Putins Krieg in der Ukraine – Wahnsinn oder Methode?

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Von Gastautor Josef Hueber

Günter Gaus im Gespräch mit Franz Josef Strauß, dem unvergessenen,  geliebten und gehassten Bundespolitiker, gescheiteter Bundeskanzler-Kandidat und Ministerpräsident von Bayern. Ein Versuch, sich dem Ukraine-Krieg aus historischer Perspektive rational zu nähern.

Rationalität versus Emotionalität

„Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich“, formulierte Mark Twain. Der Versuch, den Krieg Putins gegen die Ukraine mit dem Angeklagten auf der Couch der Psychotherapie zu analysieren, um ihm dann als Diagnose Wahnsinn zu bescheinigen, stellt sich als wenig sinnvoll heraus. Offensichtlich wirkt hier ein aufgrund der schrecklichen Bilder der Massaker im Kriegsgebiet vorgefasstes Meinungsbild, was nicht als Methode professioneller Psychotherapie gelten darf, und was schon gar nicht politischen Erkenntniszuwachs garantiert.

Der Ansatz, das Vorgehen Putins nicht von seiner Person her, sondern im Kontext russischer bzw. sowjetischer Machtpolitik gegenüber Abweichler-Staaten zu verstehen, scheint zielführender.

Das Interview

Der bekannte Journalist Günter Gaus führte 1968 mit dem damaligen Finanzminister Franz Josef Strauß ein beachtenswertes Interview.

Zentrales Thema des Gesprächs war der 1968 aktuelle Einmarsch des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei. Es geht um Ursachen, Bewertung, Konsequenzen.

Dass es nicht möglich ist, Ungleiches undifferenziert miteinander zu vergleichen, ist hinlänglich bekannt. Dennoch enthält der Rückblick die Chance, in einigen Aspekten Neues, Geeignetes oder Ungeeignetes, für die Beurteilung des Ukraine-Krieges zu sehen. Vielleicht sogar eine historisch fundierte Argumentation bei der strittigen Frage, ob sich Europa an Waffenlieferungen an die Ukraine beteiligen sollte. Dies sei dem Urteil des Lesers überlassen.

Die hier aufgeführten, themenbezogenen Ausschnitte des Interviews sind, soweit möglich, wortgetreu, aber vorrangig inhaltlich korrekt. Es handelt sich nicht durchgehend um die Transkription des Interviews in Form eines minutiös präzisen Verlaufsprotokolls. Leichte Abweichungen in den Formulierungen wurden zur besseren Lesbarkeit vorgenommen. Eine punktgenaue Überprüfung ermöglicht dieser Link: https://t1p.de/bh85

 

Die Gründe/Ziele  für den Einmarsch des Warschauer Pakts in die CSSR

GAUS: Moskau hat Prag auf seine Generallinie zurückgezwungen und der Bundesrepublik unmissverständlich erklären lassen, dass jede Bonner Ostpolitik, die an den bestehenden Verhältnissen etwas ändern könnte, zu unterbleiben habe. Was war der Ausschlag gebende Punkt für die Sowjetunion, mit Truppen gegen die Tschechoslowakei vorzugehen?

STRAUß: „Man kann das Vorgehen nicht auf ein einziges, klares Motiv zurückführen. Aspekte der Beurteilung:

 

  1. Die vor der ganzen Welt zum Ausdruck gebrachte Klarheit, dass es keine Symbiose zwischen dem Kommunismus Moskauer Prägung und Freiheit gibt.
  2. Die Machthaber im Kreml haben die Sorge, die tschechische Entwicklung könnte auch im eigenen Land Raum gewinnen.
  3. Es galt, die eigenen Genossen zu „redisziplinieren“, die Moskauer Führungsrolle (mit dem Segen der USA!) wiederherzustellen.
  4. Man hat nach dem geostrategischem Grundsatz gehandelt, dass Böhmen der Schlüssel zu Europa ist.

 Die NATO

GAUS: Glauben Sie, die Prager Vorgänge haben die NATO wieder zusammengefügt?

STRAUß: Es schwingt die Hoffnung mit, dass der Schock über Prag das westliche Bündnis wieder gefestigt habe. Das glaube ich nicht. Die Prager Vorgänge haben einen Schock ausgelöst. Es war die hysterische Reaktion derer, die sich jäh in eine Wirklichkeit zurückversetzt fühlen, in die sie aus ihrer Traumwelt abberufen worden sind.

