In den Ländern des Heimatkrieges: Mostar

 

Sollten wir geglaubt haben, dass die bisher im ehemaligen Jugoslawien erlebten Absurditäten kaum zu übertreffen sind, wurden wir im weltberühmten Mostar, dessen Alte Brücke und Altstadt zum Weltkulturerbe gehören, eines Besseren belehrt. Mostar ist eine geteilte Stadt. Die Mauer, die den kroatischen Teil vom bosnischen trennt, ist nach Aussage unseres Stadtführers undurchlässiger als die Berliner Mauer. Sie verläuft in der Mitte des Bulevar, der Hauptstraße der Stadt und ist unsichtbar. Bewohner der Stadt gehen nicht von der bosnischen Seite zur kroatischen und umgekehrt. Die Alte Brücke, die beide Teile verbindet, wurde von vielen jungen Menschen, die nach dem Krieg geboren wurden, noch nie überquert. Wer auf die andere Seite geht, ohne einen zwingenden Grund zu haben, gilt als Verräter.

Wir begannen unseren Rundgang auf der kroatischen Seite mit einer Besichtigung des Partisanendenkmals. Die Anlage aus dem Sechzigern, von Tito persönlich eingeweiht, ist auf einem Berghang errichtet. Auf gewundenen Wegen, die an die von den Partisanen benutzten Bergpfade erinnern, steigt man bis zu einem Plateau, wo ein großer Springbrunnen angelegt war, dem ein Wasserfall entsprang, der sich in einen Teich am Fuß de Abhangs ergoss. Selbst in ihrem ruinierten Zustand und total überwachsen wirkt die Anlage noch großartig. Dazu trägt die atemberaubende Aussicht über die Stadt bei. Die Kroaten lassen das Denkmal, wo immerhin mehr als 700 Partisanen begraben sind, absichtlich verfallen. Die Partisanen gehören zum sozialistischen Jugoslawien, Kroatien pflegt das Andenken an die Ustascha, die aus sozialistischer Sicht zu den Faschisten gehörte. Der Bann über das Denkmal ist so stark, dass wir unseren Besuch bei der Polizei anmelden mussten und von drei Polizisten begleitet wurden. Als wir sie ansprachen, stellte sich heraus, dass einer von ihnen sich um diesen Einsatz beworben hatte, weil er noch nie hier gewesen war und das Denkmal endlich einmal mit eigenen Augen sehen wollte.

Als nächstes besuchten wir das Bruce Lee Denkmal im Stadtpark. Es war das erste Bruce Lee Denkmal der Welt und wurde von jungen Leuten aufgestellt, die dem wachsenden Nationalismus und seinen Monumenten etwas entgegensetzen wollten. Bruce Lee als Symbol des Weltbürgers für Weltbürger. Erst wurde die Statue entfernt, als sie wieder aufgestellt werden musste, wurde dann verboten, den Rasen zu betreten, auf dem die goldene Figur auf ihrem Sockel steht. Es half nichts. Bruce Lees Fans haben große Löcher im Rasen um das Denkmal herum hinterlassen.

Geht man vom Park in Richtung Bulevar, kommt man an prächtigen Villen vorbei, manche zerstört, andere restauriert. Passend dazu läuft man plötzlich auf Marmorplatten, mit denen nicht nur der Gehsteig, sondern auch die Straße belegt ist. Etwas weiter fällt in einer Anlage ein Gedenkstein auf, dessen Inschrift wir entnehmen können, dass er an Spanier erinnert. Unser Stadtführer hatte einfach vorbei gehen wollen. Als wir ihn fragten, was es mit diesem Denkmal auf sich habe, antwortete er, dass dieser Ort ihn die letzen Haare auf seinem Kopf kosten würde.

 

In Mostar war eine  spanische UNPROFOR- Truppe stationiert, die seit Beginn des Bosnienkrieges an der Grenze zwischen dem bosnischen und den serbischen Teil der Stadt patrouillierte. Am 8. Mai 1993 zogen sich die Spanier plötzlich aus der Stadt zurück und nahmen in den Bergen Quartier. Am Morgen des 9. Mai griffen die Kroaten die Stadt an. Die nun folgenden Kämpfe waren so erbittert, dass die Stadt fast vollständig zerstört wurde. Heute spricht ein Bildband, der die Zerstörung der Stadt dokumentiert, von „Urbizid“. Selbst die Alte Brücke, der weltbekannte Stolz der Gemeinde, wurde unter Beschuss genommen. Man versuchte, sie durch ein Dach und mit am Geländer aufgehängten Autoreifen zu schützen. Vergeblich. Am 9. November 1993 erhielt die Brücke einen Volltreffer von einem schweren Geschütz und stürzte in die Neretva.

