Mehr Bebel wagen

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Nachdem wir tagtäglich Lars Klingbeil, Bärbel das und Saskia Esken ertragen müssen, wie sie die älteste Partei Deutschlands in Grund und Boden ruinieren tut es gut, daran zu erinnern, was Sozialdemokraten früher auszeichnete.

Von Tilmann Wiesner

Den Arbeiterparteien gehen die Arbeiter aus. Sie entfernen sich immer weiter von ihrem geschichtlichen Ursprung und verlieren als Klassenparteien gewissermaßen mit ihrer Klasse auch ihren Klassenstandpunkt. Zum einen, weil sie sich inhaltlich zu Tode gesiegt haben und ein sozialdemokratisches Zeitalter heraufbeschworen haben, in dem alle Wähler sozialdemokratisch wählen und alle Parteien sozialdemokratische Themen adressieren. Zum anderen, weil die Linke durch ihre Welterlösungssehnsüchte tendenziell außerhalb von Raum und Zeit denkt: u-topisch und a-historisch.

Demgegenüber wussten die Arbeiterparteien des 19. und 20. Jahrhunderts, dass die Bewusstseinsbildung der Parteiarbeit vorausgeht und nahmen neue Mitglieder erst nach einem Parteilehrgang oder einem Parteilehrjahr auf. Da Kenntnisse im 21. Jahrhundert zunehmend Lotterielosen gleichen, soll hier ein kurzes Privatissimum gegeben werden, das durch die Auditüre der dreibändigen Erinnerungen August Bebels “Aus meinem Leben” (öffentlich zugänglich unter http://www.zeno.org/ oder https://projekt-gutenberg.org/) inspiriert wurde. In zehn Punkten können angehende Genossen von dem Leipziger Drechslermeister entscheidende Lektionen lernen. Getreu dem Motto: Mehr Bebel wagen.

1.Schmalhans als bester Lehrmeister der Bescheidenheit. August Bebel kam 1840 als Kind eines preußischen Unteroffiziers und einer Wetzlarer Bäckerstochter in der Kasematte zu Köln-Deutz zur Welt. Die Eltern waren bitterarm, da “in der Militär- und Beamtenwelt Preußens Schmalhanz Küchenmeister war”, schreibt Bebel in seiner Autobiographie. Preußen habe sich groß gehungert; das steht im krassen Gegensatz zur bundesrepublikanischen Realität, wo eine schnell anwachsende Funktionärs- und Beamtenkaste das Land klein hungert. Bebel hatte noch nicht die Kantinenfigur des öffentlichen Dienstes, die heutigen Parteiführern zu eigen ist, sondern war als 13-Jähriger zu unterernährt für das Militärwaisenhaus, das der militärischen Dienstverpflichtung vorausgegangen wäre.

Für Essen, nicht für Taschengeld, jobbte Bebel als Kegeljunge. Er musste die schwindsüchtige Mutter unterstützen, die für Pfennige Handschuhe nähte. Auch später wurde im Berliner Börsenblatt als “eine zierliche Erscheinung” charakterisiert, “solide, sogar philiströs, am allerwenigsten kokett, hauptsächlich bescheiden”. Als Lehrling übernachtete er in der Werkstatt, als Abgeordneter ernährte er sich zunächst nicht aus selbst beschlossenen Diäten, sondern aus den Einkünften als selbständiger Drechslermeister und auch der spätere sozialdemokratische Parteiführer wohnte in Leipzig in einer kleinen Mietwohnung und nicht – wie heute für SPD-Spitzenpolitiker üblich – in Palästen der sozialen Gerechtigkeit.

  1. Soziale Gerechtigkeit als Herrschaftsinstrument. Im Hause Bebels hagelte es Schläge, wenn sich jemand unerlaubt dem Brotkorb näherte, wie er rückblickend schildert. Sie gestatteten ihm Grundeinsichten in die soziale Gerechtigkeit. Dazu eine Anekdote aus den Erinnerungen:

