Gent ist immer noch eine wunderbare Stadt. Im Mittelalter war sie zeitweise die zweitgrößte Stadt unseres Kontinents, bedeutend geworden durch Handel, stark gemacht durch den Glauben. Ein fester Glaube erzeugt selbstbewusste Bürger. In Gent zeugen davon drei Türme, die auf wenige hundert Metern in einer Reihe stehen: zwei Kirchtürme, ein Bürgerturm.

Ihr Anblick allein wirft unwillkürlich die Frage auf, wie es passieren konnte, dass Europas Größe und Schönheit vor aller Augen zerstört werden konnte und kann. Der Prozess begann spätestens vor dem Ersten Weltkrieg, den die europäischen Intellektuellen als „reinigendes Gewitter“ regelrecht herbeisehnten. Die treibende Ideologie war damals die Eugenik, die das Wunder des menschlichen Lebens in „lebenswert“ und nicht „lebenswert“ unterteilte und in der Praxis begann, den angeblich nicht lebenswerten Teil zu vernichten. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als die grauenhaften Folgen dieser Ideologie offensichtlich wurden, hielt die Welt einen Augenblick den Atem an. Dann änderten die Eugeniker kurzerhand ihre Biografien und machten als Antifaschisten weiter. Inzwischen predigen die Antifaschisten und andere Weltenretter das notwendige Aussterben der Menschheit als Lösung der Weltprobleme, allen voran der „Klimaschutz“. Parallel dazu wird Europa immer hässlicher. Der Kontinent, der aller Welt unermessliche Innovationen und atemberaubende Schönheit geschenkt hat, versinkt in Selbsthass und Selbstzerstörung.
In Belgien erlebte ich unerwartet, wie sich dieser traurige Wandel auch in Ausstellungen spiegelt.
In Gent besuchten wir im „Museum voor Schone Kunsten“ die Schau: „Unvergesslich – Weibliche Künstler von Antwerpen bis Amsterdam“.
Frauen spielten zwischen 1600 und 1750 eine wichtige Rolle im Leben Flanderns und der Niederlande. Gezeigt wird eine beeindruckende Zahl von Kunstwerken von über 40 Frauen, die zu
ihrer Zeit bekannt und erfolgreich waren und einen bis heute spürbaren Einfluss auf die visuelle Kultur der Region ausübten.
Zwei Jahre Recherche brachten die gesamte von Frauen geschaffene Bandbreite visueller Medien hervor: Gemälde, Drucke, Skulpturen, Textilien und Spitzen, bis hin zu Papierschnitten.
Einige Malerinnen sind bis heute berühmt: Maria Sybilla Merian, Judith Leyster, Clara Peeters oder Michaeline Wautier, andere, vor allem die Spitzenklöpplerinnen, blieben unbekannt, weil sie ihre Kunstwerke nicht signieren konnten.
Alle diese Frauen waren weder unterdrückt noch Opfer. Sie brauchten keine Quoten, die heute als unverzichtbar gelten, um Anerkennung für Frauen in der Gesellschaft zu erlangen. Diese Künstlerinnen zeichneten sich durch ihre Leistungen aus. Sie waren in nahezu allen künstlerischen Disziplinen und Produktionsbereichen erfolgreich. Auch in so seltenen Künsten wie
dem Papierschnitt. Der Ruf Johanna Koertens, der Meisterin in dieser Kunst, erreichte das ferne Petersburg, und Peter der Große bestellte ein Porträt bei ihr. (Foto des Porträts von Peter dem Großen).
Hier ein paar weitere Beispiele:
So hat Johanna Helena Herold ihre Bilder signiert: (Foto vom Gemälde und vom Ausschnitt mit der Signatur)
Hier ein Meisterwerk von Michaelina Wautier, in das ich mich besonders verliebt habe: „Zwei junge Mädchen als Heilige Agnes und Heilige Dorothea“.
Judith Leysters Selbstporträt als junge Frau, im mittleren Alter und eines ihrer bekanntesten Werke – „Der letzte Tropfen“.
Zum Schluss noch die Spitzenklöppelei einer Unbekannten:
Leider geht die Schau, die vorher in Washington gezeigt wurde, nur noch bis zum 31. Mai. Wer die Gelegenheit hat, Gent an den kommenden Wochenenden noch zu besuchen, dem sei ein Besuch dringend empfohlen.
Übrigens hat mir Gent auch wieder Hoffnung für Europa gegeben: Zwar sitzen die tätigkeitslosen Einwanderer auf den Uferterrassen der Gracht am alten Hafen, aber die Stadt hat eine Uni mit allen Fakultäten und 85 000 Studenten. Auf einem alten Industriegelände haben diese Studenten mehr als 300 Start-ups gegründet. Die innovativen Impulse Europas leben hier fort.
