Oktoberimpressionen

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Von Christoph Ernst

Oktober ‘26

‚Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los…‘

Am selben Tag, als Schüler des Lycée Saint-Exupéry in Créteil gegen überfüllte Klassen, marode Räumlichkeiten, Lehrermangel und das obskure Studienzulassungssystem ‚Parcoursup‘ zu protestieren begannen, veröffentlichte Pierre Rosanvallon ‚La tyrannie du présent‘. Die ‚Tyrannei der Gegenwart‘ fächert auf, wie die Generation der ‚Boomer‘ sich an Privilegien klammert und ihre Gerontokratie der Jugend die Zukunft stiehlt. Gönnen sich die Alten satte Sozialleistungen, für die die Jungen ein Leben lang zahlen dürfen, ist das genauso übel wie horrende Mieten ohne Jobaussichten. Dagegen aufzubegehren, ist mehr als berechtigt. Doch Raubzüge, die jüdische Läden ins Visier nehmen und arabische verschonen oder Aufrufe, im Namen Allahs Polizisten zu töten, sprechen nicht für den Wunsch nach transparenterer Studienplatzvergabe. Wer Polizeiwachen und Rathäuser anzündet, protestiert nicht. Er stellt die Machtfrage.

Unter den Randalierern finden sich auch aufgewiegelte Schüler, der ‚schwarze Block‘ und die ‚Antifa‘, aber die Masse der ‚Casseurs‘ sind junge Muslime. Mittlerweile hat ein Drittel aller französischen Staatsbürger außereuropäische Wurzeln, zumeist im Maghreb. In einem Gespräch mit Clemens Traub im ‚Cicero‘ skizziert die Anthropologin Florence Bergeaud-Blackler Gemengelage der Jugendlichen. Anders als ihre Großväter wollen sie keine Europäer mehr sein. Für die meisten ist die Scharia wichtiger als weltliches Recht. Sie sehen sich als ‚Rächer‘. Nach ihrem Wertesystem ist es nicht verwerflich, ‚Ungläubige‘ oder ‚Kolonisatoren‘ anzugreifen. Halal-Gebote und die Umma zählen mehr als französische Gesetze. Ihre Verachtung für den Staat kommt nicht von ungefähr. Jahrzehntelang hat das Establishment sie ignoriert und den Islamisten das Feld überlassen. Gebildete Franzosen wollten partout nicht rassistisch sein und sich dem Vorwurf der ‚Islamophobie‘ aussetzen. Sie leisteten lieber Abbitte für die Sünden der Kolonialzeit und ereiferten sich über die Verbrechen ihrer Väter. Dass sie damit alle weltlichen Muslime in den Regen schickten und die Juden gleich mit in der Traufe stehen ließen, blenden die meisten von ihnen bis heute aus.

Bei der Eröffnung der Olympiade 2024 präsentierte sich das offizielle Frankreich mit blau angemalten nackten Zwergen, Drag-Queens und einem verfetteten Transgender-Jesus beim Abendmahl. Um solch Selbsterniedrigung schamlos zu finden, braucht man kein Christ zu sein. Emmanuel Macron twitterte begeistert ‚C’est la France!‘ Die Bewohner der Banlieues stimmen ihm da vermutlich sogar zu. Allerdings dürften sie es eher als die letzten Zuckungen einer ins Schwachsinnige entgleisten Dekadenz deuten, die darum bettelt abgeräumt zu werden.

Wo es viele Muslime gibt, eskaliert die Gewalt. Indigene Linksradikale sind der ‚Beifang‘. In den Vorstädten haben die Imame das Sagen. Die Muslim-Bruderschaft hetzt gegen alles, was republikanisch, laizistisch oder christlich ist. Linke Demagogen wie Jean-Luc Mélenchon, der trotzkistische Chef von ‚La France Insoumise‘, der sich durch die Allianz mit Islamisten und Muslim-Bruderschaft frische Wählerkohorten erhofft, gießen Benzin ins Feuer. Laut Umfragen stimmten weit über zwei Drittel der Muslime 2022 im ersten Wahlgang für Mélenchon. Ob die Rechnung langfristig für ihn aufgeht, ist allerdings fraglich. Im Zweifelsfall erwartet die Linken das gleiche Schicksal wie die Tudeh-Kommunisten in Iran. Die halfen Ruhollah Khomeini 1979 den Schah rauszuwerfen. Dafür bedankte er sich nach der Revolution, indem er sie zu Tausenden einsperren, aufhängen und erschießen ließ.

