Die gute römische Küche

Veröffentlicht am

Jeder weiß, dass man in Italien gut isst und trinkt. Aber auch als Tourist? In Rom sind die Bars, Cafés und Restaurants brechend voll. Es sieht anheimelnd aus, wenn man in eine Gasse schaut, durch die sich Tische wie ein Band den Straßenrand entlang reihen, besonders abends bei Kerzenschein. Aber ist immer gut, was da serviert wird?

Wir sind gleich am ersten Abend in eine Touristenfalle geraten. Wir waren kurz vor 22 Uhr im Hotel angekommen und wollten noch etwas essen. Der Mann an der Rezeption empfahl uns „Il Grotto“ ein paar Meter weiter. Die Lokalität sah ansprechend aus. In einen ehemaligen Stall oder einer Werkstatt gebaut, geben die Balken dem Ganzen ein rustikales Gepräge. Ich will aber nicht mit unseren schlechten Erfahrungen langweilen, sondern erzählen, wie wir in den nächsten Tagen dazu kamen, Spitzenlokalitäten zu genießen.

HG, unser Kenner las das Rom-Buch von Hans-Josef Ortheil (https://www.suhrkamp.de/buch/hanns-josef-ortheil-rom-t-9783458357605), der insgesamt 6 Jahre hier gelebt und seinem Buch den Untertitel „Eine Ekstase“ gegeben hat. Er beschreibt die römischen »Oasen der Sinne«, Gärten, kleine Kreuzgänge, Palazzi und versteckte Aussichtsterrassen. Mehr noch: Ortheil nimmt uns mit in seine Lieblingsrestaurants, in Bars und Osterien. Das Buch erschien schon 2008, also überprüfte HG erst einmal im Internet, welche Lokalität noch existiert. Und danach erstellte er nach Ortheils Beschreibungen eine Hitliste.

Als Erstes besuchten wir „Checco er Carretiere“, ein Traditionslokal im lebhaften Trastervere (Via benedicta 10.Anders als hunderte andere dortige Lokalitäten öffnet es erst um 19.00 Uhr. Eine Reservierung ist mehr als ratsam, denn der Gastraum füllte sich im Handumdrehen. Checco bietet römische Küche zu moderaten Preisen, sehr gute Weine und hervorragende Artischocken auf jüdische Art. Unbedingt probieren sollte man die Innereien in Aspik, auch wenn die Deutschen sich abgewöhnt haben, so etwas zu essen. Die Römer lieben das mit Recht!

Unser zweites Ziel war die „Checcorino dal 1887“ (Via di Monte Testaccio 30).

Wie schon im Namen verraten, wurde das Lokal 1887 gegenüber dem ehemaligen Römischen Schlachthof als Kantine für die Schlachthofarbeiter gegründet. Die Spezialität des Hauses stammt noch aus dieser Zeit: Ein Teller mit Innereien mit einer köstlichen Weinsoße. Die fleischlichen Antipasti stammen aus einer befreundeten Metzgerei, das Gemüse kommt von einem Händler, der speziell für ausgesuchte Restaurants liefert. Ein Highlight ist der römische Apfelkuchen.

Wenn man sich kundig gemacht hat und fragt, wird man in den Keller geführt. Das Haus liegt am Warenumschlagplatz des antiken Roms. Hier kamen die Amphoren mit Öl und Wein an. Wenn ihr Inhalt verkauft war, lohnte es sich nicht, die Gefäße zurückzunehmen. Sie wurden zerschlagen und kunstvoll zu einem Hügel, dem Testaccio, aufgeschichtet, der über 40 Meter hoch wurde. In diesen Hügel wurde der Keller des Restaurants gebaut. Man steht zwischen Wänden aus Amphorenscherben. Durch die Lücken zwischen den Scherben kommt ein stetiger Luftzug. Die Temperatur bleibt sommers wie winters gleich bei 16° Celsius – ideal für die Weinlagerung. Natürlich ist der Rebensaft, der hier gelagert wird, von bester Qualität.

