From stone age to drone age

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Von Hans Hofmann-Reinecke

Die Meilensteine menschlicher Entwicklung sind gekennzeichnet durch Erfindungen, die es ermöglichen, andere Menschen zu töten, ohne dabei das eigene Leben zu riskieren. Mit dem technischen Fortschritt der Menschheit stieg die Zahl der Todesopfer exponentiell an.

Fortschritt

Stanley Kubricks epochaler Film „2001: Odyssee im Weltraum“ startet mit einer detallierten Analyse von Fortschritt: ein Höhlenmensch, genannt „Moon-Watcher“, hantiert am Skelett eines Tapirs und entdeckt ganz spielerisch, dass der Knochen des Oberschenkels ein hervorragendes Schlagwerkzeug sein könnte. Er phantasiert, wie man damit einen Angreifer in die Flucht schlägt, und von diesem Moment an war seine Sippe beim Kampf um den Zugang zur Wasserstelle den konkurrierenden Horden haushoch überlegen.

Das ging nur so lange gut, bis die Feinde sich ebenfalls mit solchen Knüppeln bewaffnet hatten. Moon-Watcher musste sich jetzt etwas Neues einfallen lassen. Sein Nachfahre David erfand die Steinschleuder und erlegte mit ihrer Hilfe den Riesen Goliath. Dann kamen Pfeil und Bogen und schließlich erfand ein besonders intelligenter „Moon-Watcher“ das Schießpulver. Schusswaffen machten es den Kolonialmächten dann leicht, die Ureinwohner Nordamerikas oder Afrikas zu unterwerfen.

Die Meilensteine menschlicher Entwicklung sind also gekennzeichnet durch Erfindungen, die es ermöglichen, andere Menschen zu töten, ohne dabei das eigene Leben zu riskieren.

Tödlicher Fortschritt

Im Erster Weltkrieg fand man heraus, dass es eine große Rolle spielt, wie viele Kugeln da aus dem Gewehrlauf herauskommen. Das führte zur Entwicklung des Maschinengewehrs, das 10-20 Schuss pro Sekunde abgibt. Da beide Seiten diese Waffe einsetzten ergab sich für niemand ein strategischer Vorteil – nur ein unvorstellbarer Verlust an Menschenleben – Insgesamt etwa 20 Millionen Tote, nur auf dem Schlachtfeld.

Im nächsten Weltkrieg wurde durch den Einsatz von Bombern die Besatzung vom Ort der Zerstörung, die sie anrichten sollten, ferngehalten. Aber auch jetzt gab es pfiffige „Moon Watcher“, die ihnen durch Jagdflugzeuge und Flak das Überleben schwer machten. Nur die Hälfte der britischen Besatzungen überlebten, bei den Amerikanern waren es ein Viertel.

Tragischer Höhepunkt dieser Entwicklung sind die 200,000 Toten durch den Abwurf zweier Bomben auf Hiroschima und Nagasaki. Die Besatzungen der beiden Einsätze blieben dabei unversehrt.

Mit dem Fortschritt der Menschheit scheint also die Zahl der Kriegsopferopfer exponentiell anzusteigen. Eine Extrapolation dieser Logik in die Zukunft führte dann zum Szenario der Mutual Assured Destruction (MAD), also der gegenseitig zugesicherten Vernichtung. Auch das hat Stanley Kubrick im Film „Dr. Strangelove…“ sehr realistisch dargestellt.

In 5 Minuten nach London

Auch wenn sich bisher wenig Interesse an MAD zeigte, so war aber keineswegs der Endpunkt der Vernichtungsskala erreicht. Könnte man Sprengstoff in größeren Mengen beim Feind abliefern, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen? Ein deutscher „Moon Watcher“ namens Wernher von Braun hatte da ein Vehikel namens V2 entwickelt, das mit einer Tonne Sprengstoff an Bord in 5 Minuten in großer Höhe Richtung London fliegen konnte. Man konnte jetzt also Vernichtung in hunderten von Kilometern Entfernung auslösen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Was für ein Meilenstein auf dem Weg zur perfekten Waffe.

Die V2 war teuer und unzuverlässig und dennoch erreichten über 300 dieser Raketen ihr Zielgebiet. In den 80 Jahren seither hat es jedoch entscheidende Erfindungen gegeben, die es ermöglichten, solche Waffen zu perfektionieren. Durch Transistor, Computer und künstliche Intelligenz können Antrieb und Navigation heute präzise programmiert werde. So wurden selbständige Flugwesen ohne menschliche Piloten an Bord geschaffen. Dabei ist die Erstellung der notwendigen Software extrem anspruchsvoll und teuer, aber der Chip mit ihrer Kopie kann beliebig billig hergestellt  werden.