Als ein zentrales Datum nennt Bergeaud-Blackler den Jahrestag des Pariser Massakers von 1961. Das fand am 17. Oktober statt, in der Endphase des ebenso blutigen wie brutalen Algerienkrieges. Damals hatte der Polizeipräfekt Maurice Papon eine Ausgangssperre verhängt. Trotzdem gingen Zehntausende von Anhängern der algerischen Nationalfront auf die Straße. Obwohl die Demonstration völlig friedlich verlief, befahl Papon sie mit Knüppeln und Kugeln zu zerschlagen. Es gab Dutzende von Toten. Verletzte wurde in die Seine geschmissen. Laut Wikipedia starben an Blessuren später noch über 120 Menschen.

Ende der 1990er wurde Papon vor Gericht gestellt, allerdings nicht für das Oktober-Massaker, sondern weil er als Funktionär des Vichy-Regimes zwischen 1942 und 1944 1.560 Juden über das Sammellager Drancy nach Auschwitz hatte deportieren lassen.

Islamisten reden jungen Muslimen ein, sie seien Opfer von ‚Rassismus‘ und ‚systemischer Islamfeindlichkeit‘. Der Auslandsableger des türkischen TRT-World und das AJ+ von Al Jazeera verrühren die Nazis, Papon, Vichy und die aktuelle Politik zu einem Brei. So suggerieren sie den Ghetto-Kids, sie lebten in einer französischen Variante von Gaza. Bergeaud-Blackler bemerkt: „Während der Gedenkveranstaltung am 17. Oktober am Ufer der Seine, als die Unruhen gerade begannen, wurde in Anwesenheit der Pariser Bürgermeisterin sowie französischer und algerischer Amtsträger die algerische Nationalhymne gesungen. Sie enthält die Worte: ‚O Frankreich, der Tag ist gekommen, an dem du Rechenschaft ablegen musst.‘ Auch der Rektor der Großen Moschee von Paris veröffentlichte ein Bild mit der Bildunterschrift: ‚Hier wurden Algerier ertränkt.‘“

In Frankreich leben mindesten 2,26 Millionen Menschen, die in Algerien geboren sind oder als erste Generation von algerischen Einwanderern abstammen.

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Am 16. Oktober 2020 starb im Pariser Vorort Conflans-Sainte-Honorine der 46jährige Lehrer Samuel Paty. Inspiriert durch einen Mordaufruf im Internet lauerte der 18jährige tschetschenische ‚Schutzsuchende‘ Abdullah Ansorow ihm nach der Schule auf. Da er Paty nicht kannte, musste er ihn sich von Schülern zeigen lassen. Er verfolgte Paty, stach ihn nieder und schnitt ihm den Kopf ab. In seiner Videobotschaft an ‚Macron, den Herrscher der Ungläubigen‘, sagte er, er habe einen ‚seiner Höllenhunde exekutiert‘, der es gewagt habe, ‚Mohammed zu ‚erniedrigen‘.

Paty hatte in einer Unterrichtseinheit über Meinungsfreiheit die Karikaturen aus der Satire-Zeitschrift ‚Charlie Hebdo‘ gezeigt. Dieselben Karikaturen, die Islamisten fünf Jahre zuvor zum Anlass genommen hatten, ein Blutbad in der Redaktion anzurichten. Am 7. Januar 2015, dem Tag, als Michel Houellebecqs Roman ‚Unterwerfung‘ erschien, stürmten zwei Männer unter Allahu-Akbar-Rufen in die Räume der Zeitung und erschossen zwölf Menschen. Bevor man sie tags darauf unschädlich machen konnte, ermordeten sie noch eine Polizistin und vier Geiseln in einem jüdischen Supermarkt.