“Meine physische Leistungsfähigkeit wurde durch meine körperliche Schwäche beeinträchtigt. Ich war ein ungemein schwächlicher Junge, wozu wohl auch mangelhafte Ernährung beitrug. So bestand unser Abendessen viele Jahre lang täglich nur in einem mäßig großen Stück Brot, das mit Butter oder Obstmus dünn bestrichen war. Beschwerten wir uns, und wir klagten täglich, daß wir noch Hunger hätten, so gab die Mutter regelmäßig zur Antwort: »Man muß manchmal den Sack zumachen, auch wenn er noch nicht voll ist«. Der Knüppel lag eben beim Hunde. Unter sotanen Umständen war es erklärlich, daß wir uns heimlich ein Stück Brot abschnitten, wenn wir konnten. Aber das entdeckte meine Mutter sofort, und die Strafe blieb nicht aus. Eines Tages hatte ich wie der dieses Verbrechen begangen. Trotz aller Mühe, die ich mir gegeben hatte, den glatten Schnitt der Mutter nachzuahmen, wurde am Abend die Tat von ihr entdeckt. Ihr Verdacht fiel, ich weiß nicht warum, auf meinen Bruder, der sofort mit der breiten Seite eines langen Bürolineals, das aus der Väter Nachlaß stammte, ein paar Schläge erhielt. Mein Bruder protestierte, er sei nicht der Täter gewesen. Das sah aber meine Mütter als Lüge an, und so bekam er eine zweite Portion. Jetzt wollte ich mich als Täter melden, aber da fiel mir ein, daß das töricht wäre; mein Bruder hatte die Schläge weg, und ich hätte wahrscheinlich noch mehr als er bekommen. Damit tröstete ich auch meinen Bruder, als dieser nachher mir Vorwürfe machte, daß ich mich nicht als Täter gemeldet hatte. Es ist begreiflich, wenn jahrelang mein Ideal war, mich einmal an Butterbrot tüchtig sattessen zu können.”

  1. Studiert das Hand- und nicht das Mundwerk. Vater und Stiefvater – der Zwillingsbruder des Vaters – starben Bebel noch im Kindesalter weg, sodass die Mutter zurück zu ihrer Familie nach Wetzlar kehrte. Bebel besuchte dort die Armen- und Bürgerschule, war lernbegabt, aber zugleich auch ein “Lausbub”, wie man in Süddeutschland sagen würde. Mit 13 Jahren waren er und sein Bruder Vollwaisen, weil auch die aufopferungsvolle Mutter starb. So musste sich Bebel schon vor seiner Ausschulung zu Ostern bei einer Tante in der Hofwirtschaft verdingen, die eine Wassermühle gepachtet hatte.

Die SPD hatte seinerzeit noch kein BAföG-Höchstsatz von 992 Euro durchgesetzt, der im Jahr 2026 weit über der Azubimindestvergütung von 724 Euro liegt. Wer studieren wollte, konnte dies nicht aus dem Portemonnaie anderer finanzieren, sondern musste selbst für seinen Unterhalt aufkommen. Bebel neigte zum “Bergfach”, doch aus Geldmangel musste er sich mit einer Drechslerlehre begnügen. Die Arbeitszeit begann morgens 5 Uhr und währte bis abends 7 Uhr: “Aus der Drehbank ging es zum Essen und vom Essen in die Bank”, kommentiert Bebel lakonisch.

  1. Lesen bildet. Für einen Burnout moderner Ausprägung hatte der bildungsbeflissene Vielleser keine Zeit: “Ich warf mich nun mit um so größerem Eifer auf das Lesen von Büchern, die ich ohne Wahl las, natürlich meistenteils Romane. Ich hatte schon in der Schule meine Vorzugsstellung gegen Kameraden, denen ich beim Lösen der Aufgaben half oder ihnen das Abschreiben derselben erlaubte, dazu benutzt, sie zu veranlassen, mir zur Belohnung Bücher, die sie hatten, zu leihen. Dadurch kam ich zum Beispiel zum Lesen von Robinson Crusoe und Onkel Toms Hütte. Jetzt verwandte ich meine paar Pfennige, um Bücher aus der Leihbibliothek zu holen.

Einer meiner Lieblingsschriftsteller war Hackländer, dessen Soldatenleben im Frieden mit dazu beitrug, meine Begeisterung für das Militärwesen etwas zu dämpfen. Weiter las ich Walter Scott, die historischen Romane von Ferdinand Stolle, Luise Mühlbach usw. Aus der Väter Nachlaß hatten wir einige Geschichtsbücher gerettet. So ein Buch, das einen ganz vortrefflichen Abriß über die Geschichte Griechenlands und Roms enthielt. Den Verfasser habe ich vergessen. Ferner einige Bücher über preußische Geschichte, natürlich offiziell geeicht, deren Inhalt ich so im Kopfe hatte, daß ich alle Daten in bezug auf brandenburgisch-preußische Fürsten, berühmte Generale, Schlachttage usw. am Schnürchen hersagen konnte.”

