Von Christoph Ernst
Lange bevor Wort ‚woke‘ auftauchte, geisterte das Mantra von DEI bereits durch Universitäten. Kulturrelativismus, Postkolonialismus und Identitätspolitik erstickten alle positiven Bindungen an die eigene Herkunft.
Für fortschrittliche Zeitgenossen ist Selbstgeißelung de rigueur. Es gilt, die letzten Echos von Aufklärung und Liberalismus auszutreiben. Im Auge des Zorns stehen Israel, die USA und alle osteuropäischen Länder, die noch einen Hauch Selbstbewusstsein gegenüber Brüssel an den Tag legen, weil sie sich zu gut ans das Sowjetimperium erinnern. In Westeuropa ist man weiter. Bei uns tobt die Endschlacht gegen Kapitalismus, Rassismus und Imperialismus in Unis, Medien und Museen. Die klimakatastrophal erhitzte Empörung über kindermordende Zionisten marschiert Hand in Hand mit ‚Queers for Palestine‘ und dem Bekenntnis zur Hamas.
Wen das als Hirnerweichung besticht, liegt nicht falsch. Aber das Abgleiten in sinnfreie Polit-Pornografie hat System. In seiner Kunst des Krieges sagt Sunzi, die klügsten Strategen besiegten ihre Gegner ohne Kampf. Sie verwirrten ihren Geist und untergrüben ihre Moral. Früher oder später zerfleische der Feind sich selbst. Im Idealfall könne man am Ende sogar als sein Retter auftreten.
Die Avantgarde der Erweckung die Bewusstseinsbildung gekapert. Anfangs fixierte sie sich nur darauf, Novizen zu gewinnen und Gegner zu isolieren. Als dann vor etwa zehn Jahren zeitgleich zur Grenzöffnung das große Erwachen begann, war sie mächtig genug, um die Gegenwehr im Kein zu ersticken. Ihre Jünger kontrollierten den ‚kulturellen Mainstream‘. Sie hatten Zugang zum Ohr der Eliten. Als Tugendgarden des Meinungskorridors gaben sie vor, wer über was denken und reden durfte oder aus der Debatte flog.
So nahm die ‚große Transformation‘ Formen an. Mittlerweile sind Effekte spürbar. Staatlich subventionierte Armutszuwanderung zerstört die Sozialsysteme. Der Mittelstand verarmt. Das Demolieren intakter Kraftwerke und Verteuern von Energie torpediert die Wirtschaft. Parallel sorgt das künstliche Verdummen junger Menschen dafür, dass künftige Generationen kaum noch Chancen haben, sich aus eigener Kraft aus der Misere herauszuarbeiten.
Insofern ist die ‚Dekonstruktion‘ ein voller Erfolg. Der verruchte Westen nähert sich immer rascher seinem Kollaps. Bleibt die Frage, ob es den Linken gelingt, muslimische Beutebürger als Adepten zu domestizieren. Ich fürchte nur, sie unterschätzen den Eifer der Islamisten. Die haben ihre Apparate längst infiltriert und sehen sie bloß als nützliche Idioten.
An deutschen Universitäten ist der Drops gelutscht. Laut der Ethnologin Susanne Schröter herrscht dort bleierner Konformismus. Scharia-Fans haben sich mit Post-Marxisten verbündet. Andersdenkende werden ausgegrenzt, Renegaten gecancelt. Wer Judenhass, Islam oder logische Brüche der postkolonialen Lehre auch nur erwähnt, kickt sich ins Aus. Er wird nicht mehr eingeladen, besprochen oder erwähnt. ‚Akademische Aktivisten‘ sind blendend vernetzt und machen gnadenlos Jagd auf vermeintlich ‚islamophobe Rechte‘. Die Uni-Leitungen zittern vor ihnen, sofern sie sich ihnen nicht längst angeschlossen haben. Das Treiben der TU-Präsidentin Geraldine Rauch Berlin war nur die Spitze des Eisbergs. Über die genauso fragwürdige Chefin der Humboldt-Universität redet keiner mehr. Die Migrations-Aktivistin Naika Foroutan, deren üppig gefördertes DeZIM-Institut kontrafaktische Mythen über Ausländerfeindlichkeit verbreitet, lehrt dort weiterhin als ordinierte Professorin.