Schon lange davor hatte die südafrikanische ‚UN-Hochkommissarin für Menschenrechte‘ sich auf die Seite der Islamisten gestellt. Navanethem Pillay ließ über ihren Sprecher verbreiten, die Karikaturen seien ‚bösartig, absichtlich provozierend‘ und ‚unverantwortlich‘. Pillay gilt als progressive, postkoloniale Feministin. Sie hat starke Vorlieben. Presse- und Meinungsfreiheit zählen nicht dazu. Die Tochter von Tamilen aus Durban unterstützt die judenfeindliche BDS-Kampagne. Israel ist für sie ein ‚rassistischer Apartheidstaat‘, der in Gaza einen ‚Genozid‘ begeht. Einer ihrer Mitarbeiter behauptete 2022, soziale Medien in den USA seien durch ‚die jüdische Lobby‘ gesteuert. Israels UN-Mitgliedschaft sei fragwürdig, weil Israel ein ‚illegaler Staat‘ sei. Drei Wochen nach dem Überfall vom 7. Oktober 2023, als Hamas-Einheiten mordend und plündernd in den Süden Israels eingefallen waren und dabei über 1.200 Menschen töteten und Hunderte verschleppten, zeigte Pillay viel Verständnis für die arabischen Männer, die jüdische Frauen geschändet hatten. Gegenüber Al Jazeera erklärte sie, ‚unterdrückte Bevölkerungen‘ seien ‚zum bewaffneten Kampf gezwungen‘.

Am 9. Oktober 2026, fast punktgenau zum dritten Jahrestag des Hamas-Massakers, gab das norwegische Nobelkomitee bekannt, es verleihe Pillay den Friedensnobelpreis.

Die 1940 geborene Phillys Chesler, Therapeutin, Autorin, Professorin und Frauenrechtlerin, hält das für eine krasse Fehlentscheidung. Pillays humanitärer Elan sei so opportunistisch wie selektiv. Wer als ‚Feministin‘ zu Massenvergewaltigungen an Frauen, Mädchen und Kindern schweige, nur weil die jüdisch seien, sei ideologisch völlig verblendet und ethisch bankrott.

Ich sehe das ähnlich. Außerdem wirft die UN-Whistleblowerin Emma Reilly, die für Pillay gearbeitet hat, ihrer Ex-Chefin vor, mindestens 50 chinesischen Dissidenten an Peking verraten zu haben. Sollte das zutreffen, wäre UN-Beauftragte für Menschenrechte, die jetzt von Oslo mit dem Friedensnobelpreis geehrt wird, obwohl oder weil sie Israel ‚Apartheid‘ und ‚Genozid‘ vorwirft, mitverantwortlich für die Vorgänge in Xinjiang, wo das kommunistische Regime einen durchaus sehr realen kulturellen Genozid an Uiguren inszeniert.

Pillays ‚Postkolonialismus‘ orientiert sich an den post-faktischen Mythen von Edward Said. Ich halte ihn für eine neo-marxistische Mogelpackung. Die Einsicht verdanke ich dem ermordeten Samuel Paty. Als linke ‚Aktivisten‘, die kurz zuvor noch für ‚Black Lives Matter‘ skandiert hatten, überhaupt nicht auf seinen Tod reagierten, begann ich mich zu fragen, welcher Ideologie sie eigentlich hinterherliefen.

Der Tod des Kleinkriminellen George Floyd hatte auch in Europa zahllose Leute auf die Straßen getrieben. Progressive Geister erhitzen sich, verurteilten ‚weißen Rassismus‘ und ‚Polizeigewalt‘. Ihre Hysterie uferte aus und eskalierte. Denkmäler stürzten. Polizisten knieten vor Demonstranten nieder. Straßen wurden umbenannt. Als dann jedoch in Paris ein Lehrer allein dafür, dass er mit muslimischen Schülern über Religionskritik redete, Ziel eines Fatwa-Komplotts wurde und ihn ein selbst ernannter Gotteskrieger auf offener Straße enthauptete, geschah gar nichts. Sämtliche ‚Antirassisten’ und ‚Postkolonialisten‘, die sich kurz zuvor noch die Kehlen heiser geschrien hatten, blieben zu Hause. Keiner zuckte. Dabei hatte der zugereiste ‚Dschihadist‘ nicht nur einen Eingeborenen abgeschlachtet, er hatte symbolisch auch alle Werte geköpft, die es ihm überhaupt ermöglicht hatten, Asyl in Frankreich zu erlangen. Nach der Tat posierte er als Triumphator mit Patys abgeschlagenem Haupt und verkündete den Sieg von Umma und Scharia über Europa.

