern? Dass der Bildungsgedanke im historischen Schnellschritt, wenn nicht bei den Griechen oder Römern, bei der Bedeutung der Klöster in unserem Raum beginnen, den Buchdruck erwähnen, die Aufklärung ansprechen, den Wandel des Bildungsgedankens im 20. Jahrhundert, ansprechen könnte – das alles hat HL Michelangelo nicht realisiert.

Die Auseinandersetzung um die Verschiebung der Bildungsinhalte, wie sie sich in dem Begriff Entrümpelung von Lehrbüchern und Lerninhalten zeigt, kam bei ihm konsequenterweise nicht zur Sprache. Genügt es also zukünftig, wenn Goethe nur noch von Fuck you Göthe her ein Begriff ist? Sprich, Michelangelo!

Zum Schluss gab es noch ein paar Gedanken zur Orientierung für Studenten.

Was sollen wir tun? lautete die Frage eines Zuhörers?

Ein Auszug aus HLs Empfehlungen. 1 Jahr Auszeit nehmen. Ein verpflichtendes soziales Jahr für ausnahmslos jeden jungen Menschen. Erfahrungen in einem praktischen Beruf sammeln.

Humboldt stand irgendwann einmal ganz unten auf einer der zahlreichen Folien, die textdicht den Vortrag begleiteten und die Aufmerksamkeit zwischen Lesen und Hinhören zerteilten. Und zu einer Untugend verpflichteten, die vorher beklagt wurde: Zeit nehmen und nicht mehrere Dinge gleichzeitig tun.

Unterhaltsam war’s, und so hat HL, der off-hand Talker und amüsante Unterhalter den Korb mit Gewürzen, slow Gewürzen natürlich, den man ihm mit einem ehrfurchtsvollen Dankeschön überreichte, redlich verdient.

Das Summa Summarum seiner Überlegungen löste aus, was jedem Redner Sympathien sichert: Lachen und Applaus. HL lässt uns wissen: Das Entscheidende heute ist für Kinder und Jugendliche dass sie Lesen, Schreiben und Rechnen lernen.

Das war schon mal eine Aussage. Leider war damit die Frage Was ist Bildung? inhaltlich weitgehend beantwortet.

Und mein Opa hätte das auf die Frage, was früher in der Bildung wichtig war, auch sagen können.