Die Abschaffung der Wirklichkeit

Thilo Sarrazin hat sich mit seinem neuen Buch „Wunschdenken- Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert“ endgültig als einer der letzten Denker, die dieses Land noch hat, profiliert. Wie man nach Lesen des sperrigen Titels schon ahnen kann, handelt es sich mindestens um drei Bücher in einem. Das erschwert die Lektüre und sorgt für Redundanz im zweiten Teil. Dafür liefert Sarrazin mit seiner berühmten Gründlichkeit für seine Darlegungen Zahlen und Fakten. Hier werden keine unbewiesenen Behauptungen in den Raum gestellt, es wird dem Wunschdenken mit der Realität auf den Leib gerückt. Sarrazin zerpflückt die gegenwärtigen politischen Utopien, weist nach, dass sie einander widersprechen und folgert:

„Wenn die politischen Eliten dann noch den widersprüchlichen Utopien gleichzeitig Geltung verschaffen wollen, kann unvermutet die Abschaffung der Wirklichkeit auf der politischen Tagesordnung stehen.“

Unser Bauchgefühl hat uns das längst signalisiert, Sarrazin liefert die traurigen Beweise.

Um der Gedankenfülle einigermaßen gerecht zu werden, habe ich mich entschlossen, eine Rezension in drei Teilen vorzulegen. Ich behandele die Themen Einwanderung, Bildung und Utopien. Währung und Europa lasse ich außen vor, denn dazu hat sich Sarrazin in seinem Buch „Europa bracht den Euro nicht“ geäußert.

Sarrazins Urteil über die „Einwanderungspolitik“ von Kanzlerin Merkel ist knallhart:

Sie startete mit ihrer Grenzöffnung vom September 2015 „das größte Sozialexperiment Europas seit der Russischen Revolution und stellte damit die Existenzvoraussetzung eines jeden Staates- nämlich die Herrschaft über sein Gebiet- grundsätzlich in Frage.“

Dieses Sozialexperiment läuft seitdem und wir sind mittendrin. Niemand kann sagen, wie es ausgeht.

Seit sich vor 50 000 Jahren eine sehr kleine Gruppe von etwa 150 Menschen aus Afrika auf den Weg machte, um den Rest der Welt zu besiedeln, sorgten sie unter anderem dafür, dass die genetische Vielfalt in Afrika viel größer ist, als im gesamten Rest der Welt. Seitdem überlappen sich Evolution und Geschichte. In der Welt sind sich Menschen als Individuen sehr ähnlich, aber die Gesellschaften, die sie geschaffen haben, unterscheiden sich sehr stark, wegen der evolutionsbedingten Unterschiede.

Eine Politik, die das ignoriert, trifft Entscheidungen, die sich verheerend auf die weitere menschliche Evolution auswirken werden.

„Von den 30 reichsten Ländern auf der Welt liegen 22 in Europa, eines in Nahost, drei in Ostasien und zwei in Ozeanien. Davon haben 26 Länder als vorherrschende Religion das Christentum, eines den jüdischen Glauben, drei stehen in der Tradition konfuzianischen Denkens. Von den 30 ärmsten Ländern auf der Welt liegen 26 in Afrika, eines in der Karibik und eines in Ozeanien. 16 von ihnen haben den Islam als Mehrheitsreligion. Unter den insgesamt untersuchten 146 Ländern haben 55 ein Pro-Kopf- BIP über dem Weltdurchschnitt von 14 400 Dollar. Davon liegen 32 in Europa, 19 in Asien und Ozeanien, 11 in Amerika, eines in Afrika. 91 Länder haben ein Pro-Kopf- BIP unter dem Weltdurchschnitt, darunter 8 Länder aus Europa, 14 aus Amerika, 25 aus Asien und Ozeanien und 44 Länder aus Afrika.“

Diese wenigen Kennziffern, so Sarrazin beweisen, dass die Unterschiede einfach da sind und nicht wegdefiniert werden können.

Ein weiteres Faktum ist, dass seit dem 17. Jahrhundert in ganz Europa und Nordamerika Prosperität und Industrialisierung eng mit der Verbreitung des Protestantismus korrelieren. Protestanten sind unter den Wissenschaftlern überrepräsentiert.