Ich halte mörderische Arroganz und barbarische Brutalität grundsätzlich für verwerflich, auch dann, wenn sie gegen blasse Europäer gerichtet ist. ‚Linke‘ sahen offenbar anders. Ihre ideologische Gefühlskälte wirkte auf mich ähnlich ernüchternd wie das frostige Schweigen linker ‚Feministinnen‘ nach dem 7. Oktober auf Phillys Chesler. Mir dämmerte, dass es den Initiatorinnen von ‚Black Lives Matter‘ nie um den ‚Kampf gegen Rassismus und Polizeigewalt‘ gegangen war, sondern nur um das, was sie als ‚weißen‘ Rassismus verstanden. Es war die Chiffre für die westliche Kultur an sich. Die wollten sie zerstören, und zwar möglichst gründlich. Floyds Tod bot ihnen dafür den Anlass. Er war das Kollateral, um ihrer Wut auf den Westen freien Lauf zu lassen.

Analog dazu deute ich die Flut an pan-arabischen Farben, die ‚Aktivisten‘ in angeblicher Palästina-Solidarität zur Schau stellen. Die Fahne eines fiktiven Landes, das bisher bloß in den Köpfen der Hamas und sozialistischer Parteifunktionäre besteht, hat wenig bis gar nichts mit dem Los der Leute zu tun, die in Gaza, der Westbank und Israel leben. Wie ‚Black Lives Matter‘ ist es bloß das Passepartout, das die Lust an Vernichtung politisch adrett verkleidet.

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Frankreich brennt. Erst haben Barbaren die Schulen gekapert, dann die Schülerproteste. Nun attackieren sie die Republik. Es ist ein Aufstand gegen die offene Gesellschaft, den säkularen Staat und das christliche Abendland. Vom Himmel gefallen ist all das nicht. Zwar begann es sich erst zu entfalten, nachdem Paris den bösen alten Mann aus Ghom nach Teheran hatte zurückreisen lassen, doch die Ursachen reichen viel weiter als bis in die Ära des Algerienkriegs.

Das Rathaus von Limoges ist eine Ruine. Zahllose Polizisten sind verletzt. Die Schäden gehen in die Hunderte Millionen. Liegt das Kind im Brunnen, macht man den Deckel zu. Nur sollten wir das vielleicht besser nicht tun. Denn die Randale weitet sich aus, auf Italien, Spanien und Belgien. Auch bei uns wird mobilisiert.

Was treibt die Akteure an? Ist es Nihilismus, Beutegier, Abscheu für alles, was Geist und Geschmack atmet? Der Tanz des Lumpenproletariats als gesteigerte Wohlstandsverwahrlosung? Auch. Friedrich Knauss schreibt im ‚Cicero‘: „In einem der wenigen Fernsehbilder mit Demonstranten statt Gewalttätern sieht man ein Schild mit der Forderung: ‚On veut tout gratuit‘. Man will ‚alles‘ haben, aber nicht dafür arbeiten. Die Plünderer holen sich alles – teure Uhren, Handys, Markenklamotten, was auch immer das Herz begehrt. Und dazu noch das erhebende Gefühl der Stärke in der Meute. Die Befriedigung, das kaputt zu machen, was man selbst nicht schaffen kann.“

Doch eventuell geht es tiefer. Eventuell offenbart sich hier auch das Wesen von Leuten, die spüren, dass sie dem, was sie beneiden und verachten, in keiner Weise gewachsen sind. Ihre einzige Macht besteht darin, es zu vernichten. Darum träumen sie von einer Revolution, die alles hinwegfegt, was sie klein macht. Sie setzten unbeirrbar auf Abriss. Das ist, fürchte ich, eine menschliche Konstante. Im letzten Jahrhundert waren Lenin, Hitler und Khomeini damit sehr erfolgreich.

Neid kann Neugierde und Ehrgeiz wecken. Die Erfolge des Westens fußen auf Wissen, Fleiß und Vernunft. Kreativität und Können setzten Demut vor fremden Ideen voraus. Aber nicht jeder vermag daraus Inspiration zu schöpfen. Ein Umfeld, das sich im Besitz der höheren Wahrheit wähnt, muss jede überlegene Alternative als Affront sehen. Muslimbrüder wähnen sich wegen ihres Glaubens für auserwählt. Laut Sayyid Qutb ist der Rest der Spezies gefangen im Zustand der ‚Dschāhilīya‘, einer Art geistiger Umnachtung, die sich mit ‚Unwissenheit‘ übersetzen lässt. Wer sich politisch erweckt hält und an die Lehren von ‚Diversity, Equity and Inclusion‘ glaubt, blickt ähnlich auf den Rest der Welt. Der ist entweder ahnungslos oder ein Feind. Genau das macht den wirtschaftlich und technologisch noch immer überlegenen Westen für viele zu einer unverzeihlichen narzisstischen Kränkung.