Unser drittes Ziel, das „Otello“ ist so alt, dass schon Goethe, der in der Nähe auf dem Corso wohnte, hier gespeist haben soll. (Via Mario de Fiori 40)

Den über 300 Jahre alte Blauregen, der heute ein schützendes Dach über den Innenhof bildet, muss Goethe also gekannt haben. In der Restaurantgeschichte, die auf der Rückseite der Speisekarte abgedruckt ist, wird unser größter Dichter allerdings nicht erwähnt. Dafür legt sich das Unternehmen selbst höchste Maßstäbe an, was die Zubereitung seiner Speisen betrifft. Ich war sehr zufrieden mit meiner Steinpilzpasta, auch die mit Frischkäse gefüllten frittierten Zucchini ließen nichts zu wünschen übrig. Der Wein war gut, aber nicht unbedingt spitze. Leider haben die Kellner vom Servieren keine Ahnung. Der Höhepunkt war, dass HG seine drei bestellten Gänge gleichzeitig gebracht wurden. Wie man auf eine solche Idee kommen kann, bleibt ein Rätsel. Ich kann die Lokalität nur eingeschränkt empfehlen. Wenn, sollte man höchstens ein Gericht bestellen.

Mein persönlicher Favorit ist „Buccone“, das den besten Weißwein serviert, den ich je getrunken habe. Die Enoteca in der Via di Ripetta 19/20 ist ein Familienunternehmen, das kleine, köstliche Gerichte zum Wein serviert. Das Kalbfleisch für unser Vitello tonnato kam, wie uns versichert wurde, aus der ältesten Fleischerei Roms. Es zerging auf der Zunge, begleitet von dem Schmelz der Thunfischtunke mit Kapern. Die Bedienung war sehr freundlich, das Publikum bestand aus alten, gut angezogenen italienischen Männern, die erstaunlicherweise Bier tranken und erst kurz vor dem Gehen zum Wein wechselten.

Den letzten Abend verbringen wir im „La Carbonara dal 1912“ auf dem Campo de Fiori 23. Abends sind die Marktstände auf dem Platz abgeräumt, als Letzte gehen die Blumenhändler kurz vor 19.00 Uhr. Danach hat der Platz wieder sein ursprüngliches Flair. Zwar wird das Denkmal von Giordano Bruno immer noch als Sitzgelegenheit benutzt, aber man kann sehen, dass es auch mit Blumen geschmückt ist, die dem Märtyrer der Wissenschaft zu ehren abgelegt wurden.

Anders als im „Otello“ ist unser Kellner bestens ausgebildet und berät uns gut. Der leichte Rotwein, den ich gewählt habe, wird umstandslos gegen eine kräftigeren ausgetauscht. Es gibt auch hier Artischocken auf jüdische Art, die aber noch von den gefüllten Zucchiniblüten übertroffen werden. Es folgt ein wunderbares Risotto mit Meeresfrüchten. Meine mitreisenden versichern, dass die Dolce den Hauptgerichten an Qualität nicht nachstehen. Während es langsam dunkel wird, füllt sich der Platz mit Menschen, die den Abend in Gemeinschaft mit Gesprächen genießen wollen. Eine römische Sitte, die schon Goethe beschreibt.

Nach dem Essen laufen wir zum letzten Mal durch das nächtliche Rom – über die Piazza Navona, am Pantheon vorbei und am Parlament, wo es menschenleer ist. Ist noch ein Wunsch offen? Ja, natürlich muss man in Rom Eis, besser noch Sorbet, essen. Die Römer verzehren zwischen mehreren Gängen eine Kugel Sorbet. Das hilft der Verdauung. Es hilft aber auch, wenn man das Sorbet nach einem Restaurantbesuch genießt. Zum Glück gibt es eine sehr gute Gelateria unserm Hotel gegenüber. Aber in Rom findet man diese Läden an allen Ecken, so dass keine Gefahr besteht, ein Eis zu verpassen. Das ist wichtig bei Temperaturen von über 30°, wie sie hier seit unserer Ankunft  .

Dolce vita!



Unabhängiger Journalismus ist zeitaufwendig

Dieser Blog ist ein Ein-Frau-Unternehmen. Wenn Sie meine Arbeit unterstützen wollen, haben Sie die Möglichkeit, mich mit einem Geldbetrag Ihrer Wahl zu unterstützen, so dass ich eine Recherchehilfe beschäftigen kann.
Bitte nutzen Sie dazu folgende Kontoverbindung:
Vera Lengsfeld
IBAN: DE55 3101 0833 3114 0722 20
Bic: SCFBDE33XXX

oder per PayPal:
Vera Lengsfeld unterstützen