Kunst schlägt Klima

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Die Premiere der zweiten Produktion der Schlossfestspiele Sondershausen „Songs for a New World“ fand am Tag des offenbar ersehnten Hitzerekords statt. Das allein ist schon ein Lob wert, denn deutschlandweit wurden bereits Veranstaltungen abgesagt. Ich konnte aus familiären Gründen nicht dabei sein und wich auf die zweite Aufführung aus.

Während am Freitag die Temperaturen bis zum Mittag noch sommerlich angenehm waren und die Hitze sich erst am Nachmittag und Abend aufbaute, sah das am Sonnabend anders aus. Die psychologisch wichtige 30-°C-Grenze wurde bereits am Vormittag überschritten. Auf allen Kanälen wurde Panik verbreitet. Meine Wetter-App warnte vor Gefahr für Leben und Besitz. Ich fragte mich, ob die Vorstellung abgesetzt werden würde. Aber das kleine gallische Dorf Sondershausen hielt stand. Intendant Daniel Klajner und die anderen dafür Verantwortlichen verdienen einen Tapferkeitsorden.

Als ich im Lustgarten ankam, war schon eine große Menge fröhlicher Zuschauer versammelt. Die längste Schlange hatte sich am Eiswagen gebildet, aber auch der Stand mit den Getränken war dicht umlagert. Viele wedelten sich mit weißen Fächern Kühlung zu – die musste jemand verteilt haben. Mein Programmheft leistete aber auch gute Dienste. Die alten Linden taten ihr Bestes, die warme Luft zu aromatisieren.

Die Vorstellung begann eine knappe halbe Stunde später. Ich vermutete, dass die 30-°C-Marke erst unterschritten werden sollte. Das war um 20.30 Uhr aber immer noch nicht der Fall.

Als alle saßen, bot das Publikum ein seltenes Bild. Hunderte echte und provisorische Fächer wurden gewedelt, verbreiteten eine gewisse Unruhe und einen frischen Lufthauch.

Dann begann die Vorstellung. Schon der Titelsong des Ensembles „Die neue Welt“ riss die Zuschauer mit.

Das Musical von Jason Robert Brown ist ein Song-Zyklus ohne Handlung. In Amerika wird das „Off-Broadway-Musical“ genannt. Davon entstanden ab den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zahlreiche, die überwiegend auf kleinen Bühnen gespielt wurden.

Weil bei uns diese Tradition fehlt, hat Regisseur Ivan Alboresi, der damit seine Abschiedsvorstellung gibt, nach einem verbindenden Element gesucht.

„Sie sind durch ein gemeinsames Thema verbunden: Sie erzählen von dem Moment, in dem ein Mensch an einen Wendepunkt gelangt ist und sich plötzlich in einer „neuen Welt“ wiederfindet. Jede Figur erlebt einen Augenblick, in dem sich ihr Leben grundlegend verändert und sie eine Entscheidung treffen oder mit einer unerwarteten Situation umgehen muss.“

Die vier großartigen Sänger setzen das mit starken Stimmen, aber sehr unterschiedlich um. Das Ballett des Theaters Nordhausen spiegelt die Situationen in Tänzen wider. Das Zusammenspiel ist perfekt.

Das Bühnenbild (Wolfgang Kurima Rauschning) ist wie eine Baustelle gestaltet, die deutlich macht, „dass unser Leben wie ein Werk ist, das niemals wirklich vollendet wird“ (Alboresi).

Schon sehr bald wurden im Publikum immer mehr Fächer beiseitegelegt, weil sie die Konzentration auf das Bühnengeschehen behinderten.

Die Zuschauer vergessen die Hitze – ein besseres Kompliment kann es nicht geben.

PS: Die Sänger sind: Frau 1 Barbara Obermeier, Frau Rebecca Stahlhut, Mann 1 Tobias Bieri, Mann 2 Jörg Neubauer

Weitere Vorstellungen: 3., 5., 10., 12. und 18. Juli

Link zum Kartenverkauf: theater-nordhausen.de



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