Der bosnische Teil war komplett umzingelt. Die Belagerten überlebten nur, weil strengstens jeder private Besitz und Verbrauch von Lebensmitteln verboten wurde. Armee und Bevölkerung wurden durch öffentliche Küchen versorgt. Die Kämpfer bekamen zwei Mahlzeiten pro Tag, die Bevölkerung eine. In den schlimmsten Zeiten war es Brot, das aus Viehfutter hergestellt wurde, das man in Zucker tauchte, der reichlich vorhanden war, weil sich im Kessel eine Zuckerfabrik befand.

Die Spanier sahen von ihrem Rückzugsort aus den Kämpfen zu. Sie verloren ein paar Soldaten, angeblich vor allem durch Autounfälle auf den unübersichtlichen Bergstraßen.Diesen Toten setze Spanien dann ein Denkmal. Der König selbst erschien zur Einweihung.

Eigentlich wollten die Spanier einen ganz neuen „Spanischen Platz“ bauen. Dann blieb es aber beim Marmorpflaster, mit dem auch ein Teil des Bulevars belegt ist, aber nur auf der kroatischen Seite.

Vor dem neuen Rathaus, in Friedenszeiten eine Schule, die geräumt werden musste, um der Administration Platz zu machen, nachdem das alte Rathaus zerstört worden war, hatte man ein Denkmal für die heldenhaften kroatischen Belagerer der Stadt errichtet. Daraufhin wurde daneben über Nacht ein Denkmal für die bosnische Armee aufgestellt. Die Kroaten versuchten, das massive Monument zu sprengen, schafften es aber lediglich, dem Stein einen Riss zuzufügen.

Heute könnte man das für ein vom Künstler gewollten Effekt halten.

Nicht weit vom Bulevar beginnt die Altstadt, die komplett wieder aufgebaut wurde. Als wir uns der Alten Brücke näherten, die aus den alten Steinen, die aus der Neretva geborgen wurden und Ersatzteilen aus dem Originalsteinbruch wieder hergestellt wurde, stand einer der berühmten Brückenspringer hinter dem Geländer. Es ist eine alte Tradition, dass junge Männer aus Mostar von der Brücke in die 34 Meter tiefer gelegene Neretva springen. Der erste aufgezeichnete Sprung fand 1668 statt. Da der Fluss nicht tief und sehr kalt ist, können es nur sehr gut trainierte, erfahrene Springer wagen, sich in die Tiefe zu stürzen. Heute versuchen die jungen Männer, damit Geld zu verdienen. Aber die Touristen sind knauserig, wie wir feststellen konnten. Ein Mann aus unserer Gruppe gab 5 Mark, wie die Währung hier nach der DM heißt und bekam den Platz mit der besten Aussicht. Es war dann aber nicht der ältere Mann in Badehose, der auf der Brücke gestanden hatte, solange das Geld eingesammelt wurde, sondern ein junger Mann im Neopremanzug, der den Sprung schließlich ausführte. Er sprang mit angezogenen Beinen und an die Brust gedrückten Kopf , um sich erst kurz vor der Wasseroberfläche aufzurichten und kerzengrade einzutauchen. Wer das nicht beherrscht, landet auf dem Bauch oder auf dem Rücken und ist im schlimmsten Fall tot, wie es einem Franzosen ging, der es in der Woche zuvor versucht hatte.

Die Altstadt ist wieder ein quirlige Touristenmeile, als hätte es den Krieg nicht gegeben. Kaum einer der Besucher weiß, dass auf dem Plateau des gegenüberliegenden Berges, auf dem heute ein  weithin sichtbares Kreuz steht, die kroatische Armee stand und die Stadt beschoss.

Die Spuren davon sieht man noch heute, sobald man die Altstadt verlassen hat. Hier stehen noch viele Ruinen oder Häuser mit zerschossenen Fassaden.

Neben der Hauptstraße befindet sich ein neuer Friedhof. An diesem Ort hatte es jahrhundertelang einen Friedhof gegeben, der in der jugoslawischen Zeit aber in einen Park mit Kinderspielplatz umgewandelt wurde. Das Unglück Jugoslawiens soll mit dieser Tat begonnen haben. Erst kam die Krise der Achtziger, dann der Zerfall und der Krieg. Während der Belagerung wurde aus dem Park wieder ein Friedhof, weil der bosnische Teil vom Friedhof abgeschnitten war und man einen anderen Begräbnisplatz brauchte.

Unser Stadtführer, der Schauspieler und Regisseur ist, im Krieg Soldat war, musste einmal die Totenrede für seine Kameraden halten, die aus kroatischer Gefangenschaft in Stücke zersägt zurückkamen. Nach dem Krieg hat er auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Kindertheater gegründet. Es soll für die Versöhnung arbeiten. Mir ist nicht ganz klar, wie das funktioniert, falls er den Kindern erzählt, dass in einigen Gräbern zersägte Menschen liegen.

