Am Hindukusch und anderswo – einige Bemerkungen zu einer Illusion namens Afghanistan

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Von Gastautor Helmut Roewer

Afghanistan, das Wort stammt aus dem Persischen vergangener Jahrhunderte. Es bezeichnete dortzulande eine unwirtliche Gegend, die nordöstlich ans persische Herrschaftsgebiet angrenzte. Dort lebten, so wusste man, einige Bergstämme, die einen persischen Dialekt sprachen. Mit denen war nicht gut Kirschen essen. Mehrfach waren sie bis tief nach Persien vorgedrungen.

Britische Reisende entdecken den Hindukusch für das Empire

 Das 18. Jahrhundert am Hindukusch war geprägt von Grenzkonflikten mit Persien. Das blieb so bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts. Dann war es mit der Abgeschiedenheit dieser Weltgegend vorbei. Britische Weltreisende fanden heraus, dass es am Hindukusch Bodenschätze gab – man hoffte zu unrecht auf reiche Goldlagerstätten –, und berichtete, dass dort recht unterschiedliche Ethnien lebten, die Stämme in ihrer Mehrzahl Nomaden waren, Landwirtschaft hingegen nur im Kabul-Tal getrieben wurde. Ein Nationalstaat war dort unbekannt, die Herrschaftsgebiete waren nicht klar umgrenzt und, wie bei Nomaden üblich, umstritten.

Die ethnischen Unterschiede wurden von den Forschungsreisenden so umschrieben: Im Westen persisch-stämmig, im Süden und Südosten indisch (heute würde man wohl pakistanisch sagen), im Norden turkmenisch bzw. mongolisch, zwischendrin auch jüdisch, die letzteren jedoch wie alle anderen Ethnien mohammedanischen Glaubens. Diese Sicht auf die dort lebenden Stämme hinderte die Engländer nicht, das Gebiet insgesamt als Afghanistan zu bezeichnen.

Britische Expeditionskräfte rücken vor und die Russen erscheinen auf dem Plan

Durch solche Forschungsergebnisse sah sich die britische Kolonialmacht in Indien ab den 1830er Jahren angeregt, eine Militärexpedition zum Hindukusch zu unternehmen, die das tat, was damals üblich war. Sie setzte Herrscher ab und andere, die genehm erschienen, ein, auch einen Zentralherrscher. Man versprach dem neu Inthronisierten den Aufbau einer Armee nach britisch- indischem Vorbild und lieferte die benötigten Waffen.

Das ging schief. Kaum war die britische Hauptmacht wieder außer Landes, brach ein Aufstand gegen den Marionettenherrscher los. Die Revolte fegte zugleich die Briten weg, was diese sich naturgemäß – wozu war man eine Weltmacht? – nicht gefallen lassen mochten. Sie fühlten sich in ihrem Interventions-Tun bestärkt, nachdem ab den 1860er Jahren die Russen damit begannen, von Norden her ins turkmenisch besiedelte Gebiet des heutigen Afghanistan vorzudringen. Es war die Zeit der letzten großen russischen Landnahme auf dem asiatischen Kontinent. So stieß man auf den britischen Rivalen und vice versa.

Der Versuch, eine stringente afghanische Geschichte des 19. Jahrhunderts zu schreiben, muss an der dichten Abfolge der chaotischen Ereignisse scheitern. Zusammenfassend lässt sich bestenfalls sagen: Es war dortzulande stets unfriedlich. Die beiden Großmächte Russland und Großbritannien versuchten, die Lage jeweils zu ihren Gunsten durch List, Bestechung und Gewalt unter Kontrolle zu bekommen, und sie scheiterten einmal pro Jahrzehnt. Immerhin hatten sie es, sicher wider Willen, erreicht, dass sich eine der Stammesführerfamilien an der Wende zum 20. Jahrhundert als herrschende Kraft mit dem Titel eines Emirs durchsetzen konnte.

Deutsche Intermezzi

Im Ersten Weltkrieg sah sich das Deutsche Reich bemüßigt, den Emir von Afghanistan durch Bestechungsgeschenke zum Kriegseintritt gegen Großbritannien zu drängen. Eine abenteuerliche Reiterexpedition quer durch die Wüsten Persiens (Oskar Niedermayer und Werner Otto von

Hentig) erreichte Kabul im Herbst 1915. Deren Geschenke waren willkommen, der Kriegsentschluss blieb hingegen aus. Man kann es nachvollziehen.