Berichten zufolge grölen diverse Plünderer den Rap-Song M*R*H von ‚Boro700‘. Der feiert Allah und Analverkehr und durchlöcherte weibliche Genitalien. Er zitiert die Mordserien des Marokkaners Salah Abdeslam und des Algeriers Mohamed Merah. Abdesalam war am 13. November 2015 einer der Haupttäter des Massakers in der Pariser Konzerthalle Bataclan. Merah erschoss im März 2012 drei Soldaten, einen Rabbi und drei Kinder einer jüdischen Schule. Hier ein Textauszug:

„Ich habe keine Angst, ich habe keine Angst vor der Hölle, der Pakt ist intakt, nur Allah kann mich aufhalten. Bataclan, sie lagen tot da, legt euch hin, ich werde ins Auge schießen. Ich ficke die Frau von Estrosi und Ciotti, zünde sieben Terrassen an, wir sind in den Schützengräben – (…) Ich habe meinen Gott und meinen Alten schockiert, verpiss dich, meine Worte sind wahr. Munkar, Munkar, sag mir, sag mir, sind diese Worte es wert? Die Djinns kommen zurück, Worte, Sheitan klopft an meine Tür (…) Alter, zwischen Satan und mir, elektrische Verbindung, ich hab‘s einem nach dem anderen gemacht, ich hatte kein‘ Schiss. Nur Komiker, das ist alles Fake (…) Alter, ich mach’s wie Adolf Hitler, wie Mohamed Merah, sieh dir die Kameras an. Bataclan, ich hab‘ ihn ins Auge geschossen. Menschenjagd. Salah Abdeslam. Alter, in der Hölle, auf meinen Kopf ist ein Preis ausgesetzt, ich bin entfesselt wie ein Hund der Hölle. Sag deinem Rapper, er soll mich machen lassen, wehe ihm, wenn er nicht kooperiert, Alter, ich mach’s wie Adolf Hitler – Bang, bang, bang…“

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Vor drei Jahren traf das Hamas-Pogrom die Leute in den Grenzdörfern im Süden Israels, am Rand des Gazastreifens, den Israel 2005 geräumt hatte und wo Hamas seit 20 Jahren herrschte. In dessen Nähe lebten besonders viele liberale Israelis, die vom Frieden mit ihren arabischen Nachbarn träumten.

Der niederländische Autor Leon de Winter nannte das Gemetzel animistisch und archaisch, ‚etwas aus einer dunklen, vormenschlichen Vergangenheit‘. Der 100jährige Leon Weintraub, der 1939 im Alter von 13 ins Ghetto Łódź kam und bis zum Frühjahr 1945 Auschwitz, Groß Rosen, Flossenbürg und Natzweiler überlebte, wird konkreter. „Ich kriege das nicht von meiner Netzhaut runter, dies Bild: Dieser Terrorist, der eine junge Frau an den Beinen gepackt hat, sie vergewaltigt und den entblößten, blutenden Körper anderen vorführt. Und dann schießt er ihr in den Hinterkopf.“ Weintraub lebt in Schweden. Am 7. Oktober 2023 war er in Tel Aviv. Morgens weckte ihn das Heulen der Sirenen.

Mich begleitet aus jenen Tagen die Szene des tanzenden Mobs, der sich um einen Pickup drängt, auf dessen Ladefläche eine halb entkleidete, leblose junge Frau liegt, die bei dem Überfall auf das Sukkot-Musik-Festival mitgeschleift worden ist und jauchzenden Gaffern in Gaza als Trophäe präsentiert wird. Sie spucken auf ihren geschändeten Leib. Die junge Frau heißt Shani Louk. Sie ist eine 22jährige deutsch-israelische Tattoo-Künstlerin. Später werden israelische Soldaten in Gaza auf ihre Leiche stoßen.

Es gibt viele Bilder, weil die Marodeure sich als Helden sahen, so wie die ‚Casseurs‘ in Marseille sich als ‚Rächer‘ verstehen. Sie nahmen ihre Orgie mit Bodycams und Handys auf und übermittelten sie in Echtzeit an Freunde, Familie und Fans.