  1. Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben: Bebel lernte in seiner Gesellenzeit mehr über den praktischen Arbeitskampf als ein Bachelorabsolvent der Politikwissenschaft in sechs Semestern. Als er sich 1860 nach zwei Wanderjahren in Leipzig bei einem Meister neben fünf Kollegen und einem Lehrling in Lohn stellte, verbesserte er die Arbeitsbedingungen mit einer Drechslerschläue, die jeden seminaristisch gebildeten Betriebsrat von heute alt aussehen lässt: “Die Schlafstelle war beim Meister; wir schliefen sieben Mann in einer geräumigen Bodenkammer. Ich fing sehr bald an, gegen die Kost zu rebellieren. In einigen Wochen hatte ich die Kollegen so weit, daß sie sich zu einer gemeinsamen Beschwerde bei dem Meister verstanden, wobei wir erklärten, gemeinsam die Arbeit einzustellen, falls unsere Beschwerde keinen Erfolg hätte. Wir drohten also mit Streik, noch ehe einer von uns dieses Wort gehört hatte. Die Form der Abwehr ergab sich eben aus der Sache selbst.

Der Meister war äußerst betreten, er erklärte, er verstehe die Klagen nicht, ihm schmecke das Essen ausgezeichnet. Das war natürlich. Er aß mit seiner Familie später als wir und bekam ein anderes Essen. Das wußte er nicht. Nach wiederholten Verhandlungen erreichten wir, daß wir gegen entsprechende Entschädigung von seiner Seite die Selbstbeköstigung durchsetzten, wobei er, wie er behauptete, finanziell noch profitierte. Er hatte seiner Frau mehr für unsere Verpflegung zahlen müssen, als wir forderten. Später erreichten wir durch hartnäckiges Liegenbleiben im Bett, daß der Beginn der Arbeitszeit von morgens 5 Uhr auf 6 Uhr hinausgeschoben wurde. Noch später setzten wir auch die Stückarbeit durch, auf die der Meister nicht eingehen wollte, weil er fürchtete, schlechte Arbeit geliefert zu bekommen, worin er sich täuschte, wie er sich nachher überzeugte. Schließlich erlangten wir auch das Wohnen außer dem Hause.”

  1. Seid (Selbst-)Ausbeuter und keine weinerlichen Ausbeutungsopfer: Bebel machte sich 1863 in Leipzig selbstständig und musste zuerst einmal 150 Taler dafür bezahlen, Sachse zu werden und das Gewerbe anzumelden. Politiker, die Staatsbürgerschaften an sprachlich und beruflich unqualifizierte Menschen verschenken, hätten Bebel vermutlich befremdet. Gewieft wie Bebel war, firmierte er zunächst unter befreundeten Namen, bevor er sich mithilfe eines Kredits 1866 als Sachse naturalisierte, auch um die Tochter eines Arbeiters an der Bahnlinie Leipzig-Magdeburg zu ehelichen.

Wie alle Unternehmer begann Bebel als Selbstausbeuter und arbeitete “wiederholt Tag und Nacht durch, das heißt sechsunddreißig Stunden hintereinander, um die bestellte Arbeit liefern zu können.” Dann jedoch stellte er einen Gehilfen ein, der einen Wochenlohn von 41/2 Talern erhielt. Stolz vermerkt Bebel in seinen Erinnerungen, dass dieser Lohn “um einen halben Taler höher als in jeder anderen Werkstatt” war, “auch währte bei mir die Arbeitszeit täglich zehn Stunden, anderwärts elf.”

Bebel machte Erfahrungen, die der späteren marxistischen Theorie des vom Unternehmer zu Unrecht angeeigneten Mehrwerts Hohn spotteten: “Im übrigen lernte ich das Elend des Kleinmeisters gründlich kennen. Die gelieferten Waren mußten auf längeren Kredit gegeben werden, Lohn für Gehilfe und Lehrling, Spesen und der eigene Lebensunterhalt erforderten aber täglich und wöchentlich Ausgaben. Woher das Geld nehmen? Ich lieferte also einem Kaufmann meine Ware gegen Barzahlung zu einem Preis, der nur wenig höher als die Selbstkosten war. Holte ich mir aber am Samstag mein Geld, so erhielt ich lauter schmutzige Papierscheine, von denen damals Leipzig durch seinen Verkehr mit den thüringischen Kleinstaaten überflutet wurde. Jeder dieser kleinen Staaten nutzte sein Münzrecht gründlich aus und überschwemmte mit Papiergeld den Markt. Aber dasselbe wurde allgemein gegeben und genommen und galt als Verkehrsgeld.” Aufmerksam reflektiert deutet sich hier auch schon das Elend des Zentralbankmonopols aus dem kommunistischen Manifest von 1848 an, das Bebel zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht kannte.