Ähnliches wurde im Zweiten Weltkrieg unternommen. Diesmal kam der deutsche Emissär (Dr. med. Manfred Oberdoerffer) nicht einmal bis Kabul. Er wurde auf dem Weg dorthin von britischen Kommando-Einheiten gejagt und 1941 erschossen.


Unbeeindruckt: Der Emir von Afghanistan, Habibulla, lehnte es 1915/16 ab, auf  Werben des Auswärtigen Amtes einzugehen und in den Krieg gegen Großbritannien einzutreten (Bild: der Emir mit zweien seiner Söhne, ca. 1916).

Nach dem Zweiten Weltkrieg geht‘s weiter 

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg brachte eine Wiederholung der Konflikte des 19. Jahrhunderts. Nur waren anstelle des Zarenreichs die Sowjetunion und an die Stelle des Britischen Empire die USA getreten, und neben diese gesellte sich ab den 1960er Jahren die junge Atommacht Pakistan. Dessen Grenzprovinzen Belutschistan und Patschudistan korrespondieren mit den Stammesgebieten der Belutschen und Paschtunen auf der anderen Seite der als künstlich empfundenen Grenze.

Die Sicht der rivalisierenden drei Atommächte auf Afghanistan hatte sich durch den Umstand geschärft, dass es nicht mehr nur um die Verteilung der Einflussgebiete ging, sondern um recht konkrete Begehrlichkeiten nach vermuteten bzw. als sicher angenommenen Bodenschätzen. Dieses Schürffieber hält bis heute an. Hinzu traten Pipeline-Projekte, die das Land kreuzen sollen.

Auch im Innern des nicht existierenden National-Staates hatte sich nach seinem unfreiwilligen Rendezvous mit westlichen Welt nicht viel geändert, sieht man einmal davon ab, dass sich die Bevölkerungszahl in der Summe der verschiedenen Stämme von ca. 5 Mio. zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf knapp 40 Mio. verachtfach haben soll. Das entspricht der Tendenz in anderen muslimischen Ländern.

Ich erspare es dem Leser und mir, die Meuchelmorde an der Spitze des Nicht-Staates aufzuzählen. Für demokratische Nostalgiker will ich hinzufügen, dass zwischen 1974 und 1979 eine Art parlamentarischer Demokratie ausprobiert wurde. Die Stammesrivalitäten hielten indessen an. Sie wurden, nach gewohntem Prinzip, mit der Waffe ausgetragen, auch gern mal am Kabinettstisch.

Der sowjetische Interventionskrieg 1979-89

Die Entwicklung erfuhr dann insofern eine Zäsur, als die Sowjets zur Jahreswende 1979/80 militärisch intervenierten, um den von ihnen favorisierten Sozialisten Amin wieder an die Macht zu bringen, der soeben von dem von den US-Amerikanern finanzierten Daud als Herrscher von fremden Gnaden verdrängt worden war.

Die Amerikaner nahmen das sowjetische Eingreifen persönlich. Sie rüsteten die im übrigen rivalisierenden radikal-islamische Stammeskrieger außerhalb Kabuls so massiv auf, dass ein blutiger Abnützungskrieg gegen die Rote Armee möglich wurde. Der dauerte bis zu deren Abzug im Februar 1989 an. Es hatte demnach etwas über 9 Jahre gedauert, bis sich die Sowjets von der Nutzlosigkeit ihres Tuns überzeugt hatten. Im Westen wurde die sowjetische Niederlage kurioser Weise als Sieg gefeiert. Man wird kaum sagen können, dass dies klug war, denn die Superstrategen rechneten sich abseits der Wirklichkeit aus, ein großes Stück bei der Absteckung ihrer Claims vorangekommen zu sein.


Symptomatisch – erst Busenfreund dann Todfeind: Der islamistische Warlord Gulbudin Hekmatjar, der in den 1980er Jahren von den USA gehätschelt wurde, solange die Sowjets im Lande waren (Bild von ca. 1982, man beachte die Weltkarte in seinem Hauptquartier).

Die USA führen Krieg in der Selbstüberschätzung, die einzige Weltmacht zu sein

Nach Eigeneinschätzung traten nämlich nun, nach dem Abtreten der Sowjetunion, die USA als einzige Weltmacht auf den Plan. Diese Illusion veranlasste die Macher in Washington und New York, Kriege im Nahen und Mittleren Osten zu führen. Der in Afghanistan war nur einer davon. Er wurde im Oktober 2001 so begründet, dass sich die USA nach dem arabischen Terrorangriff auf die Doppeltürme von New York in einem weltweiten Krieg gegen den Terror befänden und die westliche Wertegemeinschaft genötigt sei, sich hieran zu beteiligen.

