Die Gesichter der Frauen Europas (2)

Veröffentlicht am Kategorien Allgemein, Kultur

In Gent hatte ich eine Ausstellung gesehen der Werke von Frauen der Barockzeit, die weder Opfer waren noch Quoten brauchten, um sehr erfolgreiche Künstlerinnen und Unternehmerinnen zu sein.

Brüssel, das sich heute als Herz Europas präsentiert, demonstriert dagegen, dass dieses Herz schwer krank ist. Wir kamen an einem wunderschönen, sonnigen Tag an, und unsere Schritte führten uns zum nahe dem Zentralbahnhof gelegenen Kunstberg. Zufällig passierten wir zur vollen Stunde das Glockenspiel, das die Europahymne spielt. „Freude, schöner Götterfunken“. Mir kamen fast die Tränen, weil mir bei den Klängen Beethovens und den dazu gedachten Worten Schillers in den Sinn kam, wie dieses großartige Projekt des Europas der Vaterländer in Grund und Boden ruiniert wurde. Heute haben wir es mit einem krakenhaften Bürokratiemonster EU zu tun, das Europa unaufhaltsam den Atem abdrückt. Jetzt droht es sogar mit Krieg.

Welcher Geist in Brüssel herrscht, konnte man gut in einer Ausstellung auf dem Kunstberg studieren. „Die verschiedenen Gesichter der Frauen“. Vorgestellt wurden Frauen aus Osteuropa, vor allem der Ukraine, Moldawien, Armenien und Georgien. Ich bin sicher, dass es in all diesen Ländern bewundernswerte Frauen gibt, die sich aus eigener Kraft einen Namen gemacht haben: Ingenieurinnen, Professorinnen, Künstlerinnen, Pilotinnen usw.

Die Ausstellungsmacher der EU zogen es vor, Frauen vor allem als Opfer zu zeigen, die sich nach erlittener Gewalt um andere Opfer kümmern. Natürlich ist das aller Ehren wert, aber es zeigt eben nicht die verschiedenen Gesichter von Frauen, sondern die Frau als Opfer. Entsprechend lasen sich die Texte.

Ich habe zwei Tafeln entdeckt, bei denen der Opferstatus etwas verdeckt war. Die eine zeigte eine Wrestlerin aus Moldawien, die den Kampf um des Kampfes willen erlernt hat und ihrer Heimat als Soldatin dient.

Die andere ist eine Scharfschützin und Frontkämpferin aus der Ukraine, die sich mit 46 Jahren noch ihren Wunsch nach Mutterschaft erfüllt hat und sich um einen Otter kümmert, den sie als Jungtier an der Front gefunden und mit der Flasche aufgezogen hat. Im begleitenden Text wurde sie als Vorbild vorgestellt. Wieso ausgerechnet Scharfschützinnen, die Menschen professionell aus der Entfernung töten, ein Vorbild für europäische Frauen sein sollen, ließ mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Zudem wurde diese Frau mit den Worten zitiert, sie sei 12 Jahre im Krieg gegen den russischen Aggressor gewesen und wolle nicht, dass ihrem Sohn Ähnliches passiert. Zwölf Jahre? In den acht Jahren vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine war Krieg gegen die russische Bevölkerung des Donbass, bei dem Europa weggeschaut hat.

Jetzt sollen wir uns an den Krieg gewöhnen.



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