Wüste und Wasser, Kamele und High Tech

„Israels Potentiale in Wissenschaft und Forschung werden sich in der Wüste Negev erweisen.“

Dieser prophetische Satz des Staatengründers David Ben Gurion wird heute Wirklichkeit. Wissenschaft und Technik haben bereits Wunder in der Wüste vollbracht und werden aus dem heute noch rückständigsten Gebiet Israels einen blühende Landschaft machen.

Weil ich unbedingt ans Rote Meer wollte, machten der Schriftsteller Chaim Noll und ich uns auf, die Negev zu durchqueren. Auf der Fahrt, während ich den grandiosen Anblick der Landschaft genoss, machte mich Chaim auf die Details aufmerksam: Hier war in den letzten zwei oder fünf Jahren eine neue Stadt entstanden, dort lagen Farmen, wo Wein, Käse oder Olivenöl produziert wurde. Die Farmer sind Aussteiger aus dem In-und Ausland. Legendär ist der Holländer Arthur, in dessen Schlafzimmer in der Nacht ein Leopard stand, die Haukatze bereits im Maul. Arthur nahm tollkühn seine Bettdecke, warf sich auf den Leoparden und hielt ihn fest. Der überraschte Leopard ließ seine Beute fallen, die Katze konnte entkommen. Zwanzig Minuten hielt Arthur den Leoparden fest, bis der Tierarzt erschien und dem Leoparden eine Betäubungsspritze gab. „Was hast Du in den zwanzig Minuten gemacht?“ „Ich habe mit ihm geredet, habe ihm gesagt, er solle keine Angst haben, es passiere ihm nichts.“ Auf Holländisch! Der Leopard ließ sich anscheinend überzeugen. Nach einer gründlichen medizinischen Untersuchung und Behandlung, wurde er die Attraktion des Nationalparks bei Eilat.

Wein in der Wüste? Die Farmen nutzen fossiles Wasser, das sich in großen Mengen unter der Negev befindet und von dem die biblischen Vorväter schon gewusst haben.

Unser erster Halt ist Ben Gurions Wohnsitz in der Wüste. Ein bescheidenes Haus, abgesehen von zwei Bädern ohne Komfort, aber mit einer großen Bibliothek. Auf seinem Schreibtisch liegen u. a. eine Bibel und ein deutschsprachiges Buch über Wüsten. Ben Gurion sprach mehrere Sprachen und war ein eifriger Bibelleser. Er suchte im Buch der Bücher nach den spirituellen Hintergründen des Lebens in der Wüste. Chaim erzählte mir, dass Ben Gurion hier Besuch vom damaligen Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier bekam. Die beiden alten Herren sprachen eine Nacht lang über Bibelstellen und die biblischen Hintergründe der Wüste.

Damals, als sich die Politiker noch nicht „Eliten“ nannten und sich als Diener ihres Landes sahen, waren sie noch gebildet. Können sie sich die abgebrochene Theologiestudentin Göring-Eckhard als Bibelkennerin vorstellen? Oder Heiko Maas als Cicero-Experten?

Chaim, der gerade an einem Buch über Wüstenliteratur schreibt, erzählt mir, dass in der Bibel schon auf das fossile Wasser hingewiesen wird, das heute erst wiederentdeckt wurde. Die Bibel unterscheidet zwischen aus dem Felsen fließenden und unterirdischem Wasser. Wörtlich heißt es in Psalm 33,7: noten b ozrot t’homot, „Er gibt (Wasser) in der Tiefe/in Abgründen liegende Speicher“; Luther übersetzt: „Und sammelte in Kammern die Fluten.“ Er kannte die Wüste ja auch nicht. Heute werden diese Reservoirs zu verschiedenen Zwecken genutzt, zur Bewässerung von Pflanzen, zur Fischzucht in Teichen, sogar für Thermalbäder.

Nur vier Kilometer von Ben Gurions Haus entfernt liegt Merchat Am, ein Ort, der 2002 von jungen Siedlerfamilien aus der Westbank gegründet wurde. Er ist ein Symbol für Israels Entwicklung. Die jungen Leute kamen mit Anfang zwanzig hierher und lebten anfangs in Containern. Sie trotzten der Verwaltung alles ab: Steuererleichterungen, Strom, Wasser und begannen die Wüste zu kultivieren. Erst waren es vier Familien, dann sieben. Heute sind es achtzig. Die Container stehen noch und zeugen von den bescheidenen Anfängen. Inzwischen gibt es asphaltierte Straßen und eine Bushaltestelle. Die villenartigen Häuser, die in den letzten Jahren entstanden sind, zeugen von der Prosperität ihrer Bewohner. Die zauberhaften Gärten, mit denen sie umgeben sind, von der Fähigkeit der Israelis, die Wüste zum Blühen zu bringen.