So geschah es. Vergessen war, was man von dieser Gegend der Welt wusste, nämlich dass es einen plötzlich wieder auflebenden Nationalstaat Afghanistan nur in den Köpfen seiner Feinde gab, und dass es dortzulande immer noch bis an die Zähne bewaffnete Stämme lebten, die fremde Einmischung nicht duldeten und die nunmehr ihre technischen Kriegsmöglichkeiten der Aufrüstung durch die USA verdankten. Verdrängt wurde zudem die Erkenntnis, dass der Islam eine Kriegsreligion ist. Man würde es also mit einem Gegner zu tun haben, der zu kämpfen wusste und der dagegen die Ungläubigen im Kampf zu sterben bereit war. Das war auch der Grund dafür, dass die Gotteskrieger beim Kampf gegen die Ungläubigen durch reiche islamische Öl-Staaten finanziert wurden.

So traten die Nato-Staaten unter amerikanischer Führung in einen Krieg ein, für den es zu allem Überfluss kein plausibles Kriegsziel gab. Die Theoretiker aus den Denk-Fabriken hatten vielmehr zwei zusammengerührt: Man wollte der Welt ein Exempel bieten, dass niemand die USA ungestraft angreifen könne, und man wollte die als rückständig eingeschätzten Leutchen am Hindukusch von den westlichen Werten überzeugen.

Auffällig war bei diesem Wirrwarr, dass die verschiedenen nationalen Kontingente diese hehre Ziele auf denkbar unterschiedliche Weise verwirklichen wollten: Die Amerikaner setzten, so wie sie es gewohnt waren, auf nackte Gewalt, die Europäer auf Bildungsstätten für Mädchen. Beides klappte nicht – weder einzeln, noch im Verbund. Die Gewalt war ein den Gotteskriegern gewohntes Mittel, dem sie mit Gewalt trotzten, die sog. westliche Wertevermittlung hingegen erschien ihnen unmännlich, mithin lächerlich. Sie wurde nur solange akzeptiert, wie ein Nato- Soldat mit dem Gewehr in der Armbeuge dafür einzustehen bereit war. Mit dem Verschwinden des Soldaten verschwanden im selben Atemzug die gepredigten Werte. Dieser Zusammenhang wurde auch dem letzten deutschen Illusionisten im Sommer 2021 klargemacht.

 

Noch etwas anderes zeigt der 20jährige Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch. Dessen Sinnlosigkeit war bald Allgemeingut. Er wäre schon bald nach seinem Beginn – spätestens nach den ersten Gefallenen – nicht mehr möglich gewesen, wenn es sich bei der Bundeswehr, so wie das Grundgesetz es vorsieht, auf Dauer um eine Wehrpflichtarmee gehandelt hätte. Doch die war dank der Vorgaben aus Washington von der Kanzlerin abgeschafft worden. Es war ihr erster Alleingang zum Schaden Deutschlands, weitere sollten folgen.

Und nun?

Wie es jetzt weitergeht am Hindukusch, kann kein Mensch sagen. Wahrscheinlich ist, dass – nach dem Abzug der bewaffneten Macht aus Europa und Amerika – ein muslimischer Gottesstaat für einige Zeit die Oberhand gewinnen wird. Dann wird wieder alles in die gewohnten Stammes- Kriege zerfallen.

Schaut man auf die 20jährige Herrschaftszeit der Nato-Allianz zurück, so stellt sich die Frage, warum man nicht von Anfang an auf den Zerfall des Kunst-Staats Afghanistan gesetzt hat. Das war wohl mit der fatalen One World-Denke der jetzigen Verlierer nicht zu vereinbaren.

Jetzt schlagen wir uns mit den weiteren Kapriolen aus dieser Denk-Ecke herum. Man kann es auf eine einfache Formel bringen: Wenn die 20 Jahre Afghanistan-Krieg eines in aller Deutlichkeit gezeigt haben, dann ist es, dass wir in dieser Gegend der Welt nicht verloren haben. Nun wäre es ein Gebot der Logik, gleich anschließend festzustellen, dass die Leute aus jener Gegend der Welt bei uns nicht verloren haben. Doch auf soviel Verstandeskraft unsres politischen Personals hofft man vergebens.

©Helmut Roewer, August 2021, Zeichnung von Bernd Zeller, Jena



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