Der damalige US-Außenminister sagte mir in einer Unterhaltung: „Ihr Europäer seid eigenartig. Wir haben euch zwar nahegelegt, gegenüber dem Osten etwas konzilianter und entspannungsbereiter zu sein, aber ihr seid in eine Entspannungseuphorie verfallen.“

Die NATO-Krise kommt nicht zuletzt davon her, dass man in Europa gerne das glaubte, was man wünschte. Nämlich, dass es keine unmittelbare militärische Gefahr mehr gäbe. Darum glaube ich auch dem Argument nicht, dass – wie versichert – die Sowjetunion auf keinen Fall die auf Jalta gezogene Interessensphäre überschreiten wird.

Vor kurzem wurde noch geglaubt: Die Tschechoslowakei ist zwar beunruhigend für die Sowjets, doch ein militärisches Eingreifen sei völlig ausgeschlossen. Was in Ungarn war, das wird sich nicht wiederholen. Aber kaum haben die sowjetischen Panzerketten diese Illusion buchstäblich auf den böhmischen Straßen zermahlen, kam das andere Argument: Auf keinen Fall werden sie diese Grenze überschreiten.

Die Zusammenführung Europas unter Einschluss Russlands?

STRAUß : Wir müssen wissen, dass bei diesem Versuch, Europa wieder zu versöhnen und zusammenzuführen, Moskau unser erbitterter Gegner ist. Jede Annäherung dieser Völker an den Westen (Polen, Ungarn, Tschechoslowakei), was gar nicht militärischen oder politischen Sinn zu haben braucht, ist zwangsläufig ein Verstoß gegen die Moskauer Machtinteressen in der Sicht der kommunistischen Herrschaft.

(Zur Entspannungspolitik von Willy Brandt) Es war richtig, es mit Moskau zu versuchen. Wer aber erwartet hat, dass Moskau darauf eingeht, der ging von falschen Voraussetzungen aus und hat falsche Zielsetzungen verfolgt.

Wenn wir heute Moskau Folgendes anbieten würden: Austritt aus allen europäischen Organisationen, Austritt aus der NATO, Abschaffung der Bundeswehr, 100 Jahre Nautralisierung und Demilitarisierung, und dazu noch internationale Kontrolle, Verzicht auf die Deutsche Wiedervereinigung bis zum Jahr 2000, 100 Mrd. Mark Liquidation des 2. Weltkrieges, nicht nur Darlehen, sondern Investitionszahlungen für die wirtschaftliche Entwicklung der SU. Wir würden nur verlangen: Lassen wir die Zone als selbstständigen Staat, aber mit derselben inneren und äußeren Freiheit wie das heutige Österreich, das ja auch einmal ein Teil Deutschlands war. Was wäre die Moskauer Antwort? Selbst dieses Angebot, bei dem wir alles opfern würden, was wir überhaupt opfern könnten, würde bestimmt nicht zur inneren Autonomie der Zone, inkl. freie Wahlen, Pressefreiheit usw. führen.

Das Image der Sowjetunion nach dem Einmarsch in die Tschechoslowakei

STRAUß: Die Sowjets haben sich um die Sympathien ihrer Freunde in der Welt „einen Dreck“ gekümmert. Die waren nicht so dumm, nicht zu wissen, dass ihr Eingreifen in Prag eine ganze Menge Lärm, eine ganze Menge Ärger, eine ganze Menge Verdammung und Verachtung für sie mit sich bringen würde. Das hat sie in keiner Weise gekümmert, wenn es um die Erhaltung der Machtposition geht.

Die Gefahr eines Ost-West Krieges?

GAUS: Halten Sie es für denkbar, dass sich Europa nach den jüngsten Erfahrungen (Tschechoslowakei) auf einen begrenzten Ost-West-Krieg einzustellen hat?

STRAUß: Ich halte gar nichts davon. Das könnte das Ende Europas sein. Europa lebt von der Politik no war, kein Krieg. Die Theorie, dass man das unter bestimmten Umständen in Kauf nehmen müsste, um Schlimmeres zu verhindern, die scheint mir sehr wacklig und rissig zu sein. Ich bin der Meinung, in Europa darf es zu keinem Krieg kommen. Die Sowjets sind militärisch keine Hasardeure. Was sie in Prag gemacht haben, war kein Hasardeur-Spiel. Es war ein militärisch nicht ganz gelungenes Abenteuer. Sie haben sich versichert, dass die Amerikaner nichts dagegen tun werden. Es gehört zum Wesen (…) der russischen Militärdoktrin, gerade auch im Atomzeitalter, kein echtes Risiko einzugehen.

Die Gefahr eines de-amerikanisierten Europa mit Amerika, das jenseits des Atlantiks zuschauend, in der Wahl, die Europäer ihrem Schicksal zu überlassen, oder die Selbstvernichtung zu riskieren… Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie sich wahrscheinlich für das Erste entscheiden würden.



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