Das ist zurückzuführen auf die Forderung Luthers, alle Protestanten müssten die Bibel lesen können, was schließlich zu einem Bildungsvorsprung von Protestanten führte. Im Judentum bewirkte die seit dem 2. Jahrhundert nach Christus bestehende Norm, dass Väter ihre Söhne im Lesen der Thora unterrichten sollten, Ähnliches.

In allen Ländern, in denen Muslime eine Minderheit darstellen, bilden sie überwiegend die Unterschicht. Dagegen sind in Ländern mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung Juden und Christen Angehörige der oberen Schichten. Diesen Status haben sie seit 1000 Jahren bewahrt und ausgebaut. Die aktuelle Vertreibung von Juden und Christen aus den Ländern des Nahen Ostens ist die Zerstörung der Bildungselite.

Vor diesem Hintergrund wird noch unverständlicher, dass in Deutschland den aus Nahost vertriebenen Christen keine Aufmerksamkeit geschenkt wird, obwohl sie diejenigen sind, die eine von der Politik behauptete Bereicherung durch Einwanderung bewirken könnten.

Was andererseits massenhafte Einwanderung von bildungsfernen Schichten und Analphabeten bewirkt, sind wir augenblicklich gezwungen, mitzuerleben.

Am deutlichsten wird das am Verschwinden des Vertrauens. Eine Gesellschaft ist umso erfolgreicher, führt Sarrazin aus, je größer ihr Sozialkapital ist.

„Sozialkapital gründet auf Vertrauen und Gemeinschaftsgefühl. Letzteres hängt davon ab, wie weit der Mensch die Gesellschaft, in der er lebt, als „seine“ empfindet. Je fremder sie ihm wird, desto geringer sein Gemeinschaftsgefühl.“ Das Sozialkapital einer Gesellschaft ist umso niedriger, je heterogener und ethnisch diverser sie ist. Das heißt, Gesellschaften mit hoher Einwanderung haben weniger Sozialkapital.

Wie rapide das Sozialkapital in Deutschland sinkt, kann man an den „guten“ Ratschlägen unbedarfter Politiker messen, Frauen sollten nach Einbruch der Dunkelheit in ihrer Stadt nicht mehr allein auf die Straße gehen, oder fremde Männer immer „auf eine Armlänge Abstand“ halten.

Über die Tatsache, dass mit den Einwanderern auch Terroristen und andere Kriminelle ins Land kommen, wird in Deutschland hartnäckig geschwiegen. Wenn es unvermeidlich ist, über islamistische Anschläge zu berichten, wird zunehmend behauptet, es handele sich um geistig gestörte Einzeltäter. Über die von Hilfsorganisationen erfahrene Clanwirtschaft und Schutzgelderpressung in Flüchtlingsunterkünften, über die hohe Dunkelziffer sexueller Gewalt, wird die Öffentlichkeit im Unklaren gelassen. Bei Sarrazin findet man die Belege. Hinzufügen möchte ich, dass alle Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte, die von den Bewohnern selbst verübt wurden, oder deren Verursacher unbekannt sind, öffentlich der „rechten Gewalt“ zugeordnet werden.

Wer weiß schon, was in den Asylbewerberunterkünften los ist? Es ist dank der Mithilfe vieler Freiwilliger gelungen, den Einwanderungssturm des letzten Jahres zu registrieren, behausen, verpflegen, medizinisch zu versorgen. Die viel wichtigere Frage, welche Perspektiven man den Neuankömmlingen bieten kann und wie sie gesellschaftlich und kulturell integriert werden sollen, ist nach wie vor unbeantwortet.

Der sich dadurch aufbauende Frust bei den Zuwanderern ist eine tickende Zeitbombe.

Sarrazin kommt deshalb zu dem Schluss, dass die Einwanderung nicht begrenzt, sondern gestoppt werden muss.

„Die Rückgewinnung der Kontrolle über unsere Grenzen, seien es die Deutschlands oder die des Schengen- Raums wird zur Existenzfrage unserer Kultur und das Überleben unserer Gesellschaft.“