Kein unbekanntes Flugobjekt

So wie Mutter Natur seit Eroberung des Luftraumes eine unendliche Vielzahl fliegender Objekte hervor gebracht hat, von der Mücke bis zum Steinadler, so hat auch die zerstörerische Kreativität der Menschheit inzwischen einen ganzen Zoo autonomer Flugapparate, genannt Drohnen, hervorgebracht. Eine davon soll hier im Detail präsentiert werden.

Der Taurus ist ein Flugapparat, so lang (5 m) und so schwer (1,5 t) wie ein größeres Auto, mit einer Spannweite von 2 Metern. Mit solchen Stummelflügeln würde der schwere Apparat bei rollendem Start niemals vom Boden abheben. Deshalb wird er unter ein Flugzeug geschnallt, etwa eine McDonnell Douglas F-15, und dann bei hoher Geschwindigkeit (ca. 900 km/h) ausgeklinkt.

Jetzt ist Taurus ein autonomes Flugzeug, mit Autopiloten, Navigationssystemen und einer halben Tonne Sprengstoff an Bord. Die genauen Zielkoordinaten samt Route, sind bei der Einsatzplanung am Boden programmiert worden. Angetrieben wird er von einem “Turbofan“, die in größerer Ausführung auch unsere Airliner antreiben.

Der Treibstoff reicht mindestens für gut 500 km, auf Wunsch ist auch weiter. Angekommen ist er dann in der Lage, sein Ziel zu erkennen. Er hat ein dreidimensionales digitales Modell davon gespeichert und vergleicht es beim Anflug mit dem, was seine Kamera sieht, um es dann zu zerstören.

Der Spieß wir umgedreht

Angeblich soll oder will Deutschland Taurus an die Ukraine liefern; hergestellt wird er hier jedenfalls.

Egal – drehen wir den Spieß um: Nehmen wir an, Russland hätte einen Taurus. Nennen wir ihn Saurus

Von der Luftwaffenbasis Levashovo bei St Petersburg startet eine Suchoi 57 mit Saurus unter dem Rumpf, nimmt Kurs nach Westen und steigt auf die übliche Flughöhe. Bald ist sie über der Ostsee und wird auf den Radarschirmen der estnischen und finnischen Luftüberwachung sichtbar. Für die ist das keine Überraschung, denn russische Piloten machen hier gerne ihre „Dogfights“.

Eine halbe Stunde später dreht die Suchoi nach Südwesten und setzt ihren Flug über Wasser fort. Nach einer weiteren halben Stunde, in der Nähe der Insel Bornholm, drückt der Pilot einen roten Knopf. Für den Saurus ist es das Signal, sein Triebwerk anzulassen und sich auszuklinken, worauf die Suchoi eine steile 180° Wende macht und wieder nach Hause fliegt.

Auf sich allein gestellt

Der Saurus ist jetzt auf sich allein gestellt. Als Erstes verlässt er seine Flughöhe und geht in steilem Sinkflug auf 10 oder 20 Metern über dem Wasser. Jetzt ist er unter dem Radar. Eine ganze Palette von Systemen zeigt ihm seine genaue Position an. Falls das GPS gestört sein sollte, benutzt er sein INS (Inertial Navigation System), dann hat er noch eine Kamera an Bord, welche die Landschaft beobachtet und mit der digitalen Landkarte des Bordcomputers vergleicht. Über Wasser ist das zwar keine Hilfe, aber das Bordradar erkennt die Küstenlinie, und aus all diesen Daten kann der Saurus seine Position auf ein paar Meter genau berechnen.

Um seinen Bestimmungsort zu erreichen, fliegt er weiter Kurs Südwest, und zwar mit Mach 0,9. Nach 10 Minuten ist er über der Bucht von Greifswald und dreht nach Süden. Unter ihm ist jetzt die Mecklenburger Landschaft, die er mithilfe seines TFR („Terrain Following Radar“) in geringer Höhe, aber mit unverminderter Geschwindigkeit überfliegen kann. Nach weiteren 10 Minuten hat er die Stadtgrenze von Berlin erreicht. Jetzt zieht er steil nach oben, um sein genaues Ziel, wie ein Adler, aus großer Höhe zu identifizieren.

Und da ist es auch gefunden: der rechteckige Grundriss mit der Kuppel in der Mitte lässt keinen Zweifel daran, genau so ist es in seinem Programm gespeichert. Der Saurus stürzt sich jetzt von oben herab mitten in sein Ziel hinein. Zuerst zündet die „Penetration Charge“, das ist die kleinere Ladung, die zum Durchdringen einer möglichen Schutzwand notwendig ist. Sie zerfetzt die gläserne Kuppel in tausend kleine Splitter. Nach einigen Millisekunden explodiert dann die Bombe von ca. 400 Kilo und legt das Reichstagsgebäude, von innen heraus, in Schutt und Asche. Das Schicksal der Menschen darin: unvorstellbar.

Der Bestseller des Autors „Grün und Dumm“, und andere seiner Bücher, sind bei Amazon erhältlich. Weitere Artikel und Kontakt zum Autor bei www.think-again.org



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