Während immer mehr Bildungseinrichtungen von Frauen geleitet werden, macht sich überall derselbe juden- und christenfeindliche Geist breit. Fragt sich, ob das nur eine Korrelation ist. Die einstigen Orte von freier Wissenschaft degenerieren unter ihrer Führung jedenfalls zu Apparaten von Indoktrination und Hirnwäsche.
Schröter war als skeptische Wissenschaftlerin selbst öfter Ziel heftiger, breit angelegter Attacken des akademischen Mobs, wobei sich das ‚Exzellencluster Africa Multiple‘ in Bayreuth besonders unappetitlich hervortat.
Offiziell fordert die DEI-Ideologie Rücksicht auf Zukurzgekommene. Tatsächlich träumt sie von einer Welt, die die Dogmen der Erweckung in Endlosschleife wiederkaut. Die Leimruten auf dem Weg in dieses Paradies glitzern so ehrbar wie erhebend. Misogynie gibt sich feministisch, Judenhass palästinenserfreundlich, Voodoo-Ökonomie dient der Klimarettung. All das ist garniert mit satt Gratismoral und gesteigerter Tugend, aber es ist nur Mimikry, die adrette Fassade eines Abriss-Kults, der den Westen entsorgt und alles plattmacht, was an Rom, Athen oder Jerusalem erinnert. Die ‚Damnatio memoriae‘ ist fundamental, bereinigt Texte, säubert Bibliotheken, entkernt Museen und stürzt Denkmäler. Gerade las ich, dass die Humboldt-Universität das Winckelmann-Institut abwickelt, also die Einrichtung, die den Ruhm der deutschen Archäologie begründen half.
Ist die Erinnerung an den Reichtum der eigenen Kultur zerstört, präsentieren ‚postkoloniale Experten‘ sie als Geißel der Menschheit: Der Nabel des Bösen haust im Abendland. Der alte Kontinent ist verrottet und korrupt. Er hat die Spezies so sehr gequält, dass Europa dem Rest der Spezies auf ewig Abbitte schuldet. Man nimmt jungen Leuten also nicht bloß die Sprache, man vergällt ihnen ihr Erbe. Als Europäer sind sie verdammt zu Buße. Am besten peitschen sie sich nur noch aus oder sie konvertieren gleich und feiern künftig Ramadan.
Michael Klonovsky bemerkte mal, ohne die Errungenschaften, die Europa in die Welt getragen habe, besäße keiner seiner heutigen Feinde die Mittel, um es anzuprangern. Sie wären gebeutelt von Unwissenheit, Hunger, Pest, Lepra und Pocken. Dass die durchschnittliche Lebenserwartung sich in nur 200 Jahren global mehr als verdoppelt hat und heute mehr Leute satt werden als je zuvor, obwohl es mittlerweile über acht Milliarden Menschen gibt, geht auf Innovationen des Westens zurück. Sonst gäbe es keine Antibiotika, Traktoren und Telekommunikation. Europäer haben für moderne Medizin, sauberes Trinkwasser und Kunstdünger gesorgt. Auch um die Freiheit des Einzelnen wäre es schlechter bestellt. Immerhin waren es die Briten, die weltweit die Sklaverei zurückdrängten und den mörderischen Menschjagten der Muslime in Afrika ein Ende machten. Im blutigsten Krieg ihrer Geschichte stritten zwischen 1861 und 1865 in den USA – überwiegend – weiße Männer darüber, ob ihre schwarzen Artgenossen weiterhin wie Ware behandelt oder als autonome Wesen ihr Schicksal bestimmen sollten. Meines Wissens haben Muslime zwar in 1400 Jahren Glaubenskrieg Dutzende Millionen Christen und Afrikaner versklavt, aber niemals gegeneinander für deren Freiheit gekämpft.
Klonovsky schrieb, die ‚Antirassisten‘ hätten sich den schwächsten aller denkbaren Gegner ausgesucht: Ihre eigenen Kinder.
Ich sehe mir das Treiben an den Unis an und rätsele, wie viel Restlaufzeit eine Zivilisation wohl noch hat, die alle Institutionen, die ihre Werte und ihr Gedächtnis bewahren, ihren Erzfeinden anvertraut.