Bebel fertigte “Tür- und Fenstergriffe aus Büffelhorn”, die er außerhalb Leipzigs verkaufte. In Leipzig boykottierte man Bebel, ganz so wie heute SPD-Funktionäre Unternehmen boykottieren möchten, wenn sie für die aus ihrer Sicht falschen Parteien spenden. In den Gründerjahren wuchs das Geschäft des Arbeiterführers so auf, dass er selbst Teil des verhassten Fabriksystems wurde und als Teilhaber “eine kleine Fabrik mit Dampfbetrieb” bezog und die Tür- und Fenstergriffe nun aus Bronze fertigte. Aus dem Drechslermeister wurde bald ein Handlungsreisender in eigener Angelegenheit, die er mit der Parteiarbeit zu verknüpfen wusste. 1889 konnte ihn dann die Parteiarbeit und Schriftstellerei nähren und er stieg aus dem Türknauf-Business aus. Ein Ärgernis für ihn blieben die ständigen Haftaufenthalte durch den weltanschaulich verfeindeten monarchischen Staat.

  1. Organisiert euch. Meidet Kadaver-Gehorsam und umgebt euch mit Persönlichkeiten, die euch bilden. Bebel ging, nachdem neben dem Bruder auch sein Meister verstorben war, auf Wanderschaft. Dabei schloss er sich einem katholischen Gesellenverein und durchquerte vor allem Süddeutschland und Österreich. Der 20jährige bewies durchaus Patriotismus und wollte sogar für Preußen in den Krieg ziehen. “Als Preuße hatte man zu jener Zeit in Österreich einen schweren Stand. Daß Preußen zögerte, Österreich zu Hilfe zu kommen, sahen die Österreicher als Verrat an. Als guter Preuße, der ich damals noch war, suchte ich die preußische Politik zu verteidigen, kam aber damit übel an. Mehr als einmal mußte ich mich vom Wirtschaftstisch entfernen, wollte ich nicht eine Tracht Prügel einheimsen.”

Die katholische Organisation machte Eindruck auf Bebel. Er organisierte sich daher in einem gewerblichen Leipziger Bildungsverein. Noch mehr Eindruck machten Lassalle und Liebknecht. Ferdinand Lassalle war ein akademisch gebildeter Rhetoriker, der große Versammlungen zu belehren und zu begeistern wusste, aber sich auch privat exaltierte. Bebel kam über die Vermittlung von Lassalle an die Schriften von Karl Marx. Sein Verhältnis zur Theorie blieb ein pragmatisches, auch weil er als Handwerker und Vorsitzender des Leipziger Arbeiterbildungsvereins gar nicht zur theoretischen Durchdringung kam:

“Ich bin vielmehr, wie fast alle, die damals Sozialisten wurden, über Lassalle zu Marx gekommen. Lassalles Schriften waren in unseren Händen, noch ehe wir eine Schrift von Marx und Engels kannten. Wie ich von Lassalle beeinflußt worden war, zeigt noch deutlich meine erste Broschüre »Unsere Ziele«, die Ende 1869 erschien. Gegen Ende 1869 fand ich aber auch erst auskömmlich die Zeit und Ruhe, den im Spätsommer 1867 erschienenen ersten Band »Das Kapital« von Marx gründlich zu lesen, und zwar im Gefängnis. Fünf Jahre früher hatte ich versucht, die 1859 erschienene Schrift von Marx »Zur politischen Ökonomie« zu studieren, aber es blieb bei dem Versuch. Überarbeit und der Kampf um die Existenz gewährten mir nicht die nötige Muße, die schwere Schrift geistig zu verdauen. Das Kommunistische Manifest und die anderen Schriften von Marx und Engels wurden aber der Partei erst gegen Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre bekannt. Die erste Schrift, die mir von Marx in die Hände kam und die ich mit Genuß las, war seine Inauguraladresse für die Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation. Diese Schrift lernte ich 1865 kennen. Ende 1866 trat ich der Internationalen Arbeiterassoziation bei.”

