Zwischen Pervers Party und CDU-Parteitag

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Matthias Kaminsky, dessen Bild man zurzeit im Shop des Berliner Humboldt-Forums bewundern kann, weil sein vorläufig letzter Ausschreibungssieg ihn zum Betreiber desselben gemacht hat, ist das, was man einen Lebenskünstler nennt. Und zwar von einer Sorte, wie sie sich der Schriftsteller Thomas Brussig, bekannt für seine skurrilen Romanfiguren, nicht auszudenken gewagt hätte. Das gesteht der Schreiber des Vorworts von Kaminskys „erzwungener“ Biografie freimütig. Warum hat sich die Journalistin Marina Kaden auferlegt, Kaminsky zum Reden zu bringen und daraus ein ebenso amüsantes wie lehrreiches Buch zu machen?

Weil Kaminsky „ein faszinierender Zeitgenosse ist. Halb Unternehmer, halb Künstler, mit einer gehörigen Portion Schlawinertum und kleinkriminellen Spurenelemeten, sowohl Organisations- wie Desorganisationstalent.“ Von der Jugenddisko im Auftrag des Rates des Kreises, über spektakuläre Ausstellungen, Werbeveranstaltungen, Pervers-Partys, CDU-Parteitage, Designermode für die spezielle Szene oder Motorradfans, bis hin zum Kreativdirektor des DDR-Museums – Kaminsky kriegt alles hin.

Sein Ausnahmetalent zeigt sich schon mit 15 Jahren, als er in seiner Heimatstadt Querfurt mit dem Segen des Rates des Kreises „Schallplattenunterhalter“ wird und mit Diskos das Jugendleben in der Provinz, damals im Bezirk Halle, heute Sachsen-Anhalt, in Schwung bringt. Er ist der Kopf einer kleinen Gruppe von Freunden, die sich von ihm leiten lassen und deren besondere Fähigkeiten Kaminsky zum Nutzen aller einzusetzen weiß. Die Truppe muss noch abwechselnd von den Vätern zu den Veranstaltungsorten gefahren werden, weil sie noch keine Fahrerlaubnis machen kann. Dafür werden die Väter von ihren Söhnen bezahlt.

Im letzten Jahr der DDR sind es keine kleine Veranstaltungen mehr, sondern was in der DDR-Musikszene Rang und Namen hatte, kam nach Querfurt.

Für mich war der Teil, in dem Kaminsky seine wilde Jugend in der DDR schildert, der faszinierendste. Weil er illustriert, was ich immer wieder betont habe, dass unter der totalitären Oberfläche des Arbeiter- und Bauernstaates keinesfalls nur Ödnis, sondern ein ziemlich buntes Leben herrschte. Kein Wunder, dass Kaminsky sich der Massenflucht aus dem Land nicht anschließen wollte. Er hatte die für ihn zuständigen Funktionäre im Griff und konnte weitgehend machen, was er wollte – bis hin zu einem rosafarbenen amerikanischen Straßenkreuzer im Stadtumzug in Querfurt. Auch die Stasi wurde bei ihm einmal vorstellig. Jemand wie er, der so hervorragende Kontakte in die Jugendszene hätte, könnte konstruktive Berichte liefern. Kaminsky wollte nicht und wurde trotzdem in Ruhe gelassen.

Als sich in der Friedlichen Revolution der SED-Staat auflöste, gründete Kaminsky mit einer ehemaligen SED-Funktionärin eine Künstleragentur, um unter den neuen Bedingungen weiter machen zu können. Er hatte beobachtet, dass die sich anzeichnende Vereinigung nach dem Fall der Mauer beim Partyvolk am schnellsten und konfliktlosesten verlief. Fast sofort fiel das westliche Partyvolk im Osten ein. Kaminsky begreift, dass er ebenso schnell lernen muss. Er will in die Werbung als Broterwerb und fährt in die Partnerstadt von Querfurt Kulmbach, um bei einer Werbeagentur abzuschauen, wie man das macht. Heraus kommt eine Art Joint-Venture mit der Firma, aber schon bald ist Kaminskys Agentur die größere. Und sicher die, mit der exotischeren Location, dem „Bock“, ein Gebäude, das sich an die Rundungen der Querfurter Bastion anschmiegt. Neben Kaminskys Schreibtisch befindet sich eine der Kanonenschießscharten und hinter ihm haust Adele, eine Python, die ein Kumpel dagelassen hat, als er nach Afrika als Entwicklungshelfer ging.