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‚Wokeness‘ verschmelzt Ressentiments und geheuchelte Fürsorge zu einem einzigartigen Amalgam, an dem Verstand und Logik scheitern. Paternalismus verdrängt Leistung. Quote ersetzt Qualität. Sollen die Dinge gerechter, ökologischer und femininer werden, gehört der Alltag deutlich weniger weiß, maskulin und deutsch. Also braucht das Land dringend noch mehr Asylbewerber aus Burkina Faso in Rundfunkräten, die einheimische Rentner durch Staatsanwaltschaften triezen lassen. Haltung beweist nur, wer unterm Regenbogenbanner marschiert. Schwarz-Rot-Gold ist so reaktionär wie genderfreie Sprache.
Theoretisch vertragen ‚Offenheit, Vielfalt und Toleranz‘ sich blendend mit ‚Einigkeit und Recht und Freiheit‘. Praktisch ging es den Diversitätspriestern nie darum, verschiedene Lebensentwürfe zu ermöglichen. Wo landen man, wenn jeder nach seiner Fasson glücklich werden darf? Das beißt sich mit ‚Equity‘. Alle müssen gleich multikulturell, polyamourös, transgenderaffin, postkolonial-feministisch und klimaneutral sein. Wer sich sperrt, etwa, indem er nicht gendert, blockiert den Pfad ins irdische Himmelreich. Er ist ein Feind des Guten, des Friedens, Fortschritts und der Erleuchtung.
Ohne Zwang geht das nicht. Dazu braucht es ‚Cancel-Culture‘. Die ist das Janus-Gesicht von ‚Diversity, Equity and Inclusion‘.
Als der französische Nationalkonvent in seiner ‚Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen’ Frauen aussparte, verfasste die Dramatikerin Olympe de Gouges 1791 ihre ‚Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin‘, um das an ‚Schönheit wie an Mut, die Beschwernisse der Mutterschaft betreffend, überlegene Geschlecht‘ in den Blick der Revolutionäre zu rücken. Das war Maximilien de Robespierre ein Dorn im Auge, zumal de Gouges gegen seinen Terror protestierte. Also ließ er ihr ‚konterrevolutionäre Umtriebe‘ andichten, sie über Monate durch verschiedenste Kerker schleifen und im November 1793 köpfen.
175 Jahre danach erschoss ein Attentäter den Bürgerrechtler Martin Luther King. King war kein Mensch ohne Fehl und Tadel, aber ein gläubiger Christ. Am Abend vor dem Mordanschlag sprach er über die Ziele der Bewegung, das Risiko eines verfrühten Todes und sein Vertrauen in Gott. Auch wenn er wisse, dass er selbst das Ziel womöglich nicht erreiche, sei er voller Zuversicht. Der Herr habe ihm die Gnade erwiesen, ihn ‚das gelobte Land‘ sehen zu lassen.
King starb für dasselbe Ideal wie de Gouges. Die Idee, nicht nach Geschlecht und Hautfarbe, sondern nach unserem Wesen beurteilt zu werden, trotz aller Unterschiede als Gleiche vor Gott, dürfte Mohandas Gandhi und Nelson Mandela ebenso erfüllt haben wie Sophie Scholl und Henning von Tresckow. Sie ist universal menschlich, der Ausdruck unseres erwachsenen Gewissens. Das bestärkte Lew Kopelew, als Offizier der Roten Armee gegen die Gräuel an Zivilisten in Ostpreußen zu protestieren und zwang Alexander Solschenizyn, Zeugnis über die Verbrechen des Stalin-Regimes abzulegen. Diese Idee ist aktueller denn je und so bedroht wie noch nie.
Ideologen graut seit jeher vor der Einsicht, dass jeder mündige Mensch über einen eigenen ethischen Kompass verfügt. Also machen sie Gruppen zum Gottersatz und löschen den Wert des Einzelnen aus. Richard Delgados ‚kritische Rassentheorie‘ fußt auf solch einem Märchen. Der Jurist verdammt die gesamte westliche Rechtstradition seit der Antike als ‚systemisch rassistisch‘. Geht es nach seiner Schülerin Kimberlé Crenshaw, sollen Richter nur noch nach Diversitätskriterien urteilen. Verpackt ist das als höhere Gerechtigkeit. Faktisch ist es auf den Kopf gestellter ‚Jim Crow‘ und öffnet Willkür Tür und Tor. Grenzgänger, Bastarde und farbenblind Verliebte fallen dabei grundsätzlich durch den Rost.
