Die Qualen des Dimitri Schostakowitsch

Die Söhne Mannheims, die sicher die Kampagne gegen ihren Sänger Xavier Naidoo kaum erträglich fanden, könnten sich trösten: Wir leben noch lange nicht in der schlimmsten aller Zeiten. Die mussten andere ertragen. Ab und zu wäre es nützlich, zur Kenntnis zu nehmen, mit welchen Problemen frühere Generationen zu kämpfen hatten.

Den Leidensweg des genialen Komponisten Dimitri Schostakowitsch beschreibt der renommierte Autor Julian Barnes in seinem neuesten Buch „Der Lärm der Zeit“. In drei Episoden: „Auf der Treppe“, „Im Flugzug“ und „Im Auto“ wird die Geschichte eines ganzen Lebens erzählt.

In der Eingangsszene begegnen wir Schostakowitsch mitten im Krieg auf einem Bahnsteig zwischen Moskau und dem Ural. Schostakowitsch, behangen mit Knoblauchketten an Hals und Handgelenken, um sich gegen den grassierenden Typhus zu schützen, gießt einem beinlosen Bettler auf einem primitiven Holzrollbrett und einem Mitreisenden ein Glas Wodka ein. Drei ist die traditionelle Zahl der Wodkatrinker. Die Gläser stoßen aneinander. Schostakowitsch hört dabei etwas, was seine Mittrinker nicht hören…

In der ersten Episode steht der Komponist im Mai 1937 mitten in der Nacht mit einem Koffer auf der Treppe neben dem Fahrstuhl. Er steht dort die ganze Nacht über, seit Tagen jede Nacht. Er lauscht angstvoll, wenn der Fahrstuhl sich in Bewegung setzt, wo das Gefährt halten wird. Schostakowitsch wartet auf seine Verhaftung. Wenn es so weit ist, sollen Frau und Kind, die in der Wohnung nebenan schlafen, nicht gestört werden. In diesen quälenden Stunden raucht er Kette und seine Gedanken „zuckten hierhin und dorthin“.

Das Drama des hochbegabten Kindes unter dem Druck einer dominanten Mutter, das schwierige Liebesleben des Mannes, dessen Ideal von der Novelle Maupassants über den Bahnhofsvorsteher von Antibes geprägt ist, der den Zug, in dem der Ehemann seiner Angebeteten sitzt, eine Nacht lang festhält, um mit seiner Geliebten einmal vereint sein zu können, seine heikle Stellung als gefeierter Komponist, der das Unglück hatte, der Macht zu missfallen.

Während Schostakowitschs nächtlicher Wachen am Fahrtstuhl, liegt der Geiger David Oistrach in Moskau schlaflos in seinem Bett, in Erwartung seiner Verhaftung.

Das Unglück für Schostakowitsch begann, als Stalin 1936 seine Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ besucht und die Vorstellung in der Pause verlässt. Sofort setzte eine Kampagne in der „Prawda“ ein. Seine im Parteiblatt eben noch hoch gelobte Musik war plötzlich etwas, das „quakt, grunzt und knurrt“, „Gesang durch Gekreisch“ ersetzt, um mit dieser „zappeligen, neurotischen Musik den Geschmack der Bourgeoisie“ zu „kitzeln“.

Schostakowitsch teilt das Schicksal etlicher Musikerkollegen, die bereits im Lager sitzen oder erschossen worden sind, nicht. Er ist international bekannt, seit der Neunzehnjährige mit seiner 1. Symphonie, deren Uraufführung von Bruno Walter dirigiert wurde, auf sich aufmerksam machte. Außerdem hatte er einen Schutzengel: General Tuchatschewski, der Bürgerkriegsheld, Liebhaber von guter Musik und schönen Ballerinen. Aber Tuchatschewski wurde 1937 selbst verhaftet, Schostakowitsch ins „Große Haus“ des Geheimdienstes in Leningrad bestellt. Er solle, sagte ihm sein Vernehmer, übers Wochenende genau überlegen, was er in Tuchatschewskis Wohnung über dessen Pläne, Stalin zu ermorden, gehört hätte. Als Schostakowitsch aber am Montag wieder vorsprach, stand sein Name nicht auf der Liste, sein Vernehmer war nicht im Haus, weil selbst verhaftet worden war. Der Todeskelch war an dem Komponisten vorbei gegangen.

Es folgte ein Leben als Aussätziger. Seine Werke wurden nicht mehr aufgeführt. Schostakowitsch musste Staatsmusik komponieren, um seine Familie zu ernähren.