Parallel habe ich Szenen aus Berlin-Neukölln vor Augen, wo Angela Merkels Gäste Fahnen schwenkend die Sonnenallee säumen, frenetisch hupende Autokorsos bilden, Feuerwerkskörper abfackeln, Süßigkeiten an Kinder verteilen und ekstatisch bejubeln, dass Hamas so viel Juden abgeschlachtet hat.

Früher im Orient wurde ich öfter mal mit ‚Heil Hitler!‘ begrüßt. Deutschland sei ein gutes Land, sagte man mir, weil es so schön viele Juden getötet habe.

Nach dem Pogrom war ich zwar darauf gefasst, dass einige der importierte Hamas-Anhänger und postkolonial hirngewaschene Studenten auf die Straße gehen würden, aber die Wucht des Tsunami überraschte mich, weil ich nicht damit rechnete, dass die Medien das Wüten der Hamas derart rasch beiseite wischen würden. Stunden nach dem Blutrausch stellten sie Ursache und Wirkung auf den Kopf und schoben den Israelis die Schuld zu. Dabei tat sich besonders die später dafür preisgekrönte ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann hervor. Die sorgte sich in Tel Aviv keinen Tag nach Massaker vor allem um das Schicksal der Leute in Gaza. Was mit den Hunderten verschleppter Geiseln war oder wie die Menschen im Norden Israels mit dem simultanen Beschuss durch die Hisbollah zurechtkamen, blieb drittrangig. Ihre selektive Empathie deckte sich mit der Navi Pillays. Weltweit sprangen auch deutlich weniger adelige Journalisten auf denselben Zug. Als hätten sie sich abgesprochen. Plötzlich wanderten die ‚Verbrechen der Zionisten‘ durch aller Munde. ‚New York Times‘, Londoner ‚Guardian‘ und Hamburger ‚Spiegel‘ pfiffen dieselbe Melodie, frei nach Friedrich Hollaenders sarkastischem Couplet aus dem Jahr 1931: „An allem sind die Juden schuld! Die Juden sind an allem schuld! Wieso, warum sind sie dran schuld? Kind, das verstehst du nicht, sie sind dran schuld.“

Die Woge an Hass, Häme und Hetze war atemberaubend. Bis dahin kannte ich derlei nur in Schwarzweiß, aus betagten Wochenschauen. Nun schwappte es mir live in Farbe entgegen. Selbst im trauten Prag, wo ich war, um das Erbe einer jüdisch-tschechischen Künstlerin zu würdigen, die 1968 nach Hamburg geflohen war, zogen ‚Aktivisten‘ an mir vorbei, die auf Tschechisch und Englisch die gleichen Parolen kreischten wie einst die SA. Denn während Raketen der ‚Hisbollah‘ 50.000 Israelis aus dem Norden des Landes vertrieben, rückte die Armee nun tatsächlich in Gaza vor. Das Genozid-Getöse schwoll an zum Crescendo, befeuert von bösartigen Meinungsmaschinen und rückgratlosen Politikern.

Nach dem 7. Oktober 2023 verabschiedete sich die mediale Sphäre final von Faktizität und betrat die Welt ‚woken‘ Wahns, wo gefühlte Realität, Hysterie und magisches Wunschdenken über Wahrheit und Wirklichkeit entscheiden.

Francesca Albanese, UN-Sonderberichterstatterin für Palästina, half Sterbestatistiken zu frisieren und getötete Heckenschützen in zivile Opfer zu verwandeln. Albanese ist ähnlich parteiisch wie Pillay. Sie vergleicht Benjamin Netanjahu mit Adolf Hitler und die sogenannte Nakba mit der Vernichtung der europäischen Juden. Israel wolle die Menschen in Gaza aushungern, erklärte sie. Es verübe einen Völkermord. Ihr sozialistischer Chef, der portugiesische UN-Generalsekretär António Guterres, pflichtete ihr bei. Karim Ahmad Khan, der inzwischen wegen sexueller Übergriffe geschasste pakistanisch-britische Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, erließ Haftbefehle für Netanjahu und seinen Stabschef angeblicher wegen ‚Kriegsverbrechen‘ und ‚Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘.

