Über Rom ist schon alles gesagt…

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Aber noch nicht von jedem. Halten wir uns an Goethe, der seinem Sekretär Eckermann diktierte:

„Ich kann sagen, dass ich nur in Rom empfunden habe, was eigentlich ein Mensch sei. Zu dieser Höhe und zu diesem Glück der Empfindung bin ich später nie wieder gekommen, ich bin, mit meinem Zustand in Rom verglichen, eigentlich nie wieder froh geworden.“ Da war er erst 40 Jahre, hatte also die Hälfte seines Lebens noch vor sich.

Heute ist viel von dem Zauber, den Rom ausstrahlt, unter den Touristenmassen begraben. Die Stadt wird zum Selfie-Hintergrund.

Wir starten unseren zweiten Tag auf dem Kapitol. Eine Stadt ist reich, wenn sie einen schönen Platz besitzt, der nicht von Autos entstellt wird. Rom hat mehrere, der schönste ist die Piazza del Campidoglio des Kapitolinischen Hügels. Hier hat kein Geringerer als Michelangelo die Hand angelegt. Schon im Altertum war der kleinste Hügel Roms das geistlich-politische Zentrum. Auf seinen beiden Kuppen standen die beiden wichtigsten Tempel, der des Jupiter und der der Juno.

Wer heute die von Michelangelo konzipierte Treppe heraufsteigt, bekommt nicht nur einen Eindruck von der Würde, die sich Rom stets zu bewahren wusste. Man spürt förmlich das Erhebende beim Aufwärtsgehen. Der Platz selbst, auch von Michelangelo entworfen, wird von drei Gebäuden beherrscht, die nicht rechtwinklig zueinanderstehen, sondern ein Trapez bilden. Die gefühlte Mitte des Platzes wird heute von einer Replik des Reiterstandbildes von Marc Aurel beherrscht. Das Original entging der päpstlichen Säuberung, weil man Aurel für Kaiser Konstantin hielt, der das Christentum in Rom zur Staatsreligion erhob.

Die Gebäude lassen Zugänge zum Forum Romanum offen. Auf das antike Herz Roms werfen wir nur einen Blick von oben. Die brüllende Hitze lässt uns vor einer Erkundung der Ausgrabungen absehen. Wir wenden uns stattdessen dem Kapitolinischen Museum zu. Die älteste europäische öffentliche Kunstsammlung wurde 1471 von Papst Sixtus IV gegründet und von späteren Päpsten immer wieder ergänzt. Hier sieht man alles, was die europäische Kultur geprägt hat: die Kapitolinische Wölfin, den Jungen mit dem Dorn im Fuß, die Gänse, die durch ihr Geschnatter Rom vor dem Angriff der Gallier warnten, die Köpfe der antiken Philosophen und Herrscher, die Kapitolinische Venus, der Kapitolinische Brutus. Es sind aber auch Modelle des Kapitols der Stein- und Bronzezeit und jüngste Ausgrabungen zu sehen.

Nach zwei Stunden brauchen wir eine Pause, die wir auf dem Dachterrassencafé mit grandiosem Blick über Rom verbringen. Hier sehen wir auch die Kuppel des Petersdomes, die Herrscherin über die Stadtsilhouette.

Danach sind wir gestärkt für die Pinakothek. Auch hier ist der freche Caravaggio vertreten, mit einem Bild des Täufers mit einem so hingebungsvollen Ziegenkopf, dass man unwillkürlich an Sodomie denkt. Daneben die „Wahrsagerin“, ein Gemälde, das durch seine revolutionäre Farbigkeit besticht. Das Licht überströmt die Figuren, die Wahrsagerin und den jungen adeligen von rechts oben und verleiht den Personen eine Plastizität, die sie lebendig erscheinen lässt. Caravaggio wäre nicht er, wenn er nicht abgebildet hätte, wie geschickt die Wahrsagerin dem adligen seinen Ring vom Finger zieht. Eine Warnung vor der Naivität derer, die das wirkliche Leben nicht kennen.

Aber am meisten hat mich der Heilige Sebastian eines unbekannten Veronesen beeindruckt, dessen ekstatische Körperhaltung unwillkürlich denken lässt, dass der Märtyrer seine Tortour zu genießen scheint. Es ist schon erstaunlich, was die Päpste so zusammengetragen haben.

Auf dem Rückweg ins Hotel, wo wir eine Pause einlegen, um uns für den Abend zu stärken, kommen wir an einem Platz vorbei, an dessen Rand ein kleiner gläserner Pavillon steht, in dem ein zusammengedrücktes Auto zu sehen ist. In diesem Wagen saß der Untersuchungsrichter Giovanni Falcone, der sich in seiner Arbeit nicht von der Mafia einschüchtern lies und deshalb von ihr in die Luft gesprengt wurde. Italien ist nicht nur das Land der Kunst und Kultur, sondern auch eins, das einige der schlimmsten Extremisten hervorgebracht hat.

Am Abend nehmen wir ein Taxi nach Trastervere, den ehemaligen Arbeiterbezirk von Rom. Heute ist es das Ausgehviertel der Hauptstadt. Rund um Santa Maria von Trastervere, deren Mosaiken wir selbstverständlich bewundern gehen, steppt der Bär. Restaurant an Kneipe, an Bar. Dazwischen kleine Läden und Verkaufstische, durch die sich eine Menge schiebt, die teilweise so dicht ist, dass man kaum durchkommt.

Zwischendurch brauche ich Luft und wir setzen unseren Weg am Tiber fort, der wegen seiner häufigen Überschwemmungen, mit denen er die Stadt heimsuchte, förmlich eingemauert wurde. Auf der anderen Straßenseite gewahren wir einen hässlichen Nullerjahre-Komplex, der von bewaffneten bewacht wird. Eine Universität, die wie ein Tumor im Stadtbild wirkt.

Kurz darauf kommen wir auf einen Platz, auf dem ein junger Mann auf einer Kollektion von Blech-und Plasteeimern Schlagzeug spielt, so gut, dass jeder unwillkürlich stehen bleibt, um das Schauspiel zu bewundern und den erstaunlichen Tönen zu lauschen, die er dem Gerümpel entlockt. Als er seine Performance beendet, wird er nicht nur mit stürmischem Beifall, sondern auch mit viel Zuwendung bedacht. Er verbeugt sich wie ein Maestro auf den Bühnen der Welt.

Über das Restaurant und wie HG es gefunden hat, berichte ich morgen. Das ist eine Geschichte für sich.

Nach dem wunderbaren Essen, habe ich keine Lust, wieder in ein Taxi zu steigen und überrede meine Reisegefährten zu einem Spaziergang zum Hotel. Rom wird nicht sehr hell erleuchte, so wird man daran erinnert, wie es ausgesehen haben muss, als es noch Fackeln, später Öl- oder Gaslampen waren, die den Heimkehrenden den Weg wiesen.

Auf der Piazza Navona, dem eigentlichen Volksplatz Roms, gibt es zwar keine Feuerschlucker mehr, aber die Maler bieten nach wie vor an, die Besucher zu porträtieren, fliegende Händler versuchen, ihre Spielzeuge an Erwachsene  und Kinder zu bringen. Rund um die Brunnen sitzen die Verliebten und solche, die es gerne werden wollen. Die Tische der Kneipen und Restaurants sind voll besetzt.

Rom bei Nacht ist ursprünglicher als bei Tag. Man kann es Goethe nachfühlen, dass er sein Herz und angeblich auch seine Jungfräulichkeit in dieser Stadt verlor.



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