In der zweiten Episode sitzt Schostakowitsch im Flugzeug von New York nach  Moskau. In New York hatte er an einer internationalen Friedenskonferenz teilgenommen. Nach zwölf Jahren Aufführungsverbot hatte er einen Anruf von Stalin erhalten, mit der Aufforderung, an dieser Konferenz teilzunehmen. Der Komponist versucht abzulehnen mit dem Hinweis, dass ihm Fragen zum Aufführungsverbot seiner Werke gestellt werden würden.

„Nein, wir haben das nicht angeordnet“, sagte die Stimme der Macht, „Das war ein Fehler. Der Fehler wird korrigiert werden. Keines Ihrer Werke wurde verboten. Sie können alle gespielt werden. Das war nie anders.“

Also flog Schostakowitsch nach New York. Seine Hoffnung, in der großen sowjetischen Delegation unbeachtet zu bleiben, war vergeblich. Er wurde deren Star. Als er in einer Apotheke ein Medikament kaufen musste, hängte der Inhaber sofort ein Schild ins Schaufenster: „Hier kauft Dimitri Schostakowitsch!“. Sein Wunsch, den verehrten Igor Strawinski zu treffen, ging auch nicht in Erfüllung. Strawinski weigerte sich, ihn zu sehen, nachdem die Macht Schostakowitsch gezwungen hatte, eine Rede gegen den großen Meister zu halten. Schostakowitsch empfand das als die größte Demütigung seines Lebens. Dennoch folgte er der Aufforderung eines CIA-Agenten und vieler New Yorker, die ihn auf Transparenten baten, in den USA um Asyl zu ersuchen, nicht. Er konnte sich ein Leben außerhalb Russlands nicht vorstellen.

Die dritte Episode im Auto spielt nach Stalins Tod. Die Macht ist sanfter geworden, in der Regel nicht mehr tödlich, aber immer noch unerbittlich. Schostakowitsch ist ein anerkannter Künstler, nur seine Oper wird immer noch nicht gespielt. Ein Gremium lehnt das ab, mit Argumenten aus der Stalinzeit.

Für die Aufführungen seiner Werke im Westen bekommt Schostakowitsch Devisen, über die er aber nicht frei verfügen darf. Sein Wunsch, einen Mercedes zu kaufen, wurde ihm abgeschlagen. Wie sieht es aus, wenn ein Verdienter Künstler des Volkes einen Westwagen fährt? Dabei wusste er, dass sich sein Komponisten-Kollege Sergej Prokofjew einen Ford kaufen durfte.

Jeden Morgen sagte Schostakowitsch statt eines Gebetes die Zeilen von Jewgeni Jewtuschenko auf:

 

Ein gelehrter Mann zu Galileos Zeit

Wusste wie Galileo Bescheid:

Die Erde dreht sich ganz bestimmt.

Jedoch er hatte Weib und Kind.

Die Macht ließ Schostakowitsch nie in Ruhe. Er musste in die Partei eintreten, Deputierter des Obersten Sowjets werden, Unterschriften unter die Verurteilung von Alexander Solschenizyn, den er verehrte und immer wieder las und Andrej Sacharow leisten, Artikel gegen Künstlerkollegen veröffentlichen, die er nicht geschrieben hatte. Gefragt, was denn wäre, wenn seine gesammelten Schriften herausgegeben würden, antwortete er: „Dann lohnt es sich nicht, sie zu lesen“.

In den letzen Jahren wartete er nur noch auf den Tod. Daran konnte auch seine dritte, endlich glückliche Ehe nichts mehr ändern. Er war ein Nervenbündel mit nicht mehr beherrschbaren Ticks.

„Er hatte…etwas über die Zerstörung der  menschlichen Seele erfahren… Eine Seele konnte auf dreierlei Art zerstört werden; durch das, was andere einem Menschen antaten; durch das, was ein Mensch sich selbst antat, weil andere ihn dazu trieben; und durch das,was ein Mensch aus freien Stücken sich selbst antat. Jede einzelne Methode erfüllte ihren Zweck; wenn aber alle drei zusammenkamen, waren die Folgen unausweichlich.“

Zum Schluss führt Barnes  den Leser noch einmal auf den unbekannten staubigen Bahnsteig in Russlands Weiten. Was hatte Schostakowitsch dort gehört? Einen perfekten Dreiklang.

„Die Angst würde weitergehen, und der sinnlose Tod und die Armut und der Schmutz ebenso…

Und doch war ein Dreiklang, den drei nicht sehr saubere Wodkagläser und ihr Inhalt hervorgebracht hatten, ein Geräusch, das vom Lärm der Zeit rein war und alle und alles überdauern würde. Und vielleicht kam es am Ende nur darauf an.“