Die nächste Herausforderung für Kaminsky ist der Messebau, also fährt er nach Leipzig, um von den Messebauern zu lernen. Auch hier zieht er scheinbar mühelos mit seinen Lehrmeistern gleich.

Bald wird ihm Querfurt zu klein und er geht nach Leipzig. Die alte Agentur gibt er an seine Mitarbeiter ab und gründet in Leipzig ein neues Unternehmen, das sich auf Messebau, Events, Kampagnen und Grafikdesign spezialisiert. Dort ereilt ihn der erste Rückschlag, denn bald nachdem er die alte Firma abgegeben hatte, ist sie pleite. Aber Kaminsky hatte einen Kreditvertrag mit persönlicher Haftung unterschrieben und steht nun mit 200 000 DM Schulden da. Er muss in die Privatinsolvenz. Wie er die managt und sich schließlich aus der Schlinge zieht, ist eine Nummer für sich. Das Missgeschick hindert ihn jedenfalls nicht, nach Berlin zu gehen, als „Praktikant“ bei einer renommierten Werbefirma anzufangen und bald darauf zum Senior-Partner befördert zu werden. Aber Kaminsky will nach einer Weile mehr, er kündigt und macht seine eigene Agentur auf. Einer seiner Aufträge war die Eröffnungsveranstaltung für eine Automesse, der auch Kanzlerin Merkel beiwohnte. Die war von dem Dargebotenen so beeindruckt, dass sie sich Name und Adresse der Agentur geben ließ und Kaminsky für die Gestaltung des nächsten CDU-Parteitags anheuerte. Da hatte er nebenbei schon mehrere Pervers-Partys in Berlin organisiert.

Wie passt das zusammen? Nur, weil die Parteitage immer weniger politische Veranstaltungen sind, bei denen das Parteivolk um die Linie ringt, sondern Events, bei denen Politik eher gespielt, als wirklich gemacht wird. Wenn doch ein Delegierter in seinem Redebeitrag von der vorgegebenen Linien abweicht, tigert Merkel unzufrieden hinter den Kulissen herum. Eine Zeitlang lässt sich Kaminsky auf Merkels Aufträge ein. Schließlich gehört er zu ihrer Entourage und wird im selben Hotel wie die CDU-Führung untergebracht. An dieser Stelle wurde ich überrascht, weil Kaminsky sichtlich beeindruckt beschrieb, dass er morgens hinter Ursula von der Leyen in der Schlange am Frühstücksbuffet stand. Ich hatte keine Ahnung, dass so etwas außerhalb der Politikblase jemanden anmachen könnte.

Aber Kaminsky wäre nicht Kaminsky, wenn er sich nicht selbst von der Politik-Eventmacherei absentiert hätte. Ein Kerl wie er, sucht immer neue Herausforderungen. Seine vorläufig letzte Station habe ich schon beschrieben. Den Shop im Humboldt-Forum habe ich bereits besucht und festgestellt, dass er tatsächlich weniger langweilig ist, als andere vergleichbare Locations. Kaminsky sagt von sich selbst, dass er ein Spezialist ist für alles, was edel und teuer ist. Das kann ich bestätigen. Ich konnte den edlen KPM-Tassen, die in Weiß oder in Farbe für die verschiedenen Stadtbezirke angeboten werden, nicht widerstehen.

Das Ganze ist sehr lebendig beschrieben. Martina Kaden, die gesteht, dass sie zu Beginn nicht wusste, ob sie eine Biografie schreiben kann, hat das geradezu kongenial bewältigt. Ich hatte nicht das Vergnügen, Kaminsky reden zu hören, bin aber überzeugt, dass Kaden den Ton genau getroffen hat.

Ich würde nicht so weit gehen, wie Brussig, der behauptet, dass wer nicht so lebt, wie Kaminsky, sich fragen müsste, wozu er überhaupt lebt. Die Dauerpartys, die das Kreativ-Genie begleiten, würden mich rammdösig machen. Tanzen ist schön, Dauertanzen etwas eintönig. Aber, wie es richtig heißt: Jedem Tierchen sein Pläsierchen.

Was man von Kaminsky auf jeden Fall lernen kann ist, dass man das Leben heiter und optimistisch nehmen kann, auch wenn man von einer schweren Krankheit heimgesucht wird, dass man Niederschläge einstecken, sie überwinden, sich neu erfinden kann. Kaminskys Fähigkeit, zu lernen, sich immer neuen Herausforderungen zu stellen ist eine Blaupause für ein gelungenes Leben, mit oder ohne Tanz.

Matthias Kaminsky: Sie werden mich kennenlernen – Die Merkel kennt mich schon. Verlag neues leben



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