Am meisten lernte er vom 14 Jahre älteren Wilhelm Liebknecht, der als Zeitungsredakteur für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein Ferdinand Lassalles agitierte. Bebel und Liebknecht, die sich auch privat wertschätzten, bildeten bald ein unzertrennliches Duo wie Bud Spencer und Terence Hill oder Ernie und Bert. Bebel-Liebknecht wurden wie Marx-Engels als personale Einheit der Arbeiterbewegung wahrgenommen – diese als Praktiker, jene als Theoretiker. Dabei waren die Gegensätze zwischen Bebel und Liebknecht nicht zu übersehen: Bebel war Handwerker, Autodidakt, konnte in seiner Kleinfamilie gut wirtschaften, sich organisieren und selbst finanzieren. Liebknecht, heißblütiger, ein akademisch gebildeter Mundwerker mit Großfamilie verdiente seinen Lebensunterhalt sauer als Redakteur und war vielmehr Arbeiter der Stirn als der Hand. Zusammen gründeten sie die Sächsische Volkspartei und zogen in den Norddeutschen Reichstag ein.

Marx und Engels blickten heimlich verachtend von ihrem Londoner Theoriegebirge auf die Zwerge in den Niederungen der deutschen Organisations- und Parteiarbeit herab. Bebel und Liebknecht wussten dies, wie die Briefwechsel dokumentieren. Sie konfrontierten Marx und Engels nicht nur regelmäßig mit den Realitäten des Kaiserreichs unter dem Sozialistengesetz, sondern nutzten die Theoretiker auch als Autoritätsargument gegen die verfeindeten Lassalleaner. So sollten Marx und Engels vor allem das eherne Lohngesetz Lassalles mit Beiträgen in der sozialistischen Presse (Der Volksstaat/Der Sozialdemokrat) demontieren. Leider war Marx’ Mehrwerttheorie zur Erklärung der kapitalistischen Ausbeutung des Lohnarbeiters ein viel zu sperrigeres, wenig massenkompatibles Theoriegestrüpp, in dem sich der Großdenker ja auch selbst verhedderte.

  1. Treibt Realpolitik. Der junge Bebel arbeitete sich an dem eine Generation älteren Otto von Bismarck ab wie ein Messerschleifer an einem Wetzstein. Seine Erinnerungen oszillieren zwischen abgrundtiefem Hass und stiller Verehrung. Die Klüfte zwischen ihnen könnten größer nicht sein; hier der Leipziger Drechsler als alltagskluger sozialistischer Oppositionsführer, dort der ostelbische Junker und Vater einer kriegerischen Reichseinigung von oben, der seine Schöpfung vor der kommunistischen Revolution zu schützen trachtete. Und dennoch gab es sie, die Berührungspunkte, etwa wenn Bebel die Annexion Elsass-Lothringen ablehnte, weil er wie Bismarck den künftigen Krieg zwischen der gedemütigten Großmacht Frankreich und dem übermütigen kleindeutschen Kaiserreich antizipieren konnte.
  2. Saul, warum verfolgt du mich? Bebel war kein Verfolger politischer Opposition wie seine politischen Nachkommen, sondern selbst ein Verfolgter. So konnte Bebel als Reichstagsabgeordneter nach der Gründung des Kaiserreichs keine Herberge finden, weil die Polizei Vermieter abriet, Mietverträge mit ihm zu schließen. Wohnungsdurchsuchungen, Inhaftierung von Genossen, Prozesse, Beschlagnahmungen von Redemanuskripten, Büchern und persönlichen Notizen waren an der Tagesordnung. “Das war ganz besonders die Zeit unter der Herrschaft des Sozialistengesetzes, während welcher ich jede Stunde Gefahr lief, einer Haus- und körperlichen Durchsuchung unterworfen zu werden”. Besonders litten Bebel und seine Genossen unter geheimpolizeilicher Observation, obwohl es noch gar keinen Reichsverfassungsschutz gab.

