Vom verurteilten Mafiaboss in der Butyrka-Zelle zum Baumanager des Straflager-Archipels. Frenkel erscheint als der Inbegriff des Bösen. Doch zwischen dem Technokraten der Zwangsarbeit und den NKWD-Massenmördern Jagoda und Jeschow liegen Welten. Eine Spurensuche im 140. Geburtsjahr, jenseits von Gut und Böse.
Von Gastautor André D. Thess
18. Januar 2023
Begann alles in Köthen?
An einem unbekannten Tag im Jahr 1902 traf der neunzehnjährige Naftali Aronowitsch Frenkel zum Studium in der anhaltinischen Provinz ein. Die Exportfirma Steiner & Co. aus dem ukrainischen Ort Nikolaev, heute Mykolajiw, hatte ihrem jungen Vorarbeiter eine Ausbildung am Köthener Friedrichs-Technikum spendiert, der heutigen Hochschule Anhalt. Stand deutsche Ingenieursausbildung am Karrierebeginn des späteren Chef-Baumanagers im System der sowjetischen Konzentrationslager?
Naftali Frenkel ist außerhalb Russlands weitgehend unbekannt. Lesern des „Archipel Gulag“ von Alexander Solschenizyn ist er mit den Worten begegnet: „Da stieg der schwarze Stern Naftalij Frenkels, des Ideologen dieser Ära, auf, und seine Formel wurde zum obersten Gesetz des Archipels: ‚Aus dem Häftling müssen wir alles in den ersten drei Monaten herausholen – danach brauchen wir ihn nicht mehr!‘“ Auf den ersten Blick scheint es sich um einen gewöhnlichen Verbrecher aus der Stalinzeit zu handeln – sozusagen dem sowjetischen Gegenstück von Albert Speer. Doch ein differenzierterer Blick lohnt sich. Es gibt mindestens zwei Motive, sich mit Frenkel näher zu beschäftigen – ein politisches und ein menschliches.
Während sich nationalsozialistische Politiker wie Hermann Göring und Albert Speer bei den Nürnberger Prozessen verantworten mussten und ihre Verbrechen heute umfassend dokumentiert sind, konnte Frenkel seinen Lebensabend von 1947 bis 1960 unbehelligt in einem Moskauer Luxus-Appartement genießen. Dabei dürfte das politische Gewicht seiner Untaten kaum geringer sein als bei Speer. Die Rekonstruktion von Frenkels Lebensweg leistet somit einen Beitrag, die Verbrechen des Sozialismus für das kollektive Gedächtnis aufzubereiten.
Das menschliche Motiv für die Beschäftigung mit Frenkel liegt darin, dass sich sein u-förmiger Lebensweg diametral von den n-förmigen Karrieretrajektorien hoher NKWD-Funktionäre unterscheidet. Die Obertschekisten Genrich Jagoda und Nikolai Jeschow stiegen an die Spitze des NKWD auf, um ihr Leben bald darauf durch Genickschuss in den Kellern ihrer eigenen Behörde zu verlieren. Frenkel hingegen fiel aus den Höhen des Mafia-Millionärslebens in die Tiefen des Solowezky-Sträflingsdaseins, um sich aus dem Keller bis an die Spitze der Gulag-Hölle hochzuarbeiten. Welche Fähigkeiten verhalfen ihm zu diesem einzigartigen Lebensweg?
Für eine Biographie von Frenkel ist es zu früh. Dazu müssten KGB-Archive geöffnet werden, die heute noch verschlossen sind. Doch lohnt sich in Frenkels 140. Geburtsjahr ein Blick in drei russischsprachige Quellen. Ferner jährt sich im Jahr 2023 die Fertigstellung des unter seiner Leitung gebauten Weißmeer-Kanals zum 90. Mal. Und die unter Frenkels Mitwirkung entstandene Wolga-Feldbahn, die den Ausgang der Schlacht von Stalingrad beeinflusst hat, wurde zum Jahreswechsel 2022-2023 80 Jahre alt. „Naftali Frenkel – Genie im Gulag?“ weiterlesen