Gleichheit vorm Gesetz ist passé. DEI adelt den Neid auf Privilegierte. Parallel verspricht sie allen Privilegierten Absolution, die sich der reinen Lehre unterwerfen. Dann dürfen sie sich über weniger Erleuchtete erheben. Entsprechend forderte Carolin Emcke als Vorkämpferin des ökologisch-feministischen Aufbruchs bei re:publica, mit ‚Klimaleugnern‘ künftig gar nicht mehr zu reden.
Solch erweckte Kapitalismuskritik verträgt sich glänzend mit globalem Neofeudalismus. 2019 folgte Greta Thunberg dem Ruf Klaus Schwabs nach Davos, wo sie das Weltwirtschaftsforum (WEF) zu Panik einlud. Mittlerweile haben sich die Prognosen des ‚International Panels on Climate Change‘ als Luftnummer entpuppt, so dass sich wegen des Wetters nun keiner mehr panisch auf den kalten Asphalt zu festzukleben braucht, doch dafür ist Luisa Neubauer jetzt an Bord, die nicht ganz so offen antisemitische hanseatische Thunberg-Kopie, die als Erbin einer Zigarettendynastie und ‚feministische Grüne‘ zu US-Wahlkämpfen fliegt, um Kamala Harris beim Verlieren zu unterstützen oder von der Antarktis aus auf alte, weiße Männer schimpft. Die öffentlich-rechtlichen Medien liegen ihr zu Füßen, ist sie doch der wandelnde Beweis, dass höhere Töchter aus Blankenese parallel Flugscham predigen und Bonusmeilen sammeln können.
Massenwohlstand, Hyperindividualismus und Quotierungswahn züchten eben auch schwere Neurosen. DEI zelebriert, was Sigmund Freud im Unbehagen in der Kultur den ‚Narzissmus der kleinen Differenzen‘ nannte. Krankhaft übersteigerte Selbstkritik, suizidale Empathie und emotionaler Schwachsinn sind Spielformen dessen, was Sir Roger Scruton ‚Oikophobie‘ nannte.
Wer alles Fremde unbesehen idealisiert, um bewährtes Eigenes angewidert zu verwerfen, hat in der Pubertät etwas Entscheidendes verpasst. Heranwachsende testen Grenzen, rebellieren gegen Tradiertes, experimentieren mit Exotik, verletzen goldene Regeln und riskieren den Hals. Das ist Teil ihrer Selbstfindung, normal und meist kerngesund. Bei uns jedoch hat sich rebellische Gestus kulturell verfestigt, als sei der Reifungsprozess ausgeblieben, und das ist nicht immer so ironisch-amüsant wie ein Mick Jagger, der im achten Lebensjahrzehnt auf der Bühne seine fehlende erotische Befriedigung beklagt.
Vergreiste Gesellschaften neigen zum Verherrlichen von Jugend. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, weil es ganze Heerscharen von Fitnessberatern, Schönheitschirurgen und Botox-Herstellern ernährt. Fangen maßgebliche Erwachsene jedoch an, infantilen Blödsinn mit einem Jungbrunnen an Inspiration verwechseln, spielt ihre Senilität ihnen einen Streich.
2019 etwa verstieg sich der katholische Erzbischof von Berlin dazu, Thunberg mit Jesus zu vergleichen. Inzwischen rückte er davon ab, aber das Ereignis zeigt, dass dementer Jugendwahn nicht nur Davos zu geistiger Umnachtung einlädt. Denn natürlich kann die Flucht in Exotik durchaus bereichern, aber sie produziert auch desaströse Irrtümer. Wer glaubt, eine satte, säkularisierte, überalterte christliche Gesellschaft könne Millionen orthodoxer Muslime importieren, ohne damit ihr eigenes Ende zu einzuleiten, hat im Geschichtsunterricht geschlafen.
Teil 3. folgt morgen.