Während Europa von seiner Politkaste ruiniert wird, entwickelt sich Israel prächtig. Das hat etwas mit dem Geist zu tun, der hier herrscht. Es ist der Geist des Forschens und der Innovation, wie er in Deutschland um 1900 zu finden war, nicht die nihilistische Untergangsstimmung und geistige Verwahrlosung, von der Europa heute beherrscht wird.

Der nächste Stopp ist Avdat, ein Berg mit unzähligen Wohnhöhlen, gekrönt von einer Ruinenstadt der Nabatäer. Chaim ist der Überzeugung, dass die vielen Wohnhöhlen Flüchtlingen nach dem gescheiterten Bar Kochbar-Aufstand Zuflucht geboten haben. Sie konnten jedenfalls Tausende aufnehmen. Hier findet man eine Grabplatte, auf der sowohl ein Kreuz, als auch eine Menora eingraviert sind. Die ersten Christen waren wohl Juden, was beiden Religionen bis heute Schwierigkeiten bereitet.

Avdat, das an der Weihrauchstraße liegt, erlebte unter den Römern eine zweite Blüte. Sie bauten eine Tempelanlage und legten ein großes Militärlager an. Auf dem Berg mit seinem Rundumblick konnte ihnen nichts entgehen. Ernährt wurden die Bewohner durch die Landwirtschaft, die auf Terrassen betrieben wurde, die das Sturzwasser vom Berg im Frühling auffingen und festhielten. Gegenüber liegt eine inzwischen verlassene Farm, in der der ein Forscher versucht hat, diese antike landwirtschaftliche Technik wiederzubeleben. Den Erfolg sieht man teilweise heute noch, aber die Forschungen wurden nach Entdeckung des fossilen Wassers nicht weitergeführt.

Unser nächster Stopp ist Mitzpe Ramon, eine Anfang der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts entstandene Arbeitersiedlung, wo wir den riesigen Erosionskrater bewundern, den 34 km langen, 12 km breiten und 300 Meter tiefen Maktesh Ramon. An seiner Westseite befindet sich der Rosh Ramon, der höchste Berg der Negev. Inzwischen gibt es einen attraktiven Aussichtspunkt, gebaut aus den weißen Kalksteinen der Negev mit Café und Bar für die Nachtschwärmer. Aber Rauschmittel braucht man hier eigentlich nicht. Die Aussicht ist berauschend genug.

Auf der Weiterfahrt zum Roten Meer muss man auf Serpentinen bis zum Grund des Kraters fahren, vorbei an Steilwänden unterschiedlichster Formationen, gespickt mit Ammoniten. Diese fossile Wunderwelt kann man auf zahlreichen Wanderwegen erkunden, was ich in diesem Leben unbedingt noch machen will.

Dass wir in die Nähe des Roten Meeres kommen, kündigt die Gebirgskette an, die sich schon in Jordanien befindet. Im frühen Nachmittagslicht sehen die Berge blassrot aus. Auf der Rückfahrt werden wir sie in tieferes Rot getaucht sehen. Schon für diesen Anblick hat sich die lange Fahrt gelohnt. Israel wird hier zur Spitze, die sich zwischen Jordanien und Ägypten bis ins Rote Meer bohrt. Ben Gurion, der geniale Stratege, hat darauf bestanden, dass dieses Gebiet gehalten wird. Israel hat damit nicht nur einen mondänen Badeort, der besonders gern von der jeunesse dorée des Landes besucht wird, sondern auch einen wichtigen Hafen. Als wir ankamen, betrug die Lufttemperatur 30 Grad. Das Wasser war mindestens 20 Grad warm. Der Strand war dicht bevölkert mit den üblichen Badenixen aller Alter und Formen und ihren männlichen Counterparts. Die Strandpromenade gleicht leider Disneyland, was die grandiose Naturkulisse in den Hintergrund treten lässt. Viel Zeit haben wir leider nicht, um nach unberührten stellen zu suchen. Wir müssen den langen Rückweg antreten.

Auf der Fahrt zurück nach Metar machen wir am Ben Gurion-Grab Halt. Es befindet sich, wie sein Haus, auf dem Gelände des Kibbutz Sde Boker, Hirtenfeld, oder romantischer, Morgenfeld, wie man es laut Chaim auch übersetzen könnte. Von den Gräbern des großen Staatsmannes und seiner Frau Paula hat man einen atemberaubenden Blick über das Zin-Tal. Auf meinen Wunsch steigen wir hinunter bis zum Fluss, der nur noch ein Rinnsal ist. Von hier aus gibt es Wanderwege durch ein Trockental, bis zu zwei Oasen und zu einem Hochplateau. In der näher gelegenen Oase gibt es einen Wasserfall, in der ferneren einen Badesee. Das muss ich mir für spätere Besuche aufheben. Für diesmal muss das überwältigende Panorama, das die Zin-Schlucht bietet, genügen.