Schon lange vor dem “Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie” (1878) saßen Bebel und Liebknecht wegen “Vorbereitung zum Hochverrat” in Festungshaft. Wo Bebel wegen “Majestätsbeleidigung” angeklagt war, haben sich seine politischen Nachkommen im §188 StGB “Personen des politischen Lebens” längst selbst vor “Majestätsbeleidigungen” geschützt. Eifrige Staatsanwälte, die Satire nolens volens missverstehen oder harmlose Flugblätter (heute Internetmeme) verfolgen, fanden sich in der “Ära Tessendorf” allemal. Über den späteren Oberreichsanwalt Hermann Ernst Christian Tessendorf (1831-1895) richtet Bebel in seinen Erinnerungen:

“Tessendorf entsprach in vollem Maße den Erwartungen, die seine Vorgesetzten und speziell Bismarck auf ihn gesetzt hatten. Die Zahl der Verurteilungen, die in den nächsten Jahren in Berlin auf seinen Antrag durch die berüchtigte siebente Deputation vorkamen, ist Legion, und die Urteile wurden immer härter und grausamer. Aber mit der Verfolgung wuchs auch der Widerstand der Parteigenossen, und wenn Tessendorf und die Richter der siebenten Deputation am Ende ihres Lebens sich ehrlich Rechenschaft über ihr Tun und Treiben abgelegt haben, mußten sie sich sagen: wir arbeiteten ohne Erfolg; wir haben viele Existenzen vernichtet, viel Familienglück zerstört und manchen durch harte Verurteilung in ein frühzeitiges Grab gebracht, aber die Bewegung, die wir meistern wollten, meisterte uns. Wir sind die Unterlegenen. Die wir vernichten wollten, blieben Sieger.”

Das Vereins- und Versammlungsrecht handhabte die politische Administration des Kaiserreichs ähnlich flexibel gegen die Sozialdemokratie und ihre Presseorgane, wie die sozialdemokratische Bundesinnenministerin Nancy Faeser dies später gegenüber Jürgen Elsässers recht unbedeutendem Compact-Magazin versucht hat. Bismarcks Beamte waren bei der Umsetzung aber entschlossener. Statt Pressevertreter zu bestellen und Bademantelfotos von unliebsamen Chefredakteuren zu evozieren, verhängten sie den kleinen Belagerungszustand. Sie ließen sozialdemokratische Störer aus ihren Gemeinden ausweisen, um sie wirtschaftlich zu ruinieren. Dies traf, wie Bebel berichtet, vor allem Familienväter.

Die Parallelen mit dem besten Deutschland aller Zeiten sind in der Tat frappant: Das Königliche Bezirksgericht zu Leipzig verurteilte Bebel nicht nur wegen ‘Majestätsbeleidigung’ zu einer neunmonatigen Gefängnisstrafe, sondern erkannte ihm auch das passive Wahlrecht ab und damit das Reichstagsmandat. Doch die Leipziger Arbeiter ließen sich nicht beirren und wählten Bebel beim nächsten Mal wieder in den Reichstag. Dort diskriminierten die staatstragenden Parteien die Oppositionspartei durch Geschäftsordnungstricks. Bebel wurde nicht nur unrechtmäßig das Rederecht entzogen, sondern ganze Rednerlisten ausgeschlossen oder Debatten abgebrochen. Als Schlussantragssteller trat nach Bebels Bericht dabei der nationalliberale Rechtsanwalt Valentin aus Hildburghausen hervor, der auf ein Zeichen des Parlamentspräsidenten Forckenbeck das Ende der Debatte beantragte. Angeblich sollen diese Anträge sogar auf Vorrat vorgelegen haben.

  1. Totgesagte leben länger. Die Sozialdemokraten, die längst das Staatsoberhaupt stellen, ihre politischen Konkurrenten von rechts mit der Inbrunst des Ancien Régime verfolgen, alle anderen Parteien und insbesondere die Christdemokraten sozialdemokratisiert und den (Sozial-)Staat als monotheistischen Religionsersatz zelebrieren, sterben an der Urne. In einigen Bundesländern, wo es keine charismatischen Genossen gibt, erreichen sie nur noch einstellige Ergebnisse.

Doch es soll ihnen wie Bebel ergehen, der nach schwerer Krankheit einst von der Auslandspresse tot geglaubt wurde. Friedrich Engels schrieb ihm aus London, was man der alten Tante SPD vergönnen möge: “Nein, alter Bursche, so jung darf Du uns nicht abkratzen. Du bist zwanzig Jahre jünger als ich, und nachdem wir noch manchen lustigen Kampf zusammen ausgekämpft, bist Du verpflichtet, am Steuer zu bleiben, auch wenn ich meine letzte Grimasse geschnitten. Und da die Totgesagten am längsten leben, so bist du jetzt zu einem recht langen Leben verdonnert.” Die Bundesrepublik wäre nicht der erste Staat, den die SPD überlebt.

Der Autor ist Lehrkraft an einer brandenburgischen Schule. Er möchte dies gern bleiben und schreibt deshalb wie zu Bebels Zeiten unter Pseudonym.



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