Der Westen und seine Kreuzfahrer (2)

Veröffentlicht am Kategorien Allgemein

So ein Kreuzfahrtschiff ist riesig. Unseres ist über 300 Meter lang und hat 17 Stockwerke für Unterbringung und Entertainment der Gäste. Wo die Besatzung, abgesehen von dem Kapitän und seiner Crew, untergebracht ist, wird nicht thematisiert. Man sieht sie aber ununterbrochen im Einsatz, von morgens bis spät. Sie haben zu tun, damit alles wegzuräumen, was die Kreuzfahrer liegen lassen. Um die bei Laune zu halten, ist tagsüber fast alles umsonst. Entsprechend wird abgeräumt, geschätzt die dreifache Menge dessen, was tatsächlich konsumiert wird. Auch Alkohol ist frei verfügbar bis 19.00 Uhr. Danach muss er bezahlt werden, was nach meinen Beobachtungen den Konsum nicht wesentlich senkt.

Das sogenannte Sonnendeck ist so überfüllt, dass man sich kaum den Weg zwischen den Laibern bahnen kann. Nur die Suiten-Gäste haben extra Restaurants, Lounges und ein eigenes Sonnendeck mit Bar. Auch hier ist immer Betrieb, aber es herrscht keine so drangvolle Enge.

Wir verlassen Las Palmas am Abend und nach einem „Seetag“ in der Wasserwüste des Atlantiks erreichen wir am Morgen des nächsten Tages Funchal, die Hauptstadt der Insel Madeira. Schon vom Kabinenfenster aus sehe ich, wie stark sich die Stadt in den 25 Jahren, seit ich hier war, verändert hat. Das Hotel, in dem ich damals wohnte und vom Balkon aus die viel kleineren Kreuzfahrtschiffe beobachten konnte, ist kräftig aufgemotzt worden und hat etliche Geschwister bekommen, die nun die Küstenlinie prägen. Am Hafeneingang hat ein weltberühmter Fußballer sein Haus, direkt an der wohl meistbefahrenen Straße der Insel. Die Wahl des Standortes für das Millionenobjekt überrascht mich, aber die Geschmäcker sind zum Glück verschieden.

Am Vormittag gehe ich in die Stadt. Ich passiere eine endlose Reihe von Taxis und ein paar Rikschas, die Stadtfahrten anbieten. Alle kosten um die 100 Euro. Bei der Menge können sie froh sein, wenn sie eine Fahrt pro Tag bekommen. Die Uferstraße ist durch eine schön bepflanzte Promenade ergänzt worden. In hübschen Buden wird Eis, Kaffee und Fastfood angeboten.

Funchal ist im Zentrum wunderschön restauriert, hat aber seine Seele verloren. Ich überquere die Straße und betrete die Altstadt dort, wo sich das Parlament der Insel befindet. Es ist im alten Zollhaus der Insel untergebracht, das neben der angrenzenden Kapelle St. Antonio eines der ältesten Gebäude Funchals ist. Man kann noch Reste der alten Befestigungsmauern erkennen, die 1644 zum Schutz des stark frequentierten Handelsplatzes errichtet wurden.
Leider darf man das Hohe Haus nicht betreten. In der Zeit, die ich dort verweile, sehe ich etliche Mitarbeiter und Parlamentarier aus dem Tor kommen. Es hat sich inzwischen eine Schicht Politiker in Europa herausgebildet, die an ihrer Einförmigkeit leicht zu erkennen ist. Einen indigenen Madeirer habe ich darunter nicht gesehen. Es waren alles Portugiesen.

Der Eindruck verstärkt sich, als ich durch die Stadt schlendere. Die Indigenen, die das Stadtbild noch vor 25 Jahren prägten, sind nicht mehr zu sehen. Die Straßen werden von der internationalen Touri-Menge bevölkert. Der einzigen Ausnahme begegne ich, als ich den Turm der Kathedrale besteige. Der Türsteher ist ein Einheimischer. Wir kommen kurz ins Gespräch. Ich erzähle ihm, dass ich schon hier war und Funchal sehr verändert gefunden habe. „Zu sehr verändert“, war sein Kommentar.
Wie sehr wurde mir dann in der einst berühmten Markthalle vorgeführt. Wo damals noch Einheimische ihre Waren: Blumen, Pflanzen, Fische, Stickereien angeboten haben, herrscht jetzt ein touristisches Kunstprodukt. Junge Portugiesinnen in Trachten bewachen die Stände, die mit Obst, Madeira, portugiesischer Schokolade und Souvenirs beladen sind. Besonders die Obststände sehen sehr attraktiv aus. Die Touristen sind mit Selfie-Machen beschäftigt und genießen auch die angebotenen Kostproben, aber kaufen kaum etwas. Ich erwerbe zwei madeirische Bananen, um meinen Enkeln den Unterschied zu zeigen. Hier kostet das Kilo 8 Euro. Später sehe ich, dass in einem unscheinbaren Gemüseladen gegenüber der Markthalle die indigenen Bananen für 1 Euro angeboten werden. Also versuchen die Händler in der Halle mit Phantasiepreisen doch noch auf ihren Gewinn zu kommen.

Wo vor 25 Jahren noch Natur war, ist jetzt alles zugebaut. Ich komme auf meinem Weg aber doch noch durch Straßen, in denen Madeirer wohnen. Hier sieht es, was den Zustand der Gebäude betrifft, aus, wie in der DDR Ende der 80er Jahre. Die Bevölkerung ist arm geblieben. Die Zugereisten sind reich geworden.

Am Nachmittag machte ich eine vom Schiff angebotene Wanderung entlang der Levadas, dem künstlichen Bewässerungssystem Madeiras, mit. Angeführt wurden wir von einer Polin, die mit einem Deutschen verheiratet ist, aber Madeira als zweite Heimat erkoren hat.
Auf der Wanderung haben wir noch einen Überrest der traditionellen Lebensweise der Insel erlebt. Es gibt sie noch, die Häuser, die am Abhang, weit weg von der Straße stehen und nur zu Fuß erreicht werden können. Die Hänge werden zum Teil heute noch bewirtschaftet, obwohl sie schwindelerregend steil sind. Das günstige Klima der Blumeninsel erlaubt mehrere Ernten im Jahr. Auf dem Weg entdeckte ich einen kleinen Stand mit Früchten, Papiertüten und einer Blechbüchse für die Bezahlung. Der Stand war halb abgeräumt, aber in der Büchse befanden sich nur 60 Cent. Die Ärmsten der Armen profitieren nicht vom Tourismus.



Unabhängiger Journalismus ist zeitaufwendig

Dieser Blog ist ein Ein-Frau-Unternehmen. Wenn Sie meine Arbeit unterstützen wollen, nutzen Sie dazu meine Kontoverbindung oder PayPal:
Vera Lengsfeld
IBAN: DE55 3101 0833 3114 0722 20
Bic: SCFBDE33XXX

oder per PayPal:
Vera Lengsfeld unterstützen