Ein Nachruf

Veröffentlicht am Kategorien Allgemein

Von Peter Schewe

Als ich wieder mal bei meinen Büchertanten, sie betreiben hier seit Jahren einen ‚Bücherstube‘ genannten, kleinen Buchladen, ein Buch bestellen wollte, las ich einen Zettel an der Tür: „Zu verkaufen“ und „Gutscheine werden nur noch bis 30.09.26 eingelöst“.

Warum das?

Es sind die Umsatzrückgänge der letzten zwei Jahre, die einen Weiterbetrieb nicht mehr möglich machen. Die Leute lesen offenbar nicht mehr oder kaufen die Bücher online. Auch die Buchverweise bei Vera Lengsfeld landen bei Amazon, ein weiterer Klick und schon ist das Buch auf dem Wege.

Und wenn überhaupt noch gelesen wird, dann im Internet oder auf E-Books. Und so verschwindet sang- und klanglos eine Branche, die ja viel mehr war, als nur eine Buchverkaufsstelle.

Hier wurde geplaudert, über gelesene Bücher sich ausgetauscht, konnten bei Lesungen Autoren persönlich erlebt werden und auch mal nur der übliche Dorftratsch ausgetauscht. Unschlüssige oder im Umgang mit Büchern verunsicherte Käufer wurden beraten, oft hörte ich die Frage: Was können sie mir für einen 10-Jährigen empfehlen?

Vor dem Kauf eines Buches konnte Probegelesen oder in Bildbänden geblättert werden und das Buch auch wieder zurückgelegt werden. All das wird es hier vor Ort nicht mehr geben.

Lesen, die Schlüsselkompetenz, die Welt zu erkennen und vielleicht zu begreifen, scheint nicht mehr gefragt zu sein. Beim Lesen entstehen Bilder im Kopf, die abgespeichert werden und jederzeit wieder abgerufen werden können. So entwickelt sich das, was wir gemeinhin als Intelligenz bezeichnen und das ist Lichtjahre von dem entfernt, was sich KI nennt.

Seit drei Jahren gehe ich zweimal die Woche in die hiesige Förderschule und helfe Kindern beim Lesenlernen. Der Bedarf ist riesig, weil zu Hause wenig oder überhaupt nicht mehr vor- bzw. miteinander gelesen wird. Die Kinder werden mit Handys ruhiggestellt. Ich merke immer wieder, wie sehr es den Kindern an persönlicher Zuwendung fehlt. Über das Gelesene zu sprechen, ist genauso wichtig.

Nicht nur Kinder aus Migrantenfamilien, bei denen zu Hause kaum und gar nicht Deutsch gesprochen wird, haben diesbezügliche Defizite. Auch in deutschen Familien ist das Lesen eher die Ausnahme.

Die Schule kann diese Defizite nicht ausgleichen, auch wir Lesepaten können da nur wenig helfen, selbst wenn uns die Lehrer immer wieder versichern, wie wichtig unsere Hilfe für die Kinder ist.

Zurück zu meinen Büchertanten. Wo werde ich künftig meine Buchbestellungen aufgeben?

Bei Thalia oder Hugendubel in Regensburg mit zweimal hin- und herfahren?  Oder doch lieber gleich bei Amazon mit Lieferung frei Haus.

Egal wie ich mich entscheiden werde, eines werde ich vermissen: Das persönliche Gespräch, der Austausch über das Gelesene und die eine oder andere Buchempfehlung.

Aber vielleicht findet sich ja doch noch ein Käufer. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

28.06.2026

 



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