Sie kommen!

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Der Schweizer Autor Volker Mohr, dessen Bücher ich auf diesen Blog regelmäßig besprochen habe, hat wieder einen Band mit Novellen vorgelegt. Das Buch verließ am 9. November das Druckhaus. Auf seinem Blog reflektiert Mohr dieses Datum: 1848 Scheitern der Märzrevolution, 1918 die Ausrufung der Republik (eigentlich zweier Republiken, einer bürgerlichen und einer sozialistischen), 1923 das Scheitern Hitlers, die Macht zu ergreifen, 1938 die Reichsprogromnacht, 1989 der Mauerfall.

„Auch heute ist es wieder so weit. Die Freiheit steht auf dem Spiel“. Erneut überrascht, wie scharfsichtig Mohr die gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen beschreibt, ohne sie direkt beim Namen zu nennen. Seine Sprache ist leise, zurückhaltend. Das macht seine Erzählungen um so wirkungsvoller. Sie gehen buchstäblich unter die Haut.

In der Titelgeschichte geht die Nachricht um: „Sie kommen!“ Wer wann wie kommt, bleibt im Dunklen, was das Kommen für Folgen hat, ebenfalls. Aber der gesellschaftliche Druck, sich zu beugen, ist enorm. Alle, die sich dem Kommenden in vorauseilenden Gehorsam anbiedern wollen, tragen blau-gelbe Klamotten, die ganz Vorsichtigen auch nachts. Jugendliche warnen vor dem Kommenden und begehen spektakulär Selbstmord, um „ein Zeichen zu setzen“. Sie werden als „Helden“ gefeiert, aber es bleibt bis zum Schluss unklar, was in Zukunft geschehen wird.

In der Geschichte „Das Rathaus“ geht Buchmann morgens aus dem Haus. Es herrscht ein merkwürdiges schwefelgelbes Licht.

Als er auf den Hauptplatz der Stadt kommt, sieht er anstelle des preisgekrönten modernen Rathauses eine abweisende alte Villa. Wirklichkeit oder Einbildung? Keiner der Passanten, die Weiß befragt, sieht, was er sieht. Dann bemerktt Buchmann, wie ein Mann offen von einem anderen beschattet wird. Aber als er ihn darauf anspricht, bestreitet der Mann, den Beschatter zu sehen, obwohl der genau hinter ihm steht. Buchmann beschließt, sich nicht mehr um Rathaus und Beschatter zu kümmern. Aber er macht die Erfahrung, dass es auf die Dauer unmöglich ist, mit dem Strom zu schwimmen, wenn man dagegen gepolt ist. Er kann nicht Smalltalk machen, wenn es um die wichtigen Dinge geht. Er sieht, dass die Verfolger ebenfalls verfolgt werden, dass es eine endlose Kette von Verfolgern gibt, deren Anfang und Ende nicht auszumachen ist. Er muss den Dingen auf den Grund gehen. Er betritt die alte Villa, die anstelle des Rathauses steht und an der die Passanten die Schritte beschleunigen, wenn sie vorübergehen. Er bemerkt beim Eintreten, dass neben dem Portal zwei Fahnenmasten stehen, an denen rote Fahnen wehen, in deren Mitte er einen weißen Kreis mit einem schwarzen Symbol ausmacht. Das Vestibül ist leer, bis auf zwei Männer in hellbraunen Uniformen, mit einer roten Armbinde. Sie kommen Buchmann so nahe, dass er sie sagen hört, dass die Operation Neustart begonnen hätte. Diesmal die Dauerlösung fragt der eine. Ja. Und wer ist betroffen? Selbstverständlich alle. Nicht nur Buchmann wurde da schwarz vor Augen. Mir auch. Als B. die Villa verließ, herrschte wieder dieses schwefelgelbe Licht.

In „Der Vortrag“ muss Roland Weiß den Saal verlassen, weil ihn seine Blase drückt. Er bemüht sich, als er sich durch die Reihen zwängt, die erstaunten Blicke zu ignorieren. Hinter der Saaltür atmet er auf. Der Raum, in dem sich die Toiletten befinden, ist von dämmrigem Licht und meditativer Musik erfüllt. Weiß erstaunt seine Größe. Sie entspricht mindestens der des Vortragsaals, den er eben verlassen hat, nur dass es hier zahllose Türen gibt. In einer Ecke gewahrt er eine Frau an einem Tischchen, auf dem ein Münzteller steht. Sie erinnerte Weiß an eine Unke und was sie sagte, klang nach einem Unkenruf: „Sezen Sie sich vor, nicht jeder kommt zurück.“ Weiß versucht sie zu ignorieren und eine Tür zu öffnen, hinter der er eine Toilette vermutet. Eine Sirene erklang. Ein Rauchmelder? Weder er noch die Frau rauchten. Eine Stimme ertönte: „Weder noch“. Erschrocken ging Weiß zur nächsten Tür. Die Stimme meldete sich wieder: „Weitere“. Weiß konnte den Schmerz, den seine volle Blase verursachte, kaum noch ertragen. Aber er hatte Angst bekommen, dass es sich um eine Kunstinstallation handelte – und wer wollte schon beim Verrichten der Notdurft gefilmt werden. Weiß gewahrte einen Gang, der um die Ecke führte. Weitere Türen. Als er sich einer näherte forderte die Stimme „Inter“. Der quälende Schmerz endete, als Weiß seine Hose öffnete und in den Gang pinkelte. Da wiederholte die Stimme mehrmals: Mann, Mann, Mann. Danach nur noch Stille.

In der Geschichte „Das Grabungsfeld wird Norbert Franzen mit der Frage konfrontiert, ob man aus den Bruchstücken der Vergangenheit auf das Ganze schließen kann. Nein, denn das Ganze ist etwas anderes als seine Teile. Was heute staatliches Eigentum ist, was aus der Erde gegraben wurde, gehörte früher Anderen, die Grabungen als Grabschändung betrachten. Die Tatsachen werden verdreht. Was Wahrheit war, wird nicht mehr anerkannt.

Gemeinsam ist den neun Geschichten, dass sich alle um das heutige Zeitgeschehen drehen. „Die Ungereimtheiten und Repressionen des Alltags“, heißt es in der Buchankündigung, „werden dabei subtil durchleuchtet und von den Protagonisten, die unfreiwillig in das jeweilige Geschehen miteinbezogen werden, allmählich ihrem Wesen nach erfasst“. Es geschehen unglaubliche Dinge, die aber von den unsichtbaren Mächten legitimiert zu sein scheinen. Abwegiges wird zu einer neuen Norm. Die Menschen werden eingeengt, die Freiheit verschwindet. Aber, so schreibt Mohr auf seinem Blog: „Es formiert sich Widerstand: Seelisch, Geistig, Real. „Sie kommen!“

Volker Mohr; Sie kommen! Loco Verlag 2023



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