Kahns Vorwürfe sind so absurd wie die Gleichsetzung von ‚Nakba‘ und Holocaust. In Gaza kämpft Israel gegen einen Feind, der sich hinter Frauen, Kindern und Alten versteckt. Häuserkampf in bewohnten Zonen ist die grauenhafteste Form von Krieg und produziert eine horrend hohe Opferquote unter Unbeteiligten. Jeder ältere Berliner weiß das. Aber obwohl Hamas Waffen und Munition unter Kindergärten und in Krankenhäusern verbarg und so die ‚Kollateralschäden‘ künstlich hochzutreiben suchte, um das Leid der Bevölkerung medial maximal auszuschlachten, gelang jüdischen Soldaten das Wunder, weit weniger Zivilisten zu töten als andere Armeen in vergleichbaren Konflikten.

Tatsächlich vollzieht sich in Gaza ein ‚Genozid ‘, bei dem die angeblichen Täter ihre Opfer nicht nur mit Tausenden Tonnen von Hilfsgütern, Nahrung und Medikamenten am Leben erhalten, sondern dafür sorgen, dass die Zahl derer, die sie angeblich ausrotten wollen, steigt. Entweder geben sich die zionistischen Kindermörder zu wenig an Mühe oder sie kommen gegen die Gebärfreudigkeit arabischer Frauen schlicht nicht an. Vielleicht ist aber auch das gesamte Genozid-Narrativ eine Propaganda-Mär, um die Israelis zu verteufeln und ihrem Kampf gegen die Barbaren all das anzudichten, was den Judenfeinden selbst so vorschwebt, mithin eine klassische ‚Projektion‘.

Dafür spricht einiges. Den Erben des Holocaust nachzuweisen, dass sie die besseren Nazis sind, ist nicht nur der lang gehegte Traum vieler schuldgeplagter Deutscher. Auch diversen anderen bereitet Auschwitz ungute Gefühle. Das nehmen sie den Israelis übel.

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Der Satz, ‚die Deutschen werden den Juden alles verzeihen, außer Auschwitz‘ beschreibt das Phänomen, dass die Täter und deren Erben die Juden nicht trotz, sondern wegen Auschwitz hassen, weil sie als wandelnde Zeugnisse immer an das Verbrechen erinnern. Hätten die Nazis ihr Vorhaben erfolgreich abgeschlossen, wären sie die Sorge los. So bleibt das Dilemma unlösbar. Also suchen sie sich auf anderen Wegen zu entlasten, reden die Zahl der Ermordeten klein, führen über alle Varianten jüdischen Versagens genauestens Buch oder werfen Juden vor, ‚nichts aus ihrer tragischen Geschichte gelernt zu haben‘.

Immer wieder betonen sie, die Israelis unterschieden sich kaum von den Nazis. Die Nazis sind der Goldstandard. Nur diese Gleichsetzung hat das Zeug, ihr Schuldkonto zu löschen, die eigene Schande zu tilgen und die Altvorderen posthum zu rehabilitieren. Das macht den Genozid-Vorwurf so sexy. Er ist die ultimative Keule. Wer die erfolgreich schwingt, dem lacht das Paradies der zweiten Unschuld.

Leider ist dieser Drang nicht nur unter Deutschen ausgeprägt. Denn, siehe Maurice Papon, letztlich war die ‚Endlösung‘ eben doch ein gesamteuropäisches Projekt.

Alle bedauern gern tote Juden. Lebende Juden irritieren. Besonders in Israel. Benehmen sie sich dann genauso dumm, plump und roh wie andere, nimmt man es ihnen doppelt und dreifach übel. Erdreisten sie sich obendrein auch noch, die Barbaren, die 1.200 ihrer Liebsten gemetzelt haben und sie seit jeher vernichten wollen, ernsthaft zu bekämpfen, mutieren sie zu absoluten Monstern.

Mir tun die Kinder in Gaza so leid wie die in Tel Aviv. Aber was mit denen in Gaza geschieht, hat vor allem Hamas zu verantworten. Und nein, selbst erlittenes Leid läutert nicht automatisch. Sonst gäbe es keine Dschihadisten. Weder Birkenau noch Belsen waren Kaderschmieden für Lichtgestalten. Sie sollten ihre Insassen auslöschen, sie moralisch, seelisch und physisch zerstören. Darin waren sie extrem effektiv. Wenn einige dieser Maschinerie entkamen, bedeutet nicht, dass auch nur ein einziger der Übriggebliebenen es unbeschadet überstanden hätte. Insofern ist das eigentliche Wunder, dass Israel nicht binnen kürzester Zeit zu einem dysfunktionalen Gebilde verkam, sondern sich trotz aller Widrigkeiten zu einem blühenden Gemeinwesen entwickelte, das wohlhabender, freiheitlicher und demokratischer ist als seine sämtlichen Nachbarn.