Unser letzter Termin ist ein Gespräch im „Zentrum für Frieden und multiethnische Zusammenarbeit“. Hier wurde das Buch über den „Urbizid“ hergestellt. Hauptsächlich sammelt das Zentrum Material über die Belagerung und stellt Informationsmaterial für Schulen und andere Interessierte her. Was die Schulen betrifft, können es nur bosnische sein, denn in Mostar sind die Schulen ethnisch getrennt. Mit einer Ausnahme: In einer von der OSZE gebauten Schule sitzen kroatische und bosnische Schüler unter einem Dach, allerdings in getrennten Gebäudeteilen.Die Unterrichtszeiten sind so festgelegt, dass sich die Kinder nicht begegnen.

 

Wenn Delegationen aus aller Welt kommen, die sich über die gelungene Aufbauarbeit in Bosnien informieren, ist den wenigsten klar, dass ihnen eine Art Potemkinsche Dörfer vorgeführt werden. Zwar sind viele Gebäude wiederhergestellt und noch mehr werden folgen, aber die mentalen Verwüstungen sind weit davon entfernt, überwunden zu werden. Mit Geld kann man materielle Schäden heilen, menschliche Seelen lassen sich damit nicht reparieren. Mostar ist ein Touristenmagnet, aber die Bewohner der Stadt fühlen sich, als wäre der Krieg nicht vorbei, sondern nur in eine längere Pause eingetreten.

Auf der Fahrt nach Mostar machten wir in Jablanica Station. Dieser Ort spielte im Partisanenkampf gegen die Wehrmacht eine entscheidende Rolle. Um dem deutschen Angriff auszuweichen, entschloss sich Partisanenführer Josip Broz, Kampfname Tito, die einzige Brücke über die Neretva zu sprengen. Der Plan ging auf. Die Partisanen gewannen so viel Vorsprung, dass sie selbst ihre Verwundeten mitnehmen konnten. Die Wehrmacht musste erst eine neue Brücke bauen, ehe sie den Fluss, der in einer tiefen Schlucht liegt, überqueren konnte.

Im Jahre 1978 wurde neben der zerstörten Brücke ein Museum errichtet , das von Tito selbst, jetzt Staatspräsident von Jugoslawien, eingeweiht wurde. Es ist dem heldenhaften Kampf der Partisanen gewidmet, der die Gründungslegende der Sozialistischen Volksrepublik Jugoslawien bildete. Der Zug mit den Verwundeten wurde mit lebensgroßen , gut vermummten Figuren nachgebildet. Wie es wirklich aussah, kann man auf den Fotos an der Wand sehen. Einer der Partisanen trug mitten  im tiefsten Winter nur Sandalen.

Über die Verbrechen, die auch die Partisanen verübten, findet man hier natürlich kein Wort. Dafür wird gezeigt, dass Tito ausgesucht hübschen Sekretärinnen diktiert hat.

 

Im Bosnienkrieg wurde das Museum zerstört und originalgetreu wieder aufgebaut, was man bei der Führung aber nicht erfährt. Alles atmet den Geist der sozialistischen siebziger Jahre. Auf Nachfrage wurde uns gesagt, es sei das erklärte Ziel, die Sicht der Siebziger mit ihren Mythen zu bewahren. Hauptsächlich ältere Leute kämen her, die sich gern an die sozialistische Zeit erinnern. Als wir da waren, sah das anders aus. Mehrere Schulklassen waren angereist. Mit größtem Interesse wurde die einzige Erneuerung des Museums besichtigt, ein Raum, der dem Bosnienkrieg gewidmet ist. Hier sieht man allerlei Waffen, auch selbst gebastelte, von der Pistole über Gewehre bis zu Granatwerfern. Die Jungen machten eifrig Handyfotos und waren sauer, als ihre Lehrerin zum Weitergehen aufforderte. Wie sehr der Krieg die Kinder faszinierte, war beklemmend.

Was uns und den Kindern nicht gesagt wurde war, dass der Keller des Museums während des Bosnienkrieges als Foltergefängnis für kroatische Soldaten missbraucht wurde. Es werden Ermittlungen wegen der hier begangenen Verbrechen durchgeführt. Ob es zu Verurteilungen kommen wird, ist ungewiss.

Im Museumsshop wurde der Film „ Die Schlacht an der Neretva“ angeboten, eine jugoslawische Produktion, die den Partisanenkampf und Tito verherrlicht. Für die Dreharbeiten wurde die von der Wehrmacht gebaute Brücke gesprengt. Dafür musste 100 Meter weiter ein Ersatz gebaut werden. Der Film wurde mit einem Großaufgebot an bekannten Schauspielern gedreht: Curd Jürgens, Hardy Krüger, Yul Brunner, Orson Wells, Maria Schell. Der Partisanenmythos war nicht nur der Kitt, der Jugoslawien zusammenhielt, er war ein Faszinosum für den Westen.