Erfolg gebietet Bewunderung, doch weckt ebenso Missgunst und Neid. Israels Erfolge wecken unter den meisten Linken und Islamisten überwiegend Mordlust. Wer vom Komplett-Abriss des Westens träumt, für den sind Israels Erfolge eine ungeheure Provokation.

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Raul Hilberg lag leider schon ganz richtig. Auschwitz war die Erfüllung von Martin Luthers Vernichtungsphantasien, die Klimax zig Jahrhunderte voll religiös verbrämten Neids. Die Einsicht schmerzt. Deswegen war es nur folgerichtig, dass die Tochter eines sozialistischen Pastors 2015 die ‚Grenzöffnung‘ initiierte. Damit entließ sie die bußfertigen Deutschen nur bloß aus ihrer ‚Erbsünde‘, sie sourcte deren subkutanen Sehnsüchte elegant an die ‚Syrer‘ aus, wohl wissend, dass viele der ‚Geflüchteten‘ genau die Art Judenhass mitbrachten, in dessen Licht alle deutschen Täterenkel vergleichsweise strahlen mussten. Legt man die Latte tief genug, nehmen auch Krüppel die Hürde.

Leider ging ihre Rechnung nur allzu gut auf. Denn diese unterschwellige Gemengelage treibt eben auch viele andere um, wie etwa Pillay, die den Israelis nie gewogen war, weil sie zu innovativ und resilient sind. Zumal die zwei Millionen Araber in dem vermeintlichen Apartheidstaat das Hundertfache von Arabern in Gaza oder der Westbank verdienen und sie dort als wahlberechtigte Staatsbürger deutlich besser leben als die Leute in irgendeinem der islamischen Nachbarländer.

Aber wir leben drei Jahre nach dem Pogrom. In einer Welt, in der man nun endlich seine Ressentiments wieder moralisch einwandfrei raushängen lassen kann und Juden dafür hassen, dass sie Juden sind. Weil sie Juden sind. Das ist nicht nur links und fortschrittlich, es ist nobelpreiswürdig. In Berlin lädt es Grüne und Sozialdemokraten dazu ein, sich mit den Altstalinisten und Hamas-Freunden in ein Bett zu legen, damit wir bald auch dort bald erleben, was wir bisher bloß in Frankreich bestaunen dürfen.

Der fiktive Genozid in Gaza hat die Welt vom Gedenken an Auschwitz befreit und mit dem globalen Feindbild des ‚Zionisten‘ den Beelzebub etabliert, der Josef Stalin einst vorschwebte. Ideologisch hat es uns den ‚Palästinismus‘ geschenkt, eine politisch erweckte Ersatzreligion, die Leon de Winter wie folgt beschreibt:

„Es ist ein Kult, der jeden einlädt, sich aufzulehnen. Wogegen, ist eigentlich nicht so wichtig. In erster Linie gegen die Zionisten und ihr Land, aber auch gegen fossile Brennstoffe, die Banken, Big Tech – was man will. Wie der Judenhass jahrhundertelang das irrationale Ventil für Ängste, Sorgen, Hunger und Elend war – der Jude als Mörder Jesu, der Jude als Trinker von Kinderblut, der Jude als Brunnenvergifter, der jüdische Marxist, der die bürgerliche Gesellschaft zerstört, der jüdische Kapitalist, der dasselbe tut –, so ist der ‚Genozid‘ (den es nicht gibt und den die Juden dennoch herbeigeführt haben) der Anlass, frei hassen zu dürfen. Und damit sind die Zionisten dieselben Objekte der Obsession wie die Juden: Der Antizionismus ist das irrationale Ventil für die Ängste und Sorgen vieler in unserem Abschnitt der Geschichte.“

Ich fürchte, de Winter hat Recht. Doch bekanntlich kommen immer erst die Juden dran. Dann folgt der Rest. Das ist wie ein ehernes Gesetz. Insofern sollte sich da kein Abendländer Illusionen hingeben. Rilkes Auftakt zum ‚Herbst‘ könnte heute lauten:

Die Schatten wachsen. Sie gebären Monster. Die entfesselten Winde